Kritik an Dieselgipfel Grünenchef Özdemir warnt Autobauer vor "Fukushima-Moment"

Gipfel beendet - aber die Dieselkrise schwelt weiter. Die Grünen sehen Deutschlands Autokonzerne am Scheideweg, Parteichef Özdemir poltert gegen VW-Chef Müller: Der habe "offensichtlich den Schuss nicht gehört".

Aktivisten vor dem Bundesverkehrsministerium in Berlin
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Aktivisten vor dem Bundesverkehrsministerium in Berlin


Nach dem Dieselgipfel kommt scharfe Kritik aus den Reihen der Grünen. Parteichef Cem Özdemir wirft VW-Chef Matthias Müller vor, notwendige Umrüstungen von Dieselfahrzeugen zu blockieren. "Das grenzt schon an eine Unverschämtheit", sagte Özdemir dem Deutschlandfunk. Müller habe "offensichtlich den Schuss nicht gehört". Teile der Autobranche glaubten offenbar immer noch, günstig davonkommen zu können bei der Diesel-Abgasreinigung.

Bei dem Treffen ging es vor allem um die Frage, ob und wie Dieselautos umgerüstet werden können, damit sie weniger Stickoxide ausstoßen. In vielen Großstädten ist die Abgasbelastung zu hoch, es drohen Fahrverbote für Diesel. Die Autohersteller haben freiwillige Softwareupdates für Fahrzeuge der Schadstoffklassen Euro 5 und Euro 6 zugesagt. Wer ältere Diesel in Zahlung gibt, soll zudem eine Prämie erhalten (lesen Sie hier mehr Details: Was beim Gipfel beschlossen wurde).

Özdemir warnt, die Gipfel-Ergebnisse seien keine Lösung der Probleme. Die Teilnehmer hätten die Chance verpasst, substanziell etwas für bessere Luft in den Städten zu tun. Fahrverbote seien deshalb noch lange nicht vom Tisch.

Prinzip der Freiwilligkeit gescheitert?

Die zugesagten Softwareupdates mit einer möglichen Emissionsminderung von 25 bis 30 Prozent seien zu wenig. "Wir brauchen mindestens 50 Prozent", forderte Özdemir. Technisch sei das möglich, erfordere aber teurere Nachrüstungen. Dazu müsse die Politik die Industrie zur Not zwingen. "Nur mit Freiwilligkeit werden wir die Automobilindustrie vor die Wand fahren." Die Branche stehe vor ihrem "Fukushima-Moment". Nötig sei die Umorientierung auf schadstofffreie Antriebsarten.

Nach der schweren Havarie des japanischen Kernkraftwerks Fukushima 2011 hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) einen drastischen Kursschwenk in der Energiepolitik vollzogen - und Deutschlands Ausstieg aus der Kernkraft verkündet.

Grenzwerte werden wohl weiter überschritten

Nach Einschätzung des Verkehrsexperten Peter Mock werden Dieselmotoren auch mit Softwareupdate auf der Straße die gesetzlichen Grenzwerte für gesundheitsschädliche Stickoxide um ein Vielfaches überschreiten. Laut Umweltbundesamt stoßen Euro-6-Diesel mit 507 Milligramm auf der Straße mehr als sechsmal so viel Schadstoff pro Kilometer aus, wie auf dem Prüfstand im Labor erlaubt ist - nämlich 80 Milligramm. "Wenn man nun annimmt, dass das Software-Update tatsächlich bei allen Fahrzeugen 30 Prozent bringen würde, dann wären wir bei 355 Milligramm pro Kilometer", sagte Mock nach dem Dieselgipfel. "Das ist immer noch mehr als viermal so hoch als das gesetzliche Euro-6-Limit."

Bundesumweltminister Barbara Hendricks (SPD) kündigte im Deutschlandfunk derweil weitere Verhandlungen mit den Konzernen an. Man werde das "Thema der Nachrüstung der Automobile selbst auch noch mal adressieren".

Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) macht sich ebenfalls für Folgetreffen stark. "Die Bundesregierung und die Autobranche haben die Chance vertan, Vertrauen bei geschädigten und verunsicherten Verbrauchern zurückzugewinnen", sagte vzbv-Vorstand Klaus Müller den Zeitungen der Funke-Mediengruppe vom Donnerstag. Millionen Autofahrer und Menschen warteten "jetzt" auf Antworten und Lösungsvorschläge.

Der Dieselgipfel vom Mittwoch habe lediglich eine Minimallösung gebracht und Fragen etwa nach finanzieller Entschädigung und rechtsverbindlichen Garantien offengelassen. "Deshalb fordern wir einen zweiten Autogipfel nach dem Dieselgipfel - dann aber bitte schön auch mit Verbrauchervertretern am Tisch", sagte er.

beb/Reuters/dpa



insgesamt 224 Beiträge
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Seite 1
michlmeik 03.08.2017
1. Die Grünen
Sind es nicht auch die Grünen welche diese ganze Schlamassel mit zu verantworten haben mit ihren immer unrealistischeren Forderungen?
pimpipump 03.08.2017
2.
"Fukushima-Moment" kann ja eigentlich nur für 'blinden Aktionismus nach Kollektiv-Hysterie" stehen und da sind alle Beteiligten auf dem besten Weg...
blumenstrauss 03.08.2017
3. Hier geht es zum Originaltext ...
... falls jemand an der Begriffsbildung interessiert ist ;-) "Automobiler Fukushima-Moment" https://wagnisdemokratie.wordpress.com/2017/07/24/automobiler-fukushima-moment/
W/Mutbürger 03.08.2017
4. War klar
dass die Grünen da nun aufspringen. Sie brauchen ja auch noch ein Wahlkampfthema, nachdem ihnen alle Anderen verloren gegangen sind.
okav 03.08.2017
5. Geld in neue Autos stecken
Anstatt jetzt die Branche gegen die Wand fahren zu lassen, sollte man ihr lieber ermöglichen das Geld in neue Motoren und Technologien zu stecken Alain Bestandsmodelle. Die alten verschwinden von alleine von der Straße. Panikland Deutschland, noch nie war die Luft so gut wie jetzt.
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