Handelskrieg Trumps Sorgen wegen China sind berechtigt

Donald Trump will das Handelsungleichgewicht mit China nicht mehr akzeptieren. Wir Deutschen verspotten ihn dafür und glauben an die Segnungen des freien Welthandels. Dabei ist gerade dieser Glaube ziemlich naiv.

Amerikanisches Schiff im Hafen von Shanghai
AFP

Amerikanisches Schiff im Hafen von Shanghai

Ein Kommentar von


US-Präsident Donald Trump zerstört gerade die heile deutsche Welt des Freihandels. Es gibt hierzulande kaum eine seriöse Stimme, die seinen Drohungen, Zölle gegen China zu erheben, beipflichtet. Dabei müssen wir ihm vielleicht eines Tages noch dankbar dafür sein.

China stellt den Westen vor eine Herausforderung, der man gerade im Autoland Deutschland ungern entgegen sieht. Schließlich ist China für Konzerne wie VW oder Daimler der wichtigste Absatzmarkt. Wer, außer den Chinesen selbst, profitiert mehr vom rasanten wirtschaftlichen Aufstieg des Landes als die Deutschen?

VW-Werk in der Nähe von Shanghai
DPA

VW-Werk in der Nähe von Shanghai

Doch der schnelle Profit in China macht die Deutschen blind für die langfristigen Folgen des chinesischen Aufstiegs. China spielt im Welthandel sein eigenes Spiel. Nicht nur was Demokratie und Menschenrechte betrifft, sondern auch mit Blick auf die Regeln des Kapitalismus. Wobei Chinas besondere Wirtschaftsregeln moralisch viel weniger anfechtbar sind als sein politisch repressives System. Im Gegenteil: Sie haben wesentlich dazu beigetragen, über eine Milliarde Chinesen aus der bittersten Armut zu befreien und damit die Welt wesentlich gerechter zu machen.

Zu Chinas eigenen Kapitalismus-Regeln gehört vor allem zwei Punkte:

  • Die nach wie vor stark begrenzte Konvertibilität der chinesischen Währung, des Yuan. Auch wenn China den Yuan gerade deutlich aufgewertet hat und Währungsfragen deshalb im gegenwärtigen Handelsstreit mit den USA keine Rolle spielen, bleibt Peking in Währungsfragen unabhängig und unterwirft sich nicht dem Gesetz freier Wechselkurse. Damit kann China den Wechselkurs immer auch als Waffe einsetzen: mit einem schwachen Yuan billig exportieren oder mit einem starken Yuan weltweit günstig investieren.
  • Die Kontrolle über die Kapitaleinfuhren und -ausfuhren. Niemand kann uneingeschränkt in China investieren oder sein dort erwirtschaftetes Kapital ungehindert im Ausland anlegen. Ausländische Investitionen sind sogar besonders stark reguliert: In den meisten Branchen müssen die Inverstoren in ein Joint Venture mit einem chinesischen Partner eintreten, allen voran in der Autoindustrie.

Solange er lebte, hat der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt der chinesischen Regierung immer empfohlen, die Kontrolle von Wechselkurs und Kapitalbilanz nicht aus der Hand zu geben. Das Ergebnis lässt sich heute sehen: Die Wall Street mag die Welt regieren, aber nicht China. Das Land ist vom internationalen Finanzkapital unabhängiger als die meisten und behält die Macht über seine eigene Wirtschaft.

Yuan
AFP

Yuan

Mehr noch: Chinesische Konzerne greifen zunehmend die Dominanz der westlichen Marktführer an. Der Online-Händler Alibaba etwa würde dem US-Konkurrenten Amazon "schon heute die Schlinge anlegen, wenn der US-Markt nicht geschützt wäre", analysiert der China-Experte Patrick Artus, Chefökonom von der großen französischen Investmentbank Natixis.

Deshalb schreckten ja auch viele Deutsche so auf, als der chinesische Autoboss Li Shifu kürzlich größter Daimler-Aktionär wurde. Solche Reaktionen zeugen von den neu aufkeimenden Sorgen des Westens, China in Zukunft wirtschaftlich unterlegen zu sein.

