Energieeffizienz bei Unternehmen Versteckte Chance für den Klimaschutz

Deutsche Firmen könnten nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen jährlich 23 Millionen Tonnen CO2 sparen. Doch es besteht die Gefahr, dass die Bundesregierung das Potenzial nicht ausschöpft.

Windräder: Wachsweiche Vorgaben für Energieeffizienz
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Windräder: Wachsweiche Vorgaben für Energieeffizienz

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Hamburg - Rund 50.000 Unternehmen könnten ihren Energieverbrauch nach Berechnungen des Fraunhofer Instituts für System- und Innovationsforschung (Frauenhofer ISI) bis 2020 deutlich senken; das würde Kosten in Milliardenhöhe einsparen und einen signifikanten Beitrag zum Klimaschutz leisten. Doch die Regierung läuft Gefahr, das versteckte Potenzial nicht auszuschöpfen.

Würden die Unternehmen alle rentablen Maßnahmen bei der Energieeffizienz umsetzen, könnten sie bis 2020 rund 290 Petajoule Energie einsparen, heißt es in den Berechnungen von Fraunhofer ISI, die SPIEGEL ONLINE vorliegen. Das entspricht dem Stromverbrauch von rund 23 Millionen Zweipersonenhaushalten. Deutschlands jährlicher CO2-Ausstoß ließe sich insgesamt um 23 Millionen Tonnen verringern.

Deutschland hat sich zum Ziel gesetzt, seinen Kohlendioxidausstoß bis 2020 um 40 Prozent zu senken, dürfte dieses Ziel aber um fünf bis acht Prozentpunkte verfehlen, wenn die bisherige Klimapolitik einfach fortgesetzt wird. Umwelt- und Wirtschaftsministerium arbeiten derzeit an einem Maßnahmenbündel, das die Lücke stopfen soll, dem sogenannten Aktionsprogramm Klimaschutz 2020. Doch die beiden Minister sind nach SPIEGEL-Informationen zerstritten . Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) will alte Kohlekraftwerke abschalten, um CO2 einzusparen; Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hat eine entsprechende Initiative vergangene Woche auf Eis gelegt.

Die Berechnungen von Fraunhofer ISI zeigen nun, dass die Regierung nicht nur bei den Kraftwerken große Klimaschutzpotenziale zu vergeuden droht. Franzjosef Schafhausen, Abteilungsleiter für Klimaschutz im Bundesumweltministerium, bezifferte die deutsche CO2-Einsparlücke im Juni auf gut 85 Millionen Tonnen pro Jahr. Energieeffiziente Unternehmen könnten diese Lücke zu einem Viertel schließen. Doch die bisherigen gesetzlichen Vorgaben werden die Unternehmen kaum zu entsprechenden Maßnahmen bewegen.

Vergangene Woche hat das Kabinett beschlossen, dass gut 50.000 Firmen in der Bundesrepublik alle vier Jahre sogenannte Energie-Audits durchführen müssen, eine Art Buchprüfung für Energieeffizienz. Doch diese Prüfungen sind völlig unverbindlich. "Die Unternehmen müssen Effizienzmaßnahmen weder zeitnah umsetzen, noch müssen sie nachweisen, dass sie alle für sie rentablen Potenziale ausschöpfen", sagt Eberhard Jochem, Effizienzexperte am Fraunhofer ISI.

Die Wissenschaftler hoffen nun auf ein weiteres Bündel von Maßnahmen für einen effizienteren Energieeinsatz, das das Bundeskabinett am 3. Dezember beschließen will. Es nennt sich Nationaler Aktionsplan für Energieeffizienz, kurz Nape, und soll ebenfalls helfen, das Klimaziel zu erreichen. Die ersten Vorschläge, die aus diesem Maßnahmenkatalog durchsickern, wirken allerdings ähnlich unambitioniert in Sachen Klimaschutz wie der Kabinettsbeschluss zu den Energie-Audits von voriger Woche.

Die Regierung wolle gemeinsam mit den großen Wirtschaftsverbänden 500 sogenannte Energieeffizienz-Netzwerke ins Leben rufen, heißt es in einem Papier des Wirtschaftsministeriums von Ende Oktober. Jedes dieser Netzwerke soll mehrere Firmen zusammenfassen, die sich ein gemeinsames Energiesparziel setzen und sich gegenseitig helfen, es zu erreichen. Wissenstransfer und Gruppendruck sollen Investitionen in Energieeffizienz beschleunigen.

