Drohender Euro-Ausstieg Tsipras prophezeit Horrorszenario für die EU

In Verhandlungen um weitere Hilfen für Griechenland nähern sich Gläubiger und Schuldner nur in Millimeterschritten an. Jetzt erhöht Premier Tsipras den Druck auf anderem Wege: Durch Hinweis auf die Folgen eines Grexits.

Griechischer Premier Tsipras: "Die Märkte würden sofort nach dem Nächsten schauen"
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Griechischer Premier Tsipras: "Die Märkte würden sofort nach dem Nächsten schauen"


Auch nach wochenlangen Verhandlungen sind die griechische Regierung von Alexis Tsipras und die Gläubiger der EU in etwa so nah beieinander, wie die Hauptstädte Athen und Brüssel. Beide Seiten beharren weitgehend auf ihren Positionen, beide Seiten betonen von Woche zu Woche, was geht - und vor allem, was nicht geht.

In das zermürbende Schauspiel hinein hat Tsipras' Chefkoordinator Euklidis Tsakalotos zwar noch einmal einen nachgebesserten Reformplan geschoben, in dem Griechenland vorschlägt, die EZB-Kredite mit Geld aus dem ESM zurückzuzahlen, wie SPIEGEL ONLINE aus EU-Kreisen erfuhr. Die Vorschläge reichten für eine Einigung jedoch nicht aus, sagten mehrere EU-Vertreter der Nachrichtenagentur Reuters. "Was sie übermittelt haben, genügt nicht, um den Prozess voranzubringen"

Das "Wall Street Journal" berichtet indes von einem Vorschlag der Gläubiger, das laufende Rettungsprogramm bis März 2016 zu verlängern - doch ob die Annäherung reicht, um die finale Einigungsrunde einzuläuten, wagt kaum ein Beobachter derzeit vorherzusagen.

Jetzt versucht Tsipras den Druck zu erhöhen, zumindest verbal: Er betont die Unsicherheit über die Folgen einer Staatspleite, die zum Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro führen würde. Finanzminister Gianis Varoufakis verwies bei seinem Besuch bei seinem Amtskollegen Wolfgang Schäuble auf die historische Verantwortung, wenn sein Land quasi als Betriebsunfall aus der Währungsunion herausfallen würde.

Im Interview mit der italienischen Tageszeitung "Corriere della Sera" erinnerte Tsipras noch einmal an ein viel drastischeres Szenario: "Es wäre der Anfang vom Ende der Eurozone", erklärte er. "Wenn Griechenland ausscheidet, sehen sich die Märkte sofort nach dem nächsten Kandidaten um." Spanien und auch Italien würden angesichts ihrer enormen Verschuldung sofort unter großen Druck geraten. Der Preis, den die europäischen Steuerzahler dann zu entrichten hätten, sei extrem groß.

Die Sorge in dieser Richtung ist durchaus groß. Außenminister Frank-Walter Steinmeier befürchtet für diesen Fall ebenfalls das Schlimmste. Ein Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone hätte katastrophale Folgen, warnte er in der "Neuen Osnabrücker Zeitung". US-Präsident Barack Obama befürchtet gar, dass ein Grexit den Aufschwung seines Landes in Gefahr bringen könnte.

Demgegenüber gibt sich die französische Regierung angesichts der Perspektive einer Währungsunion ohne Griechenland gelassen. "Es wäre kein Drama für uns, wenn Griechenland den Euro verließe", sagte Finanzminister Michel Sapin am Montag. Auch der Pariser Notenbankchef Christian Noyer ist inzwischen überzeugt, dass nicht die Eurozone, sondern Griechenland anschließend ein Problem hat.

Für das von der Pleite bedrohte Land dränge die Zeit Noyer zufolge extrem, eine Vereinbarung mit den internationalen Kreditgebern zu erreichen. "Es ist eine Frage von Tagen", sagte das EZB-Ratsmitglied. Denn jedwede Einigung Ende Juni müsse noch von verschiedenen nationalen Parlamenten genehmigt werden.

mik/ssu/Reuters

insgesamt 552 Beiträge
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michaelius 09.06.2015
1.
Ja, und der Mindestlohn wird Arbeitsplätze kosten. Nur wo, weiß keiner. Wann hört das endlich einmal auf? Lasst endlich die dreisten Griechen auflaufen und den Grexit machen, und ihr werdet sehen, dass es in der EU kaum jemanden auffallen wird. Nur die Griechen werden dann einem leid tun, aber: es ist ihre Wahl gewesen.
KJB 09.06.2015
2. Erpressung
Das ist Erpressung erster Klasse und absolut unproduktiv, unkooperativ und erbärmlich. Wie immer sind die anderen Schuld, die Griechen machen ja alles richtig. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Fass ohne Boden.
intschutschuna 09.06.2015
3. Nein.
Spanien und Italien haben - im Gegensatz zu Griechenland - Reformen durchgeführt und wachsen wieder. In deine Ländern geht es bergauf. Die Euro-Zone würde ohne GR stärker. Raus mit euch! Bitte!
Kismett 09.06.2015
4. Was Kinder sich so einfallen lassen
Die bittere Medizin soll der Doktor schlucken, der macht schliesslich gesund....
Sonia 09.06.2015
5. Eigentlich sollte hier der Text stehen,
der im Interview mit Beddoes bei spon erscheint. Die Deutschen verlangen von den Griechen genau das, was sie selbst in einer schwierigen Situation, als die Hartz-IV-Reform notwendig war, für sich ausschlossen: Einen ausgeglichenen Haushalt, sie beantragten eine Ausnahme von den europäischen Defizitkriterien und stellen derzeit die eigenen Reformen zurück. Nicht das griechische Volk hat das Desaster verursacht, sondern das reingepumpte Geld zum Erhalt der Macht der Oligarchen und der genehmen Politiker, die sich selbst die Taschen vollstopften, einige jedenfalls davon, wie griechische Journalisten berichten.
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