Steigende Zinsen, schwacher Export Globales Risiko

Der Plan klingt famos: Donald Trump will Milliarden in die Wirtschaft pumpen, die Steuern senken - und die Schulden reduzieren. Das kann nicht funktionieren. Der Welt droht ein ökonomischer Schock.

Donald Trump auf Bildschirm an der New Yorker Börse
AP

Donald Trump auf Bildschirm an der New Yorker Börse

Eine Kolumne von


Der neue Präsident legte einen pompösen Auftritt hin. Amerika werde in neuer Größe erstrahlen: mehr Wohlstand, mehr Respekt weltweit, eine völlig neue Ausrichtung der Wirtschaftspolitik. Starke Worte, große Versprechen - so trat Ronald Reagan 1981 sein Amt an.

Dann legte Reagan los - und bescherte den USA und dem Rest der Welt einen Zinsschock. Eine Kombination aus höheren Staatsausgaben und Steuersenkungen trieb den Staatshaushalt tief ins Defizit. Dass zugleich die US-Notenbank die Inflation bekämpfte, verschärfte die Situation zusätzlich. In der Folge wertete der Dollar stark auf. Teile der US-Industrie verloren ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit, was zu einem massiven Abbau von Arbeitsplätzen führte.

Nun also Donald Trump. Der gewählte Präsident tritt an mit dem Versprechen, die Steuern zu senken und die Staatsausgaben zu erhöhen. Ein großes Infrastrukturprogramm soll einen Bauboom auslösen. Ach so, nebenher will er den amerikanischen Staat auch noch entschulden. Wie das alles zusammenpasst, ist schleierhaft.

Bei aller Unsicherheit, die die Machtübernahme Trumps für die Weltpolitik bedeutet, ist eines sicher: Wenn er seine kruden finanzpolitischen Ankündigungen aus dem Wahlkampf auch nur teilweise wahr macht, ist die Zeit ultraniedriger Zinsen vorbei. Die Folgen wären weltweit spürbar. In einer Welt extrem hoher Verschuldung müssen wir uns auf schwere ökonomische Schocks einstellen.

Crash der Anleihekurse

Ein erster Vorgeschmack war unmittelbar nach Verkündung des Wahlergebnisses in der abgelaufenen Woche sichtbar: 10-jährige US-Bundesanleihen verloren an Wert, die Zinsen schnellten um einige Zehntel Prozentpunkte nach oben. Auch deutsche Staatsanleihen, bislang negativ verzinst, werfen nun wieder positive Renditen ab. Viele Schwellenländer erlebten geradezu einen Crash der Anleihekurse.

Natürlich, bislang ist das Zinsniveau im historischen Vergleich immer noch niedrig. Aber Trump zieht ja auch erst in zwei Monaten ins Weiße Haus ein.

Geschichte wiederholt sich nicht. Die Welt ist heute eine andere, als sie 1980 war. Und Reagan war bereit, massive außenwirtschaftliche Defizite hinzunehmen, um sein Ausgabenprogramm finanzieren zu können. Er glaubte an freien internationalen Handel und die Unabhängigkeit der US-Notenbank.

Trump hingegen will US-Arbeitsplätze vor ausländischer Konkurrenz schützen. Das chronische Außenhandelsdefizit will er abbauen. Deshalb stellt er internationale Handelsabkommen infrage. China und Mexiko hat er bereits mit Strafzöllen gedroht. Die Eurozone und insbesondere Deutschland, die hohe Überschüsse gegenüber den USA fahren, könnten als nächste am Pranger stehen.

Die US-Notenbank unter ihrer Chefin Janet Yellen hat Trump im Wahlkampf scharf angegriffen und implizit ihre Unabhängigkeit infrage gestellt.

Da braut sich ein konfliktreiches Szenario zusammen. Die Mischung aus Reaganscher Finanzpolitik und populistischer Handelspolitik hat das Potenzial, in einer heftigen Wirtschaftskrise zu münden.

