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Energiepolitik: Medwedew verordnet Russland die Öko-Wende

Von , Moskau

Weltweit ist Russland einer der größten Energieverschwender - jetzt will Präsident Medwedew aus seinem Land plötzlich einen Öko-Musterschüler machen: Bis 2020 soll der Energieverbrauch um 40 Prozent sinken. Das nötige Know-how könnte Deutschland liefern.

Energiemacht Russland: Gas im Überfluss? Fotos
AFP

Manchmal muss der Kreml-Herrscher seinen Anliegen ruppig Gehör verschaffen. "Wer hier quatscht, der kann woanders hingehen. Und das gilt auch für die Chefs", polterte Dmitrij Medwedew. Russlands Präsident ist es nicht gewohnt, dass sein Publikum munter weiterplappert, wenn der Staatschef referiert.

Es könnte an der Wahl der Materie liegen: Medwedew dozierte am Mittwoch vor den laufenden Kameras des Staatsfernsehens über eines seiner neuen Lieblingsthemen: Energieeffizienz, eine reichlich sperrige Materie, für die sich sonst bestenfalls fachkundige Ministerialreferenten begeistern.

Nach dem Machtwort erstarb das Tuscheln abrupt, die versammelten Minister und hochrangigen Beamte schreckten überrascht zusammen.

Kein Wunder, Medwedews Vorgänger Wladimir Putin hatte im Jahr 2000 als eine seiner ersten Amtshandlungen das Staatskomitee für Umweltschutz dichtgemacht. Flackernde Gasfackeln und rauchende Schlote galten im Reich der scheinbar nie versiegenden Öl- und Gasquellen als Insignien einer wieder erstarkenden Weltmacht - Klimaschutz und Kohlendioxid-Emissionen dagegen als Themen für Memmen.

Jetzt müssen sich Moskaus Mächtige erst noch an die Prioritäten des neuen Mannes gewöhnen, der seit Mai 2008 das höchste Staatsamt innehat. Medwedew ist angetreten, die Wirtschaft des Landes zu modernisieren - und das betrifft auch die Öl- und Gaswirtschaft. Der Präsident will Russland zur Supermacht im Energiesparen machen.

Überflüssiges Gas wird einfach abgefackelt

Für seine Botschaft hat sich Medwedew einen symbolträchtigen Ort ausgesucht: das Kurtschakowskij Institut, die Gralsburg der russischen Hochtechnologie und Wiege der sowjetischen Atombombe. Hier entwickelten Forscher 1949 jene Nuklearwaffen, die den Weltmachtanspruch der Sowjetunion untermauerten. Hier will Medwedew jetzt jene Technologien erforschen lassen, die Russlands maßloser Energieverschwendung endlich Einhalt gebieten.

Gegenwärtig verpulvert Russland Unmengen von Energie. Der Grund sind staatlich subventionierte Niedrigstpreise und veraltete Produktionsanlagen. Noch immer regulieren Millionen Russen ihre Zentralheizungen selbst im tiefsten Winter durch das Öffnen der Fenster. Noch immer beleuchten riesige Flammen den Himmel über den Gasfeldern Sibiriens: Überflüssiges Gas wird einfach abgefackelt.

Entsprechend schonungslos fällt die Bilanz aus, die Medwedew zieht, er sprach am Mittwoch von einer "deprimierenden Situation". Verglichen mit westlichen Ländern verbraucht die russische Industrie vier- bis fünfmal so viel Energie für ihre Produkte, bei der Versorgung mit Fernwärme geht mehr als die Hälfte der eingesetzten Energie verloren, bevor sie überhaupt beim Verbraucher ankommt. Bereits Mitte September hatte Medwedew in einem vielbeachteten Artikel festgestellt, dass "die Energieeffizienz der Mehrheit unserer Unternehmen beschämend niedrig ist".

Debatte über Glühlampen und Kabelstärken

Doch das soll sich nach dem Willen des Staatschefs ändern. Bis 2020 soll der Energieverbrauch um bis zu 40 Prozent gesenkt werden, lautet die ambitionierte Vorgabe. So hat es der Präsident verfügt - und deshalb lauschten im Kurtschakowskij Institut schließlich auch die versammelten Reichen und Mächtigen, darunter Finanzminister Alexej Kudrin, Wirtschaftsministerin Elvira Nabiullina und Russlands reichster Mann Michail Prochorow.

