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Bestechungsprozess gegen Bernie Ecclestone: In Ich-Form

Aus München berichtet Beate Lakotta

Hat Bernie Ecclestone einen bayerischen Banker mit Millionen geschmiert? Der Formel-1-Impresario steht jetzt in München vor Gericht - und nutzt den Prozessauftakt zur Selbstverteidigung. Einige Argumente sorgen für Gelächter im Saal.

Um kurz nach halb zehn betritt Bernard Charles Ecclestone den zirkusrunden Saal 101 des Münchner Landgerichts im navyblauen Dreiteiler, flankiert von seinen Verteidigern Sven Thomas und Norbert Scharf.

Sonst findet hier der NSU-Prozess statt, doch was sich jetzt in diesem Raum abspielt, könnte in die Geschichte des globalen Rennsports eingehen: als Tag, an dem Bernie Ecclestone die Macht über sein Lebenswerk zu entgleiten begann.

Ecclestone, ein taumelnder Gigant? Anzumerken ist ihm das nicht, diesem höflichen alten Herrn mit Beatles-Frisur und windschiefer Nickelbrille.

Alles an ihm ist Legende: Sein Aufstieg (Sohn eines Sardinenfischers), seine Kleinheit (1,58 Meter), sein Verkaufstalent (Pausenbrötchen, Gebrauchtwagen, TV- und Vermarktungsrechte der Formel 1) sein Reichtum (2,5 Milliarden Pfund), sein Ego.

Legendär könnte auch sein Sturz werden: Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Bestechung und Anstiftung zur Untreue in jeweils einem besonders schweren Fall vor. Ihm drohen bis zu zehn Jahre Haft. Die Fallhöhe wird sichtbar, als der Vorsitzende Richter Peter Noll drei Münchner Bürger als Schöffen vereidigt. Es sind Menschen, die Ecclestone sonst gern als "Clowns" bezeichnet. Sie werden über ihn urteilen.

Schon einmal glaubte Richter Noll Ecclestone nicht

Der Vorsitzende fragt den Angeklagten nach den Personalien: "Hier steht, Sie sind geschieden?" - "Yes" - "Ich dachte, Sie sind verheiratet?" - "Beides", hilft Ecclestones Verteidiger. "Hier gilt immer das Aktuellste", entgegnet Noll heiter. Gelächter im Saal. "Das", sagt der Richter dann, "waren jetzt wohl die einfachsten Fragen in diesem Verfahren."

Die schwierigere: Wofür hat Ecclestone Gerhard Gribkowsky, dem Ex-Risikovorstand der Bayerischen Landesbank, vor acht Jahren knapp 44 Millionen Dollar gezahlt?

Bestechung, glaubt die Staatsanwaltschaft. Sie hält Ecclestone für einen Täter. Erpressung, sagt Ecclestone; er sei das Opfer. Er habe Gribkowsky Schweigegeld gezahlt, weil dieser gedroht habe, ihn bei den Steuerbehörden anzuschwärzen.

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Bernie Ecclestone: Formel-1-Fürst unter Druck
Schon einmal, 2011, war Ecclestone vor Richter Noll erschienen, als Zeuge im Prozess gegen den Banker. Schon damals hatte die Staatsanwaltschaft Ecclestone nicht geglaubt - und das noch bevor Gribkowsky ein Geständnis ablegte: Alles stimme, was der Staatsanwalt behaupte. Dafür hat Noll Gribkowsky verurteilt, zu achteinhalb Jahren Gefängnis.

Im Urteil über Gribkowsky sagte Noll, Ecclestone habe den Banker "mit Charme und Raffinesse ins Verbrechen geführt". Davon müssen Ecclestone und seine Verteidiger ihn erst mal herunterholen. Nur wie?

Eine Super-Story. Aber stimmt sie auch?

Ecclestone hört den Staatsanwälten Christian Weiß und Maximilian Engelbrecht aufmerksam zu, als sie knapp eine Stunde lang ihr Bild des Millionendeals aufblättern. Darin erscheint der schillernde Milliardär als angstgetriebener Autokrat. Um Chef der Rennserie bleiben zu können, habe er den Amtsträger Gribkowsky geschmiert, damit der die Landesbank-Anteile an der Formel 1 an Ecclestones Wunscheigentümer verkauft, das Investmentunternehmen CVC.

