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S.P.O.N. - Die Spur des Geldes: Warum Deutschlands Investitionen so schwach sind

Eine Kolumne von

Container im Hamburger Hafen: Gabriel sollte bohrende Fragen stellen Zur Großansicht
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Container im Hamburger Hafen: Gabriel sollte bohrende Fragen stellen

In Deutschland wird zu wenig investiert, zugleich spielen wir bei den Exporten bald in unserer eigenen Liga. Die Unternehmenslobby fordert eine Senkung der Lohnkosten. Doch genau das Gegenteil wäre die richtige Lösung.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie in einem Land der Hochtechnologien die einfachsten volkswirtschaftlichen Zusammenhänge nicht gesehen werden. Da ist etwa ein aktueller Bericht des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, laut dem deutsche Firmen mehr als je zuvor ins Ausland investieren. Darüber zeigt man sich überrascht und diagnostiziert, wie immer, zu hohe Kosten, vor allem Lohnkosten. Sowohl die Diagnose des Problems als auch die sich daraus ergebenden Empfehlungen sind jedoch falsch.

Wenn ein Land einen Überschuss von Exporten gegenüber Importen hat, dann sollten Investitionen im Ausland nicht im geringsten überraschen. Der deutsche Überschuss wird in diesem Jahr rund 8,5 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung betragen. Für ein so großes Land wie Deutschland ist das enorm.

Nach dem Prinzip der doppelten Buchführung gibt es für den Handelsüberschuss einen Gegeneintrag in genau der gleichen Höhe. Den Leser sollte es nicht überraschen, dass es sich hierbei zu einem großen Teil um die oben zitierten Auslandsinvestitionen handelt. Die Leistungsbilanz weist neben der Differenz zwischen Importen und Exporten unter anderem auch die Überschüsse unserer Ersparnisse gegenüber den Investitionen aus. Das heißt, dass wir mehr sparen als investieren. Und da Ersparnisse und Investitionen sich am Ende immer ausgleichen, muss der Sparüberschuss im Ausland investiert werden. So funktioniert die globale Wirtschaft.

Was sich als schockierende Nachricht tarnt, ist nichts anderes als die Kehrseite einer viel schockierenderen Nachricht - nämlich der eines Handelsüberschusses, der alle Rahmen sprengt. Für eine normale Volkswirtschaft wäre das offensichtliche Anpassungsventil der Wechselkurs. Die heimische Währung würde aufwerten, deutsche Waren würden im Ausland teurer. Der Absatz ginge zurück, gleichzeitig würden ausländische Waren im Inland billiger. Deren Absatz würde steigen und der deutsche Exportüberschuss dadurch fallen.

Jetzt hat Deutschland aber keine eigene Währung mehr, sondern den Euro. Und der wertet gerade ab. Dadurch steigen die Leistungsbilanzdefizite in Deutschland in immer höhere Sphären. Bald sind wir bei zehn Prozent. Dann sind wir nicht nur Exportweltmeister, sondern in einer Liga, in der wir nur noch mit uns selbst spielen. Selbst China und Japan haben von dieser irrsinnigen Politik abgelassen, weil sie gemerkt haben, dass sie nicht in ihrem ureigentlichen Interesse ist. Sie haben erkannt, dass ihre Unternehmen im Ausland investieren, wenn sie so hohe Überschüsse einfahren.

Die Investitionsschwäche ist nur ein Symptom

Wenn wir also von Investitionsschwäche reden, dann lenken wir von dem eigentlichen Problem ab - den hohen Überschüssen. Es gibt nur zwei effektive Methoden, wie man diese Überschüsse reduziert. Durch zusätzliche staatliche Ausgaben oder durch gesamtwirtschaftliche Lohnerhöhungen. Der Staat kann der Privatwirtschaft die Lohnpolitik nicht diktieren, aber er kann einen ersten wichtigen Schritt wagen: Wenn der öffentliche Dienst mit Lohnerhöhungen vorangeht, dann folgt der Privatsektor zumeist. Mit Investitionsanreizen für den Privatsektor ist das Problem nicht gelöst.

Die Lösung des Problems ist also genau das Gegenteil dessen, was die Unternehmenslobby will. Sie fordert geringe Löhne, um Unternehmen einen Anreiz zu geben, im Inland zu investieren. Es ist eine typisches Beispiel dafür, dass Unternehmensdenken nicht funktioniert, wenn es auf die Volkswirtschaft insgesamt anwendet. Ein weiterer Verfall der Löhne würde aber alles nur schlimmer machen. Die Importe gingen weiter zurück. Die Exporte würden steigen. Eine Lohnkürzung würde auf die deutsche Wirtschaft wie eine weitere Währungsabwertung wirken. Sie würde die inländische Nachfrage weiter schwächen und einen ohnehin schon zu hohen Leistungsbilanzüberschuss immer weiter wachsen lassen.