Selbst Vizepremier Igor Setschin, der sich kraft seines Amtes als Vorstandsvorsitzender des staatlichen Ölkonzerns Rosneft traditionell mehr für wachsenden Ölverbrauch und steigende Energiepreise begeistern kann, machte sich eilfertig Notizen zur anschließenden Debatte über Glühlampen und Kabelstärken.

Die Rechnung, die Medwedew aufmacht, ist ebenso schlicht wie revolutionär: "Wer mehr Energie spart, der muss weniger zahlen." Noch im Oktober sollen Medwedews Sparziele in einen Gesetzestext gegossen und von der Staatsduma verabschiedet werden.

"Passiert ist noch nichts"

Damit die ehrgeizige Drosselung des Verbrauchs erreicht werden kann, hofft Russland auf deutsche Hilfe. Schon im Juli gründeten Medwedew und Kanzlerin Angela Merkel in München die "Russisch-deutsche Energie-Agentur" (Rudea).

"Das ist ein erster wichtiger Schritt, um die nötige Technologie ins Land zu holen. Es zeigt aber auch, dass Russland derzeit schlicht nicht das notwendige Know-how besitzt", erklärt Stefan Meister, Russland-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Auch sei noch völlig unklar, wie die zahlreichen Projekte - etwa der großflächige Austausch von Glühbirnen - finanziert werden sollen. "Welche Anreize werden für die Wirtschaft gesetzt? Wie bringt man Großunternehmen zum Energiesparen? Diese Fragen sind noch völlig unbeantwortet", moniert Meister.

Zwar zeige Medwedews öffentliches Engagement, dass der Präsident das Problem endlich erkannt habe. Allerdings gebe es außer den vollmundigen Ankündigungen bislang keine konkreten Maßnahmen, die bereits umgesetzt seien. "Bisher", sagt Russland-Experte Meister, "ist noch nichts passiert."

