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Drohende Pleite: Warum es nur einen Ausweg aus der Griechen-Misere gibt

Ein Debattenbeitrag von

Die Griechenland-Debatte läuft in die völlig falsche Richtung. Eine Staatspleite würde die Probleme nicht lösen, sondern wäre die wohl riskanteste und teuerste aller Optionen. Am besten können wir Athen und dem Rest der Euro-Zone helfen, wenn wir das Land wieder aufbauen.

Akropolis in Athen: Nur Sparen bringt Griechenland nicht weiter Zur Großansicht
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Akropolis in Athen: Nur Sparen bringt Griechenland nicht weiter

Es reicht. Die Diskussion über eine Pleite Griechenlands ist so dermaßen verkürzt und falsch, dass sie dem Thema nicht gerecht wird. So werden Bürger und Wähler in die Irre geleitet. Schlimmer noch: In der deutschen Debatte hat sich eine verstörende Emotionalität breit gemacht, eine moralische Entrüstung gegenüber den "Pleite-Griechen" ("Bild") - nach dem Motto: Die haben schlecht gewirtschaftet, geprasst und sogar betrogen; jetzt sollen sie sehen, wie sie klarkommen.

Auf diese Weise kommen wir nicht weiter. So verstellt man sich selbst den Blick auf die Möglichkeiten. Es geht nicht um "Denkverbote" (FDP-Chef Philipp Rösler), im Gegenteil. Es geht darum, mögliche Lösungswege zu durchdenken, mit allen Folgen.

Hier sind drei Thesen:

  • Ein Schuldenschnitt würde unsere Hilfszahlungen an Griechenland nicht beenden, sondern sie auf unabsehbare Zeit erhöhen.
  • Wenn Griechenland den Euro verlässt, verändert die Währungsunion grundlegend ihren Charakter, mit schwerwiegenden Folgen für alle anderen Staaten.
  • Die beste Lösung wäre ein langfristiges Programm: eine große Euro-Reform plus ein Investitionsplan "Aufbau Hellas".

Alles gut? Von wegen!

Im Einzelnen:

Entscheidend ist die Frage, was mit Griechenland nach einer staatlichen Insolvenz passieren würde. Stellen wir uns also das Szenario einer "geordneten Insolvenz" vor: Athen verhandelt mit seinen Gläubigern einen Schuldenschnitt um 50 Prozent.

Internationaler Währungsfonds (IWF), Euro-Rettungsfonds (EFSF) und Europäische Zentralbank (EZB) stehen bereit, um Griechenlands Banken zu rekapitalisieren und weiterhin mit Liquidität zu versorgen. Banken anderer Länder, die durch Abschreibungen in Schieflage gerieten, würden gestützt. Etwaige Ansteckungseffekte in Italien und anderswo würden durch Anleihekäufe der EZB verhindert.

Also alles gut? Von wegen! Griechenland hätte auf lange Zeit keinen Zugang zum Kapitalmarkt. Die eigenen laufenden Einnahmen würden kaum ausreichen, um den Staat zu finanzieren. Da das Land tief in der Dauerkrise steckt, ist nicht absehbar, wann die Steuereinnahmen ausreichen, um die Ausgaben zu decken - selbst wenn der griechische Fiskus einer Generalreform unterzogen würde.

Wie Argentinien seit 2002 wäre Griechenland auf unabsehbare Zeit vom globalen Kapitalmarkt abgeschnitten. Folglich müssten die übrigen Euro-Staaten, wahrscheinlich die EU-Staaten, die griechischen Defizite für sehr lange Zeit decken. Das Land hinge auf Dauer am Tropf der Gemeinschaft. Die Geberstaaten hätten also nichts gewonnen: Wir müssten die immensen und schwer kalkulierbaren Kosten der Kriseneindämmung tragen und anschließend immer weitere Milliarden überweisen.

Soll also Griechenland die Währungsunion verlassen? So hat es schließlich auch Argentinien 2002 gemacht: Die Regierung in Buenos Aires hörte nicht nur auf, ihre Schulden zu bedienen. Sie löste auch die feste Bindung an den Dollar, woraufhin der Peso rapide abgewertet wurde und die Wirtschaft brachial an Wettbewerbsfähigkeit gewann. Griechenland jedoch kann innerhalb der Währungsunion nicht abwerten. Also raus aus dem Euro?

Man muss die Rückwirkungen mitbedenken: Die sozialen Spannungen im Land würden zunehmen, weil der Lebensstandard rapide sinken würde. Eine mögliche politische Radikalisierung wäre nicht auszuschließen - Europa (und die Nato) hätte plötzlich einen Herd der Instabilität an seiner sensiblen Südostflanke. Zudem würde das Ausscheiden eines Landes die Geschäftsgrundlage der Währungsunion verändern - schließlich soll der Euro dazu beizutragen, eine "immer engere Union der Völker Europas" (Maastricht-Vertrag) zu befördern.

Währungsunion würde von den Rändern her zerbröseln

Man kann argumentieren, dass Griechenland seinerseits gegen die europäische Geschäftsgrundlage verstoßen hat, indem es brutalstmöglich gegen den Stabilitätspakt verstoßen hat. Nur hilft diese Denkweise nicht weiter. Unter den gegebenen Bedingungen des Euro-Raumes würde jedes Land, das an den Märkten ins Gerede kommt, sofort als nächster Ausstiegskandidat betrachtet. Entsprechend würden Staatsanleihen und der Bankensektor, der auf diese Anleihen als Sicherheiten bei der Zentralbank angewiesen ist, abgestraft werden.

