Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Dramatischer Appell: EZB-Chef sieht globales Finanzsystem in Gefahr

Es war sein letzter Auftritt als EZB-Chef im Europaparlament - Jean-Claude Trichet nutzte ihn zu einem dramatischen Appell: Die Schuldenkrise habe "systemische Dimensionen" erreicht. Die Ansteckungsgefahr von Land zu Land sei enorm - auch über Europa hinaus.

EZB-Chef Trichet: "Schuldenkrise hat systemische Dimension erreicht" Zur Großansicht
REUTERS

EZB-Chef Trichet: "Schuldenkrise hat systemische Dimension erreicht"

Brüssel - Zentralbanker wägen ihre Worte aus Rücksicht auf die Reaktion der Märkte gewöhnlich gut ab - die aktuellen Warnungen Jean-Claude Trichets vor einem Ausschuss des Europaparlaments sind jedoch an Deutlichkeit kaum zu überbieten: Mit einem dramatischen Appell hat der scheidende Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) Europa in der Schulden- und Bankenkrise zu raschem Handeln aufgefordert. Die Krise sei von "systemischer Dimension" und bereits von kleineren auf größere EU-Staaten übergesprungen.

Kurz vor dem EU-Gipfel am 23. Oktober warnte Trichet die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union eindringlich davor, Maßnahmen zu verschleppen. "Wenn Probleme auftauchen, müssen sie so schnell und wirksam bekämpft werden wie möglich." Es sei keine Frage, dass die Banken in Europa rekapitalisiert werden müssten.

Zuletzt hatte die Krise der französisch-belgischen Bank Dexia ein Schlaglicht auf die heikle Lage geworfen. Das Institut, das stark in griechische Staatsanleihen investiert hatte, gilt als erstes Opfer der Euro-Krise. Es musste von Belgien, Frankreich und Luxemburg mit Staatsgarantien in Höhe von 90 Milliarden Euro aufgefangen werden, wird nun zerschlagen und teilweise verstaatlicht.

"Weitere Verzögerungen würden die Situation verschlimmern"

Die Staatsschuldenkrise sieht Trichet nicht mehr als rein europäisches Problem, vielmehr habe sie globale Ausmaße angenommen. Die Lage an den Märkten sei nicht nur in Europa angespannt, zudem sehe er "aufwärtsgerichtete Risiken" für eine Ausweitung der Krise. Die stark vernetzte Finanzbranche in Europa kämpfe mit Ansteckungsrisiken. Diese bedrohten die Finanzstabilität in der EU als Ganzes und beeinträchtigten die Realwirtschaft in Europa und darüber hinaus.

Der EZB-Chef, der sein Amt Ende des Monats abgibt, fordert von den politischen Entscheidern nun ein gutes und entschlossenes Krisenmanagement. "Weitere Verzögerungen würden die Situation verschlimmern." Ursprünglich war der nächste EU-Gipfel der Staats- und Regierungschefs bereits für Montag kommender Woche geplant, dann aber um sechs Tage verschoben worden - vor allem die beiden Schwergewichte der Union, Frankreich und Deutschland, konnten sich nicht rechtzeitig auf Maßnahmen gegen die Krise einigen.

Konkret befürwortete Trichet eine sogenannte Hebelung des Euro-Rettungsschirms EFSF - er müsse "so flexibel sein wie möglich", sagte Trichet vor dem EU-Parlament. Allerdings dürfte hier die EZB nicht miteinbezogen werden. Mit dem sogenannten Hebel könnte die Schlagkraft des Rettungschirms erhöht werden.

Troika-Bericht soll zahlreiche "Gelbe Karten" für Griechenland erhalten

Aus Griechenland, dem größten Problemfall in der europäischen Schuldenkrise, kommen schon neue, negative Nachrichten: Dort haben die Experten der sogenannten Troika aus EZB, Internationalem Währungsfonds ( IWF) und EU ihre Kontrollen beendet. Zwar soll es erst am Dienstagnachmittag eine erste Erklärung dazu geben, laut griechischen Zeitungsberichten kommen die Kontrolleure jedoch in zahlreichen Punkten zu schlechten Bewertungen.