Solche Sorgen sind durchaus begründet, solange sie nicht in Untergangsvisionen oder plumpes China-Bashing ausarten. Und deshalb sind auch die Gründe für das Handeln des US-Präsidenten durchaus nachvollziehbar. "Donald Trump interessiert sich für Innovation. Die Schlacht, zu der er aufruft, ist viel mehr eine Technologie-Schlacht als ein Handelskrieg", erklärt etwa der Pariser Sorbonne-Professor Lionel Fontagne, ein renommierter Handelsexperte.

Selbstgestellte deutsche Falle

In Deutschland dagegen hat man sich zu sehr daran gewöhnt, in der Freihandelswelt von heute als Sieger dazustehen. Schließlich, so können wir Deutschen immer sagen, haben wir einen größeren Handelsüberschuss als China.

Genau hier aber liegt die selbstgestellte deutsche Falle. Freihandel ist eben nicht immer gerecht und nützt beiden Seiten, wie es das ordoliberale deutsche Denken behauptet. Er kann zu enormen Ungleichgewichten führen, die korrigiert werden müssen.

Das war in den Achtzigerjahren zwischen Japan und den USA der Fall. Der historische Plaza Accord von 1985 trug dem Rechnung. Er führte zu einer starken Aufwertung des japanischen Yens und zu einer Spekulationsblase, die irgendwann platzte. Aber letztlich führte er auch zu einer Korrektur der Handelsbilanzen. Schon damals wurde jahrelang über einen Handelskrieg zwischen der größten und zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt spekuliert.

Heute hat China Japan als zweitgrößte Volkswirtschaft abgelöst. Aber das bilaterale Handelsungleichgewicht mit den USA ist ähnlich groß wie das frühere mit Japan. Es schreit nach Ausgleich. Das weiß auch die chinesische Führung.

Premierminister Li Keqiang spricht auch in diesen Tagen weiter von der Notwendigkeit einer größeren Marktöffnung Chinas. Staats- und Parteichef Xi Jinping engagiert sich persönlich für eine große Importmesse im Herbst in Shanghai. Gerade hat er auf dem Boao-Forum auf der chinesischen Insel Hainan, eine Art Davos-Treffen in Ostasien, versprochen, die Zölle für importierte Autos erheblich zu senken. Xis Ton bleibt konziliant, mit gutem, weitsichtigem Grund. Viele chinesische Ökonomen sehen Trumps Vorstoß durchaus als Chance für China, seine Hausaufgaben zu machen und die eigene Abhängigkeit vom Export zu reduzieren.

Donald Trump
AFP

Donald Trump

Die deutsche Antwort auf Trump sollte ähnlich differenziert sein. Statt ihm gebetsmühlenartig vorzuwerfen, er zerstöre das eigene, von den USA nach dem Zweiten Weltkrieg errichtete Freihandelssystem, gilt es zu erkennen, wie Chinas Aufstieg dieses System heute in Frage stellt.

Lohnt es auch heute noch, westliche Technologievorsprünge in Joint Ventures mit China zu teilen? Vieles spricht dafür, weil Chinas Versprechen in wenigen Jahrzehnten zur größten Wohlstandsgesellschaft der Welt anzuwachsen, einfach zu glaubwürdig ist. Doch der Westen muss sich dabei über die Risiken für seine eigene Wirtschaft im Klaren sein.

Trump empfindet diese Risiken für die USA als zu groß. Er hat legitime Gründe dafür, die sich mit einfachen Freihandelsbekenntnissen nicht aus der Welt schaffen lassen.