In Ländern wie der Schweiz hätten solche Netzwerke dazu geführt, dass Effizienzpotenziale schneller gehoben wurden, heißt es bei der Berliner Denkfabrik Agora Energiewende. Auch in Deutschland gibt bereits einige solcher Netzwerke. Experten bezweifeln jedoch, dass die 500 Energiesparverbünde, die nun neu geschaffen werden sollen, besonders viel bewirken. Denn die Netzwerke sollen ihre Ziele und Maßnahmen komplett selbst definieren. Offiziell seien sie zu nichts verpflichtet, heißt es im Papier des Wirtschaftsministeriums. Christian Noll, Geschäftsführer der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz, fürchtet, dass bei solch laschen Vorgaben vor allem "Absichtserklärungen" herauskommen.

Fraunhofer-Forscher Jochem will den Firmen bewusst machen, wie lukrativ Energieeffizienz für sie wäre: Seinen Berechnungen zufolge müssten die Unternehmen bis 2020 rund 15 Milliarden Euro in Energieeffizienz investieren. Danach würden sie jedes Jahr gut fünf Milliarden Euro Energiekosten einsparen. Schon nach drei Jahren hätten sie ihre Investitionskosten demnach komplett wieder drin. Danach stünden sie deutlich besser da als heute.

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Seite 1
ddrbewohner 10.11.2014
1. Lächerlich
Die CO2 Nummer in Deutschland ist doch nur noch lächerlich. Selbst wenn Deutschland keinen CO2 Ausstoss hätte, würde sich die globale CO2 Menge nicht verändern. Wann kapieren die Deutschen eigentlich, dass sie nur zu Ökos gemacht werden, um zu bezahlen. Umweltschutz ist das nicht, sondern Volksverdummung.
knieselstein 10.11.2014
2. Also zusammengefasst
in der Industrie sind alle doof, die verplanschen mutwillig das Geld der Aktionäre, nur Arbeitskreise unter verdienter ideologischer Führung können es richten ;-)
wealthofnations 10.11.2014
3. Schwachsinn
Für so etwas gibt es in der Marktwirtschaft PREISE. Jedes Wirtschaftssubjekt - ob Unternehmen oder Privatperson - kann selbst entscheiden, wofür es seine limitierten Ressourcen einsetzt. Wir brauchen dafür kein Zentralkommittee in Berlin, das mithilfe fragwürdiger "Netzwerke" politisch gewollte Maßnahmen initiieren will. Als ob die Leute zu blöd wären Sparpotenziale zu identifizieren und umzusetzen.... (kopfschüttel)... und falls ja, gibt es da draußen Unmemgen an Beratern, die für Geld gerne dabei helfen. Wenn die Bundesregierung meint, es werde zuviel Energie verbraucht, muss sie die entsprechenden Steuern erhöhen. Wenn sie dabei überdreht, gehen allerdings in einigen Branchen Arbeitsplätze verloren. Da nützen auch "Netzwerke" nichts. Wir hatten sowas schon x-mal, angefangen vom "Reichskuratorium für Wirtschaftlichkeit in Industrie und Handwerk", gegründet 1921, kurz nach dem ersten Weltkrieg ... eine Art staatseigene Unternehmensberatung, damals vielleicht eine innovative Idee (wenn auch ohne Wirkung), heutzutage ist sowas völlig obsolet ...
Das Pferd 10.11.2014
4.
also doch als bürokratisches Monster. Einfach die CO2 Zertifikate verknappen, das bringt mehr als schnellgeschulte Inspektoren, die standardisierte Ratschläge geben.
Mr Bounz 10.11.2014
5. Hallo 1+2
Wenn man den Artikel zu Ende lesen würde konnte man wissen das die Investitionen von 15 Milliarden durch JÄHRLICHE Einsparungen von 5 Milliarden nach 3 Jahren wieder reingeholt wären. Danach hat man einen Wettbewerbsvorteil! CEOs und andere Firmenlenker die das nicht verstehen sind wirklich d. ....
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