Durchbruch im Gotthard-Tunnel Grüezi, Europa

Mineure schwenken Fahnen, Politiker halten weihevolle Reden: Nach dem Durchbruch im Gotthard-Tunnel steigert sich die Schweiz in einen Glücksrausch. Die Röhre ist die längste der Welt, ein Kind der Globalisierung - und soll die Verkehrspolitik Europas revolutionieren.

REUTERS

Von Katrin Rössler und


Hamburg - Das Rumoren wird lauter, die Erde bebt so stark, dass die TV-Kamera leicht zittert. Wasser leckt von der Wand. Rund 3000 Meter unter dem gewaltigen Berg Piz Vatgira schwitzt sogar das Gestein. So lange, bis das Logo der Firma AlpTransit, das die Bergleute auf den Fels gepinselt hatten, unter den mahlenden Meißeln der Riesenbohrmaschine "Sissi" zerbröselt. Neongrünes Licht bricht durch das Loch in der Wand. Bergwächter mit orangefarbenen Overalls drängen Staubwolken mit Feuerwehrschläuchen zurück.

Um 14.18 Uhr ist das letzte Stück des Gotthard-Tunnels durchbrochen. Ein dekadenschweres Infrastrukturprojekt ist einen wichtigen Schritt vorangekommen, nach 25 Jahren Planung und elf Jahren Bauzeit. Eine 57 Kilometer lange Röhre erstreckt sich nun unter den Alpen, unter Zweitausendern und Dreitausendern, von Erstfeld nach Bodio. Es ist bislang wohl der spektakulärste, von Menschen gemachte Weg, die Alpen zu passieren.

Das Bauwerk ist in vielerlei Hinsicht rekordverdächtig: Es ist der längste Eisenbahntunnel der Welt, drei Kilometer länger als der japanische Seikan-Tunnel, der bisherige Spitzenreiter. Umgerechnet gut neun Milliarden Euro wird er 2017 gekostet haben, wenn er von Zügen befahrbar ist. Die Bohrung durch Gneis und Granit ist eine technologische Top-Leistung, die Abweichungen vom Bauplan betragen auf der gesamten Strecke nur wenige Zentimeter. Und der Gotthard-Tunnel ist ein gewaltiges Infrastrukturprojekt, das Nord- und Südeuropa näher zusammenbringen und den Güterverkehr revolutionieren soll.

All das wäre schon genug der Superlative. Doch die Eidgenossen inszenierten das Durchbrechen der letzten anderthalb Meter obendrein als mediales Mega-Event: 180 Journalisten wurden mit Schienenfahrzeugen zur Stelle des finalen Durchbruchs transportiert, und das staatliche Fernsehen berichtet über das Schweizer Buddelglück mit einer siebenstündigen Live-Übertragung.

Durchbruch durch eine nicht ganz unversehrte Wand

Vor allem die Stunde vor dem Durchbruch ist eine durchorchestrierte Folge magischer Medienmomente. Zither- und Hackbrettklänge und Jodelarien hallen durch die hohe Tunnelhalle. Orange leuchten die Overalls der vielleicht 200 Minenarbeiter vor der schroffen grauen Felswand. Ein Pfarrer und ein Pater durchmessen in weißgoldenen Roben den Tunnel, spritzen Weihwasser auf Wand und Bergleute, rufen Gottes Segen in die Tiefe hinab.

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Gotthard-Durchstich: Die Schweiz feiert
So wichtig war den Schweizern das Medienspektakel, dass sie dafür sogar beim Durchbruch mogelten: Die Bergwand, durch die sich Stahlmonster "Sissi" fraß, war keineswegs unversehrt. In ihr klaffte bereits vor dem Durchbruch ein etwa sechs Zentimeter großes Loch. Kumpel aus dem Stollenabschnitt Sedrun bohrten es in den benachbarten Abschnitt Faido im Tessin - um Kabel für die TV-Live-Übertragung der Durchschlagsfeier hindurchzustecken.

Der Schweizer Verkehrsminister mag sich von diesem kleinen Schönheitsfehler nicht stören lassen. Mit durchgedrücktem Rücken schreitet Moritz Leuenberger ans Rednerpult, um sich und sein Land zu feiern. "Liebe Bergleute", sagt er. "Liebe Landsleute. Liebe 'Sissi'." Er schwitzt. "Der Berg ist groß, wir sind klein", redet er weiter. "Gestern wollten wir den Berg versetzen, heute durchbohren wir ihn." Dann zitiert er sogar die Freimaurer: "Weisheit leite den Bau. Stärke führe ihn aus. Schönheit ziere ihn."

