Herbstgutachten Wirtschaftsforscher warnen vor einheitlichem Mindestlohn

Ein flächendeckender Mindestlohn von 8,50 Euro könnte "zu einem beträchtlichen Stellenabbau" führen: Die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute warnen vor einer einheitlichen Untergrenze für Löhne. Gewerkschaften werfen den Ökonomen Zynismus vor.

Friseurin, Kunde: Fünf Millionen Deutsche haben Stundeblohn unter 8,50 Euro
DPA

Friseurin, Kunde: Fünf Millionen Deutsche haben Stundeblohn unter 8,50 Euro


Berlin - Der Mindestlohn gilt als einer der Knackpunkte in den derzeitigen Gesprächen zwischen Union und SPD über eine gemeinsame Regierung. Nun liefern die führenden deutschen Wirtschaftsforscher in ihrem Herbstgutachten der Unionsseite Argumente: Ein einheitlicher Mindestlohn "hätte wahrscheinlich deutlich negativere Folgen für den Arbeitsmarkt als die bisherigen Branchenverträge", heißt es in dem Gutachten.

Diese Bewertung gilt allgemein für einheitliche Mindestlöhne, unabhängig davon, wie hoch er festgesetzt würde. Würde er 8,50 Euro betragen, wie von der SPD gefordert, könnte das nach Ansicht der Ökonomen in Ostdeutschland zu "einem beträchtlichem Stellenabbau" führen. Denn dort verdienten derzeit ein Viertel aller Arbeitnehmer weniger als diesen Stundenlohn. Insgesamt arbeiten nach Experten-Analysen rund fünf Millionen Menschen in Deutschland zu Stundenlöhnen unterhalb von 8,50 Euro je Stunde. Kleinere Betriebe wären zudem wohl stärker betroffen als große.

Zu den Instituten gehören das Münchner Ifo-Institut und das Essener Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), die als wirtschaftsnah gelten. Zudem sind das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) und nach mehrjähriger Abstinenz auch wieder das Berliner Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) beteiligt. Ein gewerkschaftsnahes Institut ist nicht vertreten. Das Papier der Institute dient als Grundlage für die Konjunkturprognose der Regierung und als Basis für die öffentlichen Haushalte.

Marcel Thum vom Ifo-Institut bezifferte den möglichen Verlust von Arbeitsplätzen in Deutschland nach Einführung eines Mindestlohns von 8,50 Euro auf bis zu eine Million. Überproportional viele Stellen - nämlich mehr als ein Drittel - würden einer von ihm mitverfassten Studie zufolge dann in Ostdeutschland wegfallen. Dabei gehe es auch um viele Mini- und Teilzeitjobs. Allerdings schränkte er auch ein: "Es kann natürlich sein, dass sich die ganze Lohnskala nach oben schiebt."

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) kritisierte die Aussagen des Gutachtens als zynisch. Die Logik der Wirtschaftsforscher sei, dass schon deshalb etwas falsch am Mindestlohn sein müsse, weil in Ostdeutschland ein Viertel der Beschäftigten von ihm profitieren würden. Es sei ein Armutszeugnis für ein reiches Land wie Deutschland, dass in weiten Teilen 25 Prozent der Menschen noch nicht einmal 8,50 Euro pro Stunde verdienen.

Rekorde bei Beschäftigung erwartet

In ihrem Herbstgutachten senken die Experten zudem ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum in diesem und kommendem Jahr, wie bereits am Mittwoch bekannt wurde. Sie gehen nun nur von einem Wachstum von 0,4 Prozent für das Jahr 2013 und 1,8 Prozent für 2014 aus. Vor einem halben Jahr rechneten sie noch mit 0,8 beziehungsweise 1,9 Prozent.

In Blick auf das Wachstum im kommenden Jahr verbreiten die Experten Optimismus. "Die Wirtschaft steht vor einem Aufschwung", heißt es in dem Gutachten, "getragen wird er von der Binnennachfrage." Vor allem stark steigende Investitionen dürften die Konjunktur ankurbeln. Die Unternehmen dürften ihre Ausgaben in Maschinen und Anlagen im nächsten Jahr um sieben Prozent erhöhen.

