Streit um neue Stromtrassen Aber bitte nicht hier!

Bundesweit wehren sich Gemeinden gegen die geplanten Energietrassen, auch das niedersächsische Kirchlinteln. Ein Besuch dort zeigt, was bei der Planung der Energiewende schiefgegangen ist.

Ein Beitrag aus dem Wirtschaftsmagazin "enorm" von Katja Scherer

DPA


Claudia Philipp stapft den Waldweg entlang, bis sie zu einer kleinen Lichtung gelangt. Mitten drauf steht ein roter Bauwagen, daneben eine mehrere Meter breite Buddelgrube - ein Kindertraum von einem Sandkasten. Philipp führt seit zwei Jahren den Waldkindergarten Buschkinners in Kirchlinteln nahe Verden an der Aller. "Eine bessere Möglichkeit für die Kinder, die Natur zu entdecken, gibt es nicht", sagt die 40-Jährige. Das Waldstück ist insgesamt einen Hektar groß, Zäune gibt es nicht. Dafür aber frisch gebaute Ameisenhaufen und Apfelbäume.

Bald schon könnte es vorbei sein mit dem Kindergarten. Das Gelände befindet sich genau dort, wo der Sued.Link verlaufen soll. Die Hochspannungsleitung wird, so der Plan, sauberen Windstrom von Wilster bei Hamburg nach Grafenrheinfeld in Unterfranken leiten - ein Hoffnungsträger für das Gelingen der Energiewende. Die geplante Trasse ist eine von drei großen Neubauprojekten mit insgesamt 2800 Kilometern Länge. Erneuerbare, aber auch Energie aus Braunkohle soll ins industriereiche Süddeutschland gelangen. Nur wenn es gelingt, auch den Süden mit Strom zu versorgen, können wie geplant alle deutschen Kernkraftwerke bis 2022 abgeschaltet werden.

Die Dimensionen allein des Sued.Link-Projektes sind gigantisch: Auf 800 Kilometern müssen tausende Masten aufgebaut und Kabel gespannt werden. Die Kosten dafür liegen im unteren einstelligen Milliardenbereich, schätzt Tennet TSO, die deutsche Tochter des niederländischen Stromnetzbetreibers Tennet und Bauherrin der Trasse. Anfang Februar stellte der Konzern erstmals Entwürfe zum geplanten Verlauf vor. Seitdem leisten immer mehr betroffene Orte Widerstand, Bürgerinitiativen gründen sich, es kommt zu Demos.

Wie in vielen Gemeinden fühlen sich die Einwohner von Kirchlinteln überrumpelt. Claudia Philipp hat von der Planung aus den Medien erfahren. "Wenn die Trasse so gebaut wird, wäre das unser Ende", sagt sie. "Wer lässt denn schon seine Kinder unter einer Starkstromleitung spielen?" Ein alternativer Standort sei kaum zu finden.

Gefunden in
Mammutaufgabe für Tennet

Tennet weiß, dass die meisten Bürger auf 70 Meter hohe Strommasten vor der eigenen Haustür gut verzichten können. Dass sie Angst vor elektromagnetischen Feldern haben, sich um die Natur und nicht zuletzt auch um den sinkenden Wert des Eigenheims sorgen.

Es ist eine Mammutaufgabe: Wenn es Tennet nicht gelingt, die Bürger und Gemeinden entlang der Trasse zu überzeugen, steht eine Flut an Einwendungen und Klagen bevor. Kann das gelingen?

Das Unternehmen setzt auf Dialog. Bürgerreferent Thomas Wagner reist seit Wochen von Ort zu Ort, nimmt Beschwerden und Anregungen auf, beantwortet Fragen.

"Unsere anfänglichen Planungen betreffen ein mehr als 100.000 Quadratkilometer großes Gebiet, da können wir gar nicht alle spezifischen Besonderheiten vor Ort kennen", gibt er zu. Bei mehreren hundert Dialogveranstaltungen bekommen die Bürger daher die Möglichkeit, Änderungen am Verlauf des Trassenkorridors vorzuschlagen. Erst wenn alle Hinweise geprüft seien, werde man bei der Bundesnetzagentur den Antrag zur Eröffnung des Genehmigungsverfahrens stellen, versichert Wagner.