Ans Rednerpult ist ein Schild geheftet. "Weltrekord am Gotthard" steht darauf. Bläuliches Licht von hinten verleiht dem Verkehrsminister eine Art Aura. Ohnehin mutet Leuenberger mitunter etwas pastoral an. Zweifler und Kritiker hätten immer wieder versucht, das Projekt zu stoppen, sagt er. Doch zum Mut, der für den Mega-Tunnelbau nötig gewesen sei, gehöre eben auch Großmut. "Deshalb, liebe Kritiker und Warner: willkommen in unserer Festgemeinde."

Imageprojekt für die Schweiz

Der neue Gotthard-Tunnel ist ein Prestige-Projekt, auf das die Schweizer mächtig stolz sind. Nach dem Minarettverbot und diversen Steueraffären in den vergangenen Jahren kann die Alpenrepublik mit dem Gotthard-Tunnel endlich ihr international angekratztes Image aufpolieren.

Die Rekordröhre wird immer wieder als Vorzeigeprojekt gelobt. Im Gegensatz zu Stuttgart 21 gab es innenpolitisch wenig Aufregung, da die Schweizer Bürger von Anfang an mit über das Mega-Projekt entschieden haben. 1992 stimmten fast zwei Drittel der Eidgenossen in einem Volksentscheid dem Bau des Gotthard-Basistunnel und zwei weiterer großer Tunnelbauten zu. Auch die Kosten für das Projekt liefen, anders als in Stuttgart, nicht aus dem Ruder. Nur einmal wurde die Kostenplanung gut zwei Milliarden Euro nach oben korrigiert - und das war schon 2006.

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Gigantomanie am Bau: Die zehn spektakulärsten Verkehrsprojekte
Während der Verkehrsminister das Rampenlicht genießt, hält sich jener Mann, der für den Tunnelbau die Hauptverantwortung trägt, vornehm zurück. Chefingenieur Heinz Ehrbar steht während der Tunnelzeremonie im Publikum. Zumindest steht er in der ersten Reihe, manchmal streifen ihn die TV-Kameras für einige kurze Momente. Der Durchbruch am Eisenbahntunnel ist vielleicht der größte Tag in seinem Leben. Seit mehr als zehn Jahren hat er das Mammutprojekt betreut.

Wenige Minuten, bevor "Sissis" gewaltiger Meißelkopf die Mauer durchbricht, ist Ehrbar kurz im Bild. Er schwitzt, doch seine Augen leuchten.

Die Toten sind allgegenwärtig

Immer wieder gab es beim Bau des Tunnels Probleme, immer wieder haben die Arbeiter die Tücken der Schweizer Berge zu spüren bekommen. Am 31. März 1996 etwa brach über einen Stollenabschnitt das Inferno herein: Mit kaum vorstellbarer Wucht schoss ein Gemisch aus Wasser und Sand aus einem Bohrloch.

Eines der Stahlmonster hatte die gefürchtete Piora-Mulde erwischt, ein schmales, senkrechtes Gesteinsband inmitten der Alpen, voll mit dem Mineral Dolomit, das sich mit Wasser von der Oberfläche zu einem unberechenbaren Brei mischte. Tausende Kubikmeter der zähen Masse brachen aus dem Berg und fluteten den fünf Kilometer langen Erkundungsstollen. Die sechs Arbeiter hatten ungeheures Glück: Sie überlebten unverletzt.

Doch die Piora-Mulde war nur eine von rund 90 geologischen Problemzonen, die während des Mammutprojekts bewältigt werden mussten. Insgesamt kamen beim Bau des Rekordtunnels acht Menschen ums Leben. Sie wurden nicht etwa von Felsen erschlagen. Sie starben bei ganz alltäglichen Unfällen, wie sie auf jeder Baustelle vorkommen. Beim Rangieren mit Baggern, Lastwagen oder der Stollenbahn.

Bei der Tunnelzeremonie sind die acht Toten allgegenwärtig. Ihre Bilder stehen auf dem Armaturenbrett, das "Sissi" auf ihren letzten Metern durch den Fels steuert. Mineure und Minister, Konzernchefs und TV-Journalisten widmen ihnen eine Schweigeminute. Und nach dem Tunneldurchbruch geht ein Bergarbeiter zu einem mit Kerzen erleuchteten Schrein in der Zeremoniehalle, in dem die Bilder der Bergopfer neben Hammer und Schlägel hängen.

