Russische Wirtschaft Auch ohne Krim schon in der Krise

Das Kapital flüchtet, der Rubel bricht ein und es droht eine Rezession: Russlands Wirtschaft driftet allmählich Richtung Abgrund. Doch die Probleme sind nur zu einem kleinen Teil Folge der Krim-Krise. Viel schwerer wiegt, dass der Kreml seinen Modernisierungskurs aufgegeben hat.

Alte Frau vor einer Bankfiliale in Sankt Petersburg, März 2014
REUTERS

Alte Frau vor einer Bankfiliale in Sankt Petersburg, März 2014

Von , Moskau


Immerhin, für Siemens scheint die russische Welt noch in Ordnung zu sein. Konzern-Chef Joe Kaeser ist nach Moskau gereist, er hat Wladimir Putin getroffen. Der Präsident empfing ihn in Nowo-Ogarjowo, seiner Residenz vor den Toren von Moskau. Kaeser sprach von der "160-jährigen Tradition", die das Unternehmen mit Russland verbinde.

Allein 2,5 Milliarden Euro lässt sich der russische Staat 700 Siemens-Lokomotiven kosten, Siemens-Schnellzüge verkehren zwischen Moskau und Sankt Petersburg, Siemens-Regionalbahnen in der Olympiastadt Sotschi am Schwarzen Meer.

Siemens werde auch weiter in Russland investieren und "Ihr Land industrialisieren", versprach Kaeser Putin. Mit Blick auf die internationalen Spannungen in der Krim-Krise wählte Kaeser seine Worte mit besonderem Bedacht: Es sei immer besser, "bei Herausforderungen miteinander und nicht übereinander" zu sprechen - was man halt so sagt, bei Gesprächen mit einem politisch schwierigen Kunden, der aber eben auch sehr zahlungskräftig ist. Bislang zumindest.

Für die Wirtschaftsstrategen des Kreml war die Siemens-Visite die erste erfreuliche Nachricht nach Wochen voller Hiobsbotschaften: Am Mittwoch warnte die Weltbank vor einer schweren Rezession im Riesenreich, die Wirtschaft werde um 1,8 Prozent schrumpfen. Die Investitionen gehen zurück, das Kapital flieht ins Ausland, der Rubel stürzt ab, die Börse sowieso.

Alles deutet darauf hin, dass Russlands Wirtschaft auf eine tiefe Krise zusteuert. Die Ursache ist allerdings nicht in erster Linie der Konflikt in der Ukraine, auch wenn die westlichen Sanktionsdrohungen die Strukturprobleme der russischen Wirtschaft verschärfen.

Die Kapitalflucht: Russlands alltägliche Katastrophe

Vize-Wirtschaftsminister Andrej Klepatsch schlug am Montag in Moskau Alarm: Er erwarte, dass allein im ersten Quartal des laufenden Jahres 70 Milliarden Dollar Kapital aus Russland abgeflossen seien. Zum Vergleich: Innerhalb von 90 Tagen hat damit mehr Geld Russland verlassen, als binnen sieben Jahren für die Winterolympiade in Sotschi ausgegeben wurden, für die teuersten Spiele der Geschichte. Im gesamten Jahr 2013 lag das Kapitalflucht-Volumen dagegen bei 62,7 Milliarden Dollar. Die außer Landes geschafften Milliarden fehlen für Investitionen, etwa in neue Fabriken.

Droht Russlands Wirtschaft wegen der Spannungen mit dem Westen also auszubluten? Die Antwort ist Jein. Einerseits hat sich das Tempo der Kapitalflucht deutlich erhöht, seit Putins Soldaten die Macht auf der Krim Anfang März übernommen haben. Andererseits lag die Kapitalflucht auch schon im Januar und Februar mit 32 Milliarden Dollar deutlich über den Werten des Vorjahreszeitraums.

Hinzu kommt: Russland hat in den vergangenen Jahren gelernt, mit massiven Kapital-Verlusten zu leben. "Zwischen 2008 und Ende 2013 lag das Gesamtvolumen der Kapitalflucht bei 420 Milliarden Dollar", sagt der britische Ökonom Chris Weafer. Der massive Kapitalfluss hat Russlands Entwicklung zwar gebremst, abgestürzt ist die Wirtschaft aber dennoch nicht.

