DGB-Firmenbeteiligung: Gewerkschafter zahlen Leiharbeitern zu wenig

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Der DGB wettert gegen Leiharbeit - verdient aber selbst daran. Jüngst gelobten die Gewerkschafter Besserung, doch nach Informationen von SPIEGEL ONLINE zahlen sie den Beschäftigten noch immer weniger als diesen zusteht.

DGB-Luftballons: Leiharbeit soll nicht weiter betrieben werden Zur Großansicht
dapd

DGB-Luftballons: Leiharbeit soll nicht weiter betrieben werden

Hamburg - Ein bisschen peinlich ist dem Deutschen Gewerkschaftsbund die Sache offenbar schon. Nachdem SPIEGEL ONLINE über die DGB-eigene Zeitarbeitstochter Weitblick-Personalpartner GmbH im saarländischen Neunkirchen berichtet hatte, wurde die Website des Unternehmens stillgelegt. "Seite im Aufbau" steht da jetzt nur noch. Die Firma selbst verweist bei Anfragen auf die Pressestelle des DGB, von dort heißt es lapidar: "Die Leiharbeit wird nicht weiter beworben, da sie nicht weiter betrieben werden soll." Allerdings gibt der DGB selbst zu, dass es derzeit nicht absehbar sei, wann das sein werde.

Noch vor wenigen Tagen hatte Weitblick Stellenanzeigen für Zeitarbeiter geschaltet, unter anderem für Kassierer/innen zum tarifgemäßen Stundenlohn von 8,19 Euro. Weil dies deutlich weniger ist als der vom DGB selbst geforderte Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde, hagelte es Kritik. Der Gewerkschaftsbund reagierte und wies die Zeitarbeitsfirma an, den Satz zu erhöhen.

Der Haken: Die Entlohnung ist dann immer noch zu niedrig, denn das Stellenangebot war von Beginn an falsch, weil die Kassierer/innen in die sogenannte Entgeltgruppe 1 eingestuft wurden. Die selbst im DGB organisierte Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di warnt ihre Mitglieder davor, sich so niedrig einstufen zu lassen. Für "Kassiertätigkeiten ohne Beratung und Verkauf" gelte die Entgeltgruppe 2. Der entsprechende Zeitarbeitstariflohn liegt in dieser Gruppe bei 8,74 Euro - deutlich über den von Weitblick gezahlten 8,50 Euro. In ihrer Kommentierung der Tarifverträge schreibt Ver.di: "Achtung, hier wird in der Praxis besonders häufig nur in EG 1 eingruppiert. Den Arbeitsvertrag nur unterschreiben, wenn Eingruppierung mindestens in EG 2."

"Zum eigenen finanziellen Vorteil falsch eingruppiert"

Der DGB - der selbst gerne austeilt - wird für sein Vorgehen scharf kritisiert. "Die Firma hält sich offenbar nicht einmal an die Vorgaben der DGB-Mitgliedsgewerkschaften und gruppiert zum eigenen finanziellen Vorteil falsch ein", sagt Sascha Schomacker von der unabhängigen Hafengewerkschaft Contterm. Schomacker hatte bereits Anfang Januar auf die DGB-Geschäfte mit der Zeitarbeit aufmerksam gemacht.

Die DGB-Geschäfte mit Weitblick haben Schomackers Angaben zufolge weitreichendere Konsequenzen. So soll Weitblick seine Zeitarbeiter vor allem an die zu Metro gehörende Warenhauskette Real verleihen. Im Aufsichtsrat der Metro-Gruppe sitzt aber ausgerechnet Rainer Kuschewski, der Ver.di-Bundesfachgruppenleiter Einzelhandel ist. "Genau für das Jahr, in dem die Unternehmensleitung von Real Aufträge an 20 Zeitarbeitsfirmen vergeben will, erhält Kuschewski in seiner Funktion als Aufsichtsrat der Metro-Gruppe eine erfolgsabhängige Mehrvergütung von 30.360 Euro", sagt Schomacker.

Der Contterm-Gewerkschaftssekretär spielt darauf an, dass vom Einsatz der Weitblick-Leiharbeiter bei Real der Metro-Konzern genauso profitiere wie die Gewerkschaften. Rainer Kuschewski weist den Vorwurf zurück, schließlich habe er als einfaches Aufsichtsratsmitglied keinen Einfluss auf das operative Geschäft im Konzern. Die Betriebsräte in den Real-Märkten hätten zudem kaum Einfluss auf die Bezahlung der Mitarbeiter. Interessant sei vielmehr, sagt Kuschewski, ob es einen Betriebsrat bei Weitblick gebe - der sei für die Einstufung in die Entgeltgruppen zuständig. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen gibt es dort aber keine entsprechende Arbeitnehmervertretung.

