Vorstoß der Grünen Ein-Euro-Tickets - populistisch, aber nicht dumm

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter fordert Ein-Euro-Fahrtickets für alle - und damit quasi kostenlosen Nahverkehr. Die Idee ist populistisch, könnte aber positive Auswirkungen haben.

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imago/ Gottfried Czepluch

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Dieser Text entsteht in einem IC von Osnabrück nach Hamburg. Der Zug ist verspätet, der Wagen 10 mit den reservierten Plätzen ist ausgefallen, wir müssen irgendwo in diesem überfüllten Zug stehen. Die Frau neben mir hat noch schlechtere Laune als ich. Willkommen bei der Deutschen Bahn!

Bahnfahren ist in diesem Moment trotzdem die richtige Wahl: Das Megabundesland NRW hat seit diesem Wochenende Herbstferien. Wie viele schlecht gelaunte Menschen wohl im Stau auf den Straßen im Ruhrgebiet und im Rheinland stehen?

Und damit zum Anlass des Kommentars: der Forderung von Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter nach Ein-Euro-Tickets für Bahn und Busse im Nahverkehr und günstigere Tickets im Fernverkehr. Das würde die Einführung des kostenlosen Nahverkehrs bedeuten. Heute hätten die beiden Ideen sehr wahrscheinlich für noch mehr Chaos bei der gefühlt stets überforderten Bahn geführt. Aber darum geht es nicht. Denn die populistische Idee des Grünen-Politikers (es sind ja zufällig Wahlen in Bayern) ist gar nicht dumm, sie könnte sogar sehr wirksam sein.

Was würde die Einführung solcher Billigtickets bedeuten?

Erst einmal hohe Einnahmeverluste bei den Busbetrieben und bei der Deutschen Bahn, deren Nahverkehr ohnehin Minus macht. Der Bund als hundertprozentiger Bahn-Eigner müsste diese Ausfälle kompensieren. In anderen Fällen die Kommunen.

Zweitens würden Züge und Busse voller, stickiger und damit wohl auch unzuverlässiger werden.

Das war es auch schon mit den negativen Punkten. Die Vorteile überwiegen:

  • Erstens könnten sich die Verkehrsbetriebe mit gewissem Vorlauf auf die stärkere Nachfrage vorbereiten. Dazu bedarf es nicht nur eines Ausbaus der Schiene, gerade in entlegeneren Regionen. Nur so könnten auch Pendler profitieren, die derzeit noch auf ihren Pkw angewiesen sind. Es müsste auch in einen klugen Ausbau von Bahnhöfen und Haltestellen investiert werden, um dem höheren Aufkommen gerecht zu werden. Passend heißt es im Koalitionsvertrag der Union und SPD: "Für uns steht als Eigentümer der Deutschen Bahn AG nicht die Maximierung des Gewinns, sondern eine sinnvolle Maximierung des Verkehrs auf der Schiene im Vordergrund."
  • Zweitens gäbe es in den Städten und auf den Autobahnen langfristig weniger Verkehr. Vielleicht sind dann mehr Menschen häufiger unterwegs, aber vermutlich weniger Single-Fahrer
  • Drittens hätten wir alle die Chance auf bessere Luft und die Bundesregierung eine Möglichkeit mehr, ihre CO2-Ziele zu erreichen.
  • Viertens wäre Mobilität keine Frage des Geldes mehr. Auch Menschen mit niedrigeren Einkommen könnten beispielsweise weiter entfernte Städte zum Arbeiten erreichen oder günstig reisen.
  • Fünftens könnten für den Infrastrukturausbau vorgesehene Milliarden der Bundesregierung für die Erweiterung des Schienen- und Bahnhofsnetzes ausgegeben werden.
  • Sechstens könnte mehr Wettbewerb im öffentlichen Personenverkehr möglich sein.

Das alles geht natürlich nicht von heute auf morgen. Eine Idee wäre, erst Modellversuche wie im estnischen Tallinn durchzuführen. Dort hat die Stadt sehr gute Erfahrungen mit dem kostenlosen Nahverkehr gemacht. Dazu gehört auch ein höheres Steueraufkommen. Damit ließe sich auch in Deutschland ein Teil der Investition bezahlen. Positiv hat sich auch in der Stadt Wien das Konzept einer günstigen Jahreskarte ausgewirkt. Inzwischen gibt es mehr dieser Karten als zugelassene Autos in der Metropole.