Auch die Bürger von Kirchlinteln sind eingeladen. Im Foyer der Schule am Lindhoop haben Wagner und sein Team mehrere Tafeln mit Landschaftskarten aufgestellt. An jeder erläutert ein Mitarbeiter die komplizierten Skizzen. Es liegen vorgefertigte Formulare aus, auf denen Bürger ihre Änderungswünsche eintragen können. Auf einem Tisch: eine ausgebreitete Karte, etwa einen Meter groß. "Warum kann denn die Trasse nicht da lang gehen?", will eine ältere Frau wissen. "Da ist ein Militärübungsplatz", sagt Arno Gramatte, Planer bei Tennet. Um dort bauen zu können, müsse erst das Gesetz geändert werden. "Dann schreiben wir am besten einen Brief an Frau von der Leyen", sagt einer der Umstehenden. Alle lachen.

Stromtrasse Sued.Link
"Wir drücken uns nicht vor unserer Verantwortung"

Claudia Philipp ist skeptisch, ob das Treffen wirklich etwas ändern wird. Sie hat gemeinsam mit ihren Mitarbeitern und einigen Eltern noch schnell Plakate vor der Schule aufgehängt. Handgezeichnete Strommasten sind darauf abgebildet, durchgestrichen von dicken roten Linien - kein Zeichen für Dialogbereitschaft. Während Tennet darüber diskutieren will, wo gebaut wird, hängt Philipp noch immer beim "ob". Dabei ist der Bau längst beschlossene Sache: Bundestag und Bundesrat haben dem Projekt im vergangenen Sommer auf Basis des sogenannten Bundesbedarfsplans zugestimmt. Was die Kirchlintelner und die anderen Gemeinden beeinflussen können, ist allenfalls der Verlauf der Trasse innerhalb eines 1000-Meter-Korridors.

Auch Bürgermeister Wolfgang Rodewald würde auf die Stromleitung am liebsten verzichten, zumindest in der eigenen Gemeinde. Schließlich würde die Trasse das zerstören, was Kirchlinteln auszeichnet: die Natur. Derzeit ist das Dorf eingeschlossen von weitläufigen Wiesen, Mooren und leuchtend gelben Rapsfeldern; jeder Strommast, jedes Windrad fällt da auf. "Wir haben so gut wie alle Stromleitungen unter die Erde legen lassen und nur bestimmte Flächen für Windkraft freigegeben", sagt Rodewald. So sei Kirchlinteln zu einem Naherholungsgebiet für Radtouristen und Urlauber geworden. Das bringt dringend benötigte Einnahmen. Rodewald befürchtet, dass die Trasse die Touristen wieder vertreiben könnte.

Doch muss nicht das Gelingen der Energiewende über den lokalen Befindlichkeiten einer Region mit nur rund 10.000 Einwohnern stehen? Selbst die großen Umweltschutzverbände stehen hinter den Trassenprojekten, sollten sie sich verzögern, besteht sogar die Gefahr, dass die Atomkraftwerke nicht wie geplant abgeschaltet werden können. Ist es also die typische deutsche Mentalität, die sich hier zeigt: Energiewende ja, aber bitte nicht vor meiner Haustür?

Das will Bürgermeister Rodewald nicht auf seiner Gemeinde sitzen lassen. "Wir drücken uns nicht vor unserer Verantwortung", sagt er. Kirchlinteln habe bereits viel in erneuerbare Energien investiert. Es gibt eine Biogasanlage, Windräder und ein zentrales Blockheizkraftwerk, das unter anderem auch das Rathaus versorgt. Viele Bürger haben sich Solaranlagen aufs Dach geschraubt. Insgesamt werde in der Gemeinde knapp anderthalbmal so viel Energie erzeugt wie verbraucht, sagt der Bürgermeister nicht ohne Stolz.

