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Hans-Werner Sinns Euro-Buch: Auf verlorenem Rechnungsposten

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Wie schreibt man ein Buch über ein Thema, das verflixt wichtig ist - aber zugleich so abstrakt, dass es selbst Experten kaum verstehen? Hans-Werner Sinn hat sich an dieser Aufgabe versucht. Sein Werk über die Target-Salden hat Bestseller-Potential.

ifo-Chef Sinn: Der große Zuspitzer Zur Großansicht
dapd

ifo-Chef Sinn: Der große Zuspitzer

Die ganze Sache klingt ja immer noch unglaublich: Da gibt es irgendwo im Kleingedruckten des Europäischen Zentralbankensystems ein paar Verrechnungskonten unter dem Oberbegriff Target II, auf denen sich in rasendem Tempo Verbindlichkeiten der Notenbanken der hochverschuldeten Euro-Staaten ansammeln. Diese Verbindlichkeiten liegen derzeit bei insgesamt gut einer Billion Euro. Hauptgläubiger ist die Deutsche Bundesbank.

Zum Vergleich: Die gesamten Steuereinnahmen in Deutschland werden sich 2012 auf etwa 600 Milliarden Euro belaufen - und die Bürgschaften, die Deutschland im Zuge des permanenten Rettungsfonds ESM übernommen hat, betragen 190 Milliarden Euro.

Während also ein Land leidenschaftlich über Steuersätze und Rettungsschirme diskutiert, schwollen die ungleich größeren Target-Salden unbemerkt von der Öffentlichkeit immer weiter an. Und das hätten sie vermutlich weiter getan, wenn nicht der ehemalige Bundesbank-Chef Helmut Schlesinger den Ökonomen Hans-Werner Sinn auf einige seltsame Bewegungen in der Bundesbank-Statistik aufmerksam gemacht hätte.Und niemand anders als der wortgewaltige Chef des Münchner Instituts für Wirtschaftsforschung hätte es wohl vermocht, so etwas Abstraktes wie die Target-Salden zu einem öffentlichen Debattenthema zu machen. Schließlich hatten selbst die meisten Volkswirte bis dahin von diesem Begriff noch nie gehört.

Was sich dank Sinn gründlich geändert hat. Nach einigen Aufsätzen und unzähligen Interviews zu diesem Thema legt er nun mit einem Buch nach. Es trägt den Titel "Die Target-Falle" und erscheint am Montag. Und wenn es einem gelingen könnte, die Finessen der europäischen Geldpolitik bestsellertauglich zu machen, dann Sinn - dem Zuspitzer, der es immer wieder schafft, dröge Fakten in süffige Erzählungen zu verpacken.

"Die Target-Falle" liefert auf gut 400 Seiten eine häufig einseitige, bisweilen polemische, aber immer kenntnisreiche Geschichte der Euro-Krise, und zwar mit einem selten beleuchteten Schwerpunkt: Bei Sinn geht es weniger um Rettungsschirme und Hilfsprogramme, um das Geld also, das sich die Regierungen der Euro-Zone untereinander überweisen. Sondern vor allem um die viel weniger beachteten Zahlungsströme zwischen Privatleuten, Unternehmen, Geschäfts- und Notenbanken der Euro-Zone.

Der Kapitalstrom hat sich ein neues Bett gegraben

Das Angenehme in dieser Form der Betrachtung: Es gibt auf einmal keine Pleite-Griechen mehr und keine Knauser-Deutschen, keine korrupten Politiker und faulen Beamte, wie sie so oft die Debatte um die Ursache der Schuldenkrise beherrschen. Sondern es gibt nur den ewig mäandernden Kapitalstrom, der sich mal wieder ein neues Bett gegraben hat - weshalb nun einige Länder auf dem Trockenen sitzen. Alles sehr kühl, alles sehr technisch.

Konkret schildert Sinn, wie sich die Geschäftsbanken nach der Lehman-Pleite untereinander plötzlich kein Geld mehr leihen mochten - aus Angst, der Schuldner könnte morgen ebenfalls insolvent sein. Um eine Kettenreaktion von Bankenpleiten zu verhindern, versorgte fortan die Europäische Zentralbank (EZB) die Geschäftsbanken mit Geld - zu wesentlich großzügigeren Konditionen als bisher.

Doch diese Vorzugsbehandlung nutzten nicht alle Banken gleichermaßen. Während im Norden der Euro-Zone das Vertrauen zwischen den Banken rasch zurückkehrte, und sie sich gegenseitig wieder Geld zu leihen begannen, blieben viele südeuropäische Kreditinstitute bis heute vom sogenannten Interbankenmarkt abgeschnitten. Ihnen bleibt weiterhin nur die Zentralbank, um sich Geld für ihre Kreditgeschäfte zu leihen.

Dieses Ungleichgewicht spiegelt sich in den Target-Salden: Die Zentralbanken haben seit Lehman faktisch die Kapitalversorgung für die Geschäftsbanken im Süden der Euro-Zone übernommen, weil die Geschäftsbanken im Norden der Euro-Zone dieses Risiko nicht mehr eingehen wollten. Kein Parlament hat jemals über diese neuen Rollenverteilung abgestimmt.

