Emmanuel Macron Einmal Banker, immer Banker?

Emmanuel Macron will französischer Präsident werden. Seinen Kritikern gilt er als Handlanger der Bankenbranche - ein Image, das schon Hillary Clinton zum Verhängnis wurde. Kann er trotzdem gewinnen?

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Wenn Marine Le Pen über Emmanuel Macron spricht, wird schnell klar, wo sie ihn haben will: Ein "kaltherziger Banker" sei er, ein "Handlanger der Eliten", schimpfte die rechte Präsidentschaftskandidatin am Mittwochabend im Fernsehduell. "Sie liegen auf dem Bauch vor den Banken, Sie sind der Kandidat der Unterwerfung."

Von ganz links setzt es ähnliche Angriffe: Jean-Luc Mélenchon, Führer der Bewegung "Frankreich der Aufsässigen", verweist gern auf die "Macht des Geldes", die hinter Macron stehe - eine Anspielung auf die vermögenden Sponsoren seines Wahlkampfs.

Wenn es noch etwas gibt, das die Wahl des Polit-Shootingstars zum französischen Präsidenten verhindern kann, so scheint es Macrons Image als Kandidat der Finanzelite zu sein, das seine Gegner auf den letzten Metern noch einmal ausschlachten.

Schon durch seinen Lebenslauf liefert Macron eine perfekte Angriffsfläche - für Kritik und für wilde Verschwörungstheorien: Ausgebildet an der französischen Eliteakademie École Nationale d'Administration (ENA), später vier Jahre lang im Dienst der Investmentbank Rothschild, 2014 nahm er sogar an der sagenumwobenen Bilderberg-Konferenz teil. Alles Namen, die zu den beliebtesten Projektionsflächen der Verschwörungsfreunde zählen.

Parallelen zu Hillary Clinton

"Macron ist wie der feuchte Traum einer Verschwörungswebsite", schreibt der US-Finanzblog Zerohedge, der solchen Theorien selbst nicht abgeneigt ist. "Jemand mit sehr großer Macht hat für diesen Typen alle Arten von Strippen gezogen", urteilt der anonyme Autor geheimnisvoll - und suggeriert, dass Macron im Dienst einer anderen Macht stehe. "Wirklich, für wen arbeitet er? Ich bin sicher, das wüsste das französische Volk gerne."

Solche Stimmen werden auch in Frankreich immer lauter. Die endlos wiederholten Behauptungen der Gegner von ganz links und ganz rechts verfangen. Ähnlich wie bei Hillary Clinton, die im US-Wahlkampf von ihrem Kontrahenten Donald Trump und konservativen Medien ebenfalls als Marionette der Wall-Street-Banken dargestellt wurde. Mit ihren gut bezahlten Vorträgen in der Finanzbranche hatte sie ihren Gegnern allerdings auch die Munition dafür geliefert.

Und wie sieht es bei Macron aus?

Seine Vergangenheit in der Finanzbranche hat ihn sicherlich geprägt. Hier sammelte er Kontakte, die ihm heute noch immer nutzen. "Das ist einer von uns", erklärt ein deutscher Top-Banker ein bisschen stolz.

Rasanter Aufstieg

Als Macron 2008 bei der Rothschild-Bank anheuerte, soll ihn ein damaliger Freund gewarnt haben, welche Konsequenzen das für eine von Macron eigentlich angestrebte politische Karriere haben könnte: "Bist du dir bewusst, dass Banker nicht irgendein Job ist? Und Rothschild nicht irgendeine Bank?", so zitiert die britische "Financial Times" ("FT") den Freund von damals.

Doch Macron schien das ebenso wenig zu stören wie seine mangelnden Kenntnisse der Finanzwelt. Schließlich hatte er nicht Wirtschaft, sondern Philosophie studiert. Dennoch stieg der damals 30-Jährige in der Bank atemberaubend schnell auf. "Er wusste nichts, aber er verstand alles", zitiert die "FT" einen ehemaligen Kollegen. Und er hatte offenbar einen mächtigen Förderer: François Henrot, wichtigster Vertrauter von Bankchef David de Rothschild, soll ihn persönlich empfohlen haben.

