Deutschlands Schulden: Juncker lästert über Merkels Minus

Deutschland präsentiert sich in der Schuldenkrise als Musterschüler. Doch so toll wirtschaften Merkel und Co. nicht, rügt Euro-Gruppen-Chef Juncker. Berlins Verbindlichkeiten seien zu hoch - und die Deutschen sollten sich mit guten Ratschlägen zurückhalten.

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Deutschland-Kritiker Juncker: "So ist das aber nicht"

Hamburg - Jean-Claude Juncker ist bekannt dafür, gelegentlich Klartext zu sprechen - auch gegenüber Deutschland. Mal nannte der Premierminister von Luxemburg Absprachen zwischen deutscher und französischer Regierung in der Euro-Krise "schlicht unmöglich", mal bescheinigte er dem Krisenmanagement unter Führung der beiden Länder eine "desaströse" Außenwirkung. Im SPIEGEL kritisierte Juncker zudem kürzlich, das Organisationstempo von Berlin sei "langsamer als in den anderen Hauptstädten".

Nun hat Juncker wieder zugeschlagen: In einem Interview mit dem Bonner "General-Anzeiger" rief er die Deutschen in der Diskussion über die Schuldenkrise zur Zurückhaltung auf. Die deutsche Debatte sei zum Teil störend, sagte der Chef der Euro-Gruppe laut einer Vorabmeldung.

Mit Blick auf die Haushaltssituation sagte er: "Ich halte die Höhe der deutschen Schulden für besorgniserregend." Juncker verwies darauf, dass Deutschland mit einer Staatsverschuldung von mehr als 80 Prozent der Wirtschaftsleistung deutlich höhere Verbindlichkeiten habe als Spanien, das auf rund 60 Prozent kommt. Nur wolle das keiner wissen, sagte Juncker. "Es erscheint bequemer, zu sagen, die Menschen im Süden wären faul, und die Deutschen würden malochen. So ist das aber nicht."

Damit dürfte der luxemburgische Premier auch auf eine Äußerung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) angespielt haben. Bei einem Auftritt vor Parteifreunden hatten sie im Mai den Südeuropäern indirekt unterstellt, zu viel Urlaub zu machen. "Wir können nicht eine Währung haben und der eine kriegt ganz viel Urlaub und der andere ganz wenig. Das geht auf Dauer auch nicht zusammen."

Finanzmärkte bleiben unruhig

Am Dienstag hatte auch Unionsfraktionschef Volker Kauder auf dem CDU-Parteitag in Leipzig deutliche Kritik an anderen Euro-Ländern geübt. Er warf den übrigen Mitgliedern der Währungsunion vor, sie hätten die Bedeutung von Haushaltsdisziplin lange nicht verstanden. Erst Angela Merkel habe diese europaweit durchgesetzt. "Jetzt auf einmal wird in Europa Deutsch gesprochen", sagte Kauder.

Während Länder wie Spanien und Italien sich derzeit nur zu stark erhöhten Zinsen Geld leihen können, sinken die Zinssätze für deutsche Staatsanleihen immer weiter. Zwar überschreitet auch der Schuldenstand der Bundesrepublik deutlich die Maastricht-Grenze von 60 Prozent der Wirtschaftsleistung. Außerdem brachen Deutschland und Frankreich 2002 als erste Länder das Neuverschuldungslimit von drei Prozent.

Deutschland hat jedoch im Vergleich zu Ländern wie Griechenland oder Portugal eine deutlich leistungsfähigere Wirtschaft. Dadurch steigen die Chancen, Schulden zu reduzieren oder zumindest nicht weiter wachsen zu lassen.

Nach zum Teil dramatischen Zinsanstiegen für südeuropäische Staatsanleihen am Dienstag beruhigten sich die Finanzmärkte am Mittwoch wieder etwas, blieben aber weiterhin nervös. Die Risikoaufschläge für italienische Staatsanleihen stiegen kurzzeitig über die kritische Zinsmarke von sieben Prozent. Sie eröffneten mit 7,13 Prozent, bevor sie auf 6,82 Prozent zurückfielen. Spanische Anleihen stiegen auf 6,33 Prozent und gaben dann auf 6,25 Prozent nach. Händlern zufolge kaufte die EZB italienische, spanische und portugiesische Staatsanleihen, um die Zinsen zu drücken.

Auch an den Börsen blieb die Stimmung verhalten. Der Dax Chart zeigen ging am Mittwoch nach einer Berg- und Talfahrt mit einem Minus von 0,3 aus dem Handel. Der MDax Chart zeigen mittelgroßer Werte sank um 0,4 Prozent, der Technologieindex TecDax Chart zeigen stieg um knapp 0,4 Prozent. Der Leitindex in Paris kletterte ebenfalls, während der Londoner FTSE 100 Chart zeigen-Index etwas tiefer endete. In den USA verlor der Dow Jones Chart zeigen 1,6 Prozent. Der Index der Technologiebörse Nasdaq gab um 1,7 Prozent nach.

dab/dpa-AFX/Reuters/dapd

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1. Glücklicherweise...
mm01 16.11.2011
hat der saubere Herr Juncker mit seinen schwarzen, für Steuerbetrüger in Luxemburg keine Probleme.
2. Überschrift
Der Bruddler 16.11.2011
Zitat von sysopDeutschland präsentiert sich in der Schuldenkrise als Musterschüler. Doch so toll wirtschaften Merkel und Co. nicht, rügt Euro-Gruppen-Chef Juncker. Berlins Verbindlichkeiten seien zu hoch - und die Deutschen sollten sich mit guten Ratschlägen zurückzuhalten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,798283,00.html
Recht hat er. Aber er macht es auch nicht besser. Komisch dass noch niemand in Europa das hohe Ross verlassen hat und einmal Rat bei jemandem erfragt hat, der Krisenerfahrung vorweisen kann: "Der IWF hat die falsche Chefin und Angela Merkel die falschen Berater" http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/0,2828,798127,00.html
3. Überschrift
Der Bruddler 16.11.2011
Zitat von Der BruddlerRecht hat er. Aber er macht es auch nicht besser. Komisch dass noch niemand in Europa das hohe Ross verlassen hat und einmal Rat bei jemandem erfragt hat, der Krisenerfahrung vorweisen kann: http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/0,2828,798127,00.html
4.
H.D. 16.11.2011
Ist Junker nicht derjenige, der glaubt, sich überall einmischen zu müssen und anderen seinen Mist auszuladen ?
5. der liebe Herr Juncker
huberwin 16.11.2011
regt sich dauernd darüber auf das Deutschland nicht noch mehr Geld nach Brüssel überweist, will in einer Nacht und Nebelaktion an die deutschen Goldreserven und jetzt mokiert er sich darüber das wir zu hohe Schulden haben.....komische und widersprüchliche Aussagen. Ich finde es ja gut und richtig das er auch mal merkt das wir hohe Schulden haben....aber wäre esw dann nicht folgerichtig immer wieder zu fordern das wir noch mehr zahlen sollen? Er sitzt doch in Luxenburg, eines der Flüchtlingsländer für Deutsche Steuerhinterzieher.....da sollte er uns doch lieber helfen das wir diese Gelder ordentlich besteuert bekommen damit unsere Schulden sinken.
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Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

dapd
Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.

Fakten zur Euro-Zone

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