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vlscout 13.04.2018
1. sehr guter Kommentar
Nun ja, vielleicht liegt es ja nur daran, dass er meine Meinung widerspiegelt ;-) Aber bei allem Trump-Bashing und berechtigter Kritik an seiner manischen Egozentrik sollte man die Fakten nicht außer Acht lassen. Und in vielen Punkten hat er schlicht Recht. - Warum sind die Zölle der EU für Einfuhren aus den USA höher als anders herum? Die EU tut so, als sei sie die Geschädigte. Der Räuber schreit laut "haltet den Dieb!" - China genauso. Warum lässt die Welt China diesen krotesk unfairen Handel durchgehen? Glauben Sie denn, Daimler könnte ohne weiteres in China Firmenbeteiligungen erwerben so wie es umgekehrt offenbar erlaubt wird? Es geht nicht nur um Zölle. Regelmäßig werden ausländische Marken in China durch staatliche Medien quasi "abgeschossen", und einheimische Mitbewerber übernehmen zufällig deren Marktanteile. - Trumps Aussage zu Merkels Migrationspolitik, er habe immer viel von Merkel gehalten, aber was sie mit dieser Politik ihrem Land antue, sei eine Schande - damit hat er ja wohl auch Recht, siehe nur Jungfernstieg heute. Die ganze Welt sieht das so, nur wird das ungern in Deutschland berichtet
Periklas 13.04.2018
2. Finanzpolitik
Wirtschaftspolitik in den USA stellt sich anders da als wir Europäer es verstehen oder in Asien. Die USA perse generiert über die Finanzpolitik mehr Dollar über Banken, Investmentprodukte und Hypotheken darüber hinaus definieren sie diverse teure Produkte die nur in den USA hergestellt werden. Immobilien, Firmenanteile mit Wertsteigerung, Anleihen etc. Ausgegrenzt hat die Wirtschaftspolitik der USA alle Produkte die billig hergestellt werden, dazu wurden die Produktionswerkstätten und die Handelsniederlassungen nach Fernost und die Rohstoffbeschaffung nach Afrika, Südamerika oder im Nahen Osten verlagert. Die Finanzpolitik hat über Jahrzehnte kein wertschaffende Produkte oder Produktionslinien investiert. Da der "Fox News" Zuschauer sich selbst wundert, dass er als solches kein Produkt "Made in der USA" besitzt und mit Hypothekendarlehen zugemüllt worden ist ist nicht die Schuld von Europa oder Fernost sondern der blutleeren Hybris jeden Krieg annehmen zu wollen. Klärender weise muss man sagen nicht jedes Land hat die Finanzpolitik so im Nacken dass es über einen Kriegsgrund entscheiden kann wie es für das Portmonnaie gerade erforderlich ist für neue Investmentprodukte oder Dienstleistungen aller Art. Schließt man die Kaimaninseln so hat man den Kopf eines gesättigten Mannes mit hellgelben Toupet und kein App auf dem Smartphone. Aber Jammern auf so hohen Niveau ist selbst in der USA einer dreisten Eitelkeit geschuldet. Soll er doch neidvoll auf die Wirtschaftzahlen nach Europa blicken auf Gesundheitsförderung und Rentenzahlung. Er kann diese Werte seinem Volk nicht anbieten.
obersterhofnarr 13.04.2018
3. Die Abschottung
des Kapital- und Immobilienmarktes sowie der Entzug des Yuans von Spekulationsattacken. Das ist des Pudels wahrer Kern. Die chinesische Staats- und Parteiführung blockt politisch die Spekulanten ab, die gegen Währungen und ganze Volkswirtschaften wetten; und das passt Trumps Spekulantenfreunden nicht. Deshalb der "Handelskrieg" um China mürbe zu machen um sich dem Spekulantentum zu öffnen; welches mit Währungswetten und Heuschreckenfonds China angreifen möchte. So ist die Lage. Trump ist ein Immoblienmarkler, schon vergessen? Ein Gaukler, der ein Zelt auf einer Müllhalde als Ferienvilla verkaufen will. Schaut man nämlich die gesamte "Wirtschaftspolitik" mit ein wenig Abstand an und in der Zusammenschau; wird schnell klar, es geht nur um den Profit von irgendwelchen Spekulanten. Das dabei vielleicht ein paar Jobs herausspringen ist nur der Kollateralnutzen, der für den Wahlkampf ausgeschlachtet werden kann.
Orthoklas 13.04.2018
4. Guter Kommentar
Allerdings bezweifle ich, dass Trump deshalb einen Handelskrieg vom Zaun bricht. Bei ihm wird das seine Grundlage in einem diffusen Bauchgefühl von Ungerechtigkeit haben.
schemax 13.04.2018
5. Es gibt einen Unterschied
Die meisten verspotten ihn nicht dafür, wegen den chinesischen Handelspraktiken besorgt zu sein. China spielt nicht fair, wie Sie richtig sagen. Das Problem ist, dass Trump gleichzeitig auch gegen alle anderen westlichen Länder vorgeht. Genau das ist kontraproduktiv. Um gegen China zu bestehen, müssten sich die Länder zusammentun und diese Praktiken bestrafen. Trump hingegen stärkt China mit seiner Rhetorik und seinem Alleingang gegen alle Anderen.
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