US-chinesischer Handelsstreit Trump? Komm doch!

Im Wahlkampf punktete Donald Trump mit Tiraden gegen China, drohte dem Rivalen mit Handelskrieg. Doch in Peking bleibt man gelassen - und hat dafür fünf gute Gründe.

Chinas Staatschef Xi Jinping
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Chinas Staatschef Xi Jinping

Von , Peking


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Je länger die US-Präsidentschaftswahl zurückliegt, desto übermütiger werden Chinas Blogger. Der Sieg von Donald Trump, frohlockt einer, der sich den langen Namen "Shuibuzhao Jiuqukanshu" gab, sei gut für Peking. Und er sei schlecht für Chinas Nachbarn, die sich bislang politisch und wirtschaftlich auf Amerika verließen. Das könne man mit ein paar einfachen Emojis zeigen:

Shinzo Abe, Japans Ministerpräsident? "Schluchz, schluchz, schluchz."

Lee Hsien Loong, der Regierungschef von Singapur? "Schluchz, schluchz, schluchz, schluchz, schluchz."

Die Präsidentin von Südkorea? Die Präsidentin von Taiwan? Noch mehr Schluchzer, noch mehr Tränen.

Trumps Drohung, sich aus Asien zurückzuziehen, seine kühle Haltung gegenüber traditionellen US-Verbündeten sowie der stille Tod des Freihandelspaktes TPP, der China ausdrücklich ausschloss, heben die Stimmung in Peking. Das ist verständlich.

Aber es überrascht, dass andere, noch lautere Ankündigungen Trumps diese gute Stimmung bislang nicht trüben. Während des Wahlkampfs war Trump China hart angegangen. Peking manipuliere seine Währung und habe Millionen amerikanischer Jobs gestohlen. Er werde diesen "größten Diebstahl der Weltgeschichte" rächen und chinesische Importe mit Strafzöllen von bis zu 45 Prozent belegen. Als Präsident könne er das.

Und am Dienstag berichtete der US-Fernsehsender CNN über einen Zeitplan von Trumps Übergangsteam für die ersten Monate in der Handelspolitik. Binnen 100 Tagen, so heißt es darin, wolle Trump China als "Währungsmanipulator" brandmarken und den Druck erhöhen.

Chinas Führung scheint ungerührt. Am Montag telefonierte Chinas Staatschef Xi Jinping mit seinem designierten Amtskollegen und ging mit freundlichen Floskeln über dessen Drohungen hinweg. Die Erfahrung lehre, sagte er, dass Zusammenarbeit besser sei als Konfrontation.

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Warum aber lässt China die Aussicht auf einen Handelskrieg mit der größten Volkswirtschaft der Welt derart kalt? Dafür gibt es gute Gründe:

Erstens: Die Chinesen sind amerikanische Drohungen gewöhnt.

Spätestens seit Pekings Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO 2001 zählt das China-Bashing zum Repertoire amerikanischer Wahlkämpfe. Politiker sowohl der Demokraten als auch der Republikaner haben, wenn auch nicht so explizit wie Trump, Chinas Lohn-, Preis- und Währungsdumping immer wieder angeprangert.

Dramatische Konsequenzen haben sie in der Regel aber nicht gezogen. Der Handel nahm stetig zu, die Investitionen amerikanischer Unternehmen in China sogar viel stärker als bislang bekannt: Nach einer aktuellen Studie der US-Marktforschungsfirma Rhodium Group liegen sie mit 228 Milliarden Dollar seit 1990 etwa dreimal so hoch wie vor der US-Wahl angenommen - und dreimal höher als die Investitionen Chinas in den USA.

Chinesische Container in Los Angeles
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Chinesische Container in Los Angeles

Zweitens: Auch China hat seinen Handelspartnern schon mit Krieg gedroht.

Zuletzt drohte China im Juni, als die Europäische Union erwog, dem Land den Status einer Marktwirtschaft vorzuenthalten. Den hatte sie Peking beim WTO-Beitritt zugesagt. Sollte die EU ihre Zusage brechen, so habe sie mit einem "ausgemachten Handelskrieg" zu rechnen, schrieb die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua. Diese Drohung steht nach wie vor im Raum, Brüssel muss sich noch in diesem Jahr entscheiden. Japan und die USA verweigern China den Marktwirtschaftsstatus bislang.

Drittens: China hält sich mittlerweile für stark genug.

Auch mit den USA kann das Land es aufnehmen, folgt man der eigenen Einschätzung. Als Trümpfe führt die nationalistische Tageszeitung "Global Times" unter anderem Chinas Luftfahrt-, Smartphone- und Bildungsmarkt an. Die Zahlen hinter den Schlagwörtern sind beeindruckend: Der US-Flugzeugbauer Boeing erwartet in den kommenden 20 Jahren 5000 Bestellungen aus China, weit mehr als aus jedem anderen Land der Welt. Apple verkaufte 2015 in China 69 Millionen iPhones. China ist damit Apples größter Markt und wird auch für US-Dienstleister wie Starbucks, Disney oder McDonald's immer wichtiger. Dasselbe gilt für Amerikas Universitäten: Mit knapp 330.000 Studierenden stellen die Chinesen die mit Abstand größte Gruppe aller Ausländer an US-Hochschulen. Manche von ihnen hätten es ohne die Studierenden aus China wirtschaftlich schwer.

Viertens: Die Sterne stehen für China geostrategisch günstig.

