Streit um Elektromobil Deutschlands naiver Glaube an den Autogott

Seit Martin Schulz die Quote für Elektroautos fordert, poltern die deutschen Gralshüter: Der Staat könne doch nicht vorgeben, was ökonomisch richtig ist. Das regele schon der Markt. Wirklich?

Elektroautos an einer Ladesäule
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Elektroautos an einer Ladesäule


Wenn es ums Auto geht, hört in Deutschland der Spaß schnell auf. Etwa, wenn wie dieser Tage debattiert, ob, wie und wie schnell bei uns künftig (alle) Autos mit Elektromotoren fahren sollten - und ob der Vorschlag vom Kanzlerkandidaten der SPD, eine feste Quote für E-Mobile einzuführen, nicht völlig irre ist.

Gepoltert haben vor allem die Gralshüter des marktwirtschaftlichen Reinheitsgebots. So eine weit reichende Entscheidung könnten (und dürften) staatliche Institutionen (und Kanzlerkandidaten) gar nicht treffen. Das sei doch "Planwirtschaft", ängstigt sich eine Dame von der ganz schön liberalen FDP. Da sind die Sowjets nicht mehr weit.

Klar. Nicht ganz auszuschließen. Mit ein bisschen Fantasie. Nur: Was ist, wenn sich bei so einer Entscheidung nach etlichen Jahren mittlerweile abzeichnet, dass die freie Wirtschaft es auch nicht so recht weiß - und in ewigem Warten darauf zu erstarren droht, dass der liebe Autogott jetzt mal sagt, wo's hingehen soll. E-Auto oder doch nicht E-Auto. Oder nur bessere Altautos. So wie das im realen Leben gerade tatsächlich der Fall zu sein scheint.

Klar ist einem jetzt nicht so ganz und gar wohl bei dem Gedanken, dass ein oder mehrere Beamte in einem Ministerium aus gesicherter Distanz zur Werkshalle festlegen könnten, welche Motoren künftig zu bauen sind und wie viele wir davon kaufen müssen (wobei das ohnehin ja so nicht geht).

Nach Lehrbuch Marktwirtschaft ist es besser, wenn sich Produktion und Absatz irgendwie automatisch daraus ergeben, wer im Land was nach freien Stücken nachfragt - und wer was für wie viel anbieten kann. Dann sollten all die Kenntnisse und Möglichkeiten wie wundersam wuselig einen neuen Fuhrpark gebären. Super Idee.

Große Innovationen kamen häufig vom Militär

In den allermeisten Fällen funktioniert das heilige Prinzip auch super. Das Problem beginnt, wenn auch die Marktkräfte beim Wuseln nicht so richtig zu Potte kommen. Dass große Innovationen wie vom Marktgott in die Welt kommen, ist eine zwar eifrig gelehrte, aber gewagte These. Es gibt in der Geschichte nicht so viele Beispiele von großen technologischen Neuerungen, in denen staatliche Stellen nicht mindestens mitgewirkt haben - und bei denen diese öffentlichen Einrichtung mit der mehr oder weniger aktiven Verteidigung des Landes betraut waren.

Dass das de facto selbst fürs iPhone gilt, hat die Ökonomin Mariana Mazzucato in ihrem Buch (Deutsch: "Das Kapital des Staates") eindrucksvoll dargelegt. Ohne entsprechende Basisforschung unter Militäraufsicht hätte es maßgebliche Bestandteile gar nicht gegeben, die Apple dann nutzen konnte, um ein schickes Ding draus zu machen - oder zumindest nicht so früh. Da hat Väterchen Staat in den USA ordentlich nachgeholfen. Diese Forschung selbst zu betreiben, wäre für Apple viel zu teuer gewesen. Ein typischer Fall. Oft sind die Anfangsinvestitionen für einzelne Unternehmen viel zu hoch - angesichts der zu Beginn oft unsicheren Gewinnaussichten.

Warum die Wirtschaft an der Aufgabe wirklich großer Innovationen häufig scheitert, lässt sich am akuten Automobil-Fall toll zeigen. Was es kosten würde, am ollen Verbrennungsmotor allzu lang festzuhalten, ist so schwer zu berechnen, dass es beim täglichen Wirken der Marktkräfte kaum eine Rolle spielt - also beim Anbieten und Nachfragen von Autos. Damit fehlt aber auch ein akuter Anreiz, in neue Technik zu investieren.

