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17. Februar 2013, 08:30 Uhr

Aufschwung in Südamerika

China statt der alten Tante Europa

Von Johannes Schneider

Dass Rafael Correa am Sonntag als Präsident von Ecuador wiedergewählt wird - daran gibt es kaum Zweifel. Er profitiert von der boomenden Wirtschaft in seinem Land und steht für den neuen Trend in Lateinamerika: mehr Handel mit China, weniger mit der EU.

Es gibt Wahlsprüche, die klingen eher unglaubwürdig ("Wohlstand für alle"). Andere wirken spritzig, vermitteln den Wunsch nach Wandel ("Yes We Can!"). Rafael Correa aber, der amtierende Präsident von Ecuador, hat in diesen Tagen eine ganz neue Kategorie des Slogans erfunden: Mit seiner Losung "Wir haben schon einen Präsidenten, wir haben Rafael" erklärt er die Wahl kurzerhand für überflüssig. Correa kann es sich erlauben.

Wenn die Ecuadorianer an diesem Sonntag ihr Staatsoberhaupt wählen, steht der 49-Jährige als Sieger so gut wie fest. In Umfragen erreicht er rund 60 Prozent; Guillermo Lasso, sein wohl ärgster Konkurrent, liegt etwa 48 Punkte dahinter.

Für die klaren Verhältnisse sorgt vor allem die boomende Wirtschaft des Landes. Ecuadors Wirtschaftsleistung wuchs unter Correas Regie mit durchschnittlich 5 Prozent - und befindet sich damit in bester Gesellschaft.

Die Geschäfte mit China haben sich verzehnfacht

Denn aus ganz Südamerika melden die Länder derzeit Wachstumszahlen, die für europäische Ohren beinahe utopisch klingen: Peru 5,5 Prozent, Kolumbien 4,5 Prozent, Chile 5,5 Prozent, Brasilien 4,0 Prozent. Auf 4,1 Prozent schätzt der Internationale Währungsfonds (IWF) den Anstieg für ganz Lateinamerika in 2013. Dazu passt, dass die Armut auf das niedrigste Niveau seit 20 Jahren gesunken ist. Südamerika, der einstige Krisenkontinent, hat sich zur Boomregion aufgeschwungen.

Mit dem gleichen atemberaubenden Tempo, in dem Südamerika ökonomisch aufholt, wechselt es auch seine außenwirtschaftliche Orientierung. Die lateinamerikanischen Länder haben Asien als neuen Partner entdeckt: War ihr Handelsvolumen mit Fernost zu Beginn des Jahrtausends noch irrelevant gering, so macht es heute bereits mehr als ein Viertel aller Ein- und Ausfuhren Südamerikas aus. Besonders China verlangt nach Rohstoffen, nach Kupfer und Eisenerz etwa, nach Soja, und vor allem nach Öl. Die Geschäfte mit China haben sich im Laufe der vergangenen Dekade mehr als verzehnfacht. Bis 2015, so schätzen Analysten, wird China die Europäische Union (EU) als Südamerikas wichtigster Handelspartner abgelöst haben.

Denn während der Güterverkehr mit China floriert, stagniert das Handelsvolumen zwischen Südamerika und Europa seit Jahren. Zwar ist dies zum Teil eine natürliche Entwicklung - Europa benötigt weitaus weniger Rohstoffe als China, muss nicht Tausende Kilometer neuer Kupferkabel verlegen, braucht nicht Abermillionen Tonnen von Eisenerz, um Stahl für immer neue Wolkenkratzer zu produzieren. Doch diese Erklärung zeigt nur eine Seite der Wahrheit. Die andere lautet: Europa droht auf politischer Ebene seine Chance zu verspielen, am wirtschaftlichen Aufschwung Südamerikas teilzuhaben.

Seit 13 Jahren wird verhandelt

Denn gerade in der anhaltenden Krise ist Europa darauf angewiesen, neue Absatzmärkte zu erschließen - und die knapp 400 Millionen Südamerikaner konsumieren so viel wie nie zuvor. Doch statt entschlossen an wirtschaftlichen Bündnissen zu arbeiten, entfernt sich die EU eher vom potentiellen Partner. "Es gibt einen kontinuierlichen Substanzverlust in den Beziehungen zwischen Europa und Südamerika", warnt der Südamerika-Experte Günther Maihold von der Stiftung Wissenschaft und Politik. So werde Europa in Südamerika vor allem als "erhobener Zeigefinger" wahrgenommen - als ein Akteur, der sich selbst als makelloses Vorbild darstellt, wenn es um Demokratie oder internationale Zusammenarbeit geht. Als einer, der ständig mahnt, ohne eigene Zugeständnisse machen zu wollen.

Seit nunmehr 13 Jahren verhandelt Europa erfolglos über ein Freihandelsabkommen mit Südamerika. "Von europäischer Seite wird sehr viel Wert darauf gelegt, dass wir vorankommen", betonte Angela Merkel gerade erst beim letzten Gipfeltreffen zwischen europäischen und lateinamerikanischen Spitzenpolitikern Ende Januar in Santiago de Chile. Doch die Fortschritte sind bescheiden - auch weil die EU hohe Einfuhrzölle in Südamerika kritisiert, ihrerseits aber an milliardenschweren Agrarsubventionen festhält und so den heimischen Markt künstlich gegen südamerikanisches Gemüse und Obst abschottet.

"Ich sehe derzeit wenig Chancen auf ein Abkommen", urteilt dementsprechend der Politologe Detlef Nolte vom Hamburger Forschungszentrum GIGA. Zu lange habe Europa an der Idee festgehalten, eine Einigung mit ganz Südamerika zu erzielen.

Vor allem linksgerichtete Länder wie Venezuela, Ecuador und Bolivien verhindern ein Bündnis zwischen den Kontinenten. Deshalb, so meinen Experten, müsse die EU, müsse auch Deutschland stärker auf Abkommen mit einzelnen Ländern setzen. "Die EU sollte aufhören, in Südamerika ihr organisatorisches Spiegelbild zu suchen", sagt etwa Günther Maihold. Die Chancen auf bilaterale Abkommen seien besser.

Denn eigentlich müssten auch die Staaten Südamerikas ein gesteigertes Interesse daran haben, sich nicht zu sehr auf den Rohstoffhandel mit China zu verlassen. Die Ölmilliarden aus Fernost bessern ihre Staatskassen auf, keine Frage. Aber sie blockieren gleichzeitig den strukturellen Wirtschaftswandel weg von der Ausbeutung der Böden, hin zu mehr Wissen und Technik. Auch die Politiker predigen diesen Wandel, sie tun es seit Jahren.

Doch statt das Geld aus Fernost konsequent in Bildung und Forschung zu investieren, verteilen sie häufig lieber Wahlgeschenke, Sozialprogramme etwa, deren Finanzierung wanken könnte, sobald der chinesische Geldfluss abnimmt.

In Ecuador werden die Stimmen bereits lauter, die vor einer zu starken Abhängigkeit von China warnen. Von den USA, der großen Macht aus dem Norden, habe man sich mittlerweile emanzipiert, das sei gut. Nun aber solle man nicht den Fehler machen, den nächsten Wirtschaftsriesen das Schicksal des Landes bestimmen zu lassen.

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