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Diplomatische Krise: Organhandel-Vorwurf provoziert Eklat zwischen Israel und Schweden

Israel und Schweden stürzen in die tiefste diplomatische Krise seit Jahren - Anlass ist ein schwedischer Zeitungsartikel über den angeblichen Diebstahl von Organen toter Palästinenser. Israels Premier Netanjahu ruft die Regierung in Stockholm auf, gegen die "Blutlüge" einzuschreiten - ohne Erfolg.

Israels Premier Netanjahu: Klare Forderung an die schwedische Regierung Zur Großansicht
dpa

Israels Premier Netanjahu: Klare Forderung an die schwedische Regierung

Tel Aviv - Inzwischen beschäftigt sich selbst die Regierungsebene mit dem Zeitungsartikel, in dem es über den angeblichen Diebstahl von Organen toter Palästinenser geht. Netanjahu bezeichnete den Artikel am Sonntag als "Blutlüge" und verlangte, dass die schwedische Regierung den Bericht öffentlich verurteilt.

Flankiert wurde die Forderung Netanjahus durch die israelische Presse. Fast durchweg alle Zeitungen fuhren am Sonntag schwere Geschütze gegen Schweden auf. "Blonder Rassismus", "Die Heuchelei", "Freiheit der Diffamierung" und "Die Lüge, aus der eine Krise wurde" titelten Tageszeitungen. Allein die linksliberale "Haaretz" appellierte, dass Israel das Thema schnell von der Tagesordnung nehmen sollte.

Zur Vorgeschichte: Die schwedische Tageszeitung "Aftonbladet" hatte am Montag einen Beitrag des freiberuflichen Journalisten Donald Bostrom abgedruckt, in dem es um Vorwürfe von Palästinensern geht, wonach toten Verwandten in Israel Organe gestohlen worden seien. Der Journalist legte für die Behauptung keine Beweise wie eine Autopsie vor, verlangte aber eine Untersuchung.

Seitdem hat sich in Israel ein Sturm der Entrüstung zusammengebraut. Die Forderung: Die schwedische Regierung soll den Beitrag als Antisemitismus verurteilen. Regierungschef Netanjahu bezeichnete den Zeitungsartikel am Sonntag als empörend. Aus israelischer Sicht erinnert der Vorwurf des Organ-Diebstahls an antisemitische Stereotype aus dem Mittelalter, wonach Juden das Blut von Christen für rituelle Zwecke benutzt haben sollen.

Dem Verfasser des Artikels droht der Verlust seines Israel-Visums

Israels ultrarechter Außenminister Avigdor Lieberman, der öffentliches Poltern als Markenzeichen pflegt, heizt den Streit seit Tagen an. Als der Fall noch keine großen Schlagzeilen gemacht hatte, verglich er bereits die fehlende Reaktion der schwedischen Regierung mit dem angeblichen "Schweigen" während des Holocausts.

Am Sonntag folgte eine neue Attacke Liebermans. Dieses Mal bezichtigte er Schweden der Heuchelei. Im Fall der umstrittenen Mohammed-Karikaturen habe das schwedische Außenministerium 2006 nicht nur deren Veröffentlichung verurteilt, sondern in einem Brief an die jemenitische Regierung sogar noch sein Bedauern ausgedrückt, sagte Lieberman dem israelischen Rundfunk.

Allerdings: Ungeachtet aller Proteste in der arabisch-islamischen Welt gegen die umstrittenen Mohammed-Karikaturen in der größten dänischen Tageszeitung "Jyllands-Posten" blieb der damalige dänische Ministerpräsident und heutige NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen bei seiner harten Linie. Auch im aktuellen Fall lehnt die schwedische Regierung eine öffentliche Verurteilung unter Verweis auf die Meinungs- und Pressefreiheit ab. "Niemand kann fordern, dass die schwedische Regierung gegen ihre eigene Verfassung verstößt", sagte Ministerpräsident Frederik Reinfeldt. Die Meinungsfreiheit sei ein unentbehrlicher Bestandteil der schwedischen Gesellschaft.

Die Folgen des Streits sind noch nicht abzusehen. Aus dem Außenministerium sickerte durch, dass der geplante Besuch des schwedischen Außenministers Carl Bildt in Israel verschoben werden könnte. Die andere Option: Mit Bildt solle ausschließlich über den Zeitungsbericht gesprochen werden. Andere Themen wie beispielsweise der Ausbaustopp in jüdischen Siedlungen oder der Wiederaufbau des Gazastreifens blieben außen vor. Der Aktionskreis von Schweden, das derzeit die EU-Ratspräsidentschaft innehat, bliebe damit beim Thema Nahost beschränkt.

Harte Zeiten stehen dem schwedischen Journalisten Bostrom bevor. Israels Innenminister Eli Jischai ordnete nach Angaben des israelischen Rundfunks an, dass die Aufenthaltsgenehmigung Bostroms eingefroren werden soll.

Von Hans Dahne, dpa

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