Das wirkt fatal, weil gerade am Anfang ziemlich große Investitionen nötig wären: Damit sich die vermeintlich bessere Technologie durchsetzt, müsste so viel in ein neues Elektro-Tankstellennetz oder neue bessere Batterietechnologie oder emissionsärmere Energiequellen für die Batterien investiert werden, dass die Sache schnell zum Dilemma wird - und geworden ist.

Atemberaubend naiv

Solange es kein ausgebautes Stromtankstellennetz gibt, werden nur Exoten ihr Geld für ein Elektroauto ausgeben (oder solche, die gar kein Auto brauchen). Solange aber die Nachfrage fehlt, lohnt es auch nicht, so viel mehr Geld in die Entwicklung besserer Elektroautos zu investieren. So lange bleiben die Dinger auch ziemlich teuer. Und so lange gibt es auch nur eine begrenzte Zahl von Leuten, die solche Kisten kaufen. Und so weiter. Was auch das vermeintliche Zaubermittel Quote ein bisschen entzaubert - solange es kein Tankstellennetz gibt.

Da hilft auch der penetrant nölige Verweis wenig, dass Elektroautos auch keine bessere Umweltbilanz haben, wenn der Strom noch aus Kohle oder ähnlichem Zeug kommt. Ja, klar. Nur muss dann halt beides vorangetrieben und noch mehr erneuerbarer Strom produziert werden. Selbst die Energiewende taugt als Abschreckungsbeispiel für staatliches Steuern nur bedingt. Da wurde zwar mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr Geld in Subventionen für Erneuerbare gesteckt als nötig. Nur ist die Frage grundsätzlich ja, ob es den Technologieschub bei Solar- und Windanlagen nach freiem Marktwirken überhaupt gegeben hätte. Die Kinder danken.

Unter solchen Umständen einfach auf das freie Wirken des Marktes zu zählen, wie es vermeintliche Wirtschaftsexperten aus Union und FDP vor sich her poltern, hat etwas ziemlich atemberaubend Naives. Zumal andere da mittlerweile davon ziehen. Die Chinesen haben nicht lange gefragt, ob die Sache mit den Grundsätzen ordnungspolitischer Lehren vereinbar ist - da gibt die Regierung die Quote jetzt einfach vor. Mit potenziell schwerwiegenden Folgen für deutsche Anbieter. Und: Druck gibt es auch von Marktseite - von Tesla aus Amerika.

Die Frage ist nicht mehr, ob der Staat, sprich: die gewählten Volksvertreter, sich bei solch großen Fragen einmischen sollten, sondern wie - und wie sie das besser hinbekommen. Das neu zu definieren, ist schon eine große Aufgabe. Wie Mariana Mazzucato eindrucksvoll dargelegt hat, hat das naiv-liberale Doppeldogma vom schlauen Markt und dummen Staat über zwei Jahrzehnte so zweifelhaft (nach-)gewirkt, dass in den Behörden tatsächlich heute immer weniger und weniger kompetente Leute sitzen - die in der Tat dann zunehmend überfordert sind mit weitreichenderen technologischen Fragen.

Dringend nötig wäre es deshalb, Top-Leute aus der Wissenschaft anzuwerben, so Mazzucato. Und besser zu verstehen, bis zu welchem Punkt staatliche Hilfen sinnvoll sind, um private Innovationen anzutreiben oder Blockaden zu lösen. Und wie sich das Risiko falscher Anreize trotzdem auf ein Minimum reduzieren lässt. Wie bei der großen Frage nach dem Automobil der Zukunft.