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1. War doch nicht anders zu erwarten ...
karlsiegfried 08.02.2013
... Gewerkschaften sind doch auch nur Dienstleister wie Putzfirmen. Von wegen alles für die Arbeiter. Diese Zeiten sind lange vorbei. Alles für die Funktionäre lautet die Devise.
2.
Steuerzahler0815 08.02.2013
Zitat von karlsiegfried... Gewerkschaften sind doch auch nur Dienstleister wie Putzfirmen. Von wegen alles für die Arbeiter. Diese Zeiten sind lange vorbei. Alles für die Funktionäre lautet die Devise.
falsch Gewerkschaften sollen die Mitglieder vertreten, dies sind meistens Arbeiter mit besserem Gehalt als Leiharbeiter und etwas höheren Alter (ab 30). Es ist nicht die Aufgabe von Gewerkschaften Arbeitslose oder Leiharbeiter welche nicht Mitglieder sind zu vertreten und auch Gewerkschaften sollten mit dem Geld ihrer Mitglieder sorgfältig umgehen. 8,19 als Lohn anzubieten und gleichzeitig 8,50 zu fordern ist allerdings eher unklug. Wobei ich finde "deutlich weniger" ist eine unpassende Bezeichnung.
3. Gewerkschaften sind auch kommerzialisiert
frankhard61 08.02.2013
...es geht nur noch ums Geld. Nicht mehr ums Geld der Gewerkschaftsmitglieder, daß diese in ihren jeweiligen Beschäftigungsverhältnissen nicht verdienen, sondern ums Geld der Gewerkschaftsfunktionäre. Mit Verleihfirmen und Bildungsträgern profitieren die diversen Gewerkschaften eher von der Arbeitslosigkeit und den prekären Beschäftigungsverhältnissen in Deutschland. Was Wunder, daß kaum eine Gewerkschaft ernsthaft Anstrengungen unternimmt, an diesen Verhältnissen in Deutschland etwas zu ändern.Man profitiert ja davon. Man (Gewerkschaftsfunktionäre) sitzt mit dem Klüngel in einem Boot und segnet in Aufsichtsräten doch viel lieber die Boni der Manager ab. Übrigens: von den bejammerten 8,50 Euro Stundenlohn träumen wir hier im Osten nur. Mein Sohn geht bei Randstadt seinem Vollzeitjob mit Leistungszielen, die mindestens denen der Stammbelegschaft entsprechen, für 7,51 brutto nach. 8,50 wäre schon mal schön- dafür setzt sich aber keine Gewerkschaft ein...
4. Die Gewekschaften haben schon
kascha_2013 08.02.2013
vor 30 Jahren aufgehört sich um die Arbeiterschaft zu kümmern, da habe ich dann beschlossen mich nicht mehr um die Gewerkschaften zu kümmern und habe meine Mitgliedschaft aufgekündigt.
5. und...
zelema030 08.02.2013
aus zuverlässiger Quelle weiss ich, daß beim DGB sogar "Outgesourced" wird. Wen vertreten die nochmal? die FDP?
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EU-Beschluss
Arbeitszeit-Richtlinie
Die Höchstarbeitszeit pro Woche beträgt 48 Stunden, durch individuelle Vereinbarung kann es aber auch mehr sein.
Allerdings kann die Bereitschaftszeit in aktive und inaktive Phasen gesplittet werden. Aktive Bereitschaftszeit gilt als Arbeitszeit, inaktive Bereitschaftszeit nicht.
Inaktive Bereitschaftszeit kann als Arbeitszeit berechnet werden, wenn nationale Gesetze dies vorsehen oder die Sozialpartner das vereinbaren.
Eine Arbeitszeit von mehr als 60 Wochenstunden ist nur ausnahmsweise und durch Vereinbarung der Tarifparteien möglich.
Für Beschäftigte, bei denen durch Ausnahmeregelungen die inaktive Bereitschaftszeit als Arbeitszeit gerechnet wird, gilt eine neue Obergrenze von 65 Stunden pro Woche.
Leiharbeitsrichtlinie
Zeitarbeiter sollen grundsätzlich vom ersten Tag an die gleichen Rechte im Betrieb bekommen wie ihre festangestellten Kollegen. Das gilt für Bezahlung, Urlaub und Elternzeit.
Zeitarbeiter müssen auch Kantine, Kindergarten oder Transportmittel der Firma nutzen dürfen. Ausnahmen sind möglich, wenn die Gewerkschaften und Arbeitgeber dies vereinbaren.
In Deutschland gilt bereits der Grundsatz der gleichen Bezahlung und Behandlung von Zeitarbeitern (equal pay). Davon kann aber abgewichen werden, wenn durch Tarifvertrag andere Regelungen vereinbart sind, etwa für die Zeit der Einarbeitung.