Einstellungstest Beiersdorf und Merck lassen Bewerber bluten

Bei Bewerbung Bluttest - dieses Prinzip gilt nicht nur bei Daimler. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE lassen auch Firmen wie Beiersdorf seit Jahren Kandidaten zur Ader. Bei Merck, berichten Betroffene, seien es zwei Ampullen gewesen. Arbeitsrechtler und Gewerkschaftler kritisieren die Praxis.

Von Hannes Koch

Blutabnahme: "Standardprocedere" bei vielen Unternehmen
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Blutabnahme: "Standardprocedere" bei vielen Unternehmen


Berlin - Es sind Eignungstests der ganz besonderen Art, die derzeit für Aufregung sorgen: Wer sich beim Autobauer Daimler um eine Stelle bewirbt, muss schon während des Verfahrens Blutproben abgeben - das hatte der NDR am Mittwoch berichtet und damit eine heftige Diskussion über fragwürdige Auswahlprozesse losgetreten.

Doch so groß die Aufregung ist, so gängig scheint das Vorgehen zu sein: Offensichtlich werden in vielen deutschen Großkonzernen ähnliche Methoden angewandt, wie Recherchen von SPIEGEL ONLINE zeigen. So berichtet ein Stellenbewerber, dass er im Jahr 2005 bei dem Hamburger Kosmetikkonzern Beiersdorf im Rahmen des Bewerbungsverfahrens und einer umfangreichen betriebsärztlichen Untersuchung auch zu einem Bluttest gebeten wurde. Die Betriebsärztin von Beiersdorf habe dies auf Nachfrage als "Standardprocedere" bezeichnet, sagte der Bewerber, der anonym bleiben will, zu SPIEGEL ONLINE. Nach seinen Angaben fand der Test auch bei anderen Mitbewerbern statt.

Tatsächlich bestätigt Beiersdorf-Sprecherin Claudia Fasse, dass seit Jahren "jeder Bewerber", der gute Aussichten auf eine Stelle im Unternehmen habe, auch im Hinblick auf seine Blutwerte getestet werde. Dabei untersuche der betriebsärztliche Dienst nur die Werte, die auch bei einer normalem hausärztlichen Untersuchung getestet würden. Diagnosen "auf Schwangerschaft, Aids, Drogen, Gendefekte und Tumore" gehörten nicht dazu, so Fasse.

"Zwei Ampullen Blut"

Auch beim Darmstädter Pharma-Unternehmen Merck sind Bluttests Standard. Ein Bewerber für eine Verwaltungstätigkeit, der ebenfalls anonym bleiben will, musste sich im Bewerbungsverfahren im Juni 2009 einem solchen Test unterziehen. Man habe ihn gebeten, eine Einverständniserklärung zu unterschreiben, berichtet er SPIEGEL ONLINE. "Aus dem rechten Arm" seien ihm "zwei Ampullen Blut" abgezapft worden. Auf seine Frage, welche Relevanz seine Blutwerte für die sitzende Tätigkeit im Büro hätten, habe ihm der Betriebsarzt geantwortet, derartige Bluttests würden seit "sechs Jahren regelmäßig" durchgeführt. Merck-Sprecher Gangolf Schrimpf bestätigt: "Bei allen Bewerbern in der engeren Wahl führen wir Bluttests durch".

Was die Wenigsten wissen: Rechtlich betrachtet, nutzen die Unternehmen einen weiten Spielraum. Gerichtsurteile über die Rechtmäßigkeit von Bluttests bei Arbeitnehmern gibt es bislang kaum. In manchen Berufen, in denen Gesundheit und körperliche Leistungsfähigkeit eine besondere Bedeutung haben, sind Gesundheitstests zwar vorgeschrieben, sagt Jon Heinrich, Fachanwalt für Arbeitsrecht in der Berliner Kanzlei Mayr. Dies gelte beispielsweise für Köche in Restaurants, Piloten und Ärzte.

