Müllers Memo Deutschland ist für die digitale Revolution nicht gerüstet

Exporte auf Rekordkurs, das Wachstum steigt, die Beschäftigung auch: Das macht die Deutschen selbstzufrieden. Gleichzeitig wälzt die Digitalisierung unser Leben um - und genau da droht uns ein böses Erwachen.

Eine Kolumne von

Roboter in der Autoproduktion: Arbeitsplätze in Gefahr
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Roboter in der Autoproduktion: Arbeitsplätze in Gefahr


Deutschland feiert sich: Das Wachstum legt zu, die Beschäftigung steigt, die Exporte sind auf Rekordkurs, der Staatshaushalt im Plus. Sogar einen gesetzlichen Mindestlohn und partielle Rentenaufstockungen können wir uns leisten. Alles gut? Den Partnern in Europa - von Griechenland bis Frankreich - erteilen wir gern Ratschläge. Selbstzufriedenheit macht sich breit. Symptomatisch: Die arbeitgebernahe "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" veröffentlicht Mittwoch eine Studie mit dem Titel "Das Deutschland-Prinzip. Was uns stark macht."

So soll es weitergehen: Die IT-Messe Cebit, die Montag beginnt, wird die Digitalisierung als weiteren Faktor feiern, der angeblich insbesondere Deutschland nützt. Bis 2025 werden allein traditionelle deutsche Branchen - von Auto, Chemie und Maschinenbau bis zur Landwirtschaft - ein zusätzliches Geschäftspotenzial von 78 Milliarden Euro entwickeln, so erwartet es die Bundesregierung. Die "Industrie 4.0", die Maschinen und Materialien im "Internet der Dinge" miteinander ins Gespräch bringt, soll's möglich machen.

Die Botschaft ist immer die gleiche: Deutschland funktioniert. Unser Geschäftsmodell ist intakt und wird es bleiben. Und falls es doch irgendwo Engpässe gibt, wie bei der Netzinfrastruktur, dann werden sie eben beseitigt, so wie es die "Digitale Agenda" der Bundesregierung vorsieht.

Skepsis ist angebracht. Die Digitalisierung ist dabei, das Leben umzuwälzen. Wie die Wirtschaft funktioniert, womit wir unseren Lebensunterhalt verdienen, wie wir zusammenleben, wie wir denken, lernen und fühlen - all das ist einem epochalen Wandel unterworfen. Wer die Folgen dieser Zeitenwende vor lauter Selbstzufriedenheit unterschätzt, lebt gefährlich.

Eine Studie der Oxforder Forscher Carl Benedikt Frey und Michael Osborne kommt zu dem Ergebnis, dass durch die digitale Revolution 47 Prozent der heutigen US-Arbeitsplätze gefährdet sind; in anderen westlichen Ländern dürften die Dimensionen ähnlich sein.

Beispiele? Taxifahrer, die Verlegenheitsbeschäftigten unter den Jobsuchenden, werden nicht mehr gebraucht, wenn selbstfahrende Autos erst zum Standard geworden sind. Vollautomatische Frachtschiffe machen Crew und Captain überflüssig. Einfache Smartphones werden per Spracherkennung zum Diktier- und Transkriptionsgerät; Sekretärinnen, die bislang Diktate abgetippt haben, müssen sich andere Aufgaben suchen. Kriege werden mit Drohnen und selbstlenkenden Cruise Missiles geführt. Roboter erobern Haushalte, die Haus- und Putzfrauentätigkeiten ersetzen. Handwerker werden durch 3D-Drucker überflüssig, Fahrradkuriere durch selbststeuernde Logistikdrohnen, Hochschullehrer durch internetbasierte E-Universitäten... Das ist kein Science Fiction. All das gibt es schon. Es wird nur noch nicht massenhaft genutzt. Aber das kann sich rasch ändern.

Technikeuphorie ist fehl am Platze - die Gewissheit, dass technologische Umwälzungen in der Vergangenheit die Arbeit nicht abgeschafft haben, hilft denjenigen, die heute ihre Jobs verlieren, gar nicht. Auch Maschinenstürmertum wäre ein verfehlter Reflex - die Tech-Revolution ist längst im Gange.