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Freidenker10 18.08.2017
1.
Gelder in die Entwicklung umzuleiten würde für die Autobauer bedeuten erstmal weniger Gewinn zu machen, das wiederum bedeutet weniger Einkommen für die Bosse, weil sinkender Aktienkurs. Langfristiges Denken ist doch lange her, wahrscheinlich zu lange für diese Herrschaften auf ihren Thronen...
medium07 18.08.2017
2. Nochmals...
... die Stromerzeugung stellt lange nicht das einzige Problem bei der Elektromobilität dar, obwohl auch hierbei die die Ökobilanz der sog. Erneuerbaren genauer betrachtet werden muss. Das Problem liegt, wie bekannt, bei der Baterie, Ihrer Herstellung, Lebensdauer, der noch möglichen Steigerung der Ladungsdichte, des Gesamtwirkungsgrads des Systems. Bei einer Lebensdauer, die nicht ausreicht, um die Ökobelastungen der Produktion zu amortisieren, ist das ganze sinnlos. Über den Aufbau der Infrastruktur, die Laderzeiten und Reichweiten nicht zu reden.
hru 18.08.2017
3. Prognosen sind schwierig, wenn Sie die Zukunft betreffen...
... von daher ist ein Aus für den Verbrennungsmotor heute zu irgendeinem Termin heute schwer vorherzusehen und von daher Populismus. Da es aber ohne die Politik nicht gehen wird haben sowohl die Autofirmen wie auch die Energieerzeuger nachdrücklich gezeigt. Aus heutiger Sicht wird das E-Auto eine dominante Rolle spielen. Weil es gibt ein Versorgungsnetz (die Sache mit den Ladestationen sind ja nur die letzten Meter und man kann sie für den Privathaushalt oder den Firmenparkplatz für ab 1000€ das Stück kaufen), die Dinger fahren schon rum und wenn man man in einem gesessen hat will man eigentlich nicht mehr aussteigen. Um sie kostengünstig zu bekommen muss man auch gar nicht mehr entwickeln sonder nur mal auf Stückzahlen kommen. Die Stückzahlen heute entsprechen etwa dem eines Rolls-Royce und was kosten die im Vergleich! Und deshalb baucht es die Politik um den gordischen Knoten zu durchschlagen. Wenn sie es bei Wind nicht getan hätte würde Windstrom auch heute noch 30c pro KWH kosten statt 2c. Aber ob das E-Auto im Jahr 2030 noch die richtige oder gar alleinige Lösung des Problems ist - wer kann das heute sagen. Aber ohne anzufangen fahren wir 2030 immer noch Verbrenner. Wenn ich VW sagen höre, dass das Ende des Verbrennungsmotors noch nicht gekommen ist kann man das so hören, das wir ihn als Range-Extender für große Strecken noch brauchen wird. Oder man kann hören: lasst uns mit dem Mist in Ruhe, wir haben Benzin und Diesel im Blut und nicht Strom. Ich höre das letztere aber das kann ja jeder anders hören.
penie 18.08.2017
4. Null Ahnung
Seit Jahren werden enorme Summen für die Weiterentwicklung der Technik für elktrische Mobile investiert. Die großen Automobilkonzerne haben schon - was sie nicht laut sagen, da politisch unkorrekt - viel Geld versenkt. Wo wir stehen, läßt sich bei Interesse überall nachlesen. Stichworte sind Rohstoffverfügbarkeit, Ökobilanz über den Lebenszyklus, Kosten, Batteriekapazität- und lebensdauer usf. Aber nach Herrn Fricke Meinung müssen wir uns nur ein wenig mehr anstrengen, dann werden wir schon den Stein der Weisen finden. Offensichtlich hat er sich nie auch nur ansatzweise inhaltlich mit der Thematik befasst.
dirk1962 18.08.2017
5. Ein Blick in die Nachbarländer hilft
Sehen wir uns die Niederlande oder Norwegen an dann stellen fest, dass auch dort die Infrastruktur nicht vom Himmel viel. Trotzdem sind dort E-Autos etabliert. Warum? Weil der Staat das so wollte. England und Frankreich haben eine Deadline für den Verbrenner definiert. In China sind unsere Autos - wenn überhaupt - bald nur noch zu verkaufen, wenn dort der Staat Gnade vor Recht ergehen läßt und den USA ist das Image Deutscher Autos nach dem Betrugs Desaster erst einmal ramponiert. Gleichzeitig stehen Anbieter aus Japan und China in den Startlöchern um Europa mit billigen E-Autos zu überschwemmen. Das ist die Ausgangslage. Was für realistische Möglichkeiten bleiben denn da noch? Ich denke, entweder unsere Industrie kann in spätestens 2 Jahren wettbewerbsfähige E-Autos zu vernünftigen Preisen anbieten, oder der Fahrzeugbau ist Tod in unserem Land. An dieser Stelle läßt Kodak Grüßen. Gestern noch Weltmarktführer und Heute insolvent. Der Markt wird das ganz sicher entscheiden. Allerdings auch ohne Deutsche Autobauer.
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