Die Alles-ist-möglich-Frau: "Meine Koffer stehen bereit"

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Vom Mittelmeer an die Spree: Yolanda Benito hat in Barcelona keinen Job gefunden - auch weil es teure Fachkräfte in ihrer Heimat besonders schwer haben. Die Ingenieurin für Telekommunikation spricht acht Sprachen und versucht nun ihr Glück in Berlin.

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Spanierin Yolanda Benito: "Was machst du noch in Barcelona?"

An manchen Tagen rief Yolanda Benitos Vater aufgeregt bei seiner Tochter an. Dann erzählte er ihr, dass im spanischen Fernsehen gerade wieder berichtet wurde, wie begehrt Ingenieure in Deutschland seien. "Yolanda, was machst du noch in Barcelona?", fragte er dann. "Du verlierst hier nur Zeit." Sie sagt: "Die Leute sprechen auf der Straße darüber, wie gut die Situation in Deutschland ist."

Deshalb ist die 33-jährige Ingenieurin für Telekommunikation nach Berlin gekommen. Fast den gesamten August wird sie bleiben, um einen Job in Deutschland zu finden. Seit fast einem Jahr sucht sie in Spanien vergeblich nach Arbeit. "Ich bin in Barcelona geboren - aber Berlin ist meine Stadt", sagt Benito.

Wie es ist, in Deutschland zu leben und zu arbeiten, weiß sie seit zehn Jahren. 2001 zog sie für mehrere Monate nach Berlin, um dort ihre Diplomarbeit zu schreiben. Die Stadt gefiel ihr so gut, dass sie schon ein Jahr später wiederkam. Sie machte Deutschkurse und verdiente ihr Geld mit Spanischstunden.

2004 fand sie dann einen Job beim Klingelton-Anbieter Jamba. Doch drei Jahre später wurde sie arbeitslos. Sie suchte nach einem Job in Berlin, absolvierte eine Fortbildung als Software-Spezialistin. Dann fand sie jedoch in Spanien Arbeit und kehrte in ihre Heimat zurück.

Doch so richtig glücklich ist sie dort nicht. "Ich war traurig, als ich zurück musste", sagt Benito. "Ich bin eher ein ruhiger Typ. Vielleicht passe ich sogar eher zu den Deutschen als zu den Spaniern."

Ihr Freund müsse sich noch mit dem Gedanken des Auswanderns anfreunden. "Wenn ich Single wäre, wäre ich schon längst in Deutschland." Nun paukt sie mit ihrem Freund Deutsch. Der Bauingenieur hat einen Job in Barcelona. Noch. Denn um seine Firma gibt es schon Pleitegerüchte.

Zwei Anrufe nach 50 Bewerbungen

Als die Wirtschaftskrise ihr Heimatland voll erfasste, verlor Benito im vergangenen Jahr ihren Job bei einem IT-Dienstleister. Seither sucht sie eine Stelle. Je länger sie arbeitslos ist, desto mehr ist sie bereit, Kompromisse einzugehen. Sie würde auch in einem Callcenter arbeiten. "Aber wenn man sich bei 50 Firmen bewirbt, dann bekommt man vielleicht zwei Anrufe", sagt sie.

Benito hat Spezialkenntnisse, sie kann neben ihrer Muttersprache auch Katalanisch. Sie spricht Deutsch und Englisch, hat in Griechisch, Italienisch und Französisch Grundkenntnisse. Derzeit lernt sie Arabisch. Das Absurde: Arbeitsvermittler in Spanien raten Jobsuchenden dazu, bei Bewerbungen lieber Qualifikationen zu verschweigen. Denn für teure Fachkräfte gibt es kaum Stellen - und wenn sich Qualifizierte wie Benito auf Jobs unter ihrem Niveau bewerben, werden sie schon in den ersten Runden aussortiert.