Anderthalb Milliarden Smartphones gibt es Schätzungen zufolge auf der Erde. 2020 sollen es doppelt so viele sein - Hochleistungscomputer im Westentaschenformat für fast die halbe Weltbevölkerung. Unter den Top-Ten-Firmen mit dem höchsten Börsenwert weltweit finden sich drei Digitalgiganten (Apple, Google, Microsoft). Google ist heute in etwa so viel wert wie der Ölgigant ExxonMobil vor zehn Jahren - dabei ist der Suchmaschinenkonzern überhaupt erst 15 Jahre alt. Apple (gegründet 1976) ist inzwischen das teuerste Unternehmen der Welt, gut fünfmal teurer als der derzeit teuerste deutsche Konzern Bayer (gegründet 1863).

Daten werden wichtiger als Dinge. In der Autoindustrie findet eine Transformation vom Fahrzeugbesitz zur Mobilitätsdienstleistung statt. Überwiegend datengetriebene Services entstehen. Wer Daten hat, hat Marktmacht - und kann einen Großteil der Gewinne für sich abzweigen. Ob VW, Daimler, BMW, Bosch, Continental & Co. im Ringen mit den US-Digitalriesen bestehen, ist offen.

Denn die Digitalisierung führt bei vielen Gütern zu einem rapiden Preisverfall. Zwischen 2010 und 2014 wurden Mobilcomputer in Deutschland um 40 Prozent billiger, IT-Dienstleistungen um zwölf Prozent, Mobiltelefonieren immerhin um neun Prozent, wie das Statistische Bundesamt vorrechnet. Nennenswerte Preissteigerungen gab es noch bei überwiegend lokalen Dienstleistungen und, durch die Energiewende, bei Strom. Manche Digitalprodukte werden gar zu "freien Gütern", die in den gängigen volkswirtschaftlichen Rechenwerken gar nicht mehr auftauchen. Was die Notenbanken derzeit als deflationäre Tendenzen bekämpfen - Dienstag entscheidet die Bank of Japan, Mittwoch die amerikanische Fed über den weiteren geldpolitischen Kurs -, ist mindestens zum Teil Folge der Digitalisierung.

Kreieren wird als Erfolgsfaktor in der durchdigitalisierten Wirtschaftswelt wichtiger als produzieren. Apple verdient sein Geld mit der smarten Verzahnung intelligenter Elektronik und passender Inhalte, nicht mit der Produktion von Computern, Handys oder MP3-Playern. Die Herstellung selbst wandert irgendwohin, an den billigst möglichen Ort eben. Ein Menetekel für viele andere Branchen.

Ist die Bundesrepublik für die neue Zeit gerüstet?

Deutschlands aktuelle Wirtschaftsstärke basiert großteils auf Wirtschaftsstrukturen, die aus dem späten 19. Jahrhundert stammen: Autos, Maschinen, Chemie, Elektro. Dass diese Branchen in den vergangenen Jahren so erfolgreich waren, lag auch an einem historischen Zufall: Sich rasch industrialisierende Schwellenländer, insbesondere China, brauchten gerade das, was die deutsche Wirtschaft im Angebot hat. Doch der Boom scheint zu Ende zu gehen. Ob die Strukturen des Produzierens sich zu Strukturen des Kreierens wandeln können, muss sich noch erweisen. Für übermäßige Selbstzufriedenheit besteht jedenfalls kein Anlass.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der kommenden Woche

MONTAG

Hannover - Digitale Leistungsschau - Die IT-Messe Cebit beginnt mit allerlei Prominenz (Gabriel, de Maizière, Oettinger…)

Potsdam - Lohnpoker - Dritte Runde der Tarifverhandlungen für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst der Länder.

DIENSTAG

Tokio - Gelddrucken für Fortgeschrittene - Die Bank von Japan entscheidet die Fortsetzung ihrer superexpansiven Geldpolitik.

Jerusalem - Bibbern für Bibi - Parlamentswahl in Israel: "Bibi" Netanyahu muss um seine Mehrheit bangen.

MITTWOCH

Washington - Warten auf den Zinsentscheid - Sitzung des Gouverneursrats: Die US-Notenbank Fed überlegt, wann sie die Geldpolitik straffen soll.