Klar, die eine Billion fehlt nirgendwo, und deshalb regt sich auch niemand auf. Es handelt sich um Geld, das die Zentralbanken im Süden der Euro-Zone zusätzlich geschaffen haben. Zu realen Verlusten führen die Target-Salden erst, wenn Staaten die Euro-Zone verlassen oder die Währungsunion ganz zusammenbricht. Dann müsste die Deutsche Bundesbank ihre Forderungen an die Südländer abschreiben. Der kleine Gewinn, den die Bundesbank jedes Jahr an die Staatskasse überweist, würde sich in einen Milliardenverlust verwandeln.

Deutschland, so Sinns implizite Schlussfolgerung, kann nicht mehr raus aus der Euro-Zone. Die Verluste wären einfach zu hoch, als dass irgendeine Regierung sie politisch überleben würde. Zumal obendrauf ja noch die Bürgschaften aus den diversen Rettungsschirmen kämen.

Wie die Target-Salden funktionieren: Klicken Sie auf das Bild Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Wie die Target-Salden funktionieren: Klicken Sie auf das Bild

Dass die Target-Salden tatsächlich existieren, stellt inzwischen niemand mehr in Abrede. Die Frage lautet aber: Was wäre die politische Alternative? Ohne die Target-Konten und ohne die Großzügigkeit der EZB gegenüber den südeuropäischen Geschäftsbanken wäre das Finanzsystem in Südeuropa mutmaßlich bereits 2010 komplett zusammengebrochen, die Krise in Staaten wie Griechenland noch ungleich schlimmer verlaufen.

"Warum stellt man das Ganze nicht so dar", fragt der Wirtschaftsweise Peter Bofinger in einem Sinn-kritischen Gastbeitrag für SPIEGEL ONLINE: "Die Target-Salden haben es deutschen Banken ermöglicht, ihre Engagements in den Problemländern massiv zurückzufahren, ohne dass es zu einem Zusammenbruch des Finanzsystems im Euro-Raum gekommen ist. Der Preis dafür besteht darin, dass ihre Forderungen gegenüber Banken in den Problemländern nun als Target-Forderungen in die Bilanz der Bundesbank gewandert sind."

Selbst wenn man wie Bofinger bereit ist, die Target-Salden als kleineres Übel zu akzeptieren, bleibt die Frage: Wie sollen die Salden jemals wieder zurückgeführt oder zumindest ihr Wachstum eingedämmt werden? Hier zieht Sinn in seinem Buch eine interessante Parallele zum US-Zentralbankensystem, das ähnlich dem der Euro-Zone aus einem Dutzend unabhängiger Notenbanken ("Feds") für einzelne US-Regionen besteht, überwölbt von einer Zentral-Fed in Washington. Auch zwischen diesen Regional-Feds gibt es Verrechnungskonten. Doch einmal jährlich müssen die Zentralbanken ihre Salden untereinander ausgleichen, indem Schuldner-Feds die entsprechende Menge Wertpapiere an die Gläubiger-Feds liefern.

Ein Konzept nach Sinns Geschmack: Wenn es nach ihm geht, sollten auch die Notenbanken der Euro-Südstaaten in Zukunft erstklassige Sicherheiten hinterlegen für die Forderungen, die im Rahmen der Target-Salden auflaufen. Ihm schweben da zum Beispiel mit Gold oder Grundstücken besicherte Pfandbriefe vor.

Womit die Euro-Krise wieder ganz an ihren Anfang zurückgekehrt wäre. Damals empfahl die "Bild": Die Pleite-Griechen könnten doch ihre Schulden begleichen, indem sie ein paar Inseln verkaufen.

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insgesamt 115 Beiträge
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1. Es geht Sinn also wieder einmal
nicolo1782 08.10.2012
um eine Bankenrettung, diesmal die Bundesbank. Wie Herr Sinn sich überhaupt immer nur zu Wort meldet, wenn seinen Freunden (dass sind die, die wegen Monatseinnahmen von mehr als 18.000 Euro aus der Statistik fahlen) Gefahr droht.
2. Sinn hat Recht
Knackeule 08.10.2012
Man kann über Sinn durchaus geteilter Meinung sein, er ist ein sperriger Typ, der nicht gerade auf Sympathie aus ist. Aber seine Vorhersagen über Ursachen und Verlauf der Finanz-Krise waren bis jetzt größtenteils richtig. Und genau das ist beängstigend.
3. Komisches Schema
Tom Anderson 08.10.2012
Wieso überweist die Griechische Zentralbank nicht einfach das Geld? Laut Schema hat die Geschäftsbank ja eine Überweisung getätigt... Die (auf Euro lautende Überweisung) könnte doch einfach weitergeleitet werden. Also halten die Griechen das Geld zurück? Es kann ja wohl kaum verschwunden sein... Langsam glaube ich es gab nie Geld....
4. Sinns Euro Buch
eks2040 08.10.2012
Herr Sinn macht Sinn, denn die sog. Target Salden sind auch Deutsche Kredite an die Suedlaender = Schuldner, nur dass hier das Parlament nicht von der Regierung befragt wurde eine Genehmigung nicht vorliegt. Unsere Verplichtungen unter ESM sind auf Euro 190 Milliarden begrenzt, Guarantien nicht einbezogen, EZB nicht beruecksichtigt, und dazu kommen inzwischen Euro 1,000 Milliarden aus dem Verrechnungssaldo. Kanzlerin Merkel, bitte wann ist genug genug auch fuer ihren Appetit, die deutschen Steuerzahler zu belasten...? Karl
5. Gutes Geld sollte...
susuki 08.10.2012
... man dem schlechten nicht hinterherwerfen. Aber die Bundesregierung ist ja noch jung, sie lernt das noch.
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