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E.on-Chef: Teyssen hält Atom- und Kohlestrom für kaum profitabel

Ein Interview von und

Das Geschäft mit großen Kraftwerken ist tot. E.on-Chef Johannes Teyssen glaubt nicht, dass er mit dem Verkauf von Atom- und Kohlestrom je wieder "nennenswert Geld verdient" - selbst dann nicht, wenn er für die Sicherung der Versorgung bald eine Prämie bekommen sollte.

Kohlekraftwerk (Archivbild): Ökostrom verdrängt konventionelle Meiler Zur Großansicht
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Kohlekraftwerk (Archivbild): Ökostrom verdrängt konventionelle Meiler

Zur Person
  • DPA
    Johannes Teyssen, 54, ist seit Mai 2010 Vorstandsvorsitzender von E.on, Deutschlands größtem Energieversorger. Zuvor war er im Konzern unter anderem für Finanzen zuständig. Der promovierte Jurist sitzt zudem in den Aufsichtsräten der Deutschen Bank und der Salzgitter AG.
SPIEGEL ONLINE: Herr Teyssen, haben Sie zuletzt einmal daran gedacht, sich einen weniger frustrierenden Job zu suchen?

Teyssen: Der Gedanke ist mir noch nicht gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Dann müssen Sie echte Nehmerqualitäten haben. Wir zählen auf: geschlossene Atomkraftwerke, die dilettantisch umgesetzte Energiewende, unrentable Kohle- und Gaskraftwerke. Und jetzt sind durch Putins Interventionspolitik auch noch Ihre milliardenschweren Investitionen in Russland bedroht.

Teyssen: Ich zähle auch einmal auf: 34 Millionen Kunden, eine global führende Position bei erneuerbaren Energien, eine sehr motivierte Mitarbeiterschaft. Sorgen bestimmen mein Denken nicht.

SPIEGEL ONLINE: Der Anteil von Ökostrom an der Energieversorgung wird weiter steigen, E.ons Marktanteil weiter sinken. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel schafft mit seiner Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes gerade die Voraussetzungen dafür. Stört Sie das nicht?

Teyssen: Minister Gabriel versucht, die Energiewende günstiger zu machen, seine Reform geht in die richtige Richtung. Nur eines finde ich nicht optimal.

SPIEGEL ONLINE: Was denn?

Teyssen: Die Regierung will die erneuerbaren Energien erst 2017 in den Markt überführen. Morgen wäre dafür auch ein schöner Tag. Ein Viertel des deutschen Stromverbrauchs wird durch erneuerbare Energien gedeckt. Wie groß soll die Branche denn noch werden, bevor sie den Markt aushält?

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen die Förderung für Ökostrom abschaffen?

Teyssen: Sicher nicht. Wir haben bislang neun Milliarden Euro in erneuerbare Energien investiert. Ein Fadenriss bei den Investitionen ist nicht in unserem Interesse. Es geht vielmehr darum, erneuerbare Energien in einem für das System verträglichen Tempo auszubauen.

SPIEGEL ONLINE: EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia will fixe Vergütungssätze für erneuerbare Energien ebenfalls abschaffen. Freut Sie die Unterstützung aus Brüssel?

Teyssen: Der Strommarkt ist längst europäisch, Deutschlands Energiepolitik hat Folgen in vielen anderen Staaten. Wir gebärden uns wie ein Elefant, der dort sitzt, wo er mag, und nicht dort, wo im Zoo Platz ist. Ich begrüße, dass es bald Zooregeln geben soll, die für alle gelten.

SPIEGEL ONLINE: Bei den erneuerbaren Energien lehnen Sie weitere Förderungen ab. Für Ihre Kohle- und Gaskraftwerke dagegen fordern Sie milliardenschwere Subventionen. Wie passt das zusammen?

Teyssen: Ich lehne keine Förderungen ab, aber wir müssen den Ausbau erneuerbarer Energien deutlich effizienter gestalten. Die erneuerbaren Energien machen die Stromversorgung sauberer. Kohle- und Gaskraftwerke machen sie an jedem Ort zu jeder Stunde sicher verfügbar, solange es noch keine günstigen Speicher gibt. Dafür verlangen wir keine Subventionen. Nur, wenn Kunden Versorgungssicherheit wollen, dann muss es für dieses Produkt auch einen Markt mit angemessenen Preisen geben.

