Debakel bei G7-Gipfel Wie US-Präsident Trump die internationale Handelsordnung zerstört

Der freie Welthandel gilt als Dogma. Mit seinem Eklat beim G7-Gipfel hat Donald Trump dessen Ende eingeläutet. Denn ohne die USA dürfte es für die Globalisierung schwer werden. Das wird auch Deutschland spüren.

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Ein Tweet reichte Donald Trump, um vieles von dem zu zerstören, was seine Vorgänger und andere Regierungschefs in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaut hatten. "Ich habe unsere US-Repräsentanten angewiesen, das Kommuniqué nicht zu unterstützen", schrieb ein offensichtlich wütender Trump am Sonntag nach seiner Abreise vom G7-Gipfel in Kanada. Und schob gleich noch eine Drohung hinterher: "Wir werden uns Zölle auf Autos anschauen, die den US-Markt fluten."

Mit seinem Wutausbruch per Twitter verursachte Trump nicht nur einen beispiellosen diplomatischen Eklat in den Beziehungen mit den westlichen Bündnispartnern der USA - er machte auch noch einmal mehr als deutlich, dass er gewillt ist, eine Ära der internationalen Handelsbeziehungen zu beenden.

In den vergangenen Jahrzehnten bewegte sich der Welthandel stetig in eine Richtung: Liberalisierung. Im Rahmen der Welthandelsorganisation WTO und des Vorläuferabkommens GATT verpflichteten sich die beteiligten Staaten zum immer weitergehenden Abbau von Zöllen und anderen Handelshemmnissen. Hinzu kamen multilaterale Freihandelszonen wie die EU, die nordamerikanische Nafta oder die asiatisch-pazifische Apec. Weitere Abkommen wie das transatlantische TTIP oder das transpazifische TPP waren auf dem Weg - bis Trump mitmischte.

Trump mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in Kanada
AFP

Trump mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in Kanada

Seit der US-Präsident regiert, ist die Liberalisierung des Welthandels zum Stillstand gekommen, weil eine neue Denkweise Einzug gehalten hat. Zwar haben die beteiligten Staaten natürlich schon immer darauf geschaut, dass die jeweiligen Handelsabkommen im Ergebnis positiv für sie waren - was im Rahmen der WTO häufig auch zu Rückschlägen und Verzögerungen führte. Doch am Ende einte alle relevanten Wirtschaftsmächte der Glaube daran, dass ein möglichst ungehinderter Handel irgendwie zum Wohle aller Nationen sei.

Gestützt und verbreitet wurde diese Überzeugung maßgeblich von den USA, die ihren Unternehmen möglichst freien Zugang zu möglichst vielen Märkten verschaffen wollten - und die leidvoll aus der Geschichte gelernt hatten, was ein Handelskrieg bedeuten kann. Während der Großen Depression in den Dreißigerjahren hatten die USA angesichts ihrer Wirtschaftskrise nämlich schon einmal Hunderte Importzölle erhöht. Viele Handelspartner reagierten damals ihrerseits mit Schutzzöllen, wodurch die Krise nur verlängert wurde.

Auf ein solches Szenario steuert die Welt im schlimmsten Fall auch jetzt wieder zu. Noch sind wir zwar weit entfernt vom Dreißigerjahre-Szenario, die bisher verhängten US-Strafzölle betreffen einen ähnlich geringen Teil des Handels wie die angekündigten Gegenmaßnahmen von EU, Kanada, China oder Japan. Doch je stärker der Streit eskaliert - und genau darum scheint es Trump zu gehen - desto größer wird die Bedrohung für die Weltwirtschaft.

Wie weit wird Trump gehen?

Schon die von Trump in seinem Wut-Tweet angekündigten Zölle auf Autos wären eine ganz andere Dimension als die bisher verhängten Strafaufschläge auf Stahl- und Aluminiumimporte. Und in Washington gehen mittlerweile viele Beobachter davon aus, dass er damit ernst machen wird.

Trump stört sich offenbar besonders an den vielen deutschen und japanischen Autos auf US-Straßen - und sieht die amerikanische Wirtschaft dabei ungerecht behandelt. Tatsächlich werden auf Autos, die aus der EU in die USA eingeführt werden, bisher nur 2,5 Prozent Zölle fällig, umgekehrt sind es bei Einfuhren in die EU 10 Prozent. Trump droht nun mit Aufschlägen von bis zu 25 Prozent - ein Schritt, der nicht nur Deutschland und Japan hart treffen würde, sondern auch die US-Nachbarn Kanada und Mexiko, wo viele Autos für den US-Markt produziert werden (siehe Grafik).

