Geräumtes Protestcamp in Frankfurt Occupy wird unsichtbar

Mit dem Protestcamp in Frankfurt verliert die Occupy-Bewegung ein zentrales Symbol: Ihr utopischer Kleinstaat im Zentrum des Kapitalismus ist im Müll erstickt. Doch der Protest war nicht umsonst. Die Demonstranten haben eine wichtige Debatte angeregt - und erschließen für diese schon neue Plattformen.

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"Man nennt uns Träumer. Doch die wahren Träumer sind diejenigen, die tatsächlich glauben, dass die Ungerechtigkeiten im Weltwirtschaftssystem auf ewig einfach so weitergehen."

Slavoj Žižek,, Philosoph, im New Yorker Occupy-Camp, Oktober 2011

Das Occupy-Camp vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt war eine Parabel auf die Gesellschaft im Stile von Lars von Triers Film "Dogville". In der kleinen Siedlung mit den bunt geschmückten Zelten konnte man etwa auf den "Berg der Probleme" steigen, einen kleinen Hügel, auf dem tagelang ein Maler hungerte, um auf die Nöte der Erde hinzuweisen. Oder man konnte die "Abteilung Bankenhygiene" besuchen, einen provisorischen Bretterverhau, zerbrechlich wie eine Theaterkulisse, ein symbolisches Gefängnis für böse Bankenbosse.

297 Tage existierte dieser utopische Zwergstaat im Zentrum der deutschen Finanzindustrie. Das Frankfurter Camp wollte, ebenso wie die Occupy-Camps weltweit, eine Gesellschaft in der Gesellschaft sein. Ein Ort, der der Welt vor Augen führen wollte, wie verkommen sie ist. Ein Konzept, ganz im Sinne seines Erfinders. "Seit dem Ausbruch der Finanzkrise ist die Wall Street der Inbegriff von Selbstsüchtigkeit", sagte David Graeber, Mitbegründer des ersten Occupy-Camps in New York, kürzlich im Interview mit SPIEGEL ONLINE. "Das Revolutionärste, was wir tun konnten, war, direkt neben den Bankentürmen eine kleine Kommune zu gründen, wo alle immer wahnsinnig nett zueinander sind."

Doch nun neigt sich die Zeit der Protestcamps dem Ende. Occupy New York ist längst geschlossen. In Deutschland wurden die Camps in Kiel, Münster, Düsseldorf und Berlin geräumt - und am Montagnachmittag nun auch das größte und symbolträchtigste in Frankfurt.

Im Fernsehen sah man, wie Polizisten die wenigen verbliebenen Zelte durchnummerierten und abbauten. Wie sie Schuhe, Töpfe, Holzpaletten einsammelten, jeden Gegenstand protokollierten und in einen großen blauen Müllsack stopften. Es waren Bilder, die zu bedeuten schienen: So endet die Revolution - auf einem niedergetrampelten Rasen voller Müll.

Doch die Bewegung, die hinter den Besetzungen öffentlicher Plätze steht, ist nicht tot. Sie verschwindet nur von den öffentlichen Plätzen.

Nicht tot - nur unsichtbar

Die Ursachen für die Proteste sind weiter reichlich vorhanden. Noch immer sehen sich die Occupy-Anhänger mit einer Welt konfrontiert, in der scheinbar übermächtige Banken Milliarden kassieren, während der Rest der Gesellschaft die Folgen ihrer Fehler ausbadet. Noch immer öffnet sich die Schere zwischen Arm und Reich. Noch immer gibt es in der Gesellschaft eklatante strukturelle Probleme, und berechtigte Zweifel bleiben, ob sie sich mit den bestehenden politischen Systemen je lösen lassen.

Der Versuch, vor den Augen der Welt eine bessere Gesellschaft aufzubauen, sei nun allerdings gescheitert, sagen regelmäßige Besucher des Occupy-Frankfurt-Camps. Das antikapitalistische Utopia sei nicht zuletzt am Geldmangel zugrunde gegangen. Am Ende konnte sich das Camp eine regelmäßige Müllabfuhr ebenso wenig leisten wie ausreichend sanitäre Anlagen. Schon im Frühjahr beschwerten sich Anwohner über Ungeziefer und Gestank. Das Camp, dem anfangs viele wohlgesinnt waren, erschien immer mehr Menschen als Belästigung.

Zudem verlor es seine Bedeutung als zentraler Ort des Diskurses. In den Gründerwochen von Occupy hatte es noch regelmäßig Vollversammlungen gegeben. Auf diesen hatten die Bewohner und Besucher zum Beispiel Ideen diskutiert, wie die Bevölkerung die Gesellschaft stärker mitgestalten kann. "Doch schon im Frühjahr hatten manche, die diese Diskussionen vorantrieben, das Camp verlassen", sagt einer, der regelmäßig im Camp war. "Es wurde immer seltener darüber diskutiert, wie man direkte Demokratie leben kann, und immer öfter darüber, wer den Abwasch macht."