Öl und Gas, die Pfeiler von Putins Wirtschaft

Trotz Kapitalflucht und Druck aus dem Westen hält Wladislaw Inosemzew - ebenfalls Ökonom und einer der schärfsten Kritiker von Putins Wirtschaftspolitik - Russlands Wirtschaft für "ziemlich robust". Das liegt vor allem an den weiterhin hohen Weltmarktpreisen für Öl und Gas.

Selbst im Falle harter Wirtschaftssanktionen werde Putin wohl "ein bis zwei Jahre in der Lage sein, einen Abfall des Lebensstandards zu verhindern", glaubt Inosemzew. "Die Bürger werden lange keine großen Probleme spüren, es wird keine Proteste geben". Der Kreml hat zwar die Staatsausgaben über Jahre immer weiter ausgedehnt. Inzwischen ist er auf Ölpreise von über 100 Dollar angewiesen. Nur: Mit einem Verfall des Ölpreises rechnet momentan niemand.

Der Verfall des Rubel: Putins As im Ärmel?

Russlands Währung war nach dem Ausbruch der Krim-Krise so wenig wert wie nie zuvor, zwischenzeitlich lag der Kurs bei 51 Rubel für einen Euro, vor einem Jahr waren es noch 40 Rubel. Der Währungsverfall hat allerdings wenig mit den Turbulenzen in der Ukraine zu tun. Der Rubel hatte bereits im zweiten Halbjahr 2013 12 Prozent gegenüber dem Euro verloren und dann noch einmal 9 Prozent im Januar.

Theoretisch könnte die schwache Währung Russlands Wirtschaft sogar helfen: "Der hohe Ölpreis und der schwache Rubel führen dazu, dass der Staatshaushalt ausgeglichen sein wird", sagt Weafer. Der schwache Rubel hilft Putin, vor der Wahl 2012 versprochene Wohltaten umzusetzen, weil Moskau Öl für Dollar verkauft, Renten und Beamtengehälter aber in Rubel bezahlt.

Die Investitionen: Russlands Achillesferse

Viele Konzerne wie Siemens machen in Russland exzellente Geschäfte, viele investieren auch. Insgesamt aber sind die Investitionen schon seit 2013 rückläufig, ein Trend, der sich durch den Konfrontationskurs mit dem Westen aber noch verstärken könnte.

Russland hat in den vergangenen Jahren zu wenig getan, um unabhängiger zu werden von Öl und Gas. Die Geschäftswelt wird dominiert von großen Staatskonzernen. Abgesehen von einigen Ausnahmen wie der Autobranche sind große Investitionen in Russland nur für wenige attraktiv. Die Goldgräberstimmung ist vorbei, stattdessen überwiegt auch bei Vertretern deutscher Firmen in Moskau Skepsis, ob Putin das Ruder noch herum reißen kann - oder will.

"Von Modernisierung spricht in Russland niemand mehr", sagt Ökonom Inosemzew. "Und das liegt nicht am Westen oder Sanktionen, sondern daran, dass sich der Kreml gegen den Modernisierungskurs entschieden hat."

Das Ergebnis: Stagnation

Obwohl die Wirtschaft in Europa wieder anzog, wandelte Russland in den letzten Monaten des Jahres 2013 am Rande einer Rezession: Erwartet wurden 3,5 Prozent Wachstum, es wurden aber nur 1,3 Prozent, in den letzten Monaten des Jahres schrumpfte die Wirtschaft sogar.

Mindestens 3 Prozent Wachstum wollte Russlands Wirtschaftsministerium 2014 erreichen, aber daraus wird nichts werden. Russlands ehemaliger Finanzminister Alexej Kudrin hat schon "das schlimmste Jahr seit 2000" vorhergesagt. Und diese Prognose stammt aus dem Dezember, lange vor Ausbruch der Krim-Krise.