SPIEGEL ONLINE: Das geht auch ohne staatlichen Eingriff. Sie könnten überflüssige Kraftwerke einfach abschalten. Dann steigen die Strompreise, und ihre restlichen Kraftwerke rechnen sich wieder.

Den 1. Teil des Interviews lesen Sie im aktuellen SPIEGEL
Teyssen: So einfach ist das nicht. Wenn wir Kraftwerke vom Netz nehmen, wird der Strom in wind- und sonnenarmen Stunden wirklich knapp. Eine Megawattstunde würde dann leicht mehrere Tausend Euro kosten.

SPIEGEL ONLINE: Und dann schmeißen Sie Ihre Gasturbinen an und kassieren ab. Das ist doch eine Perspektive.

Teyssen: Ich bezweifle, dass die Gesellschaft das mitträgt. Das wäre kein zukunftsfähiges Konzept, auch nicht für uns.

SPIEGEL ONLINE: Das sagen Sie? Ein Verfechter der Marktwirtschaft?

Teyssen: Marktwirtschaft heißt nicht, dass man Knappheit unbegrenzt ausnutzen darf. Wie fänden Sie es, wenn ein Krankenversicherer sagt, wir machen Ihre Police unschlagbar günstig, nur, wenn Sie einen Herzinfarkt haben, dann wird es richtig teuer. Marktverträglich ist das, gesellschaftsverträglich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Aber ein System für Kraftwerksreserven, das die Stromverbraucher nach Schätzungen von Experten drei bis sechs Milliarden Euro pro Jahr kosten würde: Das soll gesellschaftlich verträglich sein?

Teyssen: Es vermeidet extreme Preisspitzen. Und es vermeidet, dass Kraftwerke vom Netz gehen, die man noch lange braucht. Noch sind genug konventionelle Kraftwerke in Betrieb, um die Stromversorgung auch bei Dunkelheit und Windstille zu garantieren. Aber immer mehr Kraftwerke müssen wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit geschlossen werden, auch bei uns. Wenn das ungebremst weitergeht, bekommen wir massive Probleme, die Stromversorgung zu jeder Zeit aufrecht zu erhalten.

SPIEGEL ONLINE: Man kann den fehlenden Strom doch auch aus anderen EU-Staaten importieren.

Teyssen: Auch in anderen EU-Staaten steigt der Anteil an erneuerbaren Energien. Auch dort werden zunehmend Kraftwerke gebraucht, die in wind- und sonnenarmen Stunden die Versorgung sichern. Ich rate dringend davon ab, dass jeder Staat seinen eigenen Kapazitätsmarkt schafft, um Versorgungssicherheit zu garantieren. Besser wäre eine europäische Lösung. Diese könnten zum Beispiel Deutschland, Frankreich, Belgien, die Niederlande, Luxemburg und Österreich entwickeln, später würden weitere Länder hinzukommen.

SPIEGEL ONLINE: Selbst wenn ein solcher Kapazitätsmarkt kommt: Er wird E.on nicht retten.

Teyssen: Nein, aber er wird dafür sorgen, dass wir für das Produkt Versorgungssicherheit nicht draufzahlen und es weiter anbieten können. Die Nachfrage dafür gibt es, da bin ich ganz sicher. Niemand möchte ungewollt im Dunkeln sitzen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das klassische Kraftwerksgeschäft tot?

Teyssen: Ich gehe nicht davon aus, dass mit der konventionellen Stromerzeugung künftig noch nennenswert viel Geld verdient werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie dann?

Teyssen: Profite werden künftig mit Dienstleistungen rund um das Produkt Strom erzielt, zum Beispiel mit Blockheizkraftwerken oder Lösungen zur Steigerung der Effizienz. Manche dieser Produkte werfen höhere Margen ab, als es im klassischen Stromgeschäft je möglich war.