Demnach sollen die Kontrolleure festgestellt haben, dass für Griechenland das Ziel, das Haushaltsdefizit auf 7,6 Prozent an der Wirtschaftsleistung zu drücken, bis zum Jahresende nicht erreichbar ist. Stattdessen gehen die Experten von neun Prozent aus. Zudem zeigen sie Athen offenbar die "Gelbe Karte" - die Verschlankung des Staates, der damit verbundene Stellenabbau und die geplanten Privatisierungen gehen den Experten noch nicht weit genug. Der offizielle Bericht der Troika soll noch vor dem Gipfel am 23. Oktober den entsprechenden Behörden der EU und der EZB vorgelegt werden.

fdi/Reuters/dpa

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 115 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. aw
wowiku, 11.10.2011
Zitat von sysopEs war sein letzter Auftritt als EZB-Chef im Europaparlament - Jean-Claude Trichet nutzte ihn zu einem dramatischen Appell: Die Schuldenkrise habe "systemische Dimensionen" erreicht. Die Ansteckungsgefahr von Land zu Land sei enorm -*auch über Europa hinaus. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,791170,00.html
da hat er mal recht. Globalisierung ist großer Quatsch. In der kleinsten Zelle der Gesellschaft - den Familien - hat auch jeder seinen eigenen Geldbeutel . Oder hat der Konzernchef oder Banker eine gemeinsame Kassenführung mit dem HIV ? Oder haftet der Minister persönlich für die Schulden des kleinen Häuslebauers. Müsste doch auch so sein - wir sind doch eine Gesellschaft. Warum soll es da zwischen den Staaten anders sein.
2. da haben wirs
roland.vanhelven 11.10.2011
die ueberschrift sagt doch schon alles : der Goldman Sachs scherge sieht das globale finanz system in gefahr. spaetestens jetzt sollte allen klar sein, was das ziel der privaten banken kartelle ist : alle macht nach Bruessel, ein zunaechst europaweites finanz system, im zweiten schritt dann weltweit. Deutschland hat vor zwei wochen die souveraenitaet abgegeben und darf nun beim IMF bei jeder investition um erlaubnis betteln. soll Deutschland und der rest der welt wirklich in einer finanz diktatur der offshore banker existieren ? hoechste eisenbahn, hier einen riegel vor zu schieben...
3. Und warum ist das so?
Michael Giertz, 11.10.2011
Zitat von sysopEs war sein letzter Auftritt als EZB-Chef im Europaparlament - Jean-Claude Trichet nutzte ihn zu einem dramatischen Appell: Die Schuldenkrise habe "systemische Dimensionen" erreicht. Die Ansteckungsgefahr von Land zu Land sei enorm -*auch über Europa hinaus. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,791170,00.html
Und warum, Herr Trichet, ist das so? Weil unsere Volksvertreter nix anderes zu tun haben als schlechtem Geld gutes hinterherzuwerfen. Hätte man auf Bankenrettungspakete & co verzichtet, wären ein paar Geldhäuser eingegangen, das Gesamtgebilde wäre stehen geblieben. Hätte man den Griechen keine weiteren Gelder bewilligt, wären die Griechen eben bankrott gegangen, die EU und der Euro hätten es überlebt. Aber so? Rettungsfonds, -bonds, -schirme und wie auch immer die bodenlosen Löcher noch genannt werden verschlingen Billionenwerte (deutsche Billionen, keine englischen!), sämtzliche EU-Staaten haben sich mit neuen Schulden belastet, ohne dass irgendwo ein Mehrwert enstanden wäre. Das es da im Gebälk knirscht ist eigentlich nur logisch, die Gefahr einer Bankrottkettenreaktion ist nun effektiv da. Denn das Geld, was man in Fonds und co gesteckt und in Griechenland verbrannt hat, stammt von Banken. Und die wollen ihr Geld irgendwann zurück, mit Zins und Zinsezins - egal, wie das gemacht wird. Tja, Herr Trichet. Hätten wir uns bloß keine Umverteilungsunion geleistet sondern hätten wir die alten Verträge beachtet - dann stünden wir heute besser da. Aber die käuflichen Versager aus der zweiten und dritten Reihe wussten es natürlich besser.
4. -
franko_potente 11.10.2011
Zitat von sysopEs war sein letzter Auftritt als EZB-Chef im Europaparlament - Jean-Claude Trichet nutzte ihn zu einem dramatischen Appell: Die Schuldenkrise habe "systemische Dimensionen" erreicht. Die Ansteckungsgefahr von Land zu Land sei enorm -*auch über Europa hinaus. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,791170,00.html
um es mit Loriots Worten zu sagen: Ach was!
5. Wohl kleienr Denkfehler bei Trichet und allen Systemverblödeten
Deepthought42.0815 11.10.2011
Korrigiere: Das finanzsystem IST die Gefahr für Demokratie, eine gerechtere und nachhaltige Welt.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Grafiken: Die wichtigsten Fakten zur Euro-Krise
Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

dapd
Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.

Fakten zur Euro-Zone

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: