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13. Dezember 2012, 09:29 Uhr

Einkommensverteilung

Deutschlands Mittelschicht schrumpft dramatisch

Die Mittelschicht in der Bundesrepublik ist in den vergangenen Jahren um mehr als fünf Millionen Menschen kleiner geworden. Laut einer DIW-Studie profitiert nur noch eine kleine Elite vom wachsenden Wohlstand. Die Forscher warnen vor einer sozialen Spaltung des Landes.

Hamburg - Deutschlands Mittelschicht gerät zunehmend unter Druck. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und der Universität Bremen im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. "Gemessen an den Reallöhnen, dem realen Haushaltsnettoeinkommen und dem Vermögen hat die Einkommensmittelschicht in Deutschland in den vergangenen Jahren zum Teil deutliche Einbußen erlitten", zitiert die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) aus der Studie.

Den Forschern zufolge nimmt die Ungleichheit sowohl beim Einkommen als auch bei den Vermögen der Deutschen zu: Nur eine "Elite der Gesellschaft" habe in den vergangenen Jahren ihren Wohlstand steigern können. Das Versprechen "Wohlstand für alle", Titel eines berühmten Buches von Ex-Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, werde "nicht mehr so eingelöst wie noch in der langen Phase seit den fünfziger Jahren".

Die Studie definiert die Mittelschicht als jene Bevölkerungsgruppe, die über 70 bis 150 Prozent des sogenannten Medianeinkommens verfügt. Das Medianeinkommen teilt die Bevölkerung in zwei gleich große Hälften - in die Menschen mit einem höheren und die mit einem niedrigeren Einkommen. Es lag 2010 bei 19.400 Euro. Zur Mittelschicht gehörten damit Alleinstehende mit einem Monatseinkommen von 1130 bis 2420 Euro oder Familien mit zwei Kindern unter 18 und einem Budget von 2370 bis 5080 Euro.

Absetzbewegung nach oben

Die Mittelschicht sei seit 1997 kleiner geworden und habe im Jahre 2010 "ihren bisherigen Tiefpunkt" erreicht, zitiert die "SZ" aus der Studie. Ihr Anteil an der Bevölkerung habe sich in diesem Zeitraum von 65 auf 58,5 Prozent oder um 5,5 Millionen auf 47,3 Millionen verringert. Als Ursache für die Entwicklung nennen die Wissenschaflter unter anderem die Zunahme von Haushalten mit Singles und Alleinerziehenden, die Zuwanderung "bildungsferner Personen", die Senkung des Spitzensteuersatzes und die ungenügende Angleichung von Sozialleistungen an die Inflation.

Neben der wachsenden Ungleichheit kritisiert die Untersuchung auch eine sinkende Chancengerechtigkeit. Für Einkommenschwache werde es schwieriger, gesellschaftlich aufzusteigen. "Eine soziale Durchmischung der gesamten Gesellschaft findet immer weniger statt", schreiben die Autoren. Dort, wo noch sozialer Aufstieg gelinge, handele es sich um eine "Absetzbewegung von wenigen aus der Mitte nach oben".

Die Frage, wie gerecht der Wohlstand in Deutschland verteilt ist, sorgte in den vergangenen Wochen einmal mehr für heftige Diskussionen. So ließ die FDP kritische Passagen aus einem Entwurf für den Armutsbericht der Bundesregierung streichen. Getilgt wurde dabei unter anderem die Aussage: "Die Privatvermögen in Deutschland sind sehr ungleich verteilt."

dab

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