Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

E10 und Umweltschutz: Irrsinn in grün

Ein Debattenbeitrag von Thomas Straubhaar

Es ist eine Blamage sondergleichen - Umweltgruppen und Politiker wollten den Biokraftstoff E10 mit aller Macht durchdrücken und haben die Sorgen der Bürger ignoriert. Der Fall ist symptomatisch für die Ökorepublik Deutschland: Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut.

E10-Probe: Die Öko-Willkür wird nun offensichtlich Zur Großansicht
DPA

E10-Probe: Die Öko-Willkür wird nun offensichtlich

Mehr Scheitern geht nicht: Führungsschwache Politiker, Kommunikationschaos, handwerkliche Fehler - beim Biokraftstoff E10 ist schiefgegangen, was nur geht. Erst staunte die Öffentlichkeit ungläubig, dann verunsichert und nun verärgert. Ökologisch fragwürdig, ökonomisch unsinnig, so muss man es wohl nennen, wenn Weizen, Mais und Zucker Tanks statt Mägen füllen.

Das E10-Desaster hat aber auch sein Gutes. Selten wurden die Folgen einer fragwürdigen Öko-Willkür für die Bevölkerung derart offensichtlich.

Dabei ist die Liste der fundamentalen Ökoirrtümer lang. Neu ist nun, dass bei E10 viele Deutsche ganz unmittelbar betroffen sind. Was beim Verbot der Glühbirne von den meisten Menschen als Bagatelle widerwillig hingenommen wurde, wird beim Biokraftstoff als unrechtmäßiger Eingriff in die selbstbestimmte Autonomie des Autofahrers verstanden. Und da hört das Verständnis der Meisten auf. Zu Recht.

E10 müsste in den Lehrbüchern der politischen Ökonomie künftig einen festen Platz erhalten. Es ist das Paradebeispiel dafür, dass gut gemeint noch lange nicht gut gemacht bedeutet. Eine ökonomisch falsche Politik führt zu teurer Verschwendung und unnötigen Kosten. Schlimmer noch: Es kommt zu Verwerfungen, Umgehungen und im Endeffekt gerade zum Gegenteil dessen, was man ökologisch erreichen wollte.

Einzelinteressen statt Gemeinwohl

An E10 lässt sich exemplarisch veranschaulichen, wie kleine Kampfgruppen - nicht nur in der Umweltpolitik, sondern auch in vielen anderen Bereichen - ihre eigenen Interessen zum Gemeinwohl erklären, um so zu Lasten der Allgemeinheit ihre eigenen Ziele zu verfolgen. Das Schüren von diffusen Ängsten (zum Beispiel vor Überfremdung oder Epidemien) gehört dabei genauso zu den Instrumenten wie die Panikmache (zum Beispiel vor Erderwärmung oder Dürrekatastrophen).

Dabei wollen die Kampfgruppen diese Probleme oft nur vordergründig lösen. Tatsächlich sind die selbsternannten Retter gar nicht daran interessiert. Denn mit dem Ende des Problems wäre auch ihr eigenes politisches Ende gekommen. Welche Themen blieben den Öko-Aktivisten, wenn die Erderwärmung begrenzt oder deren Folgen beherrschbar werden? Was bleibt den "Deutschland den Deutschen"-Parteien, wenn die Integration gelingt, und Deutschland ein buntes, fröhliches und erfolgreiches Land wird? Mobilisierung der Massen lebt von der Angst der Massen. Und ohne Angst fehlt das Mobilisierungspotential. So einfach funktioniert das Grundgesetz der politischen Ökonomie.

Manchmal ist es für die Kampfgruppen einfach, die Masse der Bevölkerung zu verängstigen, zu instrumentalisieren und zu mobilisieren. Die gefühlte Ohnmacht gegenüber dem Klimawandel, die unsicheren Folgen der Globalisierung oder eine scheinbare Islamisierung Deutschlands lassen viele Menschen zu Opfern kleiner, aber aktiver und gut organisierter Interessengruppen werden.

Bei E10 wird es richtig teuer

Bei E10 jedoch sind die Öko-Aktivisten einen Schritt zu weit gegangen. Anders als bei der Energiesparlampe, die zwar ebenso ungeliebt ist, aber deren geringe Folgekosten doch von den meisten, wenn auch mit Murren, akzeptiert werden, wird es bei E10 für die Bevölkerung richtig teuer.

Damit zeigt sich eines: Die Masse der Menschen ist dem homo oeconomicus weit näher, als es viele seiner Gegner wahrhaben wollen. Sind Menschen von der Politik und deren Gesetzen selber kaum betroffen, wehren sie sich nicht, weil die eigenen Kosten des Protests höher wären als die Kosten der ungeliebten Politik. Bewerten Menschen jedoch die persönlichen Folgekosten der Politik als hoch, beginnen sie zu protestieren. Deshalb kämpft der Wutbürger mit aller Kraft für seine Stadtbäume, wehrt sich aber nicht gegen das Abholzen der Regenwälder.

In einem Punkt haben die Öko-Aktivisten Recht. Es gilt, gewaltige umweltpolitische Herausforderungen zu bewältigen. Eine stark wachsende Weltbevölkerung bedeutet eine stark wachsende Nachfrage nach Rohstoffen und Energie. Die Frage ist nur, wie man auf diese Herausforderung reagiert. Durch technokratischen Wahnsinn à la E10 wird der Massenbedarf jedenfalls nicht zu befriedigen sein. Dafür braucht es mehr Ökonomie und weniger Ökokratie. Es braucht neue Technologien, die eine wirklich bessere Öko-Effizienz aufweisen.

Viele solcher Ideen gibt es schon lange, einige haben es bis zu Prototypen, Testanlagen und ersten Feldversuchen geschafft, andere sind sogar schon marktreif. Gebäudesanierung zum Beispiel weist bei gleichen Kosten eine deutlich bessere CO2-Bilanz auf als Solarenergie. Doch oft genug geht die Politik den scheinbar grünen Weg - und erreicht damit genau das Falsche: Staatliche Initiativen wie bei E10 oder bei den Solarsubventionen stehen dem Durchbruch wirklich nachhaltiger Technologien im Wege. Schließlich kann jeder Euro nur einmal ausgegeben werden.

Dass die nun erkannt wird, ist das einzig Gute am E10-Chaos.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 351 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Selbst Schuld
Olaf 08.03.2011
Zitat von sysopEs ist eine Blamage sondergleichen - Umweltgruppen und Politiker wollten den Biokraftstoff E10 mit aller Macht durchdrücken und haben die Sorgen der Bürger ignoriert. Der Fall ist symptomatisch für die Ökorepublik Deutschland: Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,749681,00.html
Mein alter Ausbilder sagte schon vor fast 40 Jahren: "Vorsicht vor den Leuten mit der gefährlichen Halbbildung!" Recht hatte er! Jetzt bekommen wir die Rechnung dafür, dass wir unsere Energieversorgung in die Hände von Soziologen und Theaterwissenschaftler gelegt haben. Die haben zwar die geringere Ahnung, aber die besseren Sprüche. Und das war schon immer entscheidend.
2. .
frubi 08.03.2011
Zitat von sysopEs ist eine Blamage sondergleichen - Umweltgruppen und Politiker wollten den Biokraftstoff E10 mit aller Macht durchdrücken und haben die Sorgen der Bürger ignoriert. Der Fall ist symptomatisch für die Ökorepublik Deutschland: Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,749681,00.html
Tja. Was sollen unsere Jungs und Mädels aus dem Bundestag denn auch tun, wenn kaum einer von denen mehr weis, was draußen im Lande los ist und was die Leute denken, die sie letztlich immer wieder in den Bundestag wählen. Ein Haufen von Juristen wird sich halt kaum ernsthaft mit Biosprit-Fragen beschäftigen können. Aber das haben wir uns auch ein wenig selbst zuzuschreiben wenn wir immer nur die aalglatten Schwiegersohntypen in die Parlamente wählen. Schöne Haare, weiße Zähne und keine Ahnung von irgendetwas. Das so ein Typ wie der Röttgen nicht mal den Hauch von Verantwortungsbewusstsein zeigt, sagt mehr als 1000 Worte. Der ist ein Politiker, der sich ausschließlich mit der K-Frage befasst. Immerhin schultert der so nebenbei den CDU-Vorsitz in NRW (wenn den meine Landsleute wählen, dann versteh ich die Welt nicht mehr).
3. als ob es von den Grünen wäre..
n+1 08.03.2011
Zitat von sysopEs ist eine Blamage sondergleichen - Umweltgruppen und Politiker wollten den Biokraftstoff E10 mit aller Macht durchdrücken und haben die Sorgen der Bürger ignoriert. Der Fall ist symptomatisch für die Ökorepublik Deutschland: Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,749681,00.html
Jetzt macht also auch die CDU "grüne" Politik. Haben aber die Gesetzmäßigkeit noch nicht begriffen. Grüne Politik heißt: gescheit daher reden nichts praktisch umsetzen fordern und demonstrieren gute Presse bekommen Das größte ökologische Problem Deutschlands ist die Partei "die Grünen". Wenigstens ich tanke E10.
4. Fehlender Beleg...
lachender lemur, 08.03.2011
Im Artikel wird immerzu behauptet, "Öko-Aktivisten" und "Umweltgruppen" hätten sich für E10 stark gemacht - leider ohne Nachweis der Richtigkeit dieser Behauptung. Um welche "Öko-Aktivisten" und "Umweltgruppen" handelt es sich denn?
5. Welche Umweltgruppen?
founder 08.03.2011
Zitat von sysopEs ist eine Blamage sondergleichen - Umweltgruppen und Politiker wollten den Biokraftstoff E10 mit aller Macht durchdrücken und haben die Sorgen der Bürger ignoriert. Der Fall ist symptomatisch für die Ökorepublik Deutschland: Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,749681,00.html
Welche Umweltgruppen? Eine "Umweltgruppe" die für E10 eintritt, ist als Umweltgruppe disqualifiziert Eine "Umweltgruppe" die gegen das Elektroauto hetzt, ist als Umweltgruppe disqualifiziert (http://auto.pege.org/2010-anti/) Weil alle Fakten Biosprit disqulifizieren und elektrische Mobilität mit Strom aus Sonne und Wind alternativlos machen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Zum Autor
DPA
Thomas Straubhaar ist Professor für Volkswirtschaft an der Universität Hamburg und Leiter des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI). Seine Forschungsinteressen liegen bei den internationalen Wirtschaftsbeziehungen. Außerdem befasst er sich mit Ordnungspolitik sowie bildungs- und bevölkerungsökonomischen Fragen. Anfang 2010 war er Helmut Schmidt Fellow an der Transatlantic Academy in Washington D. C. Mehr zu Thomas Straubhaar auf der Themenseite...