Das Misstrauen ist groß

Auf große Ablehnung stößt Sued.Link hier trotzdem. Claudia Philipp läuft ein Stück weiter durch den Wald, bis sie zu einem braunen Acker gelangt. In der Ferne sieht man die roten Dächer des Dorfes und die grüne Kuppel des Biogaskraftwerks. "Direkt hier würde dann die Trasse verlaufen", sagt sie und zeigt über die Felder. "Aber was haben wir davon? Gar nichts. Es profitieren doch eh wieder nur irgendwelche Großunternehmen."

Auch Heinrich Lühmann zweifelt am Sinn der Trasse. Der Fahrdienstleiter wohnt seit 30 Jahren in der Gemeinde, vor 27 Jahren hat er die Nabu-Ortsgruppe mitgegründet. Klar müsse es mit der Energiewende vorangehen, sagt er. "Aber wenn selbst die profitierenden Bayern sagen, sie wollen die Trasse nicht, dann fragt man sich schon, warum wir das in Kauf nehmen sollen." Er will sich dafür einsetzen, dass die Stromkabel unter der Erde verlegt werden, damit die Schutzgebiete um den Ort und das Landschaftsbild nicht auf Dauer beeinträchtigt werden.

Auch wenn eine Erdverkabelung deutlich teurer ist, "in Teilabschnitten wollen wir das einsetzen", heißt es bei Tennet. Die Entscheidung darüber aber treffe der Bund.

Lühmann fürchtet wie so viele, dass die Starkstromleitungen die Gesundheit beeinträchtigen. Auch solche Bedenken wollen die Tennet-Mitarbeiter bei den Infomärkten ausräumen. "Durch den Sued.Link fließt Gleichstrom, so wie durch ganz normale Stromleitungen auch - nur eben viel stärker", sagt Bürgerreferent Wagner. Gesundheitliche Folgen habe das keine, das sei nachgewiesen. Überzeugen kann er Naturschützer Heinrich Lühmann nicht. "Klar, dass die das sagen."

Das Misstrauen ist groß, nicht nur in Kirchlinteln. Gegenüber den Konzernen, gegenüber der Politik. Die Diskussionen um den Ausbau von Solar- und Windenergie, um EEG-Zulage und die Laufzeiten von Kohlekraftwerken haben die Bürger verunsichert. Was der Energiewende immer noch fehlt ist echter Austausch, der das Gefühl vermittelt, gemeinsam etwas zu bewegen.

Auch Claudia Philipp ist nicht zu überzeugen. Sie hat zu viel zu verlieren. Vielleicht beteilige sie sich an einer Bürgerinitiative, sagt sie. Auf dem Rückweg von den Feldern stoppt sie noch einmal an ihrem roten Bauwagen. Monatelang habe sie dafür gekämpft, ihn aufstellen zu dürfen. "Das wäre dann alles umsonst gewesen."

Zur Autorin
  • Katja Scherer studierte VWL und Germanistik in Mannheim, Hamburg und Istanbul. Heute arbeitet sie als freie Journalistin in Hamburg u.a. für "enorm", "Die Zeit" und "brand eins".
Dieser Text stammt aus dem Magazin "enorm - Wirtschaft für den Menschen"