Das Bestechungsgeld habe Gribkowsky zuvor Ecclestone aus der Kasse der BayernLB zugeschanzt, in Form einer Provision, die als Kick-Back-Zahlung an Gribkowsky zurückfloss.

Eine Super-Story. Genau so hat Gribkowsky sie erzählt. Aber stimmt sie auch? Immerhin bekam er für sein Geständnis eine deutlich mildere Strafe: nur achteinhalb Jahre statt zehn oder mehr.

Um kurz vor elf Uhr vormittags ist dann Ecclestone dran.

"Ich möchte eine Erklärung abgeben", sagt er zum Vorsitzenden. Deren Vortrag übernehmen seine Verteidiger, das Manuskript ist in Ich-Form gehalten und samt Anlagen so dick wie ein Telefonbuch. Der Vortrag dauert bis in den Nachmittag.

"Es war klar: Er wollte Geld"

Er beginnt mit Ecclestones Kriegskindheit, dann folgt ein kurzer Abriss seines kometenhaften Aufstiegs zur zentralen Schlüsselfigur der Formel 1, in den Neunzigern dann eine Herz-OP. Sie animierte ihn, das mögliche Ende vor Augen, zur Gründung des Familien-Trusts Bambino. Aus Steuergründen durfte er über den Trust nicht verfügen. So wurde er vom Eigentümer der Formel 1 zu deren obersten Angestellten. "Ich verstehe bis heute nicht das Hin-und Hergeschiebe dieser Gesellschaften", behauptet Ecclestone im Saal 101. Da lachen die Zuhörer. Und natürlich glaubt das auch in der Formel 1 kein Mensch.

Das war die Flanke, durch die Gribkowsky seinen Angriff führte, jedenfalls in Ecclestones Version der Geschichte. Gribkowsky habe ihm keine Ruhe gelassen mit seinen ständigen Anspielungen, er könne öffentlich sagen, dass in Wahrheit Ecclestone der Trust sei. "Ich habe ihn gefragt, ob er Geld haben wollte oder mein Leben zerstören. Es war klar: Er wollte Geld."

Für ihn habe es dagegen, so Ecclestone, gar keinen Anlass gegeben, Gribkowsky mit Geld zu beeinflussen. Nie habe er sich ernsthaft Sorgen um seinen Posten gemacht; ohnehin hätte ihn niemand ersetzen können. CVC habe schlicht den bestmöglichen Preis geboten. Es gab keinen anderen Interessenten, mit dem Gribkowsky hätte verhandeln können.

Dann ist Pause, und Ecclestones Verteidiger Sven Thomas wird von Pressevertretern umringt. "Wie lief der Tag bisher aus Mr. Ecclestones Sicht?", fragt ein britischer Reporter. "Gut, gut!", ruft Thomas. "Und Sie, sind Sie zuversichtlich?" - "Immer!" sagt Thomas, und strahlt die Reporter mit seinem Raubtiergrinsen an.

Showdown am 9. Mai

Nach der Pause führt die Verteidigung neue Dokumente an, die Ecclestones Opferrolle untermauern sollen. Zum Beispiel einen in salbungsvollem Ton verfassten Weihnachtsbrief an den "lieben Bernie". Gribkowsky schrieb ihn zu einer Zeit, in der er sich nach seinen Angaben bereits von Ecclestone beobachtet und eingeschüchtert fühlte.

Oder ein Schreiben vom Juni 2005, in dem Gribkowsky Ecclestone in schroffem Ton auffordert, er solle sich aus Transaktionen der Renngesellschaft SLEC heraushalten. Noch später droht Gribkowsky gar mit Schadensersatzansprüchen. "Wie passt das zur Behauptung der Staatsanwaltschaft, ich hätte ein Jahr zuvor eine 'Unrechtsvereinbarung' mit Dr. Gribkowsky geschlossen, die darin bestanden haben soll, dass Dr. Gribkowsky seine kämpferische Haltung mir gegenüber aufgibt?"

Die Staatsanwälte verziehen keine Miene. Sie sind mit Lesen beschäftigt.

