Job- und Konjunkturboom Deutschland läuft heiß

Die deutsche Konjunktur nimmt Tempo auf, Jobs gibt's in Hülle und Fülle. Alles gut, also? Nein, denn auch die Risiken für die Wirtschaft steigen.

Bauarbeiter in Frankfurt: Zeichen einer Überhitzung?
DPA

Bauarbeiter in Frankfurt: Zeichen einer Überhitzung?

Eine Kolumne von


Alles gut! Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit geht weiter zurück, die Löhne steigen, die Staatsschulden sinken. 2016 wird, zumindest für die deutsche Wirtschaft, ein gutes Jahr. Eine Prognose nach der anderen dürfte Deutschland in dieser Woche ein höchst befriedigendes Zeugnis ausstellen (am Montag ist die Commerzbank an der Reihe, am Mittwoch das Ifo-Institut, am Dienstag gibt's neue Daten zur Entwicklung der Eurozone). Sogar den Zuzug von weiteren anderthalb bis zwei Millionen Menschen wird die Volkswirtschaft ohne Blessuren wegstecken, schätzt die Bundesbank.

Alles gut? Zu übertriebener Selbstzufriedenheit besteht kein Anlass. Die traditionellen Treiber der deutschen Wirtschaft verlieren ihre Kraft: Die ausfuhrstarke Industrie trägt derzeit kaum noch zur Dynamik bei. Wichtige Auslandsmärkte, von der Eurozone bis China, stecken in ausgeprägten Schwächephasen. Zuletzt ist der Welthandel sogar geschrumpft. Keine gute Ausgangslage für die Industrie. Die trüben Aussichten auf den Weltmärkten drücken auf die Stimmung: Umfragen des Ifo-Instituts zeigen, dass die Industrieunternehmen nicht gerade in Partylaune sind.

Das deutsche Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr wie früher. Wenn die Globalisierung auf dem Rückschritt ist, wenn Schwellenländer nicht mehr so schnell wachsen, wenn sich die Terrorangst in Managerköpfen festsetzt, dann ist die offene bundesrepublikanische Volkswirtschaft davon stärker betroffen als andere führende Wirtschaftsnationen.

Die größten Risiken für die Konjunktur liegen in der globalen Großwetterlage. Gängige Prognosen gehen davon aus, dass sich der Welthandel erholt, dass die Schwellenländer sich rasch wieder stabilisieren und dass die Eurozone sich irgendwie weiter durchwurschelt. Aber all das ist keineswegs sicher (achten Sie auf die neuen Exportzahlen am Mittwoch).

Verdeckte Gefahren

Verdeckt werden die Gefahren durch die freigiebige Wirtschaftspolitik. Das billige Geld der Europäischen Zentralbank kommt gerade Deutschland zugute: Die niedrigsten Zinsen seit Generationen und der schwache Euro sorgen für günstige Bedingungen. Auch die Regierung gibt wieder mehr Geld aus: Ausgabenprogramme zur Bewältigung der Flüchtlingskrise stützen die Konjunktur; um 0,5 Prozent soll allein aus diesem Grund das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im kommenden Jahr steigen.

Insgesamt soll das BIP, falls nichts schiefgeht, 2016 und 2017 sogar jeweils um knapp zwei Prozent zulegen. Das klingt gut. Aber hinter dieser Zahl verbirgt sich eine gravierende Verschiebung im deutschen Wirtschaftsgefüge: Statt hochproduktiver Industriebranchen treiben nun binnenwirtschaftliche Branchen das Wachstum.

Wegen der Schwäche auf dem Weltmarkt haben die verarbeitenden Unternehmen im vergangenen halben Jahr ihre Investitionen zurückgefahren. So dürfte es weitergehen, falls eine globale Erholung ausbleibt. Währenddessen erlebt Deutschland eine binnenwirtschaftliche Blüte. Wegen der guten Beschäftigungslage steigen die Löhne. Niedrige Zinsen befördern den Wohnungsbau. Für den Moment ist das kein Problem, wohl aber, falls sich dieser Trend verfestigt.

Erinnerungen werden wach an die Boomjahre der Euro-Südstaaten. Auch dort sorgte in der ersten Hälfte des vorigen Jahrzehnts ein Mix aus niedrigen Zinsen und guter Beschäftigungslage dafür, dass Bau und Konsum florierten. Der Preis allerdings war immens: Hochproduktive Wirtschaftsbereiche wurden teilweise verdrängt; die steigende Verschuldung im privaten Sektor führte in die Finanzkrise.