In allen anderen Berufen dürften die Unternehmen aber nur die Untersuchungen vornehmen, "die unbedingt erforderlich sind", so Heinrich. "Die Bewerber und Arbeitnehmer müssen nur die nötigsten Informationen zu ihrer Gesundheit liefern", sagt auch Martina Perreng, Arbeitsrechtsexpertin beim Vorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Hier gelte der Datenschutz-Grundsatz, dass jeder Bürger das "Recht auf die Nichtoffenlegung seiner Daten" habe, so Perreng.

"Leistungsfähigkeit" der Beschäftigten sicherstellen

Die entscheidende Frage aber ist: Was ist wirklich "notwendig"? Gewerkschaftsfrau Perreng zieht den Kreis sehr eng: "Nur in wenigen Ausnahmefällen kann man sagen, dass gravierende Einschränkungen einen Arbeitnehmer daran hindern, seinen Beruf auszuüben. Nur solche Informationen darf das Unternehmen beanspruchen." Als Beispiel nennt sie den Fall eines Schlosserlehrlings, der epileptische Anfälle erlitt. Wegen der Gefahr im Umgang mit Maschinen konnte die Firma die Ausbildung beenden.

Es wundert allerdings nicht, dass die Firmen ihre Möglichkeiten wesentlich großzügiger auslegen: Beiersdorf wolle sicherstellen, dass die "Leistungsfähigkeit der Beschäftigten den Anforderungen ihrer Arbeit entspricht", erklärt Sprecherin Fasse. Die Mitarbeiter seien häufig auf Auslandsreisen und müssten sich deshalb oft impfen lassen. Die Überprüfung der Blutwerte zeige, ob die Beschäftigten die Impfungen vertrügen, so Fasse. Das Unternehmen legt Wert auf die Feststellung, dass die Daten nur dem Beschäftigten selbst und dem medizinischen Dienst bekannt seien. "Es ist kein Fall bekannt, dass ein Bewerber wegen seiner Blutwerte abgelehnt wurde", sagt die Beiersdorf-Sprecherin.

Auch das Pharma-Unternehmen Merck begründet die Notwendigkeit der Bluttests unter anderem mit Vorschriften der Berufsgenossenschaft. So müssen manche Arbeiter in der Medikamentenproduktion Atemschutzmasken tragen. Die Untersuchung soll Hinweise darauf liefern, ob der Beschäftigte diese Belastung verträgt, sein Herz gut funktioniert und sein Blutkreislauf genügend Sauerstoff transportiert.

Das aber helfe den Bewerbern nicht wirklich weiter, kritisieren Arbeitsrechtler - denn kaum einer traue sich, einen solchen Test abzulehnen. Die behauptete Freiwilligkeit der Tests sei im Machtgefälle der Bewerbungssituation zweifelhaft. Denn es ist klar: Wer auf der Suche nach einem Job ist, lässt so einiges über sich ergehen.