Frankfurt - Euro am Pranger - Eröffnung des Neubaus der EZB: Kapitalismuskritiker und Gewerkschaften haben Demos angekündigt.

Berlin - Überschüsse bis zum Abwinken - Das Bundeskabinett will den Finanzplan bis 2019 vorlegen.

Berlin - Deutschland vor! - Die "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" stellt ihre Studie "Das Deutschland-Prinzip. Was uns stark macht. Wie Wohlstand aus Wirtschaftskraft entsteht - Eine volkswirtschaftliche und demoskopische Analyse" vor.

DONNERSTAG

Brüssel - Hellas' Schatten - EU-Gipfel (bis Freitag): Eigentlich soll es um die geplante Energieunion gehen, außerdem um die Wirtschaftspolitik in Schwachperformern wie Frankreich und Italien. Aber vermutlich geht es wieder mal vor allem um - Griechenland.

FREITAG

Hannover - Und Schluss - Die Cebit 2015 endet.

SAMSTAG

Frankfurt - Nordstadt gegen Hauptstadt - Der Deutsche Olympische Sportbund will entscheiden, ob Hamburg oder Berlin Olympia-Kandidat werden soll.

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Seite 1
eisbärchen_123 15.03.2015
1. Natürlich ist Deutschland nicht gerüstet...
...und das liegt zum großen Teil an dieser inkompetenten Regierung, die lieber Wahlgeschenke verteilt, anstatt sinnvolle Reformen zu beschließen.
vollzock 15.03.2015
2. Keine Angst vor Digi Zukunft
Und wer erfindet, konstruiert, produziert, vermarktet und bedient all die schönen Maschinen oder Dienste? Eben, hochgebildete und ebenso bezahlte Spezialisten. Deshalb: Keine Angst vor Fortschritt, weiter Invest in Bildung und Infrastruktur sowie Schaffung klarer Rahmenbedingungen (Stichwort rechtliche Sicherheit, zum Beispiel beim autonomen Fahren)
schlaubert 15.03.2015
3. Mir wird schlecht
Kriege werden mit Drohnen und selbstlenkenden Cruise Missiles geführt." Selten was geschmackloseres in einem "seriösen" Medium gelesen. Im Bombenhagel zu verrrecken (respektive andere verrecken lassen) passt hier wohl nicht ganz in den Kontext.
Irene56 15.03.2015
4.
Exporte bei einem solch schwachen Euro keine grosse Leistung, für wen steigt welches Wachstum?? Für die Banken, Großkonzerne, Aktionäre? Beschäftigung? in der Sparte Mindestlöhne? Ich glaube nicht, dass Deutschland auch nur einen Grund hätte selbstzufrieden zu sein. Und ein böses Erwachen wird es ganz sicher geben, wenn die Menschen erst mal begreifen, dass die Digitalisierung des Lebens für Otto Normalverbraucher nicht unbedingt ein Fortschritt ist, überhaupt für die Menschen, die Gesellschaft bringt die Digitalisierung mehr und mehr eine Entsozialisierung der Gesellschaft. Es ist alles nur noch virtuell, angefangen beim Geld bis zu den Problemen und Sorgen der Menschen. FB, Twitter, App und Co. sind die Drogen, mit denen sich die heutigen und nachfolgenden Generationen zudröhnen und taub machen, für das reale Leben, für ihre unmittelbaren Mitmenschen.
Bueckstueck 15.03.2015
5. Ojeoje
Das klingt alles so, als ob der Autor von den technischen Hintergründen keinen blassen Dunst hat, wenn er da von selbstfahrenden Autos und Frachtschiffen fabuliert als ob er das zu seinen Lebzeiten noch in Serie sehen würde. Oder aber Sekretärinen als einfache Tippsen abwualifiziert, glaubt, dass Kriegsdrohnen sich selbst steuern und Cruise Missiles etwas neues wären. Und so geht es weiter. Ja sicherlich entwickelt sich die Welt stets weiter Richung Automation, da muss ma kein Prophet sein, aber der Bogen den Herr Müller hier mit seinen Beispielen spannt, ist schon ziemlich amüsant...
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