Zeichen einer Überhitzung

Um nicht missverstanden zu werden: Deutschland steht deutlich solider da als, sagen wir, Spanien vor zehn Jahren. Doch auch hierzulande gibt es inzwischen Anzeichen für eine Überhitzung. Die Bundesbank kalkuliert, dass die Nachfrage inzwischen deutlich schneller wächst als die Produktionsmöglichkeiten, was sich insbesondere in der schnell steigenden Zahl von unbesetzten Stellen niederschlägt. Eine Konstellation, die üblicherweise Kapitalmarktblasen und/oder steigende Verbraucherpreise nach sich zieht.

Die Überhitzung könnte weiter fortgeschritten sein, als es die offiziellen Zahlen zeigen. Carsten-Patrick Meier vom Forschungsinstitut Kiel Economics geht davon aus, dass die deutsche Wirtschaft in Wahrheit deutlich schneller expandiert, weil heimische Branchen wie Bau und Einzelhandel ihre Daten teils mit erheblicher Zeitverzögerung an die Statistiker weitergäben.

Die wahre Wachstumsrate für 2016 taxiert Meier auf stolze 2,7 Prozent. Entsprechend weit fortgeschritten wäre die Überhitzung der Wirtschaft. Entsprechend groß wäre das Crash-Potenzial, insbesondere auf den Immobilienmärkten (achten Sie auf den neuen Immobilienmarktbericht, den die amtlichen Gutachterausschüsse am Montag vorlegen).

Alles gut also?

Genießen Sie die guten Zeiten, solange sie andauern.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der kommenden Woche:

MONTAG

Berlin - Zwischen Boom und Not - Trotz reger Bauaktivität zeigen einige Regionen deutliche Überhitzungserscheinungen, während andererseits billiger Wohnraum fehlt. Der Arbeitskreis der amtlichen Gutachterausschüsse legt seinen Immobilienmarktbericht vor.

Brüssel - Euro-Fixing - Die Finanzminister der Eurozone beraten über Griechenland und Zypern sowie über die Weiterentwicklung der Bankenunion.

Frankfurt - Glaskugelspiel - Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer stellt seinen Konjunkturausblick für 2016 vor.

Wiesbaden - Produktionszahlen - Das Statistische Bundesamt legt neue Zahlen zur Nettoproduktion in der Industrie im Oktober vor. Die beiden Vormonate brachten herbe Enttäuschungen.

DIENSTAG

Luxemburg - Zwischenstand - Neue Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt der Eurozone im dritten Quartal.

Brüssel - Finanzielle Terrorabwehr - Die EU-Finanzminister beraten, unter anderem über die Eindämmung der Terrorfinanzierung und über ein europäisches System der Sicherung von Bankeinlagen.

Berlin - Bauernbilanz - Die Welt aus agrarischer Sicht: Der Deutsche Bauernverband äußert sich zur wirtschaftlichen Lage der Landwirtschaft.

München - Schrumpfen und Wachsen - Siemens-Chef Kaeser stellt seine neue Innovationsstrategie vor.

Hannover - Testurteil - Das Landgericht Hannover entscheidet, ob Anleger, die während der Übernahmeschlacht zwischen Porsche und VW Geld verloren haben, ein sogenannte Musterverfahren anstrengen können. Gewissermaßen die deutsche Variante der Sammelklage.

MITTWOCH

Berlin - Sinns Welt - Ifo-Chef Hans-Werner Sinn stellt seine Konjunkturprognose für 2016 vor.

Frankfurt - Perioden-System - Der Verband der Chemischen Industrie legt seine Sicht auf die Wirtschaftsentwicklung dar.

Wiesbaden - Flatlining - Neue Zahlen zur Entwicklung der deutschen Exporte im Oktober.

DONNERSTAG

Hannover - Urlaub von den Krisen - Die Tui AG legt Jahreszahlen vor.

Buenos Aires - Epochenwende - Der neue argentinische Präsident Mauricio Macri, zur Abwechslung mal kein Peronist, tritt sein Amt an. Sein Versprechen: Staat und Wirtschaft zu modernisieren.

FREITAG

Paris - Der Preis ist heiß - Geplanter Abschluss der 21. UN-Klimakonferenz bei Paris. Die ökologischen und ökonomischen Kosten eines Scheiterns wären dramatisch.

Brüssel - Herr Minister, Telefon! - Ministerrat für Telekommunikation. Thema unter anderen: Schutz vor Cyberattacken.

Berlin - Sigmar-Show - Die SPD begeht ihren Bundesparteitag.

SAMSTAG

Peking - Bremsmanöver - Wie schwach ist China wirklich? Neue Zahlen zur Industrieproduktion könnten Antworten erhellen.

