Unsichere Arbeit und Lebensverhältnisse Vier Millionen Erwerbstätige gehören dauerhaft zum Prekariat

Sie sind nicht langzeitarbeitslos und abgehängt, haben aber weder einen sicheren Job noch stabile Lebensumstände - und das auf Dauer: Zum ersten Mal belegt eine Studie, wie groß das Prekariat in Deutschland ist.

Gleisarbeiten (Symbolbild)
imago/ Future Image

Gleisarbeiten (Symbolbild)

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Langzeitarbeitslose und weitere Menschen, die seit vielen Jahren von Hartz IV oder anderen Sozialleistungen leben. Menschen, die völlig abgekoppelt sind vom Erwerbsleben und damit aus einer Arbeitsgesellschaft wie der deutschen weitgehend ausgeschlossen - ihre Zahl lässt sich einigermaßen exakt beziffern, sie geht aus den detaillierten und regelmäßig veröffentlichten amtlichen Statistiken etwa der Bundesagentur für Arbeit (BA) hervor.

Vollkommen anders verhält es sich mit einer Gruppe, für die in den vergangenen Jahren ein Begriff zunehmend populär geworden ist: das Prekariat. Gemeint sind Menschen, die ein Leben in der gesellschaftlichen Zwischenzone führen: Sie gehören zwar nicht zu den völlig Abgehängten - aber eben auch nicht zu der Mehrheit der Bevölkerung mit sicherem Arbeitsplatz und weitgehend sorgenfreiem Lebensstandard. Sie haben durchaus Arbeit, müssen aber oft darum bangen, sie auch zu behalten. Sie kommen mehr schlecht als recht über die Runden, Planungssicherheit ist ihnen fremd.

Klar ist: Je mehr sich Leih- oder Werksarbeit, Befristungen und Solo-Selbstständigkeit ausbreiten, desto mehr Menschen leben in dieser gesellschaftlichen Zwischenzone. Aber wie viele Menschen es genau sind, wusste man nicht - und erst recht nicht, wie viele Menschen nicht nur vorübergehend prekär leben und arbeiten müssen, sondern auf Dauer.

Jeder achte Erwerbstätige gehört dazu

Das hat sich nun geändert - und die Zahlen sind beunruhigend: Gut vier Millionen Menschen in Deutschland leben und arbeiten dauerhaft unter prekären Umständen. Das sind mehr als zwölf Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland. Zu diesem Ergebnis kommt ein Forscherteam um Jutta Allmendinger vom Wissenschaftszentrum Berlin und Markus Promberger von der Universität Nürnberg-Erlangen in einer Studie, die dem SPIEGEL exklusiv vorab vorlag. Die Untersuchung wurde von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung finanziert.

Dieses verfestigte Prekariat besteht demnach vor allem aus drei Personengruppen:

  • Mehr als die Hälfte - insgesamt 6,7 Prozent der Erwerbstätigen - waren Frauen, die zu Beginn des Zehnjahreszeitraums 25 bis 54 Jahre alt waren, die meisten von ihnen waren Mütter.
  • Die zweitgrößte Gruppe (insgesamt 4,3 Prozent der Erwerbstätigen) bestand aus Vätern, die zu Beginn des Zehnjahreszeitraums 25 bis 54 Jahre alt waren.
  • Die drittgrößte Gruppe (insgesamt 1,3 Prozent der Erwerbstätigen) bestand aus jungen Männern, die zu Beginn des Zehnjahreszeitraums 15 bis 25 Jahre alt waren.

Die Forscher verwendeten Daten von knapp zehntausend Menschen aus der Langzeitstudie SOEP (Sozio-oekonomisches Panel), für die seit Langem jährlich viele Tausend Personen befragt werden und die als sehr zuverlässig und aussagekräftig gilt. Dabei betrachteten sie, wie sich die Arbeits- und Lebensumstände über zehn Jahre hinweg veränderten - oder eben nicht. Konkret unterteilten sie dazu den Zeitraum von 1993 bis 2012 in zwei Perioden. Dabei zählten sie nur dann jemanden zum verfestigten Prekariat, wenn sich diese Person den überwiegenden Teil dieser zehn Jahre in prekären Arbeits- und Lebensbedingungen befand. Damit schlossen sie all jene aus, für die das nur vorübergehend galt.