2010 wurde Macron mit 32 Jahren zum Partner bei Rothschild, so jung wie er hatte noch niemand zuvor diese höchste Hierarchiestufe erreicht. Zwei Jahre später machte er den Deal seines Lebens, als er den Schweizer Lebensmittelriesen Nestlé davon überzeugte, für knapp zwölf Milliarden Dollar die Babynahrungssparte des US-Rivalen Pfizer zu kaufen. Macron selbst soll dabei Millionen verdient haben. Entscheidend bei dem Deal waren offenbar Macrons exzellente Kontakte zum damaligen Nestlé-Chef Peter Brabeck-Letmathe.

Neuer Anlauf für Reformen

2012 wechselte Macron in den Élysée-Palast - als Vizesekretär des frisch gewählten Präsidenten François Hollande bereitete er dessen wirtschaftspolitische Wende vor. "Mein Feind ist die Finanzwelt", hatte Hollande noch im Wahlkampf getönt - und unter anderem einen Spitzensteuersatz von 75 Prozent angekündigt. Doch als Staatschef schwenkte Hollande vom klassenkämpferischen Linksdiskurs auf eine wirtschaftsfreundlichere Linie um - wohl auch dank Macrons Beratung. 2014 machte Hollande ihn dann zum Wirtschaftsminister.

Mit den meisten seiner Reformvorstellungen, vor allem zur Lockerung der Arbeitsmarktgesetze, ist Macron damals am internen Widerstand gescheitert. Nun will er sie als Präsident doch noch durchsetzen. Sein Programm ist dabei im Kern wirtschaftsfreundlich: So will er die Steuern auf Kapitaleinkünfte wie Zinsen und Dividenden ebenso senken wie die Unternehmensteuer. Auch die 35-Stunden-Woche, die vielen Franzosen heilig ist, soll aufgeweicht werden. Die Einführung der europäischen Finanztransaktionssteuer dagegen habe für ihn "keine Priorität", teilte er mit.

Doch ist Macron wegen seines liberalen Programms gleich ein Vertreter von Wirtschaftsinteressen oder gar ein versteckter Repräsentant des Finanzkapitals?

Macron reagiert empfindlich, wenn er als Kandidat der Finanzaristokratie dargestellt wird. "Reduzieren Sie meine Laufbahn nicht auf die eines Investmentbankers", wehrte er sich jüngst gegen entsprechende Fragen eines Journalisten. "Die Realität meines Programms ist eine andere."


Zusammengefasst: Emmanuel Macron liegt kurz vor der entscheidenden Runde der französischen Präsidentschaftswahl laut Umfragen in Führung. Doch seine Gegner, allen voran Marine Le Pen, versuchen, ihn als Aristokraten des Finanzkapitals darzustellen. Tatsächlich hat Macron früher für eine noble Investmentbank gearbeitet - und er vertritt auch ein eher wirtschaftsfreundliches Programm. Ein Büttel des Finanzkapitals ist er deshalb aber noch lange nicht.