Um Frust zu vermeiden, plant Benito ihren Tag fest durch. Sie geht zum Sprachkurs, ein paar Stunden kümmert sie sich um Bewerbungen, dann macht sie noch Weiterbildungen. Sie hat ein abgeschlossenes Studium in Telekommunikationswissenschaft, nun will sie sich ein zweites Standbein schaffen. Sie hat eine Weiterbildung in Tourismus-Management absolviert. Im September will sie ein Fernstudium beginnen. "Es soll mir niemand vorwerfen können, dass ich nichts getan habe", sagt sie.

Wenn sie in Internetforen mitbekommt, dass Spanier ohne Sprachkenntnisse darüber nachdenken, nach Deutschland zu ziehen, dann ärgert sie sich. "Sie denken, es ist ein Paradies. Man arbeitet höchstens sechs Stunden und verdient viel Geld. Aber ich weiß, dass es nicht so ist. Ich habe hier hart gearbeitet." Sie hält kurz inne. "Und jetzt würde ich gerne Überstunden und Wochenenddienste machen."

Benitos Traum wäre ein Job in Deutschland. "Aber wer weiß, vielleicht lande ich auch in Dubai", sagt sie. "Meine Koffer stehen bereit."

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Forum - Fachkräftemangel in Deutschland - die Chance für Hochqualifizierte aus Südeuropa?
insgesamt 259 Beiträge
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1.
Orthogräfin, 08.08.2011
Zitat von sysopIn Deutschland fehlen Fachkräfte - in Griechenland, Portugal und Spanien sind Hunderttausende ohne Job. Bundesagentur für Arbeit buhlt nun gezielt um Ingenieure, IT-Spezialisten und Pflegepersonal aus den EU-Krisenländern. Die richtige Strategie?
In Deutschland fehlen nur Fachkräfte, die man fürn Appel und nen Ei bekommt... Warum wohl buhlen Pflegedienste um Personal aus dem Nicht-EU-Ausland?
2. Sprache
depotmaster 08.08.2011
Ich denke da ist die Sprache für viele die größte Hürde. Immerhin braucht man Fachkraft ein höheres Level an Fach- und Umgangssprache, ( außer vielleicht als Zahnarzt ). Ich habe Zweifel, ob die Leute bereit sind hunderte von Kilometern in eine neue Kultur umzuziehen, deren Sprache sie noch erlernen müssen, bei fast gleichem Gehalt wie in ihrem Land, nur für höhere Jobchancen. Das wird wohl nur für einige wenigen Jugendlichen Spanier und Griechen in Frage kommen, die werden auch nicht die große Wende auf dem Arbeitsmarkt bringen. Denkt man nur mal daran wie wenige Polen noch nach Deutschland wollen, trotz Nachbarschaft mit höheren Lohnunterschieden...
3.
gestandeneFrau 08.08.2011
Gegenfrage: Was ist mit unseren Kindern? Die werden seit Jahrzehnten in der Schule verdummt, weil überall eingespart wird, die Wirtschaft hat in die Ausbildung auch immer weniger investiert. Und nun: Sitzen alle da, heulen ´rum und es sollen wieder mal Arbeitskräfte aus anderen Ländern aushelfen. Und bitte: Nicht wieder so, wie beim letzten Mal.
4. Super Idee!!
aloa5, 08.08.2011
Zitat von sysopIn Deutschland fehlen Fachkräfte - in Griechenland, Portugal und Spanien sind Hunderttausende ohne Job. Bundesagentur für Arbeit buhlt nun gezielt um Ingenieure, IT-Spezialisten und Pflegepersonal aus den EU-Krisenländern. Die richtige Strategie?
Strategie - wofür? Angenommen folgende Verteilung liegt vor: Deutschland hätte - 100 Ingenieure in Arbeit - 1000 andere, davon 800 in Arbeit Dann wäre eine Empfehlung - 10 Ingenieure aus Spanien importieren (dort ohne Arbeit; Spanien hätte zudem rein zufällig ein Außenhandelsdefizit, wie ein Überschuß) ...genau wofür... eine Strategie? Ach sooo..... Exportsteigerung und "Rettung des Euro" indem wir nach Spanien liefern. Wie sinnvoll. Sagen Sie das doch gleich. Es sind übrigens nur noch drei Jahre zur "Vollbeschäftigung" (http://logicorum.wordpress.com/2010/07/15/hurra-schon-in-vier-jahren-vollbeschaftigung/) welche in etwa die gleichen Weisen uns weiß machen wollen. Bildung tut Not. Nicht nur bei den nicht beschäftigten sondern bei den ganz fleißigen "Denkern" mancherorts. ;) Grüße ALOA
5. her mit ihnen :)
Wolf_68, 08.08.2011
Zitat von sysopIn Deutschland fehlen Fachkräfte - in Griechenland, Portugal und Spanien sind Hunderttausende ohne Job. Bundesagentur für Arbeit buhlt nun gezielt um Ingenieure, IT-Spezialisten und Pflegepersonal aus den EU-Krisenländern. Die richtige Strategie?
Wir nehmen die aus Griechenland - die zeigen uns, wie man schnell an Geld kommen kann :)
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Fachkräftemangel
Fehlende Ingenieure
Im Februar 2011 konnten 117.000 Jobs für Spezialisten der Fachgebiete Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT-Fächer) nicht besetzt werden. Dabei vergrößerte sich die Lücke im Vergleich zum Vormonat um 21.000 Stellen. Das meldet das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft. Viele Experten fürchten, dass der Mangel an Technikern zum Bremsklotz für den deutschen Aufschwung werden könnte.
Arbeitslose Ingenieure
Den vielen freien Stellen stehen trotzdem zahlreiche arbeitslose Ingenieure gegenüber: So berichtete der Verein Deutscher Ingenieure 2009 von 25.000 arbeitslosen Kollegen - bei damals 34.000 offenen Stellen. Einen Teil der Arbeitslosenzahl erklärt der VDI mit den üblichen starken Schwankungen: Wenn ein Ingenieur nur ein paar Monate arbeitslos ist, taucht er bereits in dieser Zahl auf. Ein gewisser Teil der arbeitslosen Techniker sei außerdem schwer vermittelbar.