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 140 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
thorsten.brandt.et 20.07.2014
1. gewaltige dimensionen ?
die dimensionen sind marginal gegen die projekte in china und schon heute ist klar, dass die projekte die china heute realisiert (technologisch) möglicherweise in einer zweiten netzausbauphase um 2030 realisiert werden könnten - also 15 jahre nachdem china hier hgü-s auf in D unvorstellbaren spannungsebenenen baut die viel länger sind als die "dimensionen" es in D je zulassen würden - dazu müsste man schon desertec direkt über hgü anbinden ... die beweihräucherung der deutschen kleinstaaterie und partialinteressenwirtschaft, wird an dieser als auch an anderen stellen irgendwann richtig auf die wettbewerbsfähigkeit durchschlagen - und dann haben sie wirklich bühende landschaften (mit echten blumen) - die keinen mehr ernähren mit der wirtschaft vor ort ... nebenbei : in östereich stehen sämtliche g&d-kraftwerke - in wesentlichen teilen neuwertig und mit einer leistung im GW-bereich - aber man glaube doch nicht, dass in D über das angebot aus österreich wirklich nachgedaht wird, diese stromerzeugungskapazitäten als reservekraftwerke in erwägung zu ziehen - nein, man braucht erstmal trassen und bis dahin sowieso noch reservekraftwerke in bayern ...
schmusel 20.07.2014
2. .
Der Artikel und die Problematik gibt viel mehr her als gleich die polemisierenden Kommentare die hier - wie bei jedem Artikel dieser Art - eintrudeln werden. Schade eigentlich, dass die Leute aufgrund ihrer vorgefertigten Meinungen nicht über die headline hinaus lesen wollen.
Indigo76 20.07.2014
3.
Zitat von sysopDPABundesweit wehren sich Gemeinden gegen die geplanten Energietrassen, auch das niedersächsische Kirchlinteln. Ein Besuch dort zeigt, was bei der Planung der Energiewende schief gegangen ist. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/energiewende-gemeinden-wehren-sich-gegen-die-geplanten-stromtrassen-a-981615.html
"Wer lässt schon seine Kinder unter einer Starkstromleitung spielen?" Ich habe selten etwas so dummes gelesen. Natürlich würde ich meine Kinder darunter spielen lassen. Das ist vollkommen ungefährlich. Es gibt keinerlei Beweise, dass es Auswirkungen auf den Menschen gibt, wenn man unter einem Hochspannungsmast steht. Nur raufklettern sollte man nicht. Jeder von uns fährt oder läuft täglich unter den Dingern her.
buerger2013 20.07.2014
4. Aufgrund
Zitat von sysopDPABundesweit wehren sich Gemeinden gegen die geplanten Energietrassen, auch das niedersächsische Kirchlinteln. Ein Besuch dort zeigt, was bei der Planung der Energiewende schief gegangen ist. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/energiewende-gemeinden-wehren-sich-gegen-die-geplanten-stromtrassen-a-981615.html
dichten Besiedelung Deutschlands wird es sich nicht vermeiden lasen, dass es noch viele ähnlich gelagerte Fälle geben wird. Jeder einzelne Fall wird aus Sicht der Betroffenen seine berechtigte Begründung der Berücksichtigung haben. Aber dann wird es diese Trassen in 100 Jahren noch nicht geben.
sponnerd 20.07.2014
5. ...
Zitat von sysopDPABundesweit wehren sich Gemeinden gegen die geplanten Energietrassen, auch das niedersächsische Kirchlinteln. Ein Besuch dort zeigt, was bei der Planung der Energiewende schief gegangen ist. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/energiewende-gemeinden-wehren-sich-gegen-die-geplanten-stromtrassen-a-981615.html
Typisch Deutschland? Absolut! Wenn es nicht irgendwelche Kindergärten sind, die einem Infrastrukturprojekt von nationaler Bedeutung im Wege stehen, dann ist es der Lebensraum der lilabäuchigen Sumselmolche oder anderer Tierarten, von denen bisher noch niemand gehört hat, aber von denen stets der Fortbestand des westlichen Abendlandes abhängt! Der im Artikel genannten Ort, verweist stolz auf die Menge des selbstproduzierten Stroms. Tatsache ist, dass dort nur ein Überschuss produziert wird, weil die Steuerzahler im Rest Deutschlands diesen Unsinn subventionieren! Soll sich der Ort doch vom Stromnetz in Restdeutschland abkoppeln und sehen, wie es den Überschuss los wird und in Zeiten von Strommangel sehen, wo es bleibt! Aus meiner Sicht hat diese ganze Diskussion immerhin einen Vorteil, nämlich das daran eventuell doch noch der unsinnige und völlig kurzsichtige Atomausstieg scheitert! Denn größer als die Diskussionswut in diesem Lande ist nur noch die vollkommen überzogene und irrationale Angst vor der Kernenergie!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.