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Elterngeld: Regierung bevorzugt Zinsmillionäre

Das Sparpaket von Union und FDP lässt viele Reiche ungeschoren davonkommen. Seit Anfang des Jahres soll es für Spitzenverdiener kein Elterngeld mehr geben. Doch das Gesetz enthält eine Lücke: Wer mehr als 250.000 Euro Kapitaleinkünfte hat, bekommt die Hilfe weiter.

Vater umsorgt Säugling (Symbolfoto): Langzeitarbeitslose erhalten kein Elterngeld Zur Großansicht
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Vater umsorgt Säugling (Symbolfoto): Langzeitarbeitslose erhalten kein Elterngeld

Berlin - Erst strich die Bundesregierung in ihrem Sparpaket Langzeitarbeitslosen das Elterngeld - und löste damit einen Sturm der Entrüstung bei Opposition und Sozialverbänden aus. Zum Ausgleich sollten dann auch Superreiche künftig auf die staatliche Stütze verzichten. Doch laut "Süddeutscher Zeitung" ist die Beruhigungspille nur ein Placebo: Denn trotz der Gesetzesänderung erhalten Reiche auch weiterhin Elterngeld. Dabei geht es vor allem um die Bezieher hoher Zinsen und Dividenden.

Eine Lücke im Gesetz macht es möglich: Nach Auffassung des Berliner Steuerrechtlers Frank Hechtner können die Behörden wegen der Abgeltungsteuer nämlich nicht prüfen, wie hoch die Kapitaleinkünfte der Antragsteller sind. "Eine Person, die ein zu versteuerndes Einkommen von 150.000 Euro aufweist, gleichzeitig aber noch Kapitaleinkünfte von 250.000 Euro bezieht, kann also weiter Elterngeld beantragen und auch beziehen", sagte der Wissenschaftler der Freien Universität Berlin der Zeitung.

Seit der Einführung der Reichensteuer 2007 gilt in Deutschland als reich, wer als Single pro Jahr ein Einkommen von mehr als 250.000 Euro oder als Ehepaar mehr als 500.000 Euro hat. Weil die Koalition ihre Kürzungspläne für das Elterngeld schnell umsetzen wollte, orientierte sie sich an den Regeln der Reichensteuer - und sprang damit zu kurz, schreibt die Zeitung. Denn seit 2008 gilt in Deutschland die sogenannte Abgeltungsteuer. Durch sie werden alle Kapitaleinkünfte direkt bei der Bank mit einem einheitlichen Steuersatz von 25 Prozent belastet.

Der Steuerzahler ist dadurch davon befreit, diese Einnahmen dem Finanzamt zu melden. Die Kapitaleinkünfte gehören damit nicht mehr zum zu versteuernden Einkommen. Sie werden bei der Reichensteuer nicht mehr berücksichtigt und damit auch nicht bei der Frage, ob jemand Elterngeld bekommt oder nicht. Im Umkehrschluss bedeutet das auch: Zinsmillionäre werden vom Staat gegenüber Einkommensreichen bevorzugt.

Nach Hechtners Einschätzung wird es somit nur zwischen 1000 und 2000 Fälle geben, in denen die Behörde das Elterngeld verweigert, weil Vater oder Mutter zu viel Geld verdienen. Im Vergleich dazu gebe es aber etwa 130.000 Langzeitarbeitslose, denen das Elterngeld gekürzt worden sei.

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1. Sozial ungerecht und verwirrend
Michael Giertz, 07.02.2011
Zitat von sysopDas Sparpaket von Union und FDP lässt viele Reiche ungeschoren davonkommen. Seit Anfang des Jahres*soll es für Spitzenverdiener*kein Elterngeld mehr geben. Doch das Gesetz enthält eine Lücke:*Wer mehr als 250.000 Euro Kapitaleinkünfte hat, bekommt die Hilfe, wer ein höheres Einkommen hat, nicht.* http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,743933,00.html
Errm, ist der Satz falsch oder absichtlich unverständlich? Zitat SPON: Wer mehr als 250.000 Euro Kapitaleinkünfte hat, bekommt die Hilfe, wer ein höheres Einkommen hat, nicht. Wie jetzt? Wer MEHR als 250.000 Euro Zinsen bekommt, kriegt die Hilfe. Und wer MEHR als 250.000 Euro Einkommen hat, kriegt das nicht? PS: wo ist das sozial gerechtfertigt, dass Menschen mit einem jährlichen Einkommen von 250.000 Euro (10x mehr als der Durchschnittsverdienst) auch noch Elterngeld kriegen müssen?
2. Schröder, Merkel usw.
debreczen 07.02.2011
Zitat von sysopDas Sparpaket von Union und FDP lässt viele Reiche ungeschoren davonkommen. Seit Anfang des Jahres*soll es für Spitzenverdiener*kein Elterngeld mehr geben. Doch das Gesetz enthält eine Lücke:*Wer mehr als 250.000 Euro Kapitaleinkünfte hat, bekommt die Hilfe, wer ein höheres Einkommen hat, nicht.* http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,743933,00.html
Aha, "Leistung muß sich lohnen" ist nur Propaganda. Die real existierende Politik seit 1998 erklärt uns eindeutig: "wohlhabend geboren werden lohnt sich - hart arbeiten dagegen nicht".
3. Das ist ein Hammer
flower power 07.02.2011
Ehrlich - wer kann diesen Jubelclub noch ernst nehmen, wer kann ihn noch wählen. Wie war das mit Tunesien und Ägypten......auf die Strasse Leute.
4. .
static_noise 07.02.2011
Ich verdiene selber sehr gut, daher ist mir Sozialneid an dieser Stelle fremd. Aber "reich" oder "nicht mehr Elterngeld bedürftig" für einen Single erst ab über 20.000 Euro im Monat zu definieren, ist eine absolute Frechheit. (Ob Einkommen oder Kapitalertrag hin oder her.)
5. .
guenter_w 07.02.2011
Mal auf dem Teppich bleiben - wieviele Reiche mit Kapitalerträgen von > 250.000 € und Kindern gibt es denn? Dass bei der Gesetzgebung dank einer unendlichen Zahl von "Fachleuten" entsetzlich geschlampert wird, ist nun wahrlich keine weltbewegende Neuigkeit, sondern trauriger Berliner Allltag...
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Das Elterngeld
Mütter und Väter können seit 2007 bei der Geburt eines Kindes Elterngeld beantragen. Es löste als Lohnersatzleistung das Erziehungsgeld ab. Mütter oder Väter, die zur Kindererziehung vorübergehend aus dem Beruf ausscheiden, erhalten 65 Prozent des letzten Nettolohns, höchstens jedoch 1800 Euro monatlich. Alleinerziehende und Geringverdiener erhalten einen monatlichen Sockelbetrag von 300 Euro. Das Elterngeld wird zunächst für ein Jahr gezahlt. Es wird zwei weitere Monate gewährt, wenn der berufstätige Elternteil die Kinderbetreuung übernimmt. Alleinerziehende erhalten das Elterngeld die vollen 14 Monate.

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