Deutschlands chronischer Leistungsbilanzüberschuss ist auch ein Maß dafür, dass der Euroraum als Währungsunion nicht funktioniert. Wir brauchen eine zentrale Wirtschaftsregierung, um derartige Ungleichgewichte zu bekämpfen. Das Beste wären einheitliche Märkte für Kapital und Arbeit, was wir im Euroraum leider nicht haben. Die Banken bleiben trotz Bankenunion national. Jede Regierung haftet in letzter Instanz für die Finanzinstitute auf ihrem Territorium. Die Arbeitsmärkte wurden immer national geregelt. Ohne eine politische Integration bleibt dann nur der verhasste Transfer von Finanzmitteln. Wenn man den auch nicht will, dann wachsen die Ungleichgewichte, bis es knallt. Die Ungleichgewichte sind deshalb die eigentliche Bedrohung des Euro - und nicht Griechenland.

Wer also vorgibt, das Problem lösen zu wollen, der sollte die Leistungsüberschüsse insgesamt thematisieren und nicht die angebliche Investitionsschwäche. Die Investitionsschwäche ist nur ein Symptom. In der deutschen Debatte wird die Wirkungskette immer wieder durcheinandergebracht.

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel erfährt heute von seiner im letzten Jahr eingesetzten Expertenkommission die Ratschläge für eine Lösung des Investitionsproblems. Ich würde ihm empfehlen, dass er seinen Experten ein paar bohrende Fragen stellt - vor allem, wie sie es bewerkstelligen wollen, bei anhaltend hohen Überschüssen die inländischen Investitionen zu fördern.

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insgesamt 215 Beiträge
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1. Zum einen, ...
ThomasGB 13.04.2015
...wäre eine zwingende Konsequenz daraus, den Euro insgesamt wieder abzuschaffen, das wäre dann einmal wirklich alternativlos. Eine gemeinsame Wirtschaftsregierung wird es nicht geben. Man sehe sich nur einmal das Scharmützel mit Griechenland an. Noch mehr Gemeinschaft und wir bekommen Mord und Totschlag und das meine ich genauso ernst wie ich es schreibe. Zum anderen würde ich das mit den Investitionen aber auch etwas relativieren. Nicht jeder der Produziert braucht heute regelmäßig eine "neue" Maschine oder einen neuen Standort. Gerade die EDV hat es uns ermöglicht altes "Gelumpe" wieder aufzufrisieren. Die Zeiten der Wegwerfmentalität gehen vorüber. Heute werden Programme und Computer weggeworfen und nicht ganze Fabrikhallen. Hier erkennt man das Problem des Kapitalismus: Investitionen sind dann groß, wenn viel Geld fließt. Das widerspricht aber dem aufkommenden Informationszeitalter (richtig, das hat erst begonnen!). Daher wäre ich mit der Einschätzung, daß die Investitionen zurückgehen vorsichtig. Sie haben einfach die falsche Bemessungszahl angeschaut.
2. Was ist das für ein Satz?
jasuly 13.04.2015
"Es ist eine typisches Beispiel dafür, dass Unternehmensdenken nicht funktioniert, wenn es man auf die Volkswirtschaft insgesamt anwenden." ? :-)
3. Na endlich ...
curiosus_ 13.04.2015
... hat Herr Münchau genau das realisiert, was ich exakt so schon seit Jahren u.a. auch hier bei ihm poste. Und was jedem mit gesundem Menschenverstand schon lange klar sein muss. Einfach mal nach "curiosus_" Exportüberschussweltmeister googeln.
4. Lösung
vonhier 13.04.2015
"Das Beste" wäre eine eigene Währung, aber das scheint schon niemanden mehr zu interessieren. Politisch eine Katastrophe, ökonomisch die Lösung unserer Probleme.
5.
lupenrein 13.04.2015
Vielleicht sollte man zunächst analysieren, in welchen Sparten weniger investiert wird. Die Voraussetzungen für jegliche Investitionen hängen eng mit den Zukunftserwartungen und wohl auch mit den Bedingungen und den persönlichen Interessen bei den Eigentümern zusammen. Auch die Frage, ob es sich um exportorientierte Firmen handelt oder nicht, könnte die Investitionsbereitschaft beeinflussen.
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Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.

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