Trotzdem gibt es Zweifel: Das Forschungsinstitut der Bundesanstalt für Arbeit erkennt zwar "Engpässe in einigen Ingenieurberufen", aber keinen "flächendekcenden Mangel". Fast alle Experten sind sich dagegen einig, dass die Unternehmen das Arbeitskräfteangebot noch besser nutzen könnten, indem sie etwa mehr ältere Ingenieure einstellen. Hier lässt sich teils bereits ein Sinneswandel beobachten.
Mangel - diesmal aber wirklich
Bisher sprach unter anderem gegen einen tatsächlichen Mangel an Ingenieuren, dass die Gehälter in den vergangenen Jahren nicht überdurchschnittlich gestiegen sind. Das würden sie aber, wären die Techniker wirklich so begehrt, wie oft behauptet wird. Derweil gibt es aber tatsächlich Anzeichen einer Trendwende. Alle betroffenen Verbände rechnen mit deutlichen Gehaltszuwächsen für die Techniker.
Hausgemachter Mangel
Die Ingenieursausbildung in Deutschland gilt nicht gerade als Einladung, einen technischen Beruf zu ergreifen. 2008 beendeten beispielsweise nur 52 Prozent aller Maschinenbaustudenten in Deutschland ihr Studium erfolgreich; 34 Proeznt brachen das Studium komplett ab, der Rest wechselte das Fach. Schuld daran ist ein praxisfremdes Grundstudium und Prüfungen, bei denen Durchfallerquoten von 80 Prozent und mehr als Qualitätsausweis angesehen werden.

Bevölkerung: 46,196 Mio.

Fläche: 505.988 km²

Hauptstadt: Madrid

Staatsoberhaupt:
König Felipe VI.

Regierungschef: Mariano Rajoy

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