Am Ende, so Ecclestones Erklärung, habe er gezahlt. "Ich war zum ersten Mal in meinem Leben einem Vorgang ausgesetzt, den ich so nicht kannte und nicht einschätzen konnte. Durch einen möglichen Steuerbescheid sah ich mein Lebenswerk in Gefahr."

Vielleicht sei jemand wie er, "für den aus Sicht mancher Leute Unsummen nur Lästigkeitsbeträge darstellen", sogar ein besonders leichtes Opfer für Erpresser: "Dr. Gribkowsky ist es jedenfalls gelungen, bei mir diesen Hebel anzusetzen."

Dann ist die Erklärung zu Ende.

"Wollen Sie weitere Fragen beantworten?", fragt der Vorsitzende. "Vorerst nicht", sagt Ecclestone.

Erst mal abwarten, was Gribkowsky sagt. Der Showdown ist für den 9. Mai geplant.

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insgesamt 16 Beiträge
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    Seite 1    
1. natürlich,
klyton68 24.04.2014
Zitat von sysopAPHat Bernie Ecclestone einen bayerischen Banker mit Millionen geschmiert? Der Formel-1-Impresario steht jetzt in München vor Gericht - und nutzt den Prozessauftakt zur Selbstverteidigung. Einige Argumente sorgen für Gelächter im Saal. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/ecclestone-formel-1-chef-vor-gericht-a-966056.html
wird er verurteilt, muss er in das Gefängnis. Können wir uns das Geld nicht sparen ? Für den Prozess ? Das geht doch eh notfalls mit `ner Bewährungsstrafe aus.
2. optional
KlausF20 24.04.2014
Es besteht überhaupt kein Zweifel daran, dass Ecclestone ein ausgekochtes Schlitzohr ist und genau weiß, was er wann aus welchen Gründen getan hat. Er kann sich nur ärgern, dass der Prozess nicht in Italien stattfindet. Dort drohten im höchstens 50 Stunden Vorlesen im Altenheim...
3. Alle hacken auf dem Mann herum
umuc 24.04.2014
Dabei ist er ein Genie, das unzählige Motorsportfans glücklich macht! Ich verstehe das Problem nicht!!!!
4. Die Zeit des Verfahrens
Hilfe2011 24.04.2014
ist mit Ulli der den Staat beschissen hat nicht zu vergleichen. Der kleine Giftzwerg wird sich retten. dafür sorgt die Justiz in D. Der Prozess dauert Jahre. glückwunsch für die Anwälte, die dann wegen Ihres verdienstes wieder die CDU wählen.
5. von vornherein Befangen
schocolongne 24.04.2014
Wie will Richter Noll diesen Fall eigentlich unbefangen behandeln? er hat sich ja im korrespondierenden Verfahren gegen Gribowsky bereits praktisch auf die Schuld von Ecclestone festgelegt, kann also kaum behaupten, gegenüber dem Angeklagten unvoreingenommen zu sein. Würde Noll Ecclestone frei sprechen, wäre das ein unumwundenes Eingeständnis, im Fall Gribowsky letztlich ein Fehlurteil gefällt zu haben. Es wäre absolut erstaunlich, wenn die, natürlich durchaus nachvollziehbare, Eitelkeit eines Richters, eine solche Situation zulassen würde. Die sauberste Lösung wäre gewesen, dies hier vor einer andern Kammer verhandeln zu lassen.
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Formel 1: Rennkalender 2014
Rennen Datum Großer Preis von (Ort)
1 16.03. Australien (Melbourne)
2 30.03. Malaysia (Sepang)
3 06.04. Bahrain (Manama)
4 20.04. China (Shanghai)
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16 12.10. Russland (Sotschi)
17 02.11. USA (Austin)
18 09.11. Brasilien (São Paulo)
19 23.11. Abu Dhabi (Abu Dhabi)
Formel-1-Saison 2014: Die wichtigsten Änderungen
Motor
Die Ära der Saugmotoren ist vorbei. Statt der 2,4-Liter-Triebwerke mit acht Zylindern stecken nun 1,6-Liter-Turbomaschinen mit sechs Zylindern unter der Fahrzeugabdeckung. Pro Saison darf ein Fahrer nur fünf Motoren einsetzen, bisher waren es acht. Ab dem sechsten Motor muss er aus der Boxengasse starten.