Nachtpförtner, Verkäuferin im Billigladen

Um die Größe des verfestigten Prekariats bestimmen zu können, leisteten die Forscher aber erst einmal eine andere Pionierarbeit: Sie mussten den diffusen Begriff des "Prekären" erst einmal trennscharf definieren. Dafür entwickelten sie jeweils ein Messinstrument für prekäre Arbeit und eins für prekäre Lebensbedingungen. Nur wenn beides gleichzeitig zutraf, zählten sie die Person zum Prekariat. Dahinter steht eine einleuchtende Überlegung: Jemand kann durchaus prekär beschäftigt sein und dennoch auf der Sonnenseite der Gesellschaft stehen - zum Beispiel der Minijobber, der mit einer Chefärztin verheiratet ist und in einem komfortablen Eigenheim lebt. Andererseits ist es durchaus möglich, dass jemand völlig sicher und in Vollzeit beschäftigt ist, aber dennoch nur mit Mühe über die Runden kommt - zum Beispiel ein Polizeibeamter als Alleinverdiener mit Frau und vier Kindern in einer Großstadt. Auch er zählt sicher nicht zum verfestigten Prekariat.

Die Forscher definierten also sowohl für prekäre Arbeit als auch für prekäre Lebensumstände jeweils sieben Indikatoren, die sie wiederum in verschiedene Bereiche gruppierten. Nur wenn mehrere dieser Kriterien gleichzeitig erfüllt waren, galten die Arbeit oder die Lebensumstände der Person als prekär. So reichte zum Beispiel ein sehr niedriger Stundenlohn allein nicht - gleichzeitig musste entweder auch ein erhöhtes Risiko bestehen, den Arbeitsplatz unvermittelt zu verlieren, oder der Arbeitsplatz nicht sozialversichert sein.

Im Detail haben die Forscher folgende Indikatoren entwickelt:

Prekäre Arbeit: Merkmale
Wann ist Arbeit prekär?
Eine Arbeit gilt dann als prekär, wenn mindestens in zwei von drei Bereichen ein Kriterium erfüllt wird.
Ein Beispiel: Ein Arbeitnehmer, der zu einem Niedriglohn arbeitet (Bereich "Einkommen" erfüllt), aber sonst keine Kriterien erfüllt, gilt nicht als prekär beschäftigt. Arbeitet er aber zudem noch in einem Kleinstbetrieb ohne Kündigungsschutz (Bereich "mangelnde soziale Absicherung" erfüllt), gilt er als prekär beschäftigt.
Einkommen
Kriterium 1 - Niedriglohn: Der (Brutto-)Stundenverdienst beträgt weniger als zwei Drittel des Medianverdienstes (= Mittlerer Verdienst der Arbeitnehmer in Deutschland).

Kriterium 2 - Existenzminimum: Das (Brutto-)Jahreseinkommen liegt unterhalb des Grundfreibetrags bei der Einkommensteuer (Stand 2018: 9000 Euro)
Mangelnde soziale Absicherung
Kriterium 1 - fehlende Absicherung: Beschäftigung ist ausgenommen von Arbeitslosenversicherung und Rentenansprüchen.

Kriterium 2 - kein Kündigungsschutz: angestellt in einem Kleinbetrieb mit weniger als fünf bis zehn Beschäftigten (Kleinbetriebsklausel)
Arbeitsplatzunsicherheit
Kriterium 1 - einfache Arbeit: Beschäftigung erfordert keine Berufsausbildung oder einen Universitätsabschluss.