So käme fundamentale Unsicherheit in die Euro-Zone. Unter diesen Bedingungen wäre wahrscheinlich, dass die Währungsunion von den Rändern her zerbröselt. Wenn man das will, redet man über eine andere Welt. Aber es wäre absurd, eine derart weitreichende Grundsatzentscheidung zu fällen, nur weil man es leid ist, Griechenland beim Bedienen seiner Schulden zu helfen. Es ist eine Illusion zu glauben, eine rasche Staatspleite würde die Probleme lösen.

Griechenland ist ein Sonderfall in der Euro-Zone, nicht vergleichbar mit Portugal (wo das Sparpaket zu greifen beginnt) oder Irland (wo sich die Wettbewerbsfähigkeit bereits deutlich verbessert hat). Deshalb sollte man es auch als Sonderfall behandeln. Besser, man hilft und stärkt zugleich die europäischen Strukturen.

Ein Blick in die USA lohnt sich

Um das Land wettbewerbs- und zahlungsfähig zu machen, braucht es einen Aufbau Hellas: besseres Steuersystem, Privatisierung, Investitionshilfen, Lohnzurückhaltung. Aber das wird dauern.

Zugleich muss die Euro-Zone sich so reformieren, dass Staatspleiten innerhalb der Währungsunion möglich werden. Denn das ist ordnungspolitisch geboten: Funktionsfähige Märkte disziplinieren die Schuldenmanie der Staaten am effektivsten.

Es lohnt sich ein Blick auf die USA: Dort rutschen immer wieder einzelne Bundesstaaten in die Zahlungsunfähigkeit. Aber es gibt dort drei wichtige Elemente, die in Europa nicht existieren:

  • Erstens zentralstaatliche Umverteilungssysteme wie die gesetzliche Rente ("social security") oder die Krankenversicherung
  • Zweitens Anleihen des Zentralstaats, die die Banken als Sicherheiten benutzen (in Minnesota mag der Staat zahlungsunfähig sein, aber die dortigen Banken sind es nicht)
  • Drittens eine Verpflichtung der Einzelstaaten, laufende Schulden stets vorrangig aus den Steuereinnahmen zu bedienen (weshalb die Anleger, anders als im Argentinien-Szenario, nicht bis in alle Ewigkeit verprellt werden)

Ohne Denkverbote betrachtet, werden wir noch eine lange Wegstrecke zu gehen haben - und zwar hoffentlich gemeinsam.

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insgesamt 267 Beiträge
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1. bravo!
adam68161 19.09.2011
ausgezeichneter Artikel! Habe dadurch meine Meinung geändert.
2. Gab es in Griechenland Krieg?
PeterPen 19.09.2011
Oder warum muss man es "wiederaufbauen"? Griechanland kassiert seit 30 Jahren EU Strukturhilfen. Krieg gab es auch keinen. Keine Ahnung warum man da was wieder aufbauen soll.
3. Einen Ausweg ...
47/11 19.09.2011
.. gibt es nicht, aber einen Weg, der die Probleme lösen wird : 1) EU und EURO abschaffen 2) Demokratie herstellen 3) Verantwortliche zur Rechenschaft ziehen 4) Solide Haushaltspolitik beginnen . So geht das !!!
4. Alles Unsinn.
hoppeditz2 19.09.2011
Zitat von sysopDie Griechenland-Debatte läuft in die völlig falsche Richtung. Eine Staatspleite würde die*Probleme nicht lösen, sondern wäre die wohl*riskanteste und teuerste aller Optionen.*Am besten können wir Athen und dem Rest der Euro-Zone helfen, wenn wir das Land wieder aufbauen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,787125,00.html
Wir können das Land nicht "aufbauen", das können nur die Griechen selbst. Dafür gab es immer schon Mittel aus EU-Töpfen, z.B. der EU-Kohäsionsfonds. Auch zur Zeit stehen EU-Mittel aus den verschiedensten Programmen bereit. Allerdings sollte man sich nicht allzu große Illusionen hinsichtlich der schnellen Wirkung solcher staatlich initiierten Aufbauprogramme machen, gerade wir in Deutschland haben da unsere Erfahrungen nach dem Untergang der DDR gemacht. Was aber der griechischen Wirtschaft garantiert nicht nutzt, ist, dass wir für die Gläubiger Griechenlands mit Abermilliarden in die Bresche springen und im Gegenzug die Griechen dazu zwingen mit drastischen Sparmaßnahmen ihre Wirtschaft noch tiefer in die Rezession zu stoßen.
5. Oja oja oja ...
fc-herrenturnverein 19.09.2011
Zitat von sysopDie Griechenland-Debatte läuft in die völlig falsche Richtung. Eine Staatspleite würde die*Probleme nicht lösen, sondern wäre die wohl*riskanteste und teuerste aller Optionen.*Am besten können wir Athen und dem Rest der Euro-Zone helfen, wenn wir das Land wieder aufbauen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,787125,00.html
Schöner Artikel. Das bringt die Diskussion auf ein höheres Level. Prima davon abgelenkt, dass wieder nur die Banken gerettet werden, gell. Ich setze noch eins drauf ... auf die bröselige gefährliche Südostflanke der Nato. Was ist eigentlich mit der Türkei? Können wir da nicht tauschen? Türkei rein in die EU und Griechenland raus und auch raus aus der Nato? Augen auf: es geht nicht um Griechenland. Es geht nur darum, die Banken und den Soziträumeridealstaat erneut zu retten. Griechenland ist nur Symptom, aber nicht Ursache. Ursache ist, dass der Kapitalist, der Schuldenermöglicher, aufgrund seiner Kreativen Denke die dümmlichen Sozis, die Schuldenerzeuger, für sein Gewinnstreben nutzt! Weniger Staat mehr Markt in der EU. Weg mit dem EURO. Her mit der EWG und weg mit den Vereinigten Staaten von Europa. Und das Thema ist gründlich vom Tisch.
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Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

dapd
Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.

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