Der Mann beugt sich leicht vor und stellt eine Holzfigur der St. Barbara in den Schrein, der Schutzheiligen aller Bergleute. Der Legende nach bekannte sie sich zum Christentum und konnte, als ihr Vater sie dafür töten wollte, durch eine Felsspalte fliehen, die sich wie durch ein Wunder vor ihr öffnete. Später starb St. Barbara als Märtyrerin für einen Kampf, den sie ihr Leben lang aus Überzeugung führte.

Geburt einer neuen Verkehrsära?

Auch Heinz Ehrbahr, der Chefingenieur des Gotthard-Tunnels, hat sein Leben lang gekämpft. Er ist jetzt 54 Jahre alt. Wenn der Tunnel für den Verkehr freigegeben wird, steht er kurz vor der Rente. Noch sechs bis sieben Jahre wird es dauern, bis die Schienen verlegt sind, bis die ersten Züge durch den Gotthard brausen. Dann aber soll die Alpenröhre den Güterverkehr in ganz Europa ändern.

Gut 1,2 Millionen Lastwagen donnern nach Regierungsangaben jedes Jahr durch die Schweizer Täler. Etwa alle acht Jahre verdoppelt sich der Güterverkehr. Durch den Tunnel soll ein Großteil der Transporte auf die Schiene umgelegt werden. Bis zu 200 bis 220 Güterzüge sollen dann täglich fahren. Die Kapazität des jährlichen Güterverkehrs soll von jetzt gut 20 Millionen auf 50 Millionen Tonnen steigen.

Der Gotthard-Tunnel ist so gesehen ein Kind der Globalisierung. Sein Durchbruch symbolisiert, wenn auch künftig alles glattgeht, die Geburt eines saubereren Europas. Immer mehr schweißverklebte Männer zwängen sich nach dem Durchbruch durch das enge Loch in der Steinwand. Sie jubeln, hissen die Flaggen der Schweiz und der beteiligten Kantone.

Vor dem Bohrer steht Verkehrsminister Leuenberger, schluckt die Tränen herunter und sagt: "Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so gerührt sein würde, wenn ein Berg zusammenstürzt."



insgesamt 38 Beiträge
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klickboom 15.10.2010
1. hahahaha
Warum wird eigentlich da nicht gegen protestiert? Gibts keine Linksgrünen in der Schweiz die sich um den Steinbeisserkäfer sorgen?
hornbeam, 15.10.2010
2. Kind einer Volksabstimmung...
nicht der Globalisierung. Mit dem Tunnel werden ja auch keine Kontinente verbunden, oder;-?
marco.sutter 15.10.2010
3. Demokratie
Zitat von klickboomWarum wird eigentlich da nicht gegen protestiert? Gibts keine Linksgrünen in der Schweiz die sich um den Steinbeisserkäfer sorgen?
Weil dort eben alle mitentscheiden durfen. Wäre das Projekt derart überrissen gewesen wie S21 wäre es vom Schweizer Volk bestimmt nicht angenommen worden.
Gandhi, 15.10.2010
4. Mit Ihrem Wissen
Zitat von klickboomWarum wird eigentlich da nicht gegen protestiert? Gibts keine Linksgrünen in der Schweiz die sich um den Steinbeisserkäfer sorgen?
sollten Sie in die USA kommen. Die Tea Bagger wuerden Sie mit offenen Armen aufnehmen. Natuerlich gibt es in der Schweiz Gruene. Die haben das Projekt unterstuetzt, genau wie die Sozialdemokraten. Die Schweizer haben naemlich keine Lust, sich die gute Luft von Brummis aus DE oder IT verpesten zu lassen. In einigen Jahren muessen diese auf die Bahn umsteigen.
klickboom 15.10.2010
5. bähh
Zitat von Gandhisollten Sie in die USA kommen. Die Tea Bagger wuerden Sie mit offenen Armen aufnehmen. Natuerlich gibt es in der Schweiz Gruene. Die haben das Projekt unterstuetzt, genau wie die Sozialdemokraten. Die Schweizer haben naemlich keine Lust, sich die gute Luft von Brummis aus DE oder IT verpesten zu lassen. In einigen Jahren muessen diese auf die Bahn umsteigen.
Doch haben sie ja schon genommen wies aussieht (pfui)
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