Bleibt die Frage, warum Trump das alles macht. Auch sein Land würde schließlich darunter leiden, wenn es zu einem wirklichen Handelskrieg käme. Zwar exportieren die Amerikaner tatsächlich seit Jahren weniger Waren als sie importieren (siehe Grafik). Bei Dienstleistungen sieht es aber schon ganz anders aus: Da erwirtschaften die USA stetige Überschüsse. Auch das wäre im Falle eines Handelskriegs gefährdet.

Meint Trump es also wirklich ernst, wenn er schreibt, die anderen Volkswirtschaften bräuchten die USA mehr als umgekehrt? Und wenn er droht, den Handel mit anderen Staaten einfach ganz einzustellen, falls diese nicht spuren?

Eigentlich ist diese Drohung so absurd, dass man sie für leer halten muss. Doch bei Donald Trump scheint derzeit nichts ausgeschlossen. Nicht mal, dass er sein Land zurück in die Vorglobalisierungsära führt.

Für die Weltwirtschaft wäre das eine Katastrophe - und Deutschland würde wohl mit am schlimmsten darunter leiden. Kaum ein anderes Land ist so abhängig vom Export wie die Bundesrepublik. Und das wichtigste Zielland sind dabei noch immer die USA. Allein im vergangenen Jahr flossen deutsche Waren im Wert von mehr als 111 Milliarden Euro in die Vereinigten Staaten - fast ein Zehntel der gesamten Exporte. Darauf lässt sich nicht so einfach verzichten.

Und genau das macht auch die Reaktion auf solche Drohungen so schwierig. Bei Trumps Mischung aus Dreistigkeit und Unberechenbarkeit scheint all das möglich, was man anderen Verhandlungspartnern nie zutrauen würde.

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dieter-ploetze 10.06.2018
1. schwer fuer globalisierung?
das sollte genauer gesagt werden. und zwar wird es schwer fuer die ungehemmte ungeregelte globalisierung. ich wuerde das erst mal als positiv betrachten, denn wohin fuehrt uns die ungeregelte globalisierung? dass man diese regeln muesse, wurde zwar schon oft angemahnt, passsiert ist aber nichts, denn jede regelung wuerde den ungehemmten profit schmaelern. und darum allein geht es bei der globalisierung, aus menschenfreundlichkeit geschieht hier gar nichts. ausserdem dachte ich, so wurde es uns jedenfalls medial immer eingebleut, die globalisierung liesse sich nicht rueckgaengig machen. aber zumindest erschweren und verlangsamen kann man sie, und daraus folgernd vielleicht wirklich mal kontrollen und regeln einbauen.
Neophyte 10.06.2018
2. Das weiße Haus steht unter Einfluss einer ausländischen Macht
Das sollte langsam allen klar werden. Trumps Aktionismus nützt niemanden, außer Putin! Trump führt einzig und allein die russische Außenpolitik aus um den Zusammenhalt des Westens nachhaltig Schaden zuzufügen. Warum dies so ist, darüber kann man nur spekulieren, aber vielleicht hat Sonderermittler Robert Müller bald die finale Antwort,.. es bleibt dem Westen und auch den USA zu wünschen!
equigen 10.06.2018
3. Der Markt in China ist groß genug, und Indien kommt auch langsam dazu
Wenn die USA sich abschotten wollen treiben wir eben mit anderen Handel und nach und nach wird dann deren Lebensstandard weiter steigen. Die Waren in den USA werden teurer werden, die Waren schlechter und der US Lebensstandard wird sinken. Ist auf Dauer nicht das Problem der restlichen Welt, sondern der Trump‘schen Wähler in einem eingeigelten Staat. Fragt sich nur, ob das alle Amerikaner dauerhaft so toll finden.
ade 10.06.2018
4. Die
deutschen Autos die er fahren sieht werden doch fast alle in Amerika produziert und sogar nach Deutschland exportiert.
rkinfo 10.06.2018
5. EU: max. 6% Exportüberschuß ... wir haben aber seit Jahren grob 8% !!!
Bei 285 Mrd. € (2017) wären also bei uns -70 Mrd. €. US-Zölle auf deutsche Autos, Triebwerke/Turbinen und Arnzeimittel betreffen Warenströme von ca. 20 Mrd. €, die dann vielleicht um 5 Mrd. € einbrechen würden. 'Eine Krise für die Weltwirtschaft' sieht anders aus, denn Zölle sind Einnahmen für den US Haushalt und senken das US-Handelsdefizit, was für den Dollar gut ist. Vielleicht spielte D. Trump bei G7 und danach nur den Wirren, damit die restlichen G6 den Ernst ihrer Lage kapieren?
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