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15. Juni 2010, 07:35 Uhr

Einkommensstudie

Ökonomen warnen vor Absturz der Mittelschicht

Die Reichen werden trotz Krise immer reicher, gleichzeitig wächst die Zahl der Armen: Nach einer neuen Studie hat sich die Einkommenslücke in Deutschland ausgeweitet. Großer Verlierer ist die Mittelschicht - und das Sparprogramm der Regierung könnte die Lage noch verschärfen.

München/Erfurt - Die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland wächst: Mit diesem Ergebnis einer Studie befeuert das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) die laufende Debatte um das schwarz-gelbe Sparpaket. Der besorgniserregende Trend werde von der Bundesregierung verschärft, die hohe Einkommen verschone und niedrige Einkommen belaste, kritisierten die DIW-Ökonomen laut "Süddeutscher Zeitung".

Die Analyse, die am Dienstag veröffentlicht werden soll und sich auf den Zeitraum von 2000 bis 2009 bezieht, stellt demnach eine deutliche Polarisierung der Einkommen fest. "Auf der einen Seite steigt die Zahl der Menschen, die im Luxus leben, und auf der anderen Seite die Zahl derjenigen, die mit niedrigem Einkommen auskommen müssen oder sogar arm sind", zitiert die "SZ" die DIW-Forscher.

Dieser Trend löse bei der Mittelschicht starke Ängste aus. Die DIW-Autoren stellen fest, dass in den vergangenen Jahren immer mehr Menschen in die Schicht derer rutschten, die nur niedrige Einkommen erzielen konnten. Zu dieser Gruppe gehört, wer weniger als 70 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Bei einem Paar mit zwei Kindern unter 14 Jahren entspricht dies einem monatlichen Nettoverdienst inklusive Kindergeld und anderen staatlichen Leistungen von 1800 Euro. Im Jahr 2000 hätten laut DIW 18 Prozent zu dieser Gruppe gehört, im Jahr 2009 waren es dann fast 22 Prozent.

Reiche werden immer reicher

Gleichzeitig sei die Gruppe der Wohlhabenden, die mehr als 150 Prozent des mittleren Einkommens ausgeben können, gewachsen. Im Jahr 2000 gehörten 16 Prozent zu dieser Gruppe; im Jahr 2008 waren es dann 19 Prozent. Zwar schrumpfte die Gruppe der Wohlhabenden im Krisenjahr 2009 erstmals wieder leicht. Trotzdem stiegen die Einkommen weiter an. Damit sei der Vorsprung der Gutverdiener erneut gewachsen, heißt es in der Studie.

"Die Einkommensschere zwischen niedrigen und hohen Einkommen hat sich in Deutschland weit geöffnet", lautet das Fazit. Die Reicheren seien "nicht nur immer mehr, sondern im Durchschnitt auch immer reicher geworden". Parallel dazu seien die Ärmeren "nicht nur immer mehr, sondern auch immer ärmer" geworden.

Dies bedeute, dass die Mittelschicht schrumpfe; sie sei laut DIW der Verlierer des vergangenen Jahrzehnts. Dies bedrohe auch die Stabilität der Gesellschaft: "Gerade bei den mittleren Schichten, deren Status sich auf Einkommen und nicht auf Besitz gründet, besteht eine große Sensibilität für Entwicklungen, die diesen Status bedrohen." Es entstehe eine "Statuspanik" derjenigen, die fürchten, aus der Mittel- in die Unterschicht abzusteigen. Ausländerfeindlichkeit und Fremdenhass könnten sich ausbreiten.

Kritik am Sparkurs

Das Sparpaket der schwarz-gelben Bundesregierung beurteilen die Wissenschaftler deshalb sehr kritisch. DIW-Ökonom Jan Goebel hält es für unangemessen, dass die bisherigen konkreten Vorschläge "eigentlich nur die unteren Einkommensbereiche betreffen". Es stelle sich die Frage, warum die Menschen mit hohen Einkommen keinen Sparbeitrag leisten sollen, sagt er laut "SZ".

IG-Metall-Chef Berthold Huber sagte der Zeitung, die Ergebnisse zeigten, "wie die falsche Politik der vergangenen Jahre das soziale Gleichgewicht in Deutschland aus der Balance gebracht hat". Das unsoziale Sparpaket präsentiere den Menschen eine Milliardenrechnung, "während die Verursacher Milliardengewinne in ihren Bilanzen ausweisen" und die Spekulationen munter weitergingen.

Beobachter rechnen angesichts der laufenden Debatte damit, dass das Sparprogramm noch einmal überarbeitet wird. "Das Sparpaket wird sicherlich noch einmal aufgeschnürt", sagte der Präsident des deutschen Steuerzahlerbundes Karl Heinz Däke der in Erfurt erscheinenden "Thüringer Allgemeinen". Er gehe von einer weiteren Sparklausur aus.

Däke kündigte an: "Wir werden unsere Vorschläge in den nächsten Tagen noch einmal konkretisieren und die Regierung auffordern, tatsächliche Einsparungen vorzunehmen." Derzeit verdiene das Sparpaket seinen Namen nicht. Es sei enttäuschend, dass die Subventionen und Finanzhilfen unangetastet geblieben seien.

anr/ddp/dpa/apn

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