Kriterium 2 - Erwerbslosigkeitsrisiko: Ausgeübter Beruf hat überdurchschnittliches Erwerbslosigkeitsrisiko. Kriterium 3 - erhöhte berufsspezifische Gesundheitsrisiken: beschäftigt in einem Beruf mit physischer Arbeitsbelastung
Prekäres Leben: Merkmale
Wann sind Lebensumstände prekär?
Lebensumstände gelten dann als prekär, wenn mindestens in zwei von vier Bereichen jeweils mindestens ein Kriterium erfüllt wird. Im Unterschied zu prekärer Arbeit wird hier der gesamte Haushalt betrachtet, in dem ein Mensch lebt.
Wohnsituation
Kriterium 1 - schlechte Wohnbedingungen:Wohnung ohne fließend Warmwasser oder Zentral-/Etagenheizung oder Bad/Dusche.

Kriterium 2 - beengte Wohnverhältnisse: weniger als ein Raum pro Person.
Finanzielle Situation
Kriterium 1 - Armut: Einkommen liegt unter Armutsrisikoschwelle (bedarfsgewichtetes Haushaltseinkommen, niedriger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Haushalte in Deutschland.

Kriterium 2 - finanzielle Rücklagen: Im gesamten Haushalt wird nicht gespart - oder weniger als 50 Euro im Monat.

Kriterium 3- Schulden: Der Haushalt muss mehr als die Hälfte seines bedarfsgewichteten Einkommens für Zinsen und Tilgung nutzen.
Besondere Belastungen
Kriterium - Krankheit und Behinderung: Mindestens ein Mitglied des Haushalts ist schwerbehindert oder erwerbsgemindert.
Fehlende rechtliche Absicherung
Kriterium - keine Sozialversicherung (auch nicht abgeleitet): Kein Mitglied des Haushalts ist verheiratet und kein Mitglied ist sozialversicherungspflichtig beschäftigt.

Durch dieses Vorgehen stellten die Forscher sicher, dass sie nur Personen zählten, deren Arbeit und Lebensumstände tatsächlich beide eindeutig von prekären Bedingungen geprägt sind - und für die dieses prekäre Leben zum Dauerzustand geworden ist, dem sie nicht entkommen. Als Beispiele nennen sie die Verkäuferin im Billigschuhladen, den Nachtpförtner oder die alleinerziehende Krankenschwester.

Angesichts der strengen Auswahl verdeutlicht die Zahl von knapp vier Millionen betroffenen Erwerbstätigen: Das verfestigte Prekariat ist groß, und es findet sich vielerorts.

