Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Großer Andrang: Kostenexplosion bei der Rente mit 63 droht

Von

Senioren: Nutznießer sind die, die am wenigsten darauf angewiesen sind Zur Großansicht
DPA

Senioren: Nutznießer sind die, die am wenigsten darauf angewiesen sind

Die Rente mit 63 wird viel teurer als gedacht. Allein in den ersten 18 Monaten kostet das umstrittene Paket 1,45 Milliarden Euro mehr als ursprünglich angenommen. Experten rechnen mit einer Kostenexplosion.

Berlin - Die Rentenberater von Stuttgart bis Greifswald sehen seit Wochen, was sich da bundesweit zusammenbraut. Immer häufiger müssen sie Kunden vertrösten, weil keine Termine mehr frei sind. So geht es auch Simone Keimel in Bischofswerda. Seit 20 Jahren betreut die Versicherungsberaterin ehrenamtlich Bürger, die Fragen zu ihrem Altersgeld haben. Zuletzt jedoch ging es fast nur noch um ein Thema: die Rente mit 63.

Das umstrittene Wahlgeschenk der SPD ist zum Knaller bei den Anspruchsberechtigten geworden und zum milliardenschweren Kostenpunkt für die heutigen Versicherten. Denn der enorme Andrang, wie Simone Keimel ihn beschreibt, schlägt sich auch in den Statistiken der Rentenversicherung nieder. Bis Ende Oktober gingen rund 163.000 Anträge von Arbeitnehmern ein, die vorzeitig mit 63 Jahren aus dem Berufsleben ausscheiden wollen. Der größte Teil davon ist bereits bewilligt. Und die Flut wird nicht abebben, da sind sich die Experten einig.

Die Bundesregierung hatte anders kalkuliert. Für das seit dem Sommer geltende Gesetz war sie ursprünglich von zusätzlich 900 Millionen Euro für dieses und 1,9 Milliarden Euro für das kommende Jahr ausgegangen. 240.000 Arbeitnehmer würden demnach 2014 die Rente mit 63 beantragen.

Doch die Annahmen waren offenbar zu optimistisch. "Es ist inzwischen klar, dass bereits in diesem Jahr mehr als die erwarteten 240.000 Personen die neue Rente in Anspruch nehmen", sagt der rentenpolitische Spreche der Grünen im Bundestag, Markus Kurth.

Damit sieht auch die Rechnung inzwischen ganz anders aus. Im Arbeitsministerium beziffert man die Kosten nun für 2014 auf 1,5 Milliarden Euro und im Jahr darauf mit 2,75 Milliarden Euro - also insgesamt 1,45 Milliarden Euro mehr als ursprünglich angenommen. Zusätzlicher Kostentreiber ist laut Ministerium die Ausweitung des Rentenanspruchs auf freiwillig Versicherte, die erst im Laufe der Parlamentsberatungen einbezogen worden waren.

Nach dem seit dem 1. Juli geltenden Gesetz haben Beschäftigte mit 63 Jahren Anspruch auf die volle Rente, wenn sie 45 Jahre lang Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung geleistet haben. Der Plan war bereits im Vorfeld auf massive Kritik gestoßen. Zuletzt hatten die Wirtschaftsweisen das Gesetz scharf kritisiert. In den Genuss komme nur eine kleine Gruppe, lautete der wichtigste Einwand - und außerdem sei es so teuer, dass das gesamte Rentensystem in die Schieflage geraten könnte.

Mehrkosten: rund drei Milliarden Euro pro Jahr

Experten wie Ulrich Walwei vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) argumentieren ähnlich. Da etwa ein Drittel der geburtenstarken Jahrgänge von 1950 bis 1963 die Voraussetzungen der abschlagsfreien Rente erfülle,"könnten in den kommenden Jahren jährlich 300.000 bis 450.000 Personen anspruchsberechtigt sein", sagte Walwei der "Rheinischen Post".

Hinzu komme, dass voraussichtlich weit überwiegend männliche Versicherte vorzeitig aus dem Berufsleben ausschieden: Fachkräfte des verarbeitenden Gewerbes, die sich als Techniker oder Meister weiterentwickelt hätten oder in den großen Industriebetrieben tätig seien - und meist mit einer ungebrochenen Erwerbsbiografie.

Als Rentner kommen die einst guten Steuerzahler die Gesellschaft in Zukunft teuer zu stehen, denn sie haben nach Erkenntnissen von Axel Börsch-Supan vom Max-Planck-Institut für Sozialpolitik "im Schnitt 25 Prozent über dem Durchschnittseinkommen verdient". Entsprechend hoch fallen die Rentenzahlungen aus.

Für Walwei ergibt sich daraus eine alarmierende Rechnung: Die Rente mit 63 dürfte die Sozialsysteme jährlich mit rund drei Milliarden Euro zusätzlich belasten.

Reinhold Schnabel von der Universität Duisburg-Essen macht in der "Welt" eine noch dramatischere Rechnung auf. Er rechnet ausfallende Sozialversicherungsbeiträge und geringere Steuerzahlungen mit ein und kommt so auf sechs Milliarden Euro an Mehrkosten pro Jahr.

Die Zahlen hält man im Bundesarbeitsministerium für völlig überzogen. Die bisherigen Anträge hielten sich "im erwartbaren Rahmen", schrieb Staatssekretär Thorben Albrecht. Die Einschätzung, dass im Einführungsjahr 240.000 Arbeitnehmer und freiwillig Versicherte von der neuen Rente profitieren könnten, "bleibt daher unverändert".

Grünen-Politiker Kurth fühlt sich dennoch hinters Licht geführt. "Die Regierung rückt scheibchenweise mit den wahren Kosten heraus", kritisierte er. Hubertus Pellengahr von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft wirft Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles sogar indirekt Täuschung vor: "Hätte die Bundesarbeitsministerin dem Bundestag die wahren Kosten der Rente mit 63 offengelegt, hätte der ihr Rentenpaket vermutlich nicht passieren lassen."

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 232 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Peanuts...
heavenstown 20.11.2014
im Vergleich zur Bankenrettung, von den Hilfen an anderen EU Staaten ganz zu schweigen...
2. Was hat man denn ...
Pandora 20.11.2014
...von einer Frau Nahles anderes erwartet?
3. Rente mit 63
hubertrudnick1 20.11.2014
Wouzu eigentlich jetzt die Aufregung, wenn man es nicht gewollt hätte, dann sollte man solche Möglichkeit nicht nicht geben.
4. Danke Frau Nahles
MHB 20.11.2014
und danke SPD. Ich bin Anfang 30 und werde noch meine Freude dran haben. Nicht dass ich es den Menschen mit 45 Beitragsjahren nicht gönne ... nur dieses System ist tot in der aktuellen Form. Die Politiker ignorieren es geflissentlich. Die Mehrheit der Wähler ist ihnen sicher (darum ist das Ganze auch im Sinne der CDU wenn man es sich überlegt ... ), und als (sog. Spitzen-) Politiker hat man seine Schäfchen persönlich eh im Trockenen. Na Prost Mahlzeit ...
5. Pension
buck2010 20.11.2014
Warum erwähnt keiner die Explosion der Beamten Pensionen die exorbitant steigen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: