Ecclestone-Prozess eingestellt Die Wahrheit bleibt auf der Strecke

Das Bestechungsverfahren gegen Bernie Ecclestone wird eingestellt, der Rennboss zahlt 100 Millionen Dollar. Die Richter geben sich zufrieden - doch jetzt wird wohl nie geklärt werden, was in dem Wirtschaftskrimi wirklich geschah.

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Eine Analyse von


Hamburg - Bernie Ecclestones unfreiwillige München-Aufenthalte als Angeklagter vor dem Landgericht sind beendet. Einmal mehr wird ein spektakuläres Wirtschaftsstrafverfahren gegen Zahlung einer Riesensumme eingestellt werden. Der Deal hat sich für die Staatsanwaltschaft München I gelohnt: Bei 100 Millionen Dollar schlug Oberermittler Manfred Nötzel ein - ein guter Preis für die Ablöse einer seitens der Staatsanwaltschaft nicht näher definierten "Restschuld". Hinzu komme das hohe Alter des Angeklagten. Ecclestone darf das Gericht als unbescholtener Bürger verlassen und kann weiter Formel-1-Chef bleiben.

Ein Superreicher hat sich freigekauft, so sieht es aus, Geld sticht Gerechtigkeit. Ein Riesenskandal, ein Fall von Klassenjustiz gar? Wohl eher nicht. Bei genauerem Hinsehen endet das Verfahren gegen Ecclestone in dem Geschacher, wie es vor deutschen Gerichten üblich ist, wenn das Verfahren zu aufwendig zu werden droht oder wenn die Beweisführung schwächelt, aber nicht vollends zusammenbricht.

Der 83-Jährige war wegen Bestechung und Anstiftung zur Untreue angeklagt. Dem früheren BayernLB-Vorstand Gerhard Gribkowsky zahlte er vor etwa acht Jahren 44 Millionen Dollar. Angeblich, damit dieser sich beim Verkauf der Bank-Anteile am Rennzirkus an einen Investor nach Ecclestones Gusto nicht querstellt.

Doch die Beweise für die Bestechung erwiesen sich im Laufe des Verfahrens als dürftig, die für die Untreue ebenso.

Das lag vor allem an Gerhard Gribkowsky, dem Hauptzeugen gegen Ecclestone. Der Banker war 2012 unter anderem wegen Bestechlichkeit zu achteinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Und zwar ausgerechnet vom selben Vorsitzenden Richter, dessen Kammer jetzt das Verfahren gegen Ecclestone einstellte. Damals hatte Peter Noll Gribkowsky eine deutlich höhere Strafe angedroht, die dieser in letzter Minute mit einem bühnenreifen Geständnis abwendete.

Freispruch für den Formel-1-Boss
Ohne Bestecher kein Bestochener - klar, dass die Staatsanwaltschaft nach dem Topf-und-Deckel-Prinzip auch gegen Ecclestone ermittelte. Und Gribkowsky fiel bald nach seiner Verurteilung noch alles Mögliche ein, mit dem er den Rennboss belastete, zum Beispiel dass dieser ihn einmal als "civil servant" bezeichnet habe, als Staatsdiener. Das war Futter für die Anklage, denn die Bestechung eines Amtsträgers gilt als besonders strafwürdig.

Dass dieser Erinnerungsschub im Jahr 2012 irgendetwas mit in Aussicht gestellten Hafterleichterungen zu tun gehabt haben soll, wies Gribkowsky weit von sich. Als Belastungszeuge war der Banker aber ein ziemlicher Ausfall.

Wann und wie genau Ecclestone ihn als "Staatsdiener" verspottet habe? Konnte er nicht mehr sagen. Aus Sicht der Bank war der Verkauf an Ecclestones Wunschinvestor ein Bombengeschäft, alternativlos. Für welche Gegenleistung Ecclestone ihn denn dann noch habe bestechen müssen? "Ich hab' mir diese Frage nie gestellt", sagte Gribkowsky.

Stattdessen lieferte er selbst noch Hinweise, die Ecclestones Version der Geschichte stützen. Ecclestone hatte stets behauptet, er habe sich mit den Millionen Gribkowskys Stillhalten erkauft. Der Banker habe gedroht, ihm beim britischen Fiskus mit belastenden Informationen anzuschwärzen.

Vor Gericht erzählte Gribkowsky, wie er einmal ein Blatt Papier wie zufällig auf Ecclestones Schreibtisch liegen lassen und diesen damit ganz schön in Aufruhr versetzt habe. "Das war so eine persönliche Idee", sagte er. Aber was auf dem Blatt stand? "Das habe ich nicht in Erinnerung, es hat mich in dem Moment nicht interessiert."