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insgesamt 174 Beiträge
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Ossifriese 24.09.2018
1. Verwantwortungslos
Zahlen, die den Regierenden Angst machen sollten. Denn zu diesen "Prekären" kommen neben den "echten" Arbeitslosen noch die verarmten Rentner. Und dazu könnte man noch diejenigen zählen, die nur ein Kriterium erfüllen, also entweder zu wenig verdienen oder deren "guter" Verdienst nicht ausreicht. Nimmt man das alles zusammen, so müsste eigentlich jedem klar werden, dass in weiten Teilen Deutschlands tatsächlich Armut herrscht. Und all die Beschwichtiger, "es ginge uns doch gut" sollten endlich die Klappe halten und sich die wirklichen Lebensumstände einer wachsenden Zahl der Bundesbürger ansehen. Denn das Problem ist das Wachsen, ein Wachsen der Armut, obwohl Rekorde an Exporterlösen eingefahren werden - schon seit Jahren. Doch die Verantwortlichen für diese Misere tun nichts! Und verantwortlich sind in erster Linie CDU, CSU und SPD!
realist4 24.09.2018
2. Das wird es immer geben
Man kann den Staat nicht für alles verantwortlich machen. Es wird immer Menschen geben, welche Alkohol oder Drogen verfallen sind, ihre Bildungschancen nicht nutzen, trotz fehlender Beschäftigungsmöglichkeit an ihrem Wohnort verharren, sich nicht anstrengen, niedrigen IQ vorweisen und so weiter und so weiter. Wie soll man das lösen? Ihnen das Selbe zu gewähren wie dem Rest der Bevölkerung kann auch nicht die Lösung sein. Es gehört schon ein bisschen Eigenverantwortung und Anstrengung dazu sich aus schwierigen Situationen zu befreien, aber das schaffen eben nicht alle.
Pixopax 24.09.2018
3. Bildung ist durch nichts zu ersetzen, außer durch mehr Bildung
Diese armen Menschen sind in den meisten Fällen ungelernt, viele ohne Abschluss. Da wird man hinten durchgereicht. Sie arbeiten hart, bekommen aber am wenigsten Geld. Das ist hart und unfair, aber sie hatten es selbst in der Hand. Auch heute verlassen viele noch die Schule ohne Ausbildung, ihnen erwartet das selbe Schicksal.
GungaDin 24.09.2018
4. Konsequenzen?
Da wird man lange drauf warten können. Die "Liberalisierung" des Arbeitsmarktes führt zu Arbeitnehmern, die so frei verfügbar sind das sie, gemäß dem alten Lied, nichts zu verlieren haben, weil sie nichts mehr besitzen. Die notwendigen Schritte wie Eindämmung der Zeitarbeit auf das ursprünglich Maß und automatische Festanstellung, konsequente Überwachung befristeter Verträge und Verbot der Verlängerung, sind allen Beteiligten bekannt. Hier wäre doch mal eine schöne Möglichkeit zur Profilierung, liebe SPD. Könnte euren Untergang vielleicht verhindern. Aber mal ganz ehrlich: Erwarten tue ich von euch das was kommen wird: nichts.
larsmach 24.09.2018
5. Automatisierung ("Mutter aller Probleme"): Der Weg ins Schlaraffenland
Seit der Aas suchende Mensch mit Steinwerkzeugen zu eigener Beute und damit freier Zeit für Höhlenmalereien gelangte, arbeitet er an der Schaffung seines Schlaraffenlands - freilich ohne Aspekte wie ein Steuer- und Einkommenskonzept zu diskutieren, das einem Bruttosozialprodukt Rechnung tragen würde, welches zunehmend ohne menschliche Arbeit und deren Beiträge in Sozial- und Gesundheitssysteme generiert werden kann – stattdessen durch immer mehr steuerbefreite Spekulationsgewinne zustande kommt. Universelle Sprachschnittstellen machen erste Gehversuche - sie erlauben Maschinen, Expertendatenbanken und Fahrzeugen Anweisungen in unpräziser menschlicher Sprache zu empfangen; Qualifikation wird überflüssig, Bediener austauschbar. Das Prekariat wächst - und der Mittelstand kompensiert stagnierende oder fallende Realeinkommen (noch) durch Kredite. Heute würde ein Leasing-freier Sonntag Autobahnen fast so aussehen lassen wie zu Zeiten der Ölkrise! - Und alle treten nach unten, denn dort ist immer der nächste Sündenbock. Wenn derweil wir Unternehmer symmetrische Besteuerung aller Umsätze anmahnen (vor allem jener, die ohne Wertschöpfung und Produktivität entstehen) und über die Zusammenlegung aller Sozialeinkommen für ein Grundeinkommen diskutieren, sind es die Betroffenen selbst, die gegen ihre eigenen Interessen in die Bresche springen - freilich ohne Antworten zu geben, wie eine solche Gesellschaft funktionieren soll, die ihr Bemühung um das Schlaraffenland erreichen will: Befreiung von zwangsweiser Arbeit - Zeit für all die Vereine, Hobbies, Geschäftsideen... Am Ende ist das Schlaraffenland ein Ort für Reiche - für die Eigentümer des Bruttosozialprodukts. - Vielleicht haben Menschen ihr Leben verdient. Sie nennen eher Kriegsflüchtlinge als Problem für ihre Unbill statt sich um Probleme und Ursachen zu scheren und Lösungen offen zu diskutieren. So wird der Krieg der Reichen gegen die Armen (gem. Zitaten von Warren Buffet) sicher gewonnen werden.
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