Europa, das China als einheitlicher Wirtschaftsraum ebenbürtig wäre, ist seit dem Brexit gespalten und mit den politischen Folgen der Flüchtlingskrise beschäftigt. Russland und die Ölstaaten des Nahen Ostens sind ökonomisch angeschlagen und müssen ihre Rohstoffe billig verkaufen. Von Osteuropa bis Lateinamerika, wohin Präsident Xi diese Woche zu seiner dritten Reise aufbricht, werden Chinas Führer als Kunden und Investoren gern empfangen. Diese Konstellation mag sich schon in wenigen Monaten wieder auflösen, doch China war zuletzt sehr gut darin, strategische Gelegenheiten wahrzunehmen.

Fünftens: Trumps Drohungen passen zu Chinas großem Plan.

Ausgerechnet Chinas Billigimporte will Trump mit hohen Zöllen belegen. Das hört sich nach einer Drohung an, passt langfristig aber zu dem großen Plan, den Peking mit seiner Wirtschaft ohnehin verfolgt: China will nicht länger die "Werkbank der Welt" sein, sondern sichin eine moderne, innovative Dienstleistungswirtschaft umwandeln. Vielleicht gelingt es Präsident Trump, einen Handelskrieg gegen China auszulösen. Aber es könnte sein, dass er damit nur beschleunigt, was China am Ende selbst gerne will.

Nicht zuletzt halten nur wenige in China - ebenso wie in den USA - einen harten Handelskrieg wirklich für wahrscheinlich. Schlicht, weil er nur Verlierer hervorbringen würde: Die beiden größten Volkswirtschaften der Welt sind ökonomisch voneinander abhängig, wie es zwei solche Rivalen bislang noch nie waren.


Zusammengefasst: Donald Trump hat China im Wahlkampf mit einem Handelskrieg gedroht, nach seinem Sieg schmiedet sein Team entsprechende Pläne. Chinas Führung bleibt dennoch gelassen - und das nicht nur, weil bisherige Drohungen aus Amerika ohne Konsequenzen blieben. Inzwischen ist China für die US-Wirtschaft ebenso wichtig wie umgekehrt, zudem sind chinesische Investitionen weltweit begehrt. Und nicht zuletzt setzt die Führung in Peking langfristig ohnehin weniger auf Exporte.

insgesamt 105 Beiträge
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Seite 1
gegenpressing 16.11.2016
1.
Ach jetzt kapier ich den Plan von Trump! Er will, dass die USA endlich wieder die Billigjobs aus Mexiko und China ins Land holen und die Bildung vom Wahlvieh soll runter gefahren werden - ist ja eh nur was für die Elite. Dann wird China also so schrecklich wie die USA heute und die US Arbeiter können endlich wieder iPhones zu so tollen Arbeitsbedingungen bauen, wie heute in China herrschen. Der ist aber auch ein Fuchs, der Donald T.
skr72 16.11.2016
2. Trump macht den Farage
Bereits kurz nach der Wahl gibt er bekannt das zentrale Wahlversprechen Unsinn sind. Die Dreistigkeit wie Rechte ihre Wähler belügen und gar nichts von dem Umsetzen, was sie den Wählern versprochen haben schockiert vermutlich sogar "gefühlte-Realitäten"-inspirierte AfDler. Sorry, wer glaubt, das rechte Lügner sie schon nicht selber nicht belügen werden, der glaubt auch, dass für einen Russlandfeldzug keine Winterausrüstung braucht.
68bella68 16.11.2016
3. China größter Gläubiger der USA
China hält die meisten US-Staatsanleihen und ist somit größter Gläubiger der USA. Mit diesen US Bonds haben die Chinesen wie kein anderes Land Macht über den Dollar und sind der FED fast ebenbürtig. Schuldner sollten ihre Gläubiger nicht unnötig reizen, denn diese sitzen am längeren Hebel...
newest_2 16.11.2016
4. Härtere Gangart
Wäre angebracht und ist auch möglich. US und Europa brauchen China als Importeur für Billigware ( Smartphones, hässliche Klamotten, verseuchtes Kinderspielzeug) Darauf kann man zur Not verzichten. Die Chinesen auf unsere Wäre nicht: Autos, Spezialmaschinen, Hochtechnologie-eben alles, um zum Industrieland zu werden und den Lebensstandard weiter zu heben. Wenn das nämlich nicht klappt, fliegt der Partei der Kaden um die Ohren. Insofern: Bessere Verhandlungposition Westen! Also: Druck. Schluss mit Ideenklau und künstlichem Wechselkurs, sonst gibt's Ärger! Das geht ( noch). Insofern: Richtiger Ansatz von Trump!
merrailno 16.11.2016
5. Vorbild für Trump
Zitat von gegenpressingAch jetzt kapier ich den Plan von Trump! Er will, dass die USA endlich wieder die Billigjobs aus Mexiko und China ins Land holen und die Bildung vom Wahlvieh soll runter gefahren werden - ist ja eh nur was für die Elite. Dann wird China also so schrecklich wie die USA heute und die US Arbeiter können endlich wieder iPhones zu so tollen Arbeitsbedingungen bauen, wie heute in China herrschen. Der ist aber auch ein Fuchs, der Donald T.
war 1982 H. Kohl mit der geistig moralischen Wende und G. Schröder mit der Agenda 2010. Die Popolisten wurden von CDU/CSU/FDP/GRÜNE/SPD bedient und unter Hilfe der Medien, Bertelsmann und der INSM weiter verdummt und jetzt mit AFD und Pegida das gleiche Dummvolk wie in den USA herangezogen.
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