insgesamt 68 Beiträge
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vliege 04.05.2017
1. Pest oder Cholera
Wenn ein Kapitalist erster Güte wie Macron sogar von den Linken favorisiert wird dann gute Nacht Frankreich. Es ist die Wahl zwischen Pest und Cholera in Frankreich. Le Pen oder Macron, Verlierer sind die Bürger Frankreichs auf die eine oder andere Art.
suedseefrachter 04.05.2017
2.
Ich sehe es erst mal so wenn die EU fallen würde, dann würde den Bürgern bereits ein großer Haufen Bürokratie erspart werden. Die EU hat den kleinen Gewerbetreibenden im Vergleich zu vor der EU mit absoluter Sicherheit keine Vorteile gebracht. Man sollte sich auch immer vor Augen halten - weniger Einkommen - weniger Arbeitsplätze und/oder mehr Arbeit welche auf die in der Wirtschaft Tätigen zukommt. Zuerst würde es sicher Aufschrei geben, und gegen Europa spekuliert werden - für die Bürger wäre es im Nachhinein (5-10 Jahre) sicherlich besser. Ich hab mein Geschäft mittlerweile in ein Land außerhalb der EU verlagert - das Land hat exzellente Verträge mit den wichtigsten Ländern der Welt und man lebt dort auch günstiger -- obwohl wir komischerweise nicht in der EU sind (und zum Glück auch nie sein werden!)
tiggowich 04.05.2017
3. Aha
Macron negiert also, ihn auf seine Zeit als Banker zu reduzieren... aber entkräften kann er den Vorwurf nicht. Wie seine Vorschläge von den Linken mitgetragen werden sollen ist mir vollkommen schleierhaft. Armes Frankreich, mit diesem Präsident wird das Land "modernisiert", ergo "wettbewerbsfähig" gemacht. Was das heißt, wissen wir in Deutschland ja nur zu gut. Billigjobs von denen keiner leben kann, Anhebung des Rentenalters, etc etc. Aber ganz im Sinne der Globalisierung und des Neoliberalismus. Ganz tolle Sache, die Franzosen werden nach der Wahl überrascht sein, wie sehr man sie ausnutzen wird und wie ihre Rechte aufgeweicht werden. Gute Nacht Europa.
theodtiger 04.05.2017
4. Ist Praxiserfahrung kritikwürdig?
Zitat von tiggowichMacron negiert also, ihn auf seine Zeit als Banker zu reduzieren... aber entkräften kann er den Vorwurf nicht. Wie seine Vorschläge von den Linken mitgetragen werden sollen ist mir vollkommen schleierhaft. Armes Frankreich, mit diesem Präsident wird das Land "modernisiert", ergo "wettbewerbsfähig" gemacht. Was das heißt, wissen wir in Deutschland ja nur zu gut. Billigjobs von denen keiner leben kann, Anhebung des Rentenalters, etc etc. Aber ganz im Sinne der Globalisierung und des Neoliberalismus. Ganz tolle Sache, die Franzosen werden nach der Wahl überrascht sein, wie sehr man sie ausnutzen wird und wie ihre Rechte aufgeweicht werden. Gute Nacht Europa.
Wieso Vorwurf? Wenn jemand ohne Wirtschaftsstudium und -praxis, der in die Politik gehen will, sich erst einmal die Finanzwelt von innen ansieht und dabei sogar erfolgreich ist, kann man das nur im Sinne einer realistischen und effektiven Politik begrüßen. Dabei könnte Herr Macron bei der Bank sicherlich viel mehr verdienen als in der Politik. Also gibt es gar nichts vorzuwerfen. Außerdem sollte man nicht so tun, als schaffe sich eine Schicht in Europa die Globalisierung zu eigenen Zwecken. Oder die Politik könnte sich dagegen effektiv abschotten. Die Weltbevölkerung wächst stetig und Länder wie China und Indien bestimmen zunehmend das wirtschaftliche Geschehen in der Welt. Mit Macron in Frankreich und der EU kann Europa diese Globalisierung so gestalten, dass der Sozialstaat in Europa weitgehend erhalten und vielleicht sogar verbessert werden kann. Mit selbstbezogenen Nationalisten und Protektionisten wie Le Pen und Trump, die von Volkswirtschaft keine Ahnung haben, kann es mit den wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen in Europa nur bergab gehen.
Die Happy, 04.05.2017
5.
Ein Image, dass sowohl bei Frau Clinton als auch bei Herr Macron nicht unerheblich von der "Propaganda Brigade" aus dem russ. Interessenkreis mit geprägt wurde. Was war hier und an anderen Stellen im Internet vor der US Wahl los. 24h Betrieb. Jetzt bei Macron ähnlich. Was bei Trump danach raus gekommen ist, ist bekannt.
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