Zudem würden die Verbraucher wegen steigender Beschäftigung und Lohnerhöhungen mehr Geld ausgeben. Der private Konsum werde in diesem Jahr um 0,9 und im nächsten Jahr um 1,4 Prozent zulegen. Derzeit stünden so viele Menschen in Lohn und Brot wie nie zuvor. Die Zahl der Erwerbstätigen steigt demnach in diesem Jahr auf ein Rekordhoch von 41,8 Millionen und dürfte 2014 sogar auf 42,1 Millionen klettern.

Allerdings warnen die Forscher auch vor negativen Folgen durch einen dauerhaft niedrigen Leitzins in der Euro-Zone, der derzeit bei 0,5 Prozent liegt. Dies berge "erhebliche Risiken für die Finanzsystemstabilität", gleichzeitig profitierten die Krisenländer nicht wesentlich davon, "weil die Probleme in den dortigen Bankensektoren bisher nicht behoben worden sind".

fdi/Reuters

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Seite 1
joey55 17.10.2013
1.
Immer her mit den Markteintrittsschranken und Arbeitsplatzvernichtungsmaßnahmen für Arbeitnehmer. Dann kann die Politik das bei der "Aufstockung" eingesparte Geld wenigstens wieder für ABM- und Wiedereingliederungsmaßnahmen und dortige Lohnzuschüsse einsetzen. Dann hat man das eine Problem "gelöst" und ein neues um das man sich kümmern kann. So geht der Politik wenigstens die Arbeit nicht aus. Mag zynisch klingen, aber die Realität ist selten nett.
ganymed1234 17.10.2013
2. Natürlich...
... warnen die "Experten" davor. Dann können die Arbeitgeber ja nicht mehr Angestellte mit Dumpinglöhne zu modernen Sklaven machen. Würde mal gerne wissen wer dieses Gutachten in Auftrag gegeben hat. Evtl. der Arbeitgeberverband?
lkm67 17.10.2013
3.
Zitat von sysopDPAEin flächendeckender Mindestlohn von 8,50 Euro könnte "zu einem beträchtlichen Stellenabbau" führen: Die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute warnen vor einer einheitlichen Untergrenze für Löhne. Gewerkschaften werfen den Ökonomen Zynismus vor. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/einheitlicher-mindestlohn-wirtschaftsforscher-warnen-vor-stellenabbau-a-928363.html
Da sind sie wieder die Mahner, die Mietmäuler . . . meine Güte wovor wurde in Deutschland nicht bereits alles gewarnt, der Tod unserer Industrie wurde schon in den 70er Jahren prognostiziert wenn man Filter in Schornsteine und Kläranlagen bauen müssen etc. Das ist doch alles Lobbyisten Geplapper. Ein bisschen Sinn für Gerechtigkeit und Fairness würde auch diesen Sesselpupsern gut tun oder aber sie sollen sofort solidarisch auf entscheidende Teile ihres eigenen Gehalts verzichten. Nur sind diese Leute Mahner . . ., darin ist auch Miss Merkel gaaaaanz stark, sie mahnt immer (toll). Durch mahnen ist noch keine Krise gemeistert worden, keine Innovation entstanden und keine Gesellschaft für die Zukunft gerüstet worden.
sebastian.teichert 17.10.2013
4. Hmm...
Nur wenn viele Menschen wenig Geld haben, können wenig Menschen viel Geld haben... Es wird zu einem explosionsartigen Ansturm bei Zeitarbeitsfirmen kommen. Leute werden statt 8 Stunden für je sagen wir mal 7 Euro nur noch 4-5 Stunden dann aber für 8,50 beschäftigt... Dann musst du halt aber auch echt ranklotzen wo du vorher mal nen Kaffe zwischen durch hattest. Sonst kommt wer neues... Es wär ja schön, wenn es möglich wäre allen Menschen ihre Arbeit zu vergüten sodass es fair wäre. Aber solange in Grenzländern billiglöhne weiterhin gezählt werden ist es einfach eine Utopie!
LorenzSTR 17.10.2013
5. Klar doch
Wer um alles in der Welt nimmt die tendenziösen Erzeugnisse solcher "Institute" auch nur halbwegs ernst? Ah, stimmt, die deutsche Journaille mit ihrem Pseudojournalismus - und jetzt kann ich mal gespannt sein, ob dieser Kommentar überhaupt veröffentlicht wird.
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