Hybridsystem
Das Hybridsystem ERS (Energy Recovery System) liefert pro Runde zusätzlich 160 PS für 33,3 Sekunden. Die beiden Elektromotoren speisen sich aus der Wärmeenergie des Abgasstrahls sowie kinetischer Energie des Bremsvorgangs.
Spritlimit
Erlaubt sind für jedes Rennen nur noch 100 statt bislang 150 Kilogramm Sprit. Die Folge ist, dass die Fahrer verbrauchsschonender fahren müssen. Wer nur auf dem Gaspedal steht, wird das Ziel nicht erreichen.
Fahrzeugnase
Sie wurde drastisch abgesenkt. Zuletzt war eine Maximalhöhe von 55 Zentimetern erlaubt. Nun sind es nur noch 18,5 Zentimeter von der Spitze der Rennwagen zum Boden. Die Nasen liegen damit unwesentlich höher als der Frontflügel. Der Grund für die Änderung: Durch die noch tiefer liegende Wagenspitze soll bei Kollisionen die Gefahr weiter gemindert werden, dass andere Piloten von ihr getroffen werden.
Frontflügel
Er ist schmaler geworden. Statt 1,80 Metern beträgt die erlaubte Maximalbreite 1,65 Meter. Auswirkung hat das auf die sogenannten Endplatten, die für die Luftführung vor den Vorderreifen wichtig sind.
Heckflügel
Das untere Heckflügel-Element, der sogenannte Beamwing, ist nicht mehr erlaubt. Für die Ingenieure besteht auch hier die Herausforderung darin, den dadurch verlorenen Abtrieb zu kompensieren.
Auspuff
Nur noch ein Endrohr ist erlaubt. Bislang wurden die Abgase über zwei seitliche Kanäle abgeleitet und so auf das Heck geführt, dass auch dadurch weiterer Abtrieb erreicht wurde, sprich: eine bessere Straßenlage. Das neue Endrohr muss mittig angebracht sein.
Startnummern
Erstmals tragen die Piloten nicht mehr die Startnummern nach der Abschlussrangliste der vorhergehenden Saison. Nur die 1 ist weiter dem Titelverteidiger vorbehalten, ansonsten durften sich die Piloten ihre Startnummer aussuchen. Zur Wahl standen Zahlen von 2 bis 99.
Strafen
Es gibt nun Strafpunkte für bestimmte Vergehen. Diese werden in einem Jahr zusammengerechnet, ähnlich wie bei der Verkehrssünderkartei in Flensburg. Kommt ein Fahrer auf zwölf Punkte, muss er ein Rennen pausieren. Eine Verwarnung, beispielsweise wegen des Überfahrens einer durchgezogenen Linie, hat einen Punkt zur Folge. Eine Durchfahrtsstrafe zieht zwei Punkte nach sich. Wird ein Pilot beim Qualifying von einem Gegner extrem behindert, muss der Übeltäter nicht nur fünf Plätze in der Startaufstellung nach hinten, sondern bekommt auch drei Punkte. Eine Rückstufung von zehn Startplätzen (zum Beispiel als Schuldiger einer Kollision) bedeutet fünf Strafpunkte. Zudem können die Rennkommissare 2014 schon für kleinere Vergehen wie Verlassen der Fahrlinie Fünf-Sekunden-Strafen aussprechen.
WM-Punkte
Wie in den vergangenen Jahren bekommen die zehn besten Fahrer des Rennens Punkte, der Sieger erhält 25. Neu ist, dass es beim letzten der 19 Rennen in Abu Dhabi die doppelte Punktzahl gibt. Der Sieger erhält dann 50 Zähler, der Zweite 36 statt 18, und für Platz zehn gibt es anstatt eines Punktes dann zwei Zähler.

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Formel 1: Teams und Fahrer 2014
Team Fahrer 1 Fahrer 2
Red Bull Sebastian Vettel Daniel Ricciardo
Ferrari Kimi Räikkönen Fernando Alonso
Mercedes Nico Rosberg Lewis Hamilton
Lotus Romain Grosjean Pastor Maldonado
McLaren Jenson Button Kevin Magnussen
Sauber Adrian Sutil Esteban Gutiérrez
Force India Nico Hülkenberg Sergio Pérez
Toro Rosso Jean-Eric Vergne Daniil Kwjat
Williams Felipe Massa Valtteri Bottas
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