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Forum - Erdgas - wie zuverlässig ist Russland?
insgesamt 104 Beiträge
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1.
Sag_ich_doch 13.07.2009
Russland ist der zuverlässigste Geschäftspartner, den es geben kann. Die Russen halten sich grundsätzlich strikt an gemachte Vereinbarungen. ABer wenn Europa solche Räuber wie die Ukraine moralisch unterstützt und nicht als Dieb brandmarkt, darf man sich hier nicht wundern, wenn kein Erdgas mehr ankommt, so wie im letzten Winter. Die EU war selbst an den Lieferengpässen schuld, da sie den Dieb nicht beim Namen nennen wollte und sich vornehm mit einer Verurteilung zurückgehalten hat.
2.
Baikal 13.07.2009
Zitat von sysopEuropa ist extrem abhängig von russischem Erdgas. Jetzt soll die Nabucco-Pipeline zentralasiatisches Gas in die EU transportieren - und damit für mehr Wettbewerb sorgen. Ein sinnvoller Plan- oder unrentabel?
Sich lieber von der Türkei oder der Ukraine erpressen lassen? Dann doch lieber Nordstream, damit fällt auch Polen als Erpresser weg.
3. ...
Nov 13.07.2009
Zitat von sysopEuropa ist extrem abhängig von russischem Erdgas. Jetzt soll die Nabucco-Pipeline zentralasiatisches Gas in die EU transportieren - und damit für mehr Wettbewerb sorgen. Ein sinnvoller Plan- oder unrentabel?
Ökonomisch betrachtet ist es schwachsinnig, weil Russland bislang ein alles in allem zuverlässiger Lieferant war. Politisch kann man das Projekt aber als interessanten Schachzug betrachten. Länder wie Turkmenistan, Usbekistan und Kasachstan mögen zwar keine Traumpartner sein, aber da die Erdgas exportierenden Länder auf der anderen Seite auch von den Märkten in Europa abhängig sind, kann man hier schön die einzelnen Versorger gegeneinander ausspielen. Russland macht auf der anderen Seite ja genau das gleiche, indem es versucht seine fossilen Energieträger verstärkt in China abzusetzen.
4.
AndyH 13.07.2009
Unrentabel aber sinnvoll.
5.
Stahlengel77, 13.07.2009
Zitat von sysopEuropa ist extrem abhängig von russischem Erdgas. Jetzt soll die Nabucco-Pipeline zentralasiatisches Gas in die EU transportieren - und damit für mehr Wettbewerb sorgen. Ein sinnvoller Plan- oder unrentabel?
Allein als ich las, das Joseph Maria "Joschka" Fischer Berater des Projekts ist, rollten sich mir innerlich die Fußnägel auf. Ab jetzt sind wir nicht nur von Russland abhängig. Jetzt geben wir der Türkei noch ein Druckmittel in die Hand, mit der sie einen EU-Beitritt quasi erzwingen können. Wenn wir nicht spuren, gibts halt kein Gas mehr. Tolle Show und Danke an Schröder und Fischer *würg*
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Energiesparen - so geht's
Tipps für den Alltag
Energiesparlampen: Sie halten rund zehn Mal so lange wie Glühbirnen, verbrauchen aber nur ein Viertel des Stroms. Das kann pro Lampe bis zu 80 Euro sparen. Stand-by stoppen: Elektrogeräte in Warteposition fressen auch Strom, wenn sie nicht in Betrieb sind. Pro Jahr kann das laut Verbraucherzentrale Baden-Württemberg bis zu 70 Euro kosten. Der richtige Platz für Kühlschrank und Gefriertruhe: Kühlgeräte nie neben den Herd platzieren, denn je höher die Umgebungstemperatur, desto höher der Stromverbrauch. Wirtschaftlich Auto fahren: Wer die Geschwindigkeit an den Verkehrsfluss anpasst und mit niedriger Drehzahl fährt, spart Benzin. Hilfreich ist auch ein leicht erhöhter Reifendruck, außerdem sollte man ohne Dachgepäckträger fahren.
Richtig einkaufen
Bei größeren Anschaffungen lohnt sich das Nachrechnen. Beim Kauf eines neuen Elektrogeräts sollten Verbraucher auf die Energieeffizienzklasse achten - alles von A bis A++ hilft kräftig Strom und damit Kosten sparen. Nach Möglichkeit verzichten sollte man auf elektrische Klimageräte , denn diese gelten als Energiefresser erster Güte. Fachleute raten, lieber durch richtigen Sonnenschutz oder geschicktes Lüften gegen die Hitze vorzugehen.
Anbieter wechseln
Wegen der explodierenden Strom- und Gaspreise sollten Verbraucher die Möglichkeit eines Anbieterwechsels in Betracht ziehen. Entsprechende Vergleichsrechner finden sich im Internet, zum Beispiel bei www.verivox.de. Dort muss man nur seine Postleitzahl und den Verbrauch in Kilowattstunden eingeben - und man erhält eine Liste der günstigsten Versorger. Verbraucherschützer raten, auf eine kurze Mindestlaufzeit des Vertrags und eine kurze Kündigungsfrist zu achten.
Öko-Energie
Verbraucher können sich das Sonnenlicht zunutze machen. Knapp zehn Millionen Solarkollektoren sind hierzulande schon im Einsatz. Sie unterstützen die Warmwasserbereitung in Privathaushalten. Sogar im Winter kann die Solaranlage das kalte Wasser vorwärmen und damit den Brennstoffverbrauch reduzieren. Zunehmend werden Solaranlagen auch zur Unterstützung der Heizung genutzt. Verbraucherschützer loben die niedrigen Betriebskosten, verweisen aber auf vergleichsweise hohe Investitionskosten.
Haus und Auto
Wer wirklich energiebewusst leben will, baut sich ein Passivhaus. Dabei geht es darum, so wenig Energie wie möglich durch Wärmeleitung und Lüftung zu vergeuden. Das Passivhaus nutzt vor allem Sonnenlicht, aber auch die Bewohner selbst und hausinterne Geräte als Wärmequellen - ein konventionelles Heizsystem soll damit überflüssig werden. Bei der Fortbewegung ist es besonders energiesparend, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Daneben sind aber auch Autos mit Hybridantrieb interessant: Die Fahrzeuge werden im Stadtverkehr per Batterie betrieben, was die Kraftstoffkosten beträchtlich reduziert.

