Elektronische Gesundheitskarte Mega-Flop im Massentest

Horrende Kosten, kein Zusatznutzen: Seit Jahren finanzieren die gesetzlich Versicherten ein Mammutprojekt namens elektronische Gesundheitskarte. Einst sollte diese das Gesundheitswesen revolutionieren, nun entpuppt sie sich als absoluter Flop. Eingeführt wird das Placebo-Kärtchen trotzdem.

Von Susanne Wächter

Elektronische Gesundheitskarte: Wo war noch einmal der Mehrwert?
dapd

Elektronische Gesundheitskarte: Wo war noch einmal der Mehrwert?


Hamburg - Die Regierung hatte sich alles so schön ausgedacht. Eine kleine Karte, die ins Portemonnaie der Patienten passt, sollte die unzähligen großen Probleme des Gesundheitswesens lösen. Weniger Missbrauch, keine Doppeluntersuchungen mehr, im Notfall der Zugriff auf die relevanten Daten des Versicherten. Und vor allem: Einsparungen durch mehr Transparenz.

So weit die Theorie. Die Praxis ist ernüchternd: Keines der Ziele wurde bislang erreicht. Nach sechs Jahren Entwicklung steht das Projekt "elektronische Gesundheitskarte" noch immer am Anfang. Das Lichtbild des Versicherten ist die einzige Neuerung gegenüber den aktuellen Versichertenkarten. Dabei hat das Mammutprojekt bislang 500 Millionen Euro gekostet.

Die revolutionäre Online-Anbindung, die den Zugriff auf alle relevanten Gesundheitsdaten erlauben würde, lässt noch mindestens zwei Jahre auf sich warten. Aber erst damit kann die Karte so etwas wie einen Nutzen bringen. Bei einem Arztwechsel hätte der Patient etwa die wichtigsten Krankheitsdaten immer dabei. Über einen gesicherten Zugriff könnte jeder Arzt vorherige Behandlungen einsehen.

Karte ohne Mehrwert

Daniel Poeschkens, Sprecher der zuständigen Betreibergesellschaft Gematik, ist trotz der ernüchternden Bilanz überzeugt, dass der Austausch der Karten Vorteile hat. Schließlich beuge das Lichtbild einem Missbrauch vor. Allerdings gibt es einen kleinen Schönheitsfehler: Niemand kontrolliert, ob das eingeschickte Bild auch tatsächlich vom Versicherten ist.

Eines der wichtigsten Probleme des Projekts elektronische Gesundheitskarte ist seine schiere Größe. Es gibt viel zu viele Akteure, die mitmischen. Die Einführung der Karte wurde schon unter Ulla Schmidt (SPD) mehrmals verschoben. Ihr Nachfolger Philipp Rösler (FDP), dessen Partei immer zu den größten politischen Gegnern zählte, ließ die Entwicklung ruhen und veränderte zu allem Überfluss auch noch die Befugnisse der Beteiligten.

In der Vergangenheit mischten Ärzte, Kassen und Kliniken gleichberechtigt mit - und bremsten sich dabei gegenseitig aus. Nun kümmern sich die Kliniken um die elektronische Fallakte, die Ärzte um die Inhalte des Notfalldatensatzes und die Kassen um das künftige Prozedere des Datenabgleichs.

Außerdem verpflichtete Rösler die Kassen, bis Ende des Jahres zehn Prozent ihrer Mitglieder mit der elektronischen Karte auszustatten. "Wir stehen jetzt unter einem enormen Kostendruck", sagt ein Sprecher der Techniker Krankenkasse. "Wenn wir es nicht schaffen, das Soll zu erreichen, werden uns zwei Prozent der Verwaltungskosten gestrichen." Bei neun Milliarden Euro Verwaltungskosten aller gesetzlichen Kassen pro Jahr geht es somit um immerhin 180 Millionen Euro.

Trotz des Dauer-Drucks, jahrelanger Vorarbeiten und horrender Kosten bekommen die Versicherten in diesem Jahr eine Karte, die gerade einmal banale Daten wie die Adresse und das Geburtsdatum enthält. Es kommen noch ein paar Notfalldaten und eine elektronische Fallakte dazu.