Die letzten Bewohner des Occupy-Frankfurt-Camps ließen sich am Montag von der Polizei wegtragen. Sie kritisierten eine Einschränkung des Versammlungsrechts. Im Camp aber befanden sich zuletzt noch gut 50 Leute, darunter längst nicht nur Demonstranten, sondern auch etwa Obdachlose. Das Protestcamp taugte nicht mehr als Symbol, es litt unter akuter Sinnentleerung.

Neue Protestplattformen

Mit der Räumung der Camps wird die Bewegung vorerst unsichtbar - doch die Demonstranten suchen sich schon neue Protestplattformen. Gruppierungen wie die Bewegung Occupy Money, die mal in den Geschäftsräumen der GLS Bank, mal im Frankfurter Dominikanerkloster tagt, suchen nach Wegen einer gerechten Geldordnung.

Nach Ansicht des Protestforschers Klaus Hurrelmann helfen die Occupy-Diskurse, die sogenannte meritokratische Grundmentalität unserer Gesellschaft zu hinterfragen. "Diese besagt, dass Ungleichheit und Ungerechtigkeit von weiten Teilen der Gesellschaft einfach hingenommen werden", erläutert Hurrelmann. "Anstatt die Systemfehler zu kritisieren, geben wir uns selbst die Schuld, dass wir keinen Weg aus der Misere finden."

Das sei zwar pragmatisch und zielorientiert. Doch brauche eine Gesellschaft neben solch individuellen Strategien zur Krisenbewältigung eben auch Lösungsansätze, die das komplette System zu verändern suchen. "Occupy hat die Debatte um solche ganzheitlichen Ansätze wiederbelebt", sagt Hurrelmann.

Und so mögen die Occupy-Camps nach und nach verschwinden - die öffentlichen Diskurse haben sie bereits jetzt ein Stück weit geprägt und dürften es auch künftig tun. Auch wenn die Weltrevolution ausgeblieben ist - in der langsamen Evolution der Gesellschaft wird Occupy durchaus eine Rolle spielen.



insgesamt 99 Beiträge
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Seite 1
thilosc 07.08.2012
1. Und die Moral von der Geschicht?
Gesellschaftsordnungen, in denen wahnsinnig nette Leute den Müll nicht wegräumen, sind irgendwie auch doof.
havanna-girl 07.08.2012
2. Vernichtung der Demokratie
Eines Tages wirde die Merkel Administration für die Vernichtung der Demokratie bezahlen.
ruhepuls 07.08.2012
3. Leben ist banal
Leider geht es im Leben oft mehr um die Frage "Wer macht den Dreck weg" als um die Frage nach der "besseren Welt", auch wenn viele lieber diskutieren, als den Dreck weg zu räumen. Und solange das so ist, wird sich auch nichts ändern, ganz egal, wie man das politische System gerade nennt. In jedem System beginnt sofort der Kampf um die Plätze/Posten/Positionen, die sich nicht mit Dreck befassen müssen. Ich bin sicher, die Philosophen, die das Camp besuchten, waren sich auch zu fein dafür, aufzuräumen.
fatherted98 07.08.2012
4. Da...
Zitat von sysopREUTERSMit dem Protestcamp in Frankfurt verliert die Occupy-Bewegung ein zentrales Symbol: Ihr utopischer Kleinstaat im Zentrum des Kapitalismus ist im Müll erstickt. Doch der Protest war nicht umsonst. Die Demonstranten haben eine wichtige Debatte angeregt - und erschließen für diese schon neue Plattformen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,848593,00.html
...die meisten "Bewohner" des Camps zwischenzeitlich nur noch aus Roma und Obdachlosen bestanden, die nun wirklich kein Verständnis oder Interesse am Protest gegen das Bankensystem zeigten sondern einfach nur "unterschlüpften" war es höchste Zeit dem Ganzen ein Ende zu setzen.
annibertazeh 07.08.2012
5. Occupy FFM nicht im Müll erstickt!
Zitat von sysopREUTERSMit dem Protestcamp in Frankfurt verliert die Occupy-Bewegung ein zentrales Symbol: Ihr utopischer Kleinstaat im Zentrum des Kapitalismus ist im Müll erstickt. Doch der Protest war nicht umsonst. Die Demonstranten haben eine wichtige Debatte angeregt - und erschließen für diese schon neue Plattformen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,848593,00.html
Was bringt SPON dazu so diffamierend zu formulieren? - Das Camp in Frankfurt ist nicht am Müll erstickt, sondern von der Stadt Frankfurt verboten worden und auf Grund eines verbots-bestätigenden Verwaltungsgerichtsurteil von der Polizei aufgelöst worden. Es ist nicht erkennbar, dass die räumenden Polizisten Gelegenheit zur Säuberung des Platzes gegeben hätten.
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