Gefährlicher Protektionismus

Sollte Trump tatsächlich ein großes schuldenfinanziertes Ausgabenprogramm ins Werk setzen, wird Amerika Billionen Dollar im Ausland borgen müssen. Dafür wird er deutlich höhere Zinsen bieten müssen als bisher. Wertet in der Folge der Dollar auf, wie in den frühen Achtzigerjahren unter Reagan, würde das US-Handelsdefizit steigen, statt, wie von Trump versprochen, zu sinken. Betriebe würden an Wettbewerbsfähigkeit verlieren, weiterer Jobabbau inklusive.

Kein unrealistisches Szenario: Während die Bauindustrie boomt, gehen weitere Industriearbeitsplätze im Rostgürtel des amerikanischen mittleren Westens verloren, also gerade dort, wo die Leute für Trump gestimmt haben, weil er ihnen neue, bessere Jobs versprochen hat. Eine hochgradig expansive Finanzpolitik würde zuvörderst Amerikas Binnenwirtschaft nützen - auf Kosten der außenwirtschaftlich aktiven Industrie.

Gemäß seiner Wahlkampfrhetorik wird Trump für die negativen Nebenwirkungen seiner Politik andere verantwortlich machen. Amerikas Handelspartner - China, Mexiko, die Eurozone - müssen sich auf Klagen über unfaire Praktiken gefasst machen. Eine Kaskade von Dumpingvorwürfen und Strafzöllen wäre wohl das Resultat. Auf den amtierenden Präsidenten Barack Obama, der ab Mittwoch zur Deutschland-Visite im Land ist, werden viele Fragen einprasseln.

Derlei Protektionismus jedoch wird viele Güter in den USA verteuern. Ohnehin wird ein trumpsches Ausgabenprogramm auf eine Volkswirtschaft treffen, die bereits heute nahe der Vollbeschäftigungsschwelle arbeitet und die inzwischen kräftige Lohnzuwächse produziert. Die drohende Ausweisung von Millionen lateinamerikanischen Migranten könnte in einigen Sektoren und Regionen zu akutem Personalmangel führen.

Bei anziehenden Inflationsraten müsste eigentlich die Fed reagieren und die Geldpolitik rascher straffen - Gift für die von Trump versprochenen hohen Wachstumsraten. Entsprechend dürfte der Druck auf die Notenbank in diesem Szenario zunehmen, die Zinsen niedrig zu halten und höhere Preissteigerungsraten hinzunehmen. Fed-Chefin Yellen wird am Donnerstag allerlei Fragen von den Kongressabgeordneten beantworten müssen.

Trumps wirtschaftspolitischer Kurs, soweit bislang absehbar, hat das Zeug, die Weltwirtschaft zu verändern - und zwar nicht zum Besseren. Die Ära extrem niedriger Zinsen und Inflationsraten dürfte zu Ende gehen; die Unabhängigkeit der Notenbanken ist gefährdet; die internationale Arbeitsteilung dürfte zurückgedreht werden.

Ob das die Menschen wohlhabender und Amerika größer macht? Es wäre, vorsichtig formuliert, eine Überraschung.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche

Montag

Berlin - Neue Bürger - 9. Integrationsgipfel im Bundeskanzleramt.

Brüssel - Europäische Ohnmacht - EU-Außenministerrat London: Die Weltordnung der Nachkriegszeit ist endgültig vorbei. Die Europäer suchen nach Antworten.

Tokio - Armes Japan - Stagnierende Wirtschaft, alternde Bevölkerung: Neues vom japanischen Bruttoinlandsprodukt im 3. Quartal.

Gütersloh - Geteilter Wohlstand - Die Bertelsmann-Stiftung veröffentlicht den Index zur sozialen Gerechtigkeit in der Europäischen Union.