Energieträger Erdgas
Erdgas ist nach Mineralöl der zweitwichtigste Bestandteil des deutschen Energiemix. Fast jede zweite Wohnung in Deutschland wird nach Angaben des BDEW inzwischen damit beheizt. Insgesamt sind es mehr als 18 Millionen Haushalte - Tendenz steigend. Zudem wird mit Erdgas Strom erzeugt, und umweltfreundliche Autos werden mit Erdgas angetrieben. Die Erdgas-Lagerstätten sind auf wenige Regionen begrenzt - mehr als die Hälfte der globalen Vorkommen befinden sich in den Ländern Russland, Iran und Katar.

Erdgas ist der am wenigsten klimaschädliche aller fossilen Brennstoffe. Bei seiner Verbrennung werden etwa 200 Gramm CO2 pro Kilowattstunde freigesetzt. Dies ist im Vergleich zu Erdöl (270 g/kWh) und Kohle (je nach Qualität 330 bis 400 g/kWh) gering.

Vor-/Nachteile der Energieträger
Die Energiewirtschaft befindet sich im Umbruch - SPIEGEL ONLINE zeigt die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Energieträger.
Erdöl
Plus: Erdöl ist der Schmierstoff industrieller Volkswirtschaften. In Deutschland deckt Öl rund 35 Prozent des Energiebedarfs - so viel wie kein anderer Rohstoff. Im Verkehrssektor gibt es momentan kaum Alternativen zu Öl: Das bestehende Tankstellennetz ist auf Benzin und Diesel ausgerichtet, die heute gängigen Motoren fahren fast nur mit diesen beiden Treibstoffen.

Minus: Der Ölpreis ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen - und mit ihm der Spritpreis. Autofahrer mussten zeitweise mehr als 1,50 Euro für Benzin zahlen. Die deutsche Volkswirtschaft verliert dadurch Milliardenbeträge, denn das Land ist fast völlig von Importen abhängig. Weltweit liegen die meisten Ölvorkommen in politisch heiklen Regionen wie dem Nahen Osten, Russland, Venezuela oder Nigeria. Versorgungskrisen kann man daher nicht ausschließen. Darüber hinaus ist Erdöl ein endlicher Rohstoff: Die bekannten Vorkommen gehen langsam zur Neige. Große neue Felder wurden in den vergangenen Jahren kaum entdeckt - und wenn, dann nur in schwierig zu erschließenden Gebieten wie der Arktis. Hinzu kommt die CO2-Problematik: Wenn Öl verbrannt wird, entsteht das Klimagas Kohlendioxid .
Erdgas
Plus: Erdgas ist der klimafreundlichste fossile Energieträger - bei der Verbrennung entsteht weniger CO2 als bei Kohle oder Öl. Außerdem halten die Vorräte noch eine Weile: Die Reichweite der Gasvorkommen wird auf rund 60 Jahre geschätzt, bei Öl sind es nur 40 Jahre. Verfeinerte Fördertechniken machen zudem den Zugriff auf große neue Gas-Reservoirs möglich. Ein weiterer Vorteil: Gas kann einen wichtigen Beitrag zur Stromerzeugung leisten. Denn Gaskraftwerke lassen sich schnell hoch- und runterfahren - diese Flexibilität hilft, die Schwankungen beim Windstrom auszugleichen.

Minus: Weltweit verfügen nur wenige Länder über Gasvorkommen. Entsprechend groß sind die Abhängigkeiten - Deutschland bezieht rund 40 Prozent seines Erdgases aus Russland. Problematisch ist außerdem die noch immer weit verbreitete Bindung an den Ölpreis: Je teurer Erdöl wird, desto teurer wird auch Gas. Stromkonzerne klagen bereits, dass sich Gaskraftwerke kaum mehr rentieren. Private Haushalte kennen dasselbe Problem beim Heizen - Gas ist kaum günstiger als Öl. Auch beim Autofahren stellt Erdgas keine Alternative dar: Der aktuelle Preisvorteil gegenüber Benzin und Diesel liegt nur an der steuerlichen Begünstigung.
Kohle
Plus: Kohle gibt es fast überall auf der Welt - einseitige Importabhängigkeiten wie beim Gas sind deshalb nicht zu befürchten. Auch Deutschland verfügt über nennenswerte Ressourcen: Braunkohle lässt sich ohne Subventionen fördern, für Steinkohle ist dies bei weiter steigenden Preisen zumindest denkbar. Außerdem reichen die Vorräte so lange wie bei keinem anderen fossilen Energieträger: Schätzungen gehen von rund 200 Jahren aus. Kohle eignet sich vor allem zur Stromerzeugung in der Grundlast - rund 50 Prozent des deutschen Stroms stammen aus Kohlekraftwerken .

