US-Strafzölle "Schädliche Folgen für Verbraucher, Unternehmen und Arbeiter"

Mit der Verhängung der Strafzölle gegen die engsten Verbündeten hat der US-Präsident sein Blatt überreizt. In den eigenen Reihen wächst die Kritik an seiner Handelspolitik.

Stahlarbeiter der Salzgitter AG
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Stahlarbeiter der Salzgitter AG

Von , Washington


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Die Kriegserklärung an die Verbündeten überließ Donald Trump seinem Wirtschaftsminister. Als Wilbur Ross am Donnerstagmorgen in Washington in einer Telefonkonferenz mit Reportern verkündete, dass die USA Strafzölle auf Stahl aus Europa, Mexiko und Kanada verhängen, war der US-Präsident schon auf dem Weg nach Texas. Hauptzweck des ganztägigen Trips: Zwei Spendensammel-Termine für den Präsidentschaftswahlkampf 2020.

Knapp eineinhalb Jahre nach seinem Amtsantritt hat Trump vor allem die eigene Wiederwahl auf dem Zettel - und er setzt darauf, dass der Protektionismus ihm bei seinen von der Globalisierung gebeutelten Wählern Punkte verschaffen wird.

Doch das könnte sich als Irrtum erweisen. Nicht nur, weil Trumps Mehr-Fronten-Handelskrieg der US-Volkswirtschaft als Ganzes schaden wird. Sondern auch, weil viele Unternehmen die Importabgabe als schmerzhafte Preiserhöhung an die Verbraucher weitergeben werden. Und die Vergeltungsmaßnahmen, mit denen die EU und Mexiko reagieren wollen, dürfte US-Firmen Marktanteile im Ausland kosten - und manchen Amerikaner den Job.

Widerstand gegen Haudrauf-Handelspolitik

"Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich mache mir an heißen Tagen gerne ein kaltes Bier auf", twitterte der demokratische Senator Tim Kaine und warnte: "Präsident Trumps Aluminiumzölle könnten für höhere Bierpreise sorgen, ausgerechnet wo nun der Sommer beginnt." Trumps Problem: Die Kritik kommt nicht nur von den Demokraten. Im Gegenteil. In den Reihen der Republikaner, die traditionell für offene Märkte stehen, ist der Widerstand gegen seine Haudrauf-Handelspolitik so laut wie nie zuvor.

Die Importsteuern von 25 Prozent auf Stahl und zehn Prozent auf Aluminium "werden schädliche Folgen für Verbraucher, Unternehmen und Arbeiter haben", warnte der republikanische Senator Orrin Hatch. Der einflussreiche Vorsitzende des Finanzausschusses kündigte an, die Regierung zur Kursänderung drängen zu wollen.

Und die milliardenschweren Koch-Brüder, deren Gelder über das Wohl und Wehe vieler republikanischer Karrieren entscheiden, ließen ausrichten: "Wir fordern die Trump-Regierung auf, diese Zölle fallen zu lassen."

Tausende Ausnahme-Anträge von US-Firmen

Nicht einmal in den Branchen, die nach Trumps Vorstellung von der Abschottungspolitik profitieren sollen, ist der Jubel groß. Der Verband Aluminium Association wies darauf hin, dass man angesichts der Rekordnachfrage Quoten und Zölle für Marktwirtschaften ablehne. Die US-Stahlindustrie fürchtet besonders die Hürden für Kanada, weil die Industrien beider Staaten eng verzahnt sind.

Seit Jahresanfang seien die Stahlpreise bereits um 40 Prozent gestiegen, warnt John Murphy, Vizepräsident der US Chamber of Commerce. "Und heute hat sich das Volumen der Importe, die Zöllen unterworfen sind, verdoppelt." Im Handelsministerium liegen schon jetzt tausende - unbearbeitete - Anträge von amerikanischen Unternehmen, die Ausnahmen von den bereits bestehenden Zöllen beantragt haben, weil sie ohne die Ware aus dem Ausland in Fertigungsengpässe geraten.

Die Börsen, deren Höhenflüge Trump gern auf sein politisches Konto verbucht, reagierten prompt auf das neue Risiko für die Konjunktur. Der Dow Jones Index rutschte um 250 Punkte ab. Noch stärker traf es Caterpillar, den weltgrößten Baumaschinenersteller, der nach eigener Aussage erwartet, dass sich die Zölle "negativ" auf den Umsatz mit Bau- und Bergbauausrüstung auswirken. Minus zwei Prozent.