Dienstag

Berlin - Angriff aufs Geschäftsmodell - Arbeitgebertag, mit Arbeitgeberpräsident Kramer, Kanzlerin Merkel und Wirtschaftsminister Gabriel: Wird das exportorientierte Wirtschaftsmodell in einer Weltordnung mit Trump noch tragen?

Wiesbaden - Deutsche Leistung - Das Statistische Bundesamt veröffentlicht eine erste Schätzung zum deutschen Bruttoinlandsprodukt im 3. Quartal.

Brüssel - Ohne Beistand - Trump hat die US-Beistandsverpflichtung im Rahmen der Nato in Frage gestellt. Nun beraten die EU-Verteidigungsminister.

Mittwoch

Berlin - Welcome, lame duck! - US-Präsident Barack Obama besucht Europa und macht in Berlin Station.

Frankfurt am Main - Banken und mehr - Die Bundesbank veröffentlicht ihren Bericht zur Finanzstabilität in Deutschland.

Paris - Der wichtigste Preis der Welt - Die Internationale Energieagentur (IEA) stellt ihren Welt-Energie-Ausblick vor.

Donnerstag

Paris - Amerikanisches Vorbild - Dritte TV-Debatte der Bewerber für die Vorwahlen um die Präsidentschaftskandidatur der Konservativen in Frankreich. Der Kandidat, Juppé oder Sarkozy, wird es mit Front-National-Anführerin Marine Le Pen zu tun bekommen, die Trump und den Brexiteers nacheifern will.

Freitag

Berlin - Kursbestimmung - Nach dem Richtungswechsel in seinem Land trifft Obama mit Merkel, May, Hollande, Renzi und Rajoy zusammen.

Wolfsburg - Die Zeit nach dem Diesel - Aufsichtsratssitzung bei Volkswagen.

Lima - Die östliche Hälfte der Welt I - Gipfel der Pazifik-Anrainerstaaten (Apec) in Lima, mit Obama und Putin.

Samstag

Lima - Die östliche Hälfte der Welt II - Fortsetzung des Apec-Gipfels.

Sonntag

Paris - Die konservative Herausforderung - Erste Runde der Vorwahlen für die Nominierung des Präsidentschaftskandidaten der Konservativen in Frankreich.

Mehr zum Thema
Newsletter
Müllers Memo


insgesamt 340 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
die-metapha 13.11.2016
1.
Lasst ihn einfach machen - er wird sich damit schneller selbst entzaubern, als es ihm und seinen Anhängern lieb ist.
i.dietz 13.11.2016
2. Die Schwarzseher sind unterwegs
Abwarten und Tee oder Kaffee trinken . Vielleicht gibt es ja auch ein Stück Kuchen dazu ?
redbayer 13.11.2016
3. Ach wieder ein Müller und
Klar, die Wirtschaft unter Trump kann nicht funktionieren, denn bei dem angestrebten Bauboom gehen den USA die Bauarbeiter aus - wow. Genau so wie den Golfstaaten die hundert-tausenden Bausklaven aus Pakistan, Indien oder Bangladesh ausgehen, um ihre Türmchen und Weltfußball zu bauen? Dabei hat des Trump heute wirklich einfach. "Der Westen hat sich ja dazu entschlossen, dass Geld nichts mehr kostet" (siehe G7). Trump könnte also spielend z.B. 1 Billion Dollar auflegen (sind ja nur Zahlen oder gedrucktes Geld), um die Wirtschaft anzukurbeln oder vorhandene Wirtschaft aufzukaufen bzw. zu zerschlagen, insb. in der deutschen EU.
aleamas 13.11.2016
4. Und was...
Und was lehrt die Geschichte darüber was passiert, wenn Autokraten innenpolitisch und wirtschaftlich Scheitern? Sie lenken die Aufmerksamkeit auf andere Felder...
usija 13.11.2016
5. Recht haben!
Ob dieser Autor genauso recht haben wird, wie alle die gesagt haben das Trump nicht Präsident werden wird? Aber wen interessiert das noch in einem Jahr was jetzt gesagt wurde? Niemanden!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.