SONNTAG

Karlsruhe - Merkel-Dämmerung? - Die Kanzlerin gilt wegen ihrer Flüchtlingspolitik als angeschlagen. Umso entscheidender wird ihr Auftreten auf dem CDU-Bundesparteitag für ihre weitere politische Zukunft sein.

Paris - Wie stark werden die Rechten? - Zweite Runde der Regionalwahlen in Frankreich. Europa zittert vor dem Abschneiden der Le-Pen-Partei Front National.

Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.

Mehr zum Thema
Newsletter
Müllers Memo


Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 141 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
curiosus_ 06.12.2015
1. Was soll das?
---Zitat von Henrik Müller--- Wegen der Schwäche auf dem Weltmarkt haben die verarbeitenden Unternehmen im vergangenen halben Jahr ihre Investitionen zurückgefahren. So dürfte es weitergehen, falls eine globale Erholung ausbleibt. Währenddessen erlebt Deutschland eine binnenwirtschaftliche Blüte. Wegen der guten Beschäftigungslage steigen die Löhne. Niedrige Zinsen befördern den Wohnungsbau. Für den Moment ist das kein Problem, wohl aber, falls sich dieser Trend verfestigt. ---Zitatende--- Also, zum hundersten Mal: Wir sind Leistungsbilanz*überschuss*weltmeister. Seit der €-Bargeldeinführung in 2002 haben wir ca. 2 000 Mrd. € Überschüsse eingefahren, dieses Jahr alleine wohl ca. 240 Mrd. €, ca. 8% des BIPs. Höchst ungesund. Und nun wird sich das eventuell leicht korrigieren, und schon wird ein Problem an die Wand gemalt? Haben Sie auch nur einmal die exorbitanten Leistungsbilanzüberschüsse problematisiert? ---Zitat von Henrik Müller--- Die Bundesbank kalkuliert, dass die Nachfrage inzwischen deutlich schneller wächst als die Produktionsmöglichkeiten, was sich insbesondere in der schnell steigenden Zahl von unbesetzten Stellen niederschlägt. Eine Konstellation, die üblicherweise Kapitalmarktblasen und/oder steigende Verbraucherpreise nach sich zieht. ---Zitatende--- Tja, da dürfte Draghi ja jubeln. Endlich mal Inflation > 0%! Also, genau das, was gewünscht ist. Außerdem wirkt das auch korrigierend auf die Leistungsbilanzüberschüsse, da dann die Löhne steigen müssen. Was wiederum die Binnenwirtschaft stärkt. Alles ganz im Sinne des „Gesetzes zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft“ von 1967. Also, was soll das Gejammer?
bauausdo 06.12.2015
2. Experten
Ach, ich habe noch die Klage in den Ohren, die deutsche Wirtschaft hänge nur am Export, die Binnennachfrage fehle. Nun ist es umgekehrt und wieder wird geklagt. Ist das der Grund, warum diese Wirtschaftsexperten nicht in der Wirtschaft tätig sind, sondern sich aufs Wehklagen spezialisiert haben?
Holger Regohl 06.12.2015
3. Pyramiden bauen
Es ist sehr naiv, die zusätzlichen Staatsausgaben für die neuen Zuwanderer als "wachstumsfördernd" anzuschauen. Es wäre genauso wachstumsfördernd, wenn der Staat auf dem Land eine grosse Pyramide für die Götter bauen würde, oder wenn ein Erdbeben eine Stadt zerstört. Natürlich "floriert" dann die Bauindustrie, aber dummerweise zahlt man so etwas entweder direkt mit höheren Steuern oder indirekt (später) über höhere Staatsschulden.
lupenreinerdemokrat 06.12.2015
4. Wo sind die Fakten?
Ich vermisse die Substanz in dem Artikel und vor allem eine Auflistung von - in welchen Tätigkeitsbereichen gibt es "Jobs in Hülle und Fülle"? - in welchen Gehalts/Lohnregiionen? - wo steigen Löhne und wieviel? - wo bleibt die Auflistung der Jobs, die gleichzeitig in Deutschland verschwinden / abgebaut werden und ins Ausland verlagert? - wie verhält es sich mit den Realeinkommen und wie sieht die Vorhersage für die nächsten 2 - 3 Jahre aus? (3% Lohnzuwachs bei gleichzeitiger Erhöhung von Steuern, Versicherungsabgaben und Lebenshaltung von 10% sind ein Realeinkommensverlust) Von daher scheint mir der Artikel eher unter der Rubrik "Jubelperser für den Machterhalt Merkels" einzuordnen zu sein.
Melange 06.12.2015
5. Vollbeschäftigung bei € 8,50 pro Stunde
heissa, wie ist die Welt doch schön.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.