SPIEGEL ONLINE: Im Bereich der dezentralen Energien ist Ihr Marktanteil verschwindend gering. So gibt es 60.000 Blockheizkraftwerke in Deutschland, E.on betreibt davon 4000. In den Markt für Energiedienstleistungen drängen auch IT-Riesen wie Google und die Telekom. Wie wollen Sie sich durchsetzen?

Teyssen: Wir haben 34 Millionen Kunden und ein über Jahrzehnte gewachsenes Know-how in der Energiewirtschaft. Unsere Ausgangsposition ist gut. Wir werden in die neuen Märkte hineinwachsen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Gewinne haben sich 2013 halbiert. Haben Sie die Zeit, erst alles neu zu lernen?

Teyssen: Soll ich mich lieber an den Straßenrand setzen und warten, dass ich überfahren werde? Wir sind in vielen Märkten gut aufgestellt. Und wir haben in neuen Märkten erste Erfolge. Eines der weltweit führenden Unternehmen bei erneuerbaren Energien zu sein, kommt nicht von Ungefähr, sondern ist das Ergebnis eines massiven Wandels aus eigener Kraft. Wir werden die Wende schaffen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 293 Beiträge
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1. Dezentralisierung
kjartan75 18.03.2014
Wie oft ich das schon in grauer Vorzeit gesagt habe. Jetzt scheinen es sogar die großen Energiekonzerne zu kapieren. Dezentralisierung ist definitiv der richtige Weg der Energieversorgung. Und es wäre toll, wenn man mal verstärkt den Fokus auf Energieeffizienz beim Verbraucher achtet. Die Technologien für effizientere Geräte und weniger Stromverschwendung im Haushalt gibt es längst.
2. Sehr traurig
veremont 18.03.2014
Zitat von sysopREUTERSDas Geschäft mit großen Kraftwerken ist tot. E.on-Chef Johannes Teyssen glaubt nicht, dass er mit dem Verkauf von Atom- und Kohlestrom je wieder "nennenswert Geld verdient" - selbst dann nicht, wenn er für die Sicherung der Versorgung bald eine Prämie bekommen sollte. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/e-on-chef-teyssen-haelt-atom-und-kohlestrom-fuer-kaum-profitabel-a-958458.html
"Teyssen: Ich gehe nicht davon aus, dass mit der konventionellen Stromerzeugung künftig noch nennenswert viel Geld verdient werden kann." Na das ist aber schade Herr Teyssen, wo doch alle Menschen in DE auf Energie angewiesen sind, kann man da nicht noch ein wenig mehr heraus pressen? Na kommen Sie, man kann die Leute doch wringen wie nasse Handtücher, ein paar Tropfen bekommt man doch noch heraus! Außerdem wurde mit Atomstrom nie Geld verdient, das war nur ein großer Spaß auf Kredit und die Zinsen sowie die Raten werden wir noch Jahrhunderte lang ab bezahlen. Jeden Cent der an Atomstrom verdient wurde sollte sofort zurückgezahlt und in die Lösung der Endlagerproblematik gesteckt werden!
3. Kapitalvernichtung
makuzei 18.03.2014
Das EEg war der fürchterlichste Anschlag auf die Interessen der Menschehit,der nach 1945 von deutschem Boden ausgegangen ist.- Und nebenbei die grösste Kapitalvernichtung.
4. Sehr gut!
msdelphin 18.03.2014
Anscheinend gibt es doch noch Menschen in Führungspositionen, die die Zeichen der Zeit erkennen. Anstatt herumzujammern, den vergangenen Zeiten nachzutrauern und übertriebenen Lobbyismus zu betreiben, setzen sie doch auf Innovation und zukunftsorientierte neue Chancen, die sich auf jeden Fall bieten. Das gibt mir auch Zuversicht und ich sehe für EON doch noch eine Zukunft. Vielen Dank!
5. toll sowas wie antimarkt
celsius234 18.03.2014
da gibts strom im Überfluss und die preise steigen . eine wirklich dämliche Lösung um auch dem letzten klar zu machen das öko mist ist.
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