Der Autor auf Facebook

insgesamt 52 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
LinkesBazillchen 28.03.2014
1. Wenn das stimmt, dann höchste Vorsicht
Zitat von sysopREUTERSDas Kapital flüchtet, der Rubel bricht ein und es droht eine Rezession: Russlands Wirtschaft driftet allmählich Richtung Abgrund. Doch die Probleme sind nur zu einem kleinen Teil Folge der Krim-Krise. Viel schwerer wiegt, dass der Kreml seinen Modernisierungskurs aufgegeben hat. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/die-krim-krise-verschaerft-die-probleme-der-russischen-wirtschaft-a-961074.html
Falls das wirklich wahr ist, dann ist höchste Vorsicht geboten. Das großmäuliche Gehabe des WEestens muss dringend eingestellt werden. Mit Drohungen und Demütigungen kann eine unübersehbare Katastrophe ausgelöst werden. Wer nichts mehr zu verlieren hat und emotional aufgepeitscht wird, ist unberechenbar. Der westliche Hochmut und die Ukrainische Hasstiraden sind sofort einzustellen. Die Propaganda der Presse sollte wieder der Vernunft und Coolness weichen.
StefanKomarek 28.03.2014
2. Die Stimmung ist wichtiger als die Lage
Im Artikel werden Fakten genannt; der schlechte Zustand der russischen Wirtschaft hat wenig mit der Krim zu tun. Uninteressant! Wichtig ist nur, dass ohne die Krim die russische Bevölkerung Putin für ihre wirtschaftliche Lage verantwortlich gemacht hätte. Jetzt kann Putin einfach auf die EU und die USA zeigen. Seht, die sind Schuld an eurer Arbeitlosigkeit und eurem knappen Geld. Die Lage bleibt schlecht, aber wenigstens die Stimmung ist gerettet. Schlimm, dass das immer weiter um sich greift, dieses Deuten auf die Anderen, die Fremden, die an der Situation im Land Schuld haben sollen.
maxuli 28.03.2014
3.
Da kauft die Moskauer Führung teure Infrastruktur Projekte von Siemens, anstatt für dieses Geld Industrien und Arbeitsplätze für seine Bürger zu schaffen. Oder die Wasserversorgung und Abwasserentsorgung zu restaurieren. Oder die Landwirtschaft…Insofern ist Putin schon ein Politiker, der nicht ins 21. Jahrhundert passt, zumindest nicht in Europa. Nur in ärmeren Ländern gibt es vergleichbare Politiker, die durch großartige, aber wenig nachhaltige Projekte von der Unfähigkeit, Wirtschaftspolitik für ihre Bürger zu treiben, ablenken. Sogar die Saudis und die Emirate versuchen durch neue Wirtschaftszweige ihre Abhängigkeit vom Ölverkauf zu verringern. Da waren selbst die Sowjets in den 60er/70er Jahren für die damalige Zeit fortschrittlicher. Arme Russen! P.S. Dagegen bei machtpolitische Expansionen, siehe Krim, ist Putin meisterlich, hilft aber der Wirtschaft auch ohne Sanktionen überhaupt nicht weiter, sondern wird die ethnisch verursachten sozialen Probleme verschärfen.
blablabla 28.03.2014
4.
Der Westen ist in Sachen Propaganda manchmal auch keinen Deut besser. Im Vergleich zum Dollar ist der Rubel, welcher aktuell auf einem Höchststand liegt, seit Beginn des Konflikts um sage und schreibe 3% von 36,5 auf 35,5 gefallen. Mag ja sein, dass da noch was kommt. Aber hier quasi den wirtschaftlichen Untergang des Riesenreichs zu prophezeien ist einfach nur absurd!
papayu 28.03.2014
5. Und in Deutschland erwartet man 1,5% Wachstum?
Was sind das fuer Vergleiche, dort dieses Riesenreich, duenn besiedelt und hier das ueberfuellte Deutschland? Warum sollen wir das glauben? Ueberlegen Sie einfach, Waldemar laesst keine Waren mehr nach Russland und sperrt den Gashahn? Was soll diese Panikmache? Was wurde Frau Merkel hochgejubelt, sie kann sich russisch mit Herrn W. Putin reden, die beiden verstehen sich praechtig!! Vergessen? Die Strippenzieher im Hintergrund sollten besser ein paar Naechte mehr darueber schlafen als Unsinn zu verbreiten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.