Schweinezüchter fürchten um Existenz

Die Unruhe an den Märkten ist groß. Denn anderswo haben Betriebe bereits zu spüren bekommen, dass Handelskriege immer Opfer auf beiden Seiten haben. Als Vergeltung für die US-Maßnahmen belegt China seit April 120 Produkte aus Amerika mit 15 Prozent Sonderzoll.

Die Schweinezüchter Iowas sind seitdem in heller Aufregung. Denn außer den Chinesen hält niemand ganze Schweineköpfe, Ohren, Innereien und Ringelschwänze für eine Delikatesse. Bestellen die Kunden dort weniger, dürfte das manchen Farmer die Existenz kosten.

Im Video: Handelsstreit in den USA

Und auch die EU und Mexiko wollen das Vorgehen der USA nicht widerstandslos hinnehmen. Mexiko kündigte an, Abgaben auf Schweinebäuche, Blaubeeren, Äpfel, Trauben, bestimmte Käsesorten und Stahltypen aus den USA zu erheben - auch das ein Angriff auf das ländliche Amerika, wo viele Trump-Wähler leben.

Die EU hat unter anderem den traditionsreichen Motorradhersteller Harley-Davidson, Levi's und die Whiskey-Hersteller Kentuckys und Tennessees ins Visier genommen. Man habe hart darum gekämpft, den amerikanischen Bourbon in Europa und Asien zu etablieren, klagte der Präsident der Kentucky Distillers' Association, Eric Gregory. Nun stehe das Erreichte auf dem Spiel.

Trump riskiert Zukunft anderer Branchen

Handelskriege seien "gut und leicht zu gewinnen", hat Trump in seinem üblichen Großsprech einmal erklärt. Mit dieser Ansicht steht er aber auch in Amerika ziemlich allein. Die alten Industrien wird der Präsident mit seinen Brachialmethoden nicht retten können, da sind sich die meisten Experten einig. Stattdessen riskiert er nun die Zukunft anderer Branchen.

Denn nicht nur mit der EU liegen die USA im offenen Clinch. Die Verhandlungen über das Nordamerikanische Freihandelsabkommen Nafta stecken fest und ob mit China noch ein Kompromiss zustande kommt, ist fraglich. Zumal es der US-Regierung offensichtlich an einer Strategie fehlt. Trumps Unterhändler sind zerstritten, der Chef sät mit seinen erratischen Twitter-Interventionen Verwirrung nicht nur auf der Gegenseite, sondern vor allem auch in den eigenen Reihen. Der einen Kehrtwende folgt die nächste.

So ist nicht einmal auszuschließen, dass Trump nach dem Inkrafttreten der Metall-Zölle wieder einlenkt. Sein Handelsminister jedenfalls sagt: "Wir freuen uns darauf, die Verhandlungen mit Kanada und Mexiko einerseits und der EU-Kommission andererseits fortzusetzen." Prokura des Präsidenten allerdings hat Wilbur Ross längst nicht mehr. Unlängst herrschte Trump den 80-Jährigen, den er sich selbst ins Kabinett geholte hatte, an, dieser habe "seine besten Zeiten hinter sich". Loyalität kennt der Ex-Immobilienmogul nur, solange man ihm Erfolge liefert.

Dass nun überall auf der Welt die Sorgen wachsen, dass der Schritt der USA einen globalen Handelskrieg und eine Weltwirtschaftskrise auslöst, ficht Trump nicht an. "Wir fliegen nach Dallas. Wir fliegen nach Houston. Und wir werden heute ein bisschen Spaß haben", erklärte er am Donnerstag, bevor er die Air Force One bestieg.

Zusammengefasst: Die Kritik an Trumps Mehr-Fronten-Handelskrieg kommt inzwischen nicht nur von Demokraten, sondern ebenfalls von Republikanern. Auch in den Branchen, die nach Trumps Vorstellung von der Abschottungspolitik profitieren sollen, ist der Jubel nicht groß. Es wird befürchtet, dass die Zölle der US-Volkswirtschaft als Ganzes schaden werden und viele Unternehmen die Importabgabe als Preiserhöhung weitergeben.

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