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Forum - Bespitzelt und überwacht – sind Arbeitnehmer schutzlos?
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Seite 1
Hartmut Dresia, 25.04.2009
1.
Zitat von sysopViele Unternehmen gehen in Sachen Datenschutz rüde mit ihren Mitarbeitern um. Bespitzelungen und Überwachungen scheinen oft an der Tagesordnung zu sein. Sind Arbeitnehmer solchen Methoden schutzlos ausgeliefert?
Nach der Vielzahl der Skandale der letzten Zeit, ist eine Reform des Betriebsverfassungsgesetzes geboten, damit die Schutzrechte für Arbeitnehmer gestärkt werden. Hierbei muss auch geprüft werden, welche Übergriffe von Betriebsleitungen zukünftig strafrechtlich zu verfolgen sind. Ob allerdings das aktuelle Parlament den Mut dazu aufbringt? Heiner Flassbeck: Gescheitert - Warum die Politik vor der Wirtschaft kapituliert (http://www.plantor.de/2009/gescheitert-warum-die-politik-vor-der-wirtschaft-kapituliert/)
Homanx 25.04.2009
2.
Zitat von sysopViele Unternehmen gehen in Sachen Datenschutz rüde mit ihren Mitarbeitern um. Bespitzelungen und Überwachungen scheinen oft an der Tagesordnung zu sein. Sind Arbeitnehmer solchen Methoden schutzlos ausgeliefert?
Nicht nur Arbeitnehmer! Alle sind schutzlos!!! Wer das nicht erkannt hat, ist einfach weltfremd......
roflem 25.04.2009
3.
Zitat von sysopViele Unternehmen gehen in Sachen Datenschutz rüde mit ihren Mitarbeitern um. Bespitzelungen und Überwachungen scheinen oft an der Tagesordnung zu sein. Sind Arbeitnehmer solchen Methoden schutzlos ausgeliefert?
Das ganze basiert meiner Meinung nach auf den ehem. Stasi Mitarbeitern, die arbeitslos geworden, sich in der Privatdetektei Industrie angesiedelt haben und ihre "Fähigkeiten" wie Sauerbier anbieten. Nur so ist zu erklären, dass zum Teil berechtigte Überwachungsaufgaben in Stasi-ähnliche Verhaltensmuster ausufern, bei denen Mitarbeiter so tiefgreifend bespitzelt werden, dass am Ende Protokolle wie " M. spuckt nach rechts auf die Strasse, spricht mit dem Gemüsehändler" etc., auftauchen. Wer als Arbeitgeber seine Mitarbeiter bespitzeln will, soll sie einfach darüber informieren und entsprechenden Wisch unterzeichnen lassen basta!
hanjin2 26.04.2009
4.
Ich habs an anderer Stelle schon mal gepostet. Hier nochmal: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/729912?inPopup=true Interessant ist auch wie wir von unseren Volksvertretern vertreten werden. Ab der 28. Minute.
daten-terrier 26.04.2009
5.
Volle Zustimmung. Da spricht nämlich der Praktiker und praktisch selbst Betroffene. Wie man nachlesen kann, bin auch ich gewiss kein Freund unserer Staatsschnüffler, unserer ausweitenden Finanzamts-Stasi-Methoden und z.B. der personenbezogenen und nicht anonymisierten Daten-Schnüffelei des Staates auf unseren Bankkonten. Aber im selben Atemzug wurde momentan von den Medien der anonymisierte Kontenabgleich von Lieferantenkonten mit Angestelltenkonten als Stasi-Schnüffelei aufgebauscht. Obwohl diese anonymisierte Kontrollaktion zur möglichen Korruptionsbekämpfung niemandem schadet, im Gegensatz zu den kafkaesken Finanzamtsmethoden, wurde hier von verblendeten Journalisten bewusst die falsche Sau durchs Dorf getrieben. Sie wollten mit diesem kleine-Leute-Populismus Volkszorn erzeugen, um die Auflage zu steigern. Defakto lenken sie damit von von den in Wirklichkeit ausufernden personenbezogenen Schnüffelmethoden des Staates ab. Und nach wie vor, kann Jedermann von Jedermann mit der einfachen Meldeauskunft sämtliche aktuellen und bisherigen Meldeadressen erfahren. Und Wirtschaftsunternehmen erhalten die Adressen gleich in riesigen Paketen, online, gegen Gebühr natürlich, vom Datenhehler Staat in Persona der Kommunen. Allein Bochum brachte diese Adressenhehlerei einige Hunderttausend Euro ein. Diese Einnahmequelle will man nicht verschliessen. Datenschutz hin oder her. So verscherbelt der Staat weiter unsere Adressen an zahlungswillige Interessenten. Und Zypries und Schäuble lassen den Bundesdatenschutzzwerg dabei ins Leere laufen und freuen sich über die überbordende Hysterie, weil Mehdorn mal ein paar anonymisierte Kontennummern hat abgleichen lassen. Das nenn ich Kunst des Ablenkungskrieges! Ich sehe schon einen gewaltigen Unterschied darin, ob ein Finanzbeamter meine gesamten privaten Geldbewegungen durchschnüffeln kann und ob die Stadt meine Adresse für 3,58 Euro an einen Stalker verkauft, oder ob Herr Mehdorn nur Nummer meines Gehaltskontos anonym mit den Konten aus seiner Einkaufsabteilung vergleichen lässt. Man wollte Mehdorn weghaben, Schäuble und Zypries behalten und zur Wahl etwas Unternehmensfeindliche Datenschutz-Hysterie erzeugen, um von den Staatsschnüfflern abzulenken.
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