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Druck auf die Notenbank: EZB soll Griechenland Milliardenschulden erlassen

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Die Verhandlungen mit Griechenlands Gläubigern sind festgefahren. Um das Problem zu lösen, soll nun die Europäische Zentralbank beim Schuldenschnitt mitmachen. Doch falls es wirklich so kommt, droht ein Milliardenverlust - der auch die deutschen Steuerzahler treffen könnte.

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EZB-Zentrale in Frankfurt: Verhandlungen mit Griechenland-Gläubigern festgefahren

Hamburg - Seit fast zwei Jahren kauft die Europäische Zentralbank (EZB) Anleihen europäischer Krisenstaaten auf. Bisher war das für die Notenbank ein zwar riskantes aber auch gutes Geschäft: Sie streicht hohe Zinsen ein und kann zudem mit Kursgewinnen rechnen. Doch jetzt drohen erstmals Verluste, und zwar in Milliardenhöhe.

Grund sind die stockenden Verhandlungen über einen griechischen Schuldenschnitt. Seit Wochen ringen die Vertreter von internationalen Banken und Versicherungen mit der Regierung in Athen darum, auf wie viel Geld sie verzichten sollen.

Die europäischen Staats- und Regierungschefs hatten sich Ende Oktober auf ein zweites Rettungspaket für das schuldengeplagte Griechenland geeinigt. Die darin vereinbarten Hilfen sind an die Bedingung geknüpft, dass auch die privaten Gläubiger einen Beitrag zur Sanierung des Landes leisten. Sie sollen Griechenland die Hälfte seiner Schulden erlassen und alte Anleihen in neue umtauschen. Inklusive der Zinsausfälle würden sie nach aktuellem Verhandlungsstand auf rund 70 Prozent ihrer Forderungen verzichten.

Einen solch hohen Schuldenschnitt wollen offenbar viele Gläubiger nicht mittragen. Wie die "Zeit" berichtet, rechnen führende europäische Währungspolitiker damit, dass die Gläubiger durch eine rückwirkende Änderung der Anleiheverträge zum Forderungsverzicht gezwungen werden müssen.

Auch die Finanzwirtschaft hält diese Variante für wahrscheinlich. Der jetzt diskutierte hohe Forderungsverzicht lasse erwarten, dass nachträglich sogenannte Umschuldungsklauseln ("collective action clauses") in die Anleihenkonditionen aufgenommen und auch angewendet würden, heißt es in einer Studie der Deutschen Bank. Die griechische Regierung hatte bereits mit Zwangsmaßnahmen gedroht.

Der IWF dringt auf eine Beteiligung der EZB

In einem solchen Fall müsste nach Ansicht von Experten auch die EZB in den Schuldenschnitt miteinbezogen werden. Eventuell könnte sie sogar vorher freiwillig ihre Bereitschaft zur Teilnahme erklären, um die Verhandlungen mit den privaten Gläubigern zu erleichtern. Laut einem Bericht der "Financial Times" drängt der Internationale Währungsfonds (IWF) die EZB bereits zu einem solchen Schritt. Der Rat der Notenbank habe unlängst darüber beraten, wie man mit der Situation umgehe.

IWF-Chefin Christine Lagarde bestätigte den Bericht der Zeitung am Mittwoch zwar nicht, übte aber selbst sanften Druck auf die Notenbank aus: Wenn es keine Einigung mit den privaten Gläubigern gebe, müssten sich auch öffentliche Gläubiger wie die EZB am Schuldenschnitt beteiligen. Eine Sprecherin der Notenbank wollte sich auf Anfrage nicht dazu äußern.

Die EZB ist der wohl größte Einzelgläubiger Griechenlands. Seit Mai 2010 hat sie Anleihen europäischer Krisenstaaten im Volumen von 219 Milliarden Euro am Markt aufgekauft, um die Zinsen für solche Papiere zu drücken. Die Ankäufe werden zum großen Teil von den einzelnen Notenbanken des Euro-Systems abgewickelt, also zum Beispiel auch über die Deutsche Bundesbank.