Minus: Kein Energieträger ist so klimaschädlich wie Kohle. Bei der Verbrennung entsteht rund doppelt so viel CO2 wie bei Gas. Problematisch könnte dies vor allem dann werden, wenn man bestehende Atomkraftwerke durch neue Kohlekraftwerke ersetzt - oder wenn Elektroautos künftig in großem Stil Kohlestrom tanken. Bedenklich sind außerdem die Arbeitsbedingungen, unter denen Kohle gefördert wird : Zu den größten Produzenten zählen China, Russland und Südafrika - Länder, in denen immer wieder Bergleute ums Leben kommen.
Atomenergie
Plus: Kernkraftwerke produzieren - wenn sie einmal gebaut sind - günstigen Strom. Der Rohstoff Uran wird nur in geringen Mengen verbraucht, so dass die laufenden Betriebskosten gering sind. Atomstrom kann in der Grundlast eingesetzt werden, also unabhängig von kurzfristigen Wetterschwankungen. In Frankreich wird Atomstrom auch zum Heizen verwendet, langfristig könnten so auch Elektroautos betrieben werden. Bei der Kernenergie wird kaum CO2 freigesetzt. Sie ist damit klimafreundlicher als Kohle oder Gas.

Minus: Der größte Nachteil der Atomenergie ist das Risiko eines GAUs. Selbst wenn man dafür eine geringe Wahrscheinlichkeit unterstellt - der Schaden wäre enorm. Die Katastrophe in Tschernobyl war nur ein Vorgeschmack dessen, was im dicht besiedelten Mitteleuropa passieren würde: Tausende Opfer, auf ewig verseuchte Landstriche, Vermögensverluste in zigfacher Milliardenhöhe. Hinzu kommt die ungelöste Frage der Endlagerung : Obwohl die Kernenergie seit rund 50 Jahren genutzt wird, gibt es bis heute keine dauerhafte Deponie für die verstrahlten Abfälle. Ob es überhaupt ein sicheres Endlager geben kann, ist umstritten: Der Atommüll strahlt zum Teil mehr als 100.000 Jahre lang - was in dieser Zeit alles passiert, kann niemand vorhersagen. In jüngster Zeit wird ein weiteres Problem immer häufiger diskutiert: Was geschieht, wenn Terroristen einen Anschlag auf ein Kernkraftwerk verüben? Oder wenn sie in den Besitz von spaltbarem Material gelangen? Sicherheitsexperten haben auf diese Fragen keine abschließende Antwort.
Wasser
Plus: Die Wasserkraft ist sehr umweltfreundlich - mit geringem Eingriff in die Natur lässt sich günstig Energie gewinnen. Rund fünf Prozent des deutschen Stroms stammen aus Wasserkraftwerken. Außerdem lässt sich in Stauseen sehr gut Energie speichern: Bei einem Überangebot an Strom wird Wasser nach oben gepumpt. Bei Bedarf wird es dann abgelassen, um die Turbinen anzutreiben.

Minus: In Deutschland ist das Potential der Wasserkraft so gut wie ausgeschöpft. Fast jeder Fluss hat ein Kraftwerk, ebenso fast jeder See. Im Ausland wiederum ist die Wasserkraft zum Teil in Verruf geraten: Riesenprojekte wie der Jangtse-Staudamm in China zerstören die Natur in großem Stil.
Wind
Plus: Von allen erneuerbaren Energien ist die Windkraft in den vergangenen Jahren am stärksten gewachsen. Mittlerweile beziehen die Deutschen deutlich mehr Strom aus Windrädern als aus Wasserkraftwerken. Auch in Zukunft hat die Branche großes Wachstumspotential - vor allem offshore, also in Windparks auf dem Meer . Ein weiterer Vorteil: Die Windkraft ist verhältnismäßig günstig. Die Betreiber der Anlagen bekommen über das Erneuerbare-Energien-Gesetz nur wenig mehr Förderung als der Preis für konventionellen Strom an der Energiebörse hoch ist. Zum Vergleich: Solarstrom wird weit höher vergütet.

