Reform der Energiewende Teure Ingenieursromantik

Die Regierung reformiert die Ökostrom-Förderung, die Probleme löst sie nicht. Statt ökonomischer Vernunft herrscht typisch deutsche Technologieverliebtheit - wie einst beim Transrapid.

Ein Kommentar von Michael Sauga

Windenergie: Zuviel Windstrom, zu wenige Leitungen
DPA

Windenergie: Zuviel Windstrom, zu wenige Leitungen


Fast lautlos sauste er durch die Luft, ohne jede Erschütterung, so schnell wie ein Flugzeug. Der Magnetschwebezug Transrapid galt als Hoffnungsprojekt deutscher Ingenieurskunst. Doch dann erwies sich die Technik als zu teuer und zu unpraktisch, und so pendelt die Bahn heute nur auf einer kurzen Strecke in Shanghai zwischen Flughafen und Stadtrand.

Die Gefahr ist jetzt groß, dass Deutschland wieder ein technologisches Großprojekt in den Sand setzt: die Energiewende. Als es vor drei Jahren zur Kernschmelze im japanischen Unglücksreaktor Fukushima kam, entschied sich die Bundesregierung dafür, die heimischen Kernkraftwerke so rasch wie möglich abzuschalten, unter dem Beifall der Bevölkerung. Dabei war der Umstieg auf ein ökologisches Stromsystem nicht nur als umweltpolitische Zäsur, sondern auch als industrielle Großtat gedacht. Ein Exportschlager sollte mit der Energiewende erzeugt werden, so erfolgreich wie deutsche Textilmaschinen oder Luxusautos.

Abschreckendes Beispiel Deutschland

Das Ziel ist bis heute richtig, allerdings wählten die Deutschen das falsche Mittel dafür. Anstatt die Wende so zu organisieren, dass die jeweils sauberste Technologie zum günstigsten Preis eingesetzt wird, entschied sich die Regierung für ein anderes Prinzip: In kürzester Zeit sollten so viele Wind- und Solarstromanlagen errichtet werden wie nur irgend möglich.

Die Reform des Energiewende-Gesetzes, die das Bundeskabinett am heutigen Dienstag verabschieden will, hat diesen Grundsatz nicht wirklich verändert:

  • So kommt es, dass Deutschland nun zwar an manchen Tagen seinen gesamten Strombedarf aus Ökoquellen decken kann, für andere Tage aber einen zweiten konventionellen Kraftwerkspark vorhalten muss.
  • So kommt es, dass die Grünstromanlagen nicht dort errichtet werden, wo die günstigsten Bedingungen herrschen, sondern dort, wo am meisten Platz dafür ist.
  • Und schließlich führt es dazu, dass sich in der Nordsee milliardenteure Windräder drehen, aber die Netze fehlen, die den Strom weiterleiten.

Die Probleme werden verschärft, weil die Bundesländer die Ökostromförderung als Einnahmequelle entdeckt haben. Inzwischen plant jeder Ministerpräsident seine eigene Energiewende, bei der es nicht darum geht, ein effizientes Stromnetz zu errichten, sondern darum, so viel Geld wie möglich in das eigene Bundesland zu lenken. Und anstatt das Klima zu schonen, bliesen die Kraftwerke hierzulande zuletzt mehr CO2 in die Luft, da der Betrieb von Kohlemeilern besonders gefördert wird.

Zugleich explodieren die Kosten. Während die Strompreise aktuell in vielen Weltregionen sinken, müssen deutsche Haushalte heute mehr als doppelt so viel für Elektrizität aufbringen wie vor 15 Jahren. Weitere Steigerungen sind absehbar. Bundesregierung und EU-Kommission haben sich geeinigt, große Teile der Industrie wie bisher von den Ökostrom-Kosten zu befreien. Bezahlen müssen das die Verbraucher, die für die Ausfälle aufkommen sollen.

Kein Wunder, dass die deutsche Energiewende international nicht mehr als Vorbild bewundert, sondern als abschreckendes Beispiel belächelt wird.

Allen-wohl-und-keinem-weh-Grundhaltung

Die deutschen Ökostrom-Gesetze, die einst europaweit Schule machten, sind nahezu überall abgeschafft worden. Australische Regierungsmitglieder lästern heute über die "kopflose Jagd" der Deutschen nach Alternativstrom. Und auch die hiesige Industrie scheint inzwischen den Glauben an das technologische Großprojekt verloren zu haben. Konzerne wie Siemens oder Bosch, die noch vor wenigen Monaten von einer "grünen Ökonomie" schwärmten, haben ihre Ökostrom-Fabrikation unter hohen Verlusten zurückgefahren.