Wie hoch der Anteil von Griechenland-Papieren an den gesamten Käufen ist, veröffentlicht die EZB nicht. Schätzungen gehen aber von etwa 55 Milliarden Euro aus. Wenn die Anleihen am Ende der Laufzeit voll zurückgezahlt werden, macht die Notenbank ein sehr gutes Geschäft. Sie streicht nicht nur die Zinsen ein, sondern verbucht auch hohe Kursgewinne, weil sie Papiere in der Regel zu einem Preis gekauft hat, der deutlich unter dem Nennwert der Anleihen liegt, also unter dem Wert, den Griechenland zum Laufzeitende zurückzahlen muss.

Es drohen 22 Milliarden Euro Verluste

Falls sich die EZB am Schuldenschnitt für Griechenland beteiligen würde, müsste sie laut Analysten der Schweizer Großbank UBS Verluste von rund 22 Milliarden Euro hinnehmen. Ihre Rechnung lautet wie folgt: Die EZB hält griechische Anleihen im Volumen von etwa 55 Milliarden Euro. Würde sie an der Umschuldung teilnehmen, müsste sie auf circa 70 Prozent verzichten. Die Griechen-Papiere in der Bilanz des Euro-Systems wären demnach nur noch 16,5 Milliarden Euro wert.

Allerdings müsste die Zentralbank wohl nicht den gesamten Verlust tragen, schließlich hat sie auch nicht den vollen Preis für die Anleihen bezahlt. Die UBS schätzt, dass die Notenbank im Durchschnitt 70 Prozent des Nominalwerts hingelegt hat. Sie hat also keine 55 Milliarden Euro ausgegeben, sondern lediglich 38,5 Milliarden Euro. Der Verlust im Falle eines Schuldenschnitts wäre die Differenz zwischen diesen Ausgaben und dem Wert der Papiere nach dem Schuldenschnitt, also 16,5 Milliarden. Unter dem Strich hätte die EZB also rund 22 Milliarden Euro Minus gemacht.

Das wäre nicht nur ein bitterer Verlust für die Notenbank, sondern auch für die Steuerzahler. Denn die Gewinne der EZB fließen den nationalen Notenbanken zu - und die schütten sie wiederum an den Staat aus. Deutschland erhält gemäß seinem Anteil an der EZB also rund 27 Prozent. 2010 lag der Gewinn der EZB bei 1,3 Milliarden Euro, der allerdings zum Großteil nicht ausgeschüttet wurde, sondern in die Risikorücklagen floss.

Aus diesen Rücklagen und künftigen Gewinnen müsste die EZB auch die etwaigen Verluste ihrer Griechenland-Geschäfte stemmen. Sollte das nicht reichen, müsste sie auf das Eigenkapital der beteiligten Notenbanken zurückgreifen. Im äußersten Notfall müssten die Staaten sogar frisches Kapital zuschießen.

Die Experten der UBS gehen jedoch davon aus, dass dies nicht nötig sein wird. Sie verweisen auf die hohen Zinsen, die der EZB aus den Anleihengeschäften zufließen. Allein für die aufgekauften Anleihen der Euro-Krisenstaaten erhalten sie nach Schätzung der UBS in diesem Jahr rund zwölf Milliarden Euro Zinsen. Hinzu kommen weitere knapp acht Milliarden Euro Zinsgewinne aus den Geschäften mit klammen Banken.

Unter dem Strich könnte die EZB damit ihren Verlust im Falle eines Schuldenschnitts auf gut zwei Milliarden Euro reduzieren. Dem stehen gemeinsame Kapitalreserven der EZB und der nationalen Notenbanken von 81 Milliarden Euro gegenüber. Sie kämen also glimpflich davon. Die beteiligten Staaten müssten zwar auf Einnahmen verzichten, eine Rettungsaktion dürfte aber nicht nötig werden.