Minus: Kritiker halten Windräder für eine Verschandelung der Landschaft. Außerdem weht der Wind sehr unzuverlässig: Bei einer starken Brise wird das deutsche Stromnetz überlastet, bei Flaute muss Strom aus dem Ausland hinzugekauft werden. Praktikable Speicher für Windenergie gibt es bisher nicht. Ein weiterer Nachteil: Starker Wind bläst vor allem in Norddeutschland, die großen Verbrauchszentren liegen aber im Süden und Westen. Um den Strom abzutransportieren, sind zahlreiche neue Leitungen nötig .
Sonne
Plus: Die Sonne ist nach menschlichen Maßstäben eine ewige Energiequelle , und sie scheint für jeden umsonst. Hätten alle Dächer Deutschlands eine Solaranlage, könnte so ein großer Teil des hiesigen Strombedarfs gedeckt werden - klimaschonend und unabhängig von Importen. Darüber hinaus lässt sich das Sonnenlicht auch zur Warmwasserbereitung nutzen: Mit Solarkollektoren kann man herkömmliche Heizungen ergänzen und so die Energiekosten drücken.

Minus: Die Sonne hat den gleichen Nachteil wie der Wind - ihre Energie lässt sich nicht zu jeder Uhrzeit nutzen. Das größte Problem ist jedoch der Preis: Solarstrom kostet viel mehr als konventioneller Strom. Und trotz milliardenschwerer Subventionen leistet Sonnenenergie bislang nur einen geringen Beitrag zur deutschen Stromversorgung: Schätzungen schwanken zwischen einem um zwei Prozent. Damit die Photovoltaik in Mitteleuropa wettbewerbsfähig wird, müsste es eine technische Revolution geben - oder die Preise für konventionelle Energie müssten dramatisch steigen.
Biomasse
Plus: Holz, Stroh, Mais - beim Verbrennen dieser Stoffe wird nur so viel CO2 freigesetzt, wie die Pflanzen vorher der Atmosphäre entzogen haben. Biomasse lässt sich in vielen Bereichen einsetzen: zum Heizen (beispielsweise mit Holzpellets), zum Autofahren (mit Biodiesel oder Bioethanol ) oder zur Stromerzeugung (mit Biogas). Der große Vorteil: Biomasse ist gespeicherte Energie. Man kann also frei entscheiden, wann man sie nutzen möchte - anders als bei Wind- oder Solarkraft. Ein weiterer Pluspunkt: Energiepflanzen, die in Deutschland wachsen, reduzieren die Abhängigkeit von Importen.

Minus: In jüngster Zeit gerät die Bioenergie massiv in die Kritik. Denn die Pflanzen benötigen enorme Anbauflächen - und treten damit in direkte Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Gerade bei Biotreibstoffen wird das zum Problem: Lässt es sich moralisch rechtfertigen, dass die Reichen Mais tanken - während die Armen hungern? Hinzu kommt ein gigantisches Mengenproblem: Wollte Deutschland seinen gesamten Benzin- und Dieselbedarf mit Biokraftstoffen decken, wäre dafür eine Fläche nötig, die größer ist als die gesamte Bundesrepublik. Das Gleiche gilt fürs Heizen: Sollten alle Bundesbürger auf Holzpellets umsteigen, würde der deutsche Wald dafür nicht reichen - erneut wären Energie-Importe nötig.
Erdwärme
Plus: Die Wärme im Erdinneren steht rund um die Uhr zur Verfügung. Sie lässt sich sowohl zum Heizen als auch zur Stromerzeugung nutzen. Gäbe es keine Probleme mit der Bohrtechnik, könnte die Geothermie den gesamten deutschen Energiebedarf decken.

Minus: In Deutschland muss man Hunderte oder gar Tausende Meter tief bohren, um ein ausreichendes Temperaturniveau zu erreichen. Die Kosten der Geothermie sind deshalb sehr hoch. Mancherorts gibt es außerdem Probleme mit dem Grundwasser. Andere Länder sind hier aus geologischen Gründen in einer besseren Position: Island zum Beispiel deckt seinen Energiebedarf zum Großteil mit der Wärme aus dem Erdinneren.

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