Die Deutschen sind große Ingenieure, das belegt die Exportstatistik. Aber sie sind auch große Romantiker, denen die gute Tat oft desto besser erscheint, je weniger sie mit Vernunft zu tun hat.

Noch ist die Energiewende zu retten. Noch könnte der Umstieg gelingen, wenn er an den Interessen der Stromkunden und nicht an denen von Lobbys und Länderfürsten ausgerichtet würde. Dazu wäre aber Mut nötig anstatt der Allen-wohl-und-keinem-weh-Grundhaltung der Großen Koalition. Um den CO2-Ausstoß zu senken, müsste konsequent der jeweils kostengünstigste Weg gefördert werden, was konkret hieße: weniger Geld für Offshore-Rotoren, mehr Geld fürs Energiesparen. Oder anders gesagt: mehr Pragmatismus, weniger Romantik.

Wenn das nicht geschieht, könnte es mit der Energiewende sogar ein schlimmeres Ende nehmen als mit dem Transrapid. Dessen Blaupausen konnten immerhin nach China verkauft werden, nachdem das Projekt in Deutschland gescheitert war.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 210 Beiträge
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Seite 1
felisconcolor 08.04.2014
1. Schuld haben
nicht die Ingenieure. Sondern unfähige Politiker. Energiewende und Schmusekurs mit der Industrie funktioniert eben nicht. Aber das ist ja schon zur Genüge ausdiskutiert worden. und ändern wird sich halt nichts wie man sieht. Ausserdem bleibt dem Bürger verwehrt sich seinen Strom ausserhalb Deutschlands zu besorgen. Auch dafür haben die Politiker gesorgt. Wundervolles Europa für alle nur nicht für deutsche Bürger. Es sind ja bald Wahlen.
mundi 08.04.2014
2. Sind jetzt die Chinesen die Vorreiter?
Wie in München auf der Intersolar gezeigt wurde, gibt es für Windparks und Photovoltaik-Anlagen bereit schon heute leistungsfähige Batteriespeicher. Sie können beliebig ausgebaut werden, sind gutmütig im Betrieb und in der Wartung und haben eine Lebensdauer von mindestens 20 Jahren. Sie sind im Einsatz in China und den USA, vielleicht bald auch in Deutschland. Der Nachteil: Der (noch) hoher Preis und die zu verbessernde Energiedichte. Stichwort: Vanadium-Redox-Flow Batterien
specialsymbol 08.04.2014
3. Da sind sie wieder, die Märchen
Der Transrapid zu teuer und zu unpraktisch? Vergleicht das mal mit der Bahn. Die Energiewende unbezahlbar? Nur für Konzerne, Privathaushalte sind jetzt schon mit Solarenergie und Batteriespeicher günstiger unterwegs als mit gekauftem Strom. Unternehmen übrigens auch, oder warum setzen Audi, Mercedes und Konsorten auf Selbstversorgung mit Ökostrom? Das Argument der Märkte sticht.
Olaf 08.04.2014
4.
Zitat von sysopDPADie Regierung reformiert die Ökostrom-Förderung, die Probleme löst sie nicht. Statt ökonomischer Vernunft herrscht typisch deutsche Technologieverliebtheit - wie einst beim Transrapid. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/energiewende-die-folgen-der-oekostrom-reform-a-963094.html
Technologieverliebtheit? Der Autor muss in einem anderem Deutschland als ich leben. Die Energiewende hat auch nichts mit Vernunft und Technik zu tun, sondern mit Angst und Ideologie. Die Energiewende ist genau so wenig zu retten, wie die Konstruktion des Perpetuum Mobile. Es ist technisch nicht möglich die Energieversorgung ohne Kraftwerke sicherzustellen. Will man keine Atomkraftwerke muss man konventionelle Kraftwerke mit Kohle oder Gas nehmen. Kohle ist etwas schmutziger, hat aber den Vorteil billiger und national noch für Jahrhunderte verfügbar zu sein. Gas ist sauberer, aber teuer und macht uns von den lupenreinen Demokraten im Osten abhängig. Mehr Optionen bleiben nicht, denn Fracking und Atomkraft sind im "Technologieverliebten" Deutschland ja nicht möglich.
minsk60 08.04.2014
5. und wie?
Zitat von sysopDPADie Regierung reformiert die Ökostrom-Förderung, die Probleme löst sie nicht. Statt ökonomischer Vernunft herrscht typisch deutsche Technologieverliebtheit - wie einst beim Transrapid. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/energiewende-die-folgen-der-oekostrom-reform-a-963094.html
Der Autor bleibt leider selbst die Antwort auf die Frage schuldig, mit welchen Mitteln denn nun der Energieverbrauch gesenkt werden soll. Noch bessere Zwangsdämmungen für Wohnungen oder noch mehr Glühbirnenverbote?
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