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1. Merkel gesteht erstmals Scheitern der Griechenland-Rettung ein
tollytolly 25.01.2012
Merkel gesteht erstmals Scheitern der Griechenland-Rettung ein | DEUTSCHE MITTELSTANDS NACHRICHTEN (http://www.deutsche-mittelstands-nachrichten.de/2012/01/36875/) Warum lesse ich sowas nicht auf SPON ?
2. Scheibchen Salami gefällig ?
Absurdistan-Veteran 25.01.2012
Nach und nach wird die Öffentlichkeit nun mit den wirklichen Dimensionen der Krise konfrontiert. Immer schön scheibchenweise, damit sich keiner zu sehr aufregen muss. Wie hieß es noch im vergangenen Jahr in diversen Talkshows: alles dummes Gerede, in Wirklichkeit profitiert Deutschland ...
3. Davon redet man doch bald 2 Jahre...
mottasvizzera 25.01.2012
Zitat von sysopDie Verhandlungen mit Griechenlands Gläubigern sind festgefahren. Um das Problem zu lösen, soll nun die Europäische Zentralbank beim Schuldenschnitt mitmachen. Doch falls es wirklich so kommt, droht ein Milliardenverlust - der auch die deutschen Steuerzahler treffen könnte. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,811308,00.html
... die Milliardenschulden müssen erlassen werden und gerechterweise will dies auch Italien, Spanien, Portugal, Irland ... Warum dieser Schuldenschnitt erst jetzt , wenn er schon unausweichlich ist ?
4. skandal
Darjaan 25.01.2012
das ist die größte Schlappe, vor allem deutscher Politiker, nach dem 2ten Weltkrieg und man kann es quasi als Wiretschaftsterrorismus dem eigenen Volk gegenüber bezeichnen... unsere Politiker haben wider besseres Wissen und entgegen vielen Expertenmeinungen unsere Kohle für nicht verschleudert... hätte man Griechenland kontrolliert in die Insolvenz gehen lassen, hätte man ihnen diese Gelder nach der Einführung der Drachme als Wiederaufbeuhilfe und zum Ankurblen der Wirtschaft geben können... jetzt aber geht Griechenland auch Pleite und die Kohle wurde ohne Wirkung verheizt... das ist dermaßen unfassbar dumm, in welch törichter, arrogant, selbstherrlicher Weise unsere Politlügner ihr Ding durchgezogen haben, dass sie dafür in die Gefängnisse gehen sollten... wann erhebt eine deustche Staatsanwaltschaft endlich mal einen Strafantrag oder was Ähnliches, gegen diese verfassungsfeindliche Enteignung und konfiszierung unserer Steuern? leider ist unsere Justiz gerade in solchen Dingen auch nicht unabhängig... da hackt ein Parasit dem anderen kein Auge aus...
5. Wann endlich
adam68161 25.01.2012
hört man mit diesen Spielchen - Ankauf von Altpapier durch die EZB, an den nationalen Parlamenten vorbei ! - auf?!! Als MdB kann man sich doch nicht so verarschen lassen?
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Fotostrecke: So funktioniert eine Umschuldung
Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

dapd
Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.

Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 10,858 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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Die Europäische Zentralbank
EZB
Die Europäische Zentralbank (EZB) ist die gemeinsame Währungsbehörde der Mitgliedstaaten der Europäischen Währungsunion und bildet mit den nationalen Zentralbanken der EU-Staaten das Europäische System der Zentralbanken .
Europäischer Leitzins
Der von der Europäischen Zentralbank vorgegebene Leitzins legt fest, zu welchen Bedingungen sich Kreditinstitute Geld beschaffen und verleihen können.
Expansive Geldpolitik
Durch expansive Geldpolitik wird die verfügbare Geldmenge bei den Geschäftsbanken erhöht, um dadurch die Konjunktur anzukurbeln.
Geldwertstabilität
Ein Hauptziel der EZB ist die Geldwertstabilität , die vor allem mit Hilfe der Geldpolitik erreicht werden soll.


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