Zusätzlich würde auch dadurch Geld gespart, dass die Straßen nicht mehr ständig einer so hohen Belastung ausgesetzt wären. Auch die Zahl der Unfälle würde sehr wahrscheinlich sinken.

Das alles sind, wie gesagt, keine Ergebnisse, die sich sofort einstellen würden. Ein erster, schnell umsetzbarer Schritt wäre es, die Mehrwertsteuer für Tickets von 19 auf den ermäßigten Satz von sieben Prozent zu senken, wie Hofreiter es für Langstrecken auch vorschlägt. Während davon alle bereits profitieren würden, könnten die noch unfertigen Pläne für Ein-Euro-Tickets zu wirksamen, zukunftsfähigen Modellen ausgearbeitet werden.



insgesamt 161 Beiträge
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NixAlsVerdruss 14.10.2018
1. Warum populistisch?
Warum soll die Forderung populistisch sein? Danach schreiende Autofetischisten? Öffentlicher Verkehr hat den Nachteil, dass er nur gegen die Grenzkosten des PKW anargumentieren muss, rechnet man die Gesamtkosten des PKW sind selbst 1. Klasse Bahnfahrkarten günstig.
lesheinen 14.10.2018
2.
Ich erinnere mich schwach: Die defizitäre schwedische Reichsbahn hat 1965 die Preise drastisch halbiert und danach sofort Gewinn eingefahren. Wie nachhaltig dies war, konnte man leider nicht verfolgen. Der Vorschlag der Kommentatorin ist jedenfalls einen Versuch wert.
AufJedenFall 14.10.2018
3.
"Sechstens könnte mehr Wettbewerb im öffentlichen Personenverkehr möglich sein" Und für was sollte das genau gut sein? Künstlicher Wettbewerb in einem natürlichen Monopol bringt genau gar nichts. Vielleicht sollte sich die Autorin mal hinsetzen und nochmal über ihren Text drübergehen und Begründungen einarbeiten.
diskantus 14.10.2018
4. Jahreskarte in Wien für 365 Euro = 1 Euro/Tag
2012 wurde in Wien die Jahreskarte im Preis auf 365 Euro (vorher: 449 Euro) gesenkt. Seither sind die Nutzerzahlen von von 373.000 auf 760.000 gestiegen. Die Preissenkung und das Einfrieren des Preises bezog und bezieht sich nicht auf andere Tickets. Natürlich gibt es Zuschüsse von Bund und Stadt, die aber auch für den Netzausbau (Verlängerung bzw. Neubau U-Bahn) genutzt werden. Der Vorteil: Durch den zunehmenden Öffi-Verkehr sind die Wiener Linien gewzungen, sich um den Netzausbau zu kümmern und die Entwicklung neuer Linien - auch Busse und Trams - zu kümmern. Das kommt der Infrastruktur zugute, da in Wien viel gebaut wird, gerade auch am Stadtrand. Hofreiter ist also kein Vorreiter - er hat sich eine Idee abgeholt, die in Wien sehr gut funktioniert.
111ich111 14.10.2018
5. Wettbewerb im öffentlichen Personenverkehr
Wettbewerb im öffentlichen Personenverkehr? Zwischen wem und wem auf welchen Strecken denn? Der Preis ist doch dann auf einen Euro gedeckelt ... Auch sonst ist der Artikel ... hmmm ... unausgegoren. "Vielleicht sind dann mehr Menschen häufiger unterwegs ...". Warum? Wo ist da der Zusammenhang? Der Individualverkehr mit "freien" Zielen (also nicht Arbeits- oder Wirkungskreis) wird doch gar nicht tangiert, nur verlagert. "Viertens wäre Mobilität keine Frage des Geldes mehr. Auch Menschen mit niedrigeren Einkommen könnten beispielsweise weiter entfernte Städte zum Arbeiten erreichen oder günstig reisen." Hö? Das hat doch nicht direkt etwas mit der Höhe des Einkommens, sondern mit der Verfügbarkeit der Arbeitsorte, dem Zeitfaktor und der Mehr/Wenigerkosten in Relation zur weiteren Kosten- und Einkommensfaktoren zu tun. Und "günstig reisen" geht da auch nur innerhalb Deutschlands. "Fünftens könnten für den Infrastrukturausbau vorgesehene Milliarden der Bundesregierung für die Erweiterung des Schienen- und Bahnhofsnetzes ausgegeben werden." Und sonst werden die Milliarden dem Steuerzahler zurückgegeben? Na denn ...
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