Da feixten Ecclestone und seine Verteidiger, und die Staatsanwälte wurden blass um die Nase. Für das Gericht und seinen Vorsitzenden zeichnete sich eine unschöne Konstellation ab: Sollte man Ecclestone die Bestechung gar nicht nachweisen können, würde Gribkowsky als verurteilter Bestecher womöglich ein Wiederaufnahmeverfahren anstrengen.

Geld gegen Lebenszeit

Doch es gab einen eleganten Weg, um Ecclestones Schuld zu minimieren, ohne die Urteilsgründe gegen Gribkowsky antasten zu müssen. In letzter Zeit hatte der Vorsitzende Richter immer wieder durchblicken lassen, er hege doch arge Zweifel daran, ob Ecclestone - zumal als Brite! - habe wissen müssen, dass Gribkowsky als Manager der Bayerischen Landesbank ein Staatsdiener war. Damit wäre Ecclestones mögliche Schuld weiter zusammengeschrumpft. So fiel es dem Gericht leichter, der Einstellung gegen Geldauflage zuzustimmen.

Ecclestone hätte wohl auch alles auf Freispruch setzen können, aber dann hätte sich das Verfahren noch endlos gezogen, mit ungewissem Ausgang. Der Angeklagte wird dieses Jahr 84, er ist zwar als risikobereit bekannt, aber nicht als tollkühn. Für ihn dürfte die Rechnung "Geld gegen Lebenszeit" lauten.

Die enorme Summe der Geldauflage ist kein Skandal, denn ihre Höhe richtet sich nach der Höhe des Einkommens des Angeklagten. Ein Segen für die Staatskasse, dass Ecclestone Milliardär ist. 100 Millionen Dollar ist exakt die Summe, die ihm seine geschiedene Frau, der er sein Vermögen in einer Stiftung übertragen hat, als Unterhalt zahlt - pro Jahr.

Skandalös kann man finden, dass die Wahrheit auf der Strecke bleibt. Es wird wohl nie ans Licht kommen, wofür Gribkowsy von Ecclestone das viele Geld bekam.

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insgesamt 109 Beiträge
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Seite 1
lupenrein 05.08.2014
1. ..............
Zitat von sysopREUTERSDas Bestechungsverfahren gegen Bernie Ecclestone wird eingestellt, der Rennboss zahlt 100 Millionen Dollar. Die Richter geben sich zufrieden - jetzt wird wohl nie geklärt werden, was in dem Wirtschaftskrimi wirklich geschah. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/ecclestone-analyse-zur-einstellung-des-bestechungsprozess-a-984438.html
Es war nicht zu erwarten, dass er verurteilt würde......
runzel 05.08.2014
2.
"Ohne Bestecher kein Bestochener - klar, dass die Staatsanwaltschaft nach dem Topf-und-Deckel-Prinzip auch gegen Ecclestone ermittelte." - So ist es ja auch. Wenn es nun niemanden gibt der bestochen hat, kann es auch niemanden geben, der bestochen wurde - der Knabe von der Bank ist also auch nicht (mehr) schuldig. Den Blödsinn mit "Er hat ja vielleicht auch gar nicht gewusst, was die Bank denn für eine Bank ist." kann sich auch getrost in die Haare geschmiert-haha- werden. Wenn jemand der mit Millionen hantiert und 44 Millionen€ Bestechungsgelder auf den Tisch legen kann, wird auch jemanden haben, der mal kurz INformationen "über diesen unbekannten und total ominösen Geschäftspartner" einholen. Desweiteren gilt doch noch: Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Formaljuristisch mag das alles ja wieder voll in Ordnung sein. Richtig ist es trotzdem nicht.
Redigel 05.08.2014
3. Dr.
Zitat von sysopREUTERSDas Bestechungsverfahren gegen Bernie Ecclestone wird eingestellt, der Rennboss zahlt 100 Millionen Dollar. Die Richter geben sich zufrieden - jetzt wird wohl nie geklärt werden, was in dem Wirtschaftskrimi wirklich geschah. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/ecclestone-analyse-zur-einstellung-des-bestechungsprozess-a-984438.html
Gut, dass man den Verdacht der Bestechung durch Bestechung der Judikative aus dem Weg gehen kann. Alles andere würde das Ungerechtigkeitsempfinden des Bürgers nur beeinträchtigen...
Freidenker10 05.08.2014
4. Gschmäckle
Egal wie die Beweislage auch war, ein Gschmäckle bleibt und der Eindruck sich mit viel Geld über dem Gesetz bewegen zu können! Vor dem Gesetz sollte ALLE gleich sein, aber was macht derjenige der kein Geld hat? Es kann doch nicht sein, dass man vor deutschen Gerichten nur mit Top Anwälten und einem dicken Sparstrumpf bestehen kann...
pepone987 05.08.2014
5.
Wer gut schmiert, der gut fährt. Das gilt nicht nur für die Formel 1 wie man deutlich sieht. Interessant ist nur, dass der Bestochene schuldig gesprochen wurde und der Bestechende als unschuldig zu betrachten ist...
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