"Stand der Dinge ist sehr unbefriedigend"

Das elektronische Rezept? Gestrichen. Die Patientenakte? Vertagt. Dabei wären die Anwendungen technisch möglich. Das zeigt das Beispiel der Knappschaft in Bottrop. Dort sind mehr als 80 Ärzte untereinander mit Apotheken und dem Knappschaftskrankenhaus vernetzt. Im Kleinen funktioniert die Gesundheitskarte. Nur mit dem großen Wurf will es einfach nicht klappen.

"Für uns ist der Stand der Dinge sehr unbefriedigend", sagt IT-Experte Ingo Bettels von der Krankenkasse KKH Allianz. "Die Karte kommt, ohne dass die dafür nötige Infrastruktur vorhanden ist. Sie kostet nur Geld und bleibt ohne Nutzen." Der AOK Bundesverband rechnet bis Ende des Jahres für die eigenen Mitglieder mit 90 Millionen Euro Kosten. Geld, das für die Ausstattung der Ärzte und Krankenhäuser mit den neuen Lesegeräten und für den Austausch der Karten gebraucht - oder besser: verschwendet - wird.

Angesichts des katastrophalen Kosten-Nutzen-Verhältnisses würde der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem das Pannenprojekt stoppen und erst wiederbeleben, wenn die Karte mehr Funktionalitäten und damit einen echten Mehrwert gegenüber dem Status quo hat. "Das Ding ist ein ökonomischer Flop", sagt Wasem.

Die Rechnung zahlen die Versicherten. Die Betreibergesellschaft Gematik speist sich seit 2005 aus ihren Beiträgen. Die Kassen müssen einen Euro pro Versicherten einzahlen. Macht rund 70 Millionen jährlich. Ein beträchtlicher Betrag, aus dem man erstaunlich wenig machen kann.



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Seite 1
beliyana 07.05.2011
1. Na was soll
man denn dazu noch sagen? Egal was in den letzten Jahren gemacht wurde,es war ein Flop,wer muss es bezahlen? die Politiker?ne natürlich nicht.
Charmaquest 07.05.2011
2. Die passende Doku zum Thema
Dazu empfehle ich diese Doku (http://www.youtube.com/watch?v=k_uSpTzgOOU), schon ein paar Jahre alt, die inhaltliche Diskussion ist aber nach wie vor aktuell.
kunky 07.05.2011
3. Wtf!
- 6 Jahre Entwicklungszeit - 500 Millionen EURO Kosten - keines der Ziele wurde bislang erreicht ich kann es einfach nicht glauben, wo leben wir denn? offensichtlich gibt es nur noch VOLLPFOSTEN in der Regierung es ist zum heulen...ich will auch nicht weiter rumflamen...man kann sich nur noch wundern, bloß nicht aufregen, bloß nicht!
Lagenorhynchus 07.05.2011
4. Danke!
Ein Glück, dass das endlich so deutlich geschrieben wird. Die Gematik hat - in einem unsäglichen Gezerre zwischen den Interessengruppen - das Projekt seit über zehn Jahren immer wieder nach allen Regeln der Kunst an die Wand fahren müssen. Das ist nicht der Fehler der Ausführenden, sondern liegt daran, dass die Konzeption aus den Achtzigern kommt, Datenschutz und Usability unvereinbar sind und auch sonst die Prozesse dieser Karte offenbar von bekifften Eichhörnchen entworfen wurden, anders ist dieser Irrsinn nicht zu erklären. Die eGK bringt keinen erkennbaren Nutzen, funktioniert nur im kleinen und hätte mit simpelsten Mitteln (Nein, für ein Passbild auf der Karte benötigt man KEINEN Chip) anders umgesetzt werden können. Industriepartner haben sich längst aus dem Projekt zurückgezogen, Praktiker, die sich mit solchen IT-Prozessen wirklich in der Anwendung auskennen, wurden nicht gefragt. Wenn sich Deutschland so einen Murks leisten kann, haben wir im Gesundheitswesen immer noch zu viel Geld. Oder besser gesagt fliesst das Geld an der falschen Stelle.
agricolo 07.05.2011
5. Übelkeit!
Das empfinde ich, wenn ich diesen Artikel über das erneut rücksichtslose Abkassieren der Versicherten durch Mitglieder der Sozial-Mafia in diesem Lande lese. Da kann man doch nur zum "Wutbürger" mutieren.
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