Alle Informationen zum neuen E10-Benzin
Was ist E10 und warum wird es eingeführt?
Das "E" steht für Ethanol, die "10" für den künftig zehnprozentigen Anteil von Bioethanol im Benzin. Mit Erhöhung der Beimischung von fünf auf zehn Prozent setzt die Bundesregierung EU-Vorgaben um. Hintergrund ist das Ziel, den CO2-Ausstoß von Autos zu senken.
Das neue, E10 genannte Benzin vertragen allerdings nicht alle Autos.
Fahrer sollten sich also informieren, ob ihr Wagen betroffen ist.
Warum kann E10 für ein Auto gefährlich sein?
Laut ADAC kann E10 aggressiv mit Metall- und Kunststoffteilen reagieren. Im schlimmsten Fall sind auch Motorschäden denkbar. Der Alkohol kann Aluminium zersetzen, das auch in Motoren oder in Benzinpumpen verwendet wird. Daneben kann E10 den Kunststoff von Kraftstoffschläuchen oder Dichtungen angreifen. Werden Leitungen löchrig, kann sich Benzin an heißen Motorbauteilen entzünden.
Welche Autos vertragen E10 - und welche nicht?
Laut Bundesumweltministerium (BMU) können 90 Prozent der Autos mit Benzinmotor "ohne Einschränkungen" E10 tanken. Über vier Millionen der in Deutschland zugelassenen Autos vertragen den Sprit demnach nicht. Informationen zur Verträglichkeit geben Händler und Hersteller. Aus dem Alter eines Autos lässt sich dies nicht ableiten, teils ist E10 auch für neuere Modelle ungeeignet. Eine Liste mit Autos, die den neuen Sprit nicht tanken sollten, hat die Deutsche Automobil Treuhand (DAT) auf ihrer Internetseite veröffentlicht. Informationen gibt es auch beim ADAC.
Was tanken künftig Autos, die kein E10 vertragen?
Für die gibt es an allen Tankstellen auch weiter E5 mit fünf Prozent Bioethanol - laut BMU "zeitlich unbefristet". E10 selbst wird künftig als "Super E10" an den Zapfsäulen gekennzeichnet sein, E5 wie bisher als "Super".
Wie viel kostet E10?
Das BMU schließt nicht aus, dass Benzin durch die Einführung von E10 teurer wird. Auf die Ölkonzerne kämen zusätzliche Kosten etwa für die Herstellung von Ethanol zu. Zudem steigt demnach auch der Benzinverbrauch durch E10 um knapp zwei Prozent wegen des geringeren Energiegehalts von Alkohol im Vergleich zu Benzin.
Weitere Informationen im Internet

Suche starten!



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: