Energiewende: Lobbyisten ziehen in die Zahlenschlacht

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Wie teuer wird der Atomausstieg? Zu dieser Frage kursieren derzeit Dutzende Antworten. Energie-, Industrie- und Ökolobbyisten rechnen sich die Welt, wie sie ihnen gefällt. Zeit für eine nüchterne Bestandsaufnahme.

Atomkraftwerk Isar: Wirrwarr um Milliardenbeträge Zur Großansicht
dapd

Atomkraftwerk Isar: Wirrwarr um Milliardenbeträge

Hamburg - Und jetzt die Milliarden-Euro-Frage: Was kostet eigentlich die Energiewende, also der Atomausstieg und der Einstieg ins Zeitalter der erneuerbaren Energien? Wer dieser Tage Zeitungen aufschlägt, Radio hört oder TV-Nachrichten sieht, wird mit Werten und Prognosen nur so bombardiert.

  • Das fängt bei den Parteien an: Experten von Union und FDP rechnen mit mehreren Milliarden Euro zusätzlich pro Jahr - die Grünen erwarten dagegen nur ein moderates Preisplus für Strom ohne Kernenergie.
  • Verbände und Lobbyisten erhöhen die Verwirrung, indem sie ihre Zahlen in die Debatte einspeisen. Der Chef eines der großen Energieversorgungsunternehmen etwa warnte laut "Bild am Sonntag" in vertraulicher Runde, der private Stromkunde müsse sich auf eine Preiserhöhung von 70 Prozent einstellen. Die Umweltorganisation Greenpeace argumentiert dagegen, Atomstrom sei eigentlich doppelt so teuer wie Wasserkraft - würden alle Kosten und staatlichen Förderungen einberechnet.
  • Und dann mischen auch noch Ökonomen mit. Für den beschleunigten Umbau des Energiesystems seien bis 2020 Investitionen von 20 Milliarden Euro pro Jahr nötig, sagt Claudia Kemfert, Energieexpertin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), der "Süddeutschen Zeitung".

Nicht klüger, aber verwirrter

Verbraucher sind angesichts des Zahlensalats nicht klüger, aber verwirrter. In Deutschland tobt eine erbitterte Lobbyschlacht um den Atomausstieg. Dass in Japan das AKW Fukushima weiter vor sich hinstrahlt und Menschen und Natur bedroht, dass der Atomausstieg Deutschland vor einem ähnlichen Unfall bewahren soll - das alles tritt derzeit in den Hintergrund. Die Fukushima-Schamfrist, so scheint es, ist abgelaufen. Lobbygruppen arbeiten auf Hochtouren, um die Debatten in bestimmte Richtungen zu lenken. Drohungen mit Mehrbelastungen in Milliardenhöhe sind da ein bewährtes Mittel.

Dabei wird so ziemlich alles mit allem vermischt. Haushaltsposten mit Investitionskosten. Ausgleichsforderungen mit möglicherweise entfallenden Steuern. Gern werden auch Kosten für Energieprogramme angeführt, die zwar ökologisch sinnvoll - für den Atomausstieg aber gar nicht nötig sind. Die Ausstiegsdebatte bringt das alles keinen Millimeter voran.

Zeit für eine Bestandsaufnahme: Von welchen Kosten redet die Republik? Was lässt sich seriös berechnen? Erste Klarstellung: Die Kostendebatte hat drei Ebenen:

  • Investitionen, die für den Ausbau der Infrastruktur nötig sind.
  • Den Strompreis, der alle Verbraucher gleichermaßen trifft.
  • Und mögliche Umschichtungen, die der Regierung im Haushalt entstehen.


Kostenfaktor 1: Investitionen in die Wende

Für den Atomausstieg müssen neue Windräder, Solaranlagen, Biomasseanlagen, Stromleitungen und Gaskraftwerke bereitgestellt werden. Hinzu kommen Investitionen in Energieeffizienz, um den Stromverbrauch insgesamt zu reduzieren. Nach SPIEGEL-ONLINE-Berechnungen beläuft sich der Aufwand insgesamt auf rund 167 Milliarden Euro, wenn man bis 2020 komplett aus der Kernkraft aussteigen will ( die genaue Berechnung können Sie hier nachlesen). Das DIW spricht von höchstens 200 Milliarden Euro.

Wichtig ist: Bei diesen Ausgaben handelt es sich um Investitionen, die sich später rentieren könnten - für Unternehmen und Verbraucher. Denn so entstehen neue Märkte. Das wiederum schafft neue Jobs und kurbelt die komplette Wirtschaft an. Hinzu kommen Innovationen, die die grüne Energiegewinnung effizienter machen. Langfristig könnten die Kosten für die Ökostromerzeugung dadurch deutlich sinken - erneuerbare Energien werden dann möglicherweise sogar günstiger als Kohle sein.


Kostenfaktor 2: Das Mysterium Strompreis

Beim Strompreis machen derzeit allerlei Horrorszenarien die Runde. Vor allem der Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK) schürt Ängste vor der Kostenexplosion. Kein Wunder, die Mitgliedsunternehmen - darunter Zementhersteller und Aluminiumhütten - gelten als wahre Stromfresser.

Durch den Ausstieg werde Strom zu teuer, heißt es beim VIK. Der Standort Deutschland sei bedroht. Als Beleg liefert der Verband eine Grafik, die zeigt, dass sich die Großhandelspreise für Strom durchschnittlich um rund sieben Euro pro Megawattstunde verteuert haben seit das Atommoratorium in Kraft getreten ist. Das belaste die Wirtschaft mit 3,5 Milliarden Euro pro Jahr, schreibt der Verband.

Was der VIK nicht sagt: Die Preise für Endverbraucher werden deswegen auf absehbare Zeit nicht steigen. Denn der Preisanstieg betrifft bislang nur wenige Wochen. Den Strom, den Haushalte 2012 beziehen, kaufen viele Versorger aber über einen Zeitraum von drei Jahren ein - jedes Quartal erwerben sie ein Zwölftel der Gesamtmenge, die sie 2012 benötigen.

Das bedeutet: Wenn es bei dem dreimonatigen Moratorium bleibt, haben die Versorger mit Blick auf das Jahr 2012 nur in einem von zwölf Quartalen Strom zu einem höheren Großhandelspreis eingekauft. In den acht vorigen Quartalen haben sie Stromkontrakte deutlich günstiger erworben. Der Effekt auf den Endverbraucherpreis wäre gering.

Als Faustregel lässt sich sagen: Steigt der Großhandelspreis 2011 insgesamt um zwölf Prozent, steigen die Kosten für den Endverbraucher im kommenden Jahr voraussichtlich um 1,3 Prozent. Würde der aktuelle Preiseffekt drei Jahre anhalten, dürfte Strom für Endkunden rund vier Prozent teurer werden.

Der Präsident der Bundesnetzagentur, Matthias Kurth, hält die Diskussion über die Kosten für die Energiewende entsprechend für unseriös. "Je weiter man da Prognosen wagt, um so ungenauer werden sie", sagte er im Bayerischen Rundfunk.

Der VIK verfolgt vor allem ein Ziel: Er will die Regierung zu Subventionen für die energieintensiven Industrien bewegen. Diese sollen die Produktionskosten konstant halten - und so verhindern, dass beispielsweise Aluminiumhütten oder Zementhersteller im Vergleich zu ausländischen Konkurrenten an Wettbewerbsfähigkeit einbüßen. Höhere Subventionen für die energieintensive Wirtschaft hätten allerdings einen Nachteil: Sie müssten von Privatverbrauchern finanziert werden - über Aufschläge auf die Stromrechnung. Strom würde für Ottonormalverbraucher dann wirklich rasch teurer.


Kostenfaktor 3: Was muss der Staat für die Wende zahlen?

Die Regierung muss durch den Ausstieg Umschichtungen im Haushalt vornehmen. So haben die Energiekonzerne Zahlungen in den sogenannten Ökofonds eingestellt, der den Ausbau erneuerbarer Energien mitfinanzieren sollte. Allein im laufenden Jahr fallen 300 Millionen Euro weg.

Die im vergangenen Jahr beschlossene Brennelementesteuer etwa würde der Regierung jährlich 2,3 Milliarden Euro bringen. Allein durch das Moratorium stehen nun Einbußen in dreistelliger Millionenhöhe im Raum. Die Energieversorger drohen außerdem, gegen die Abgabe zu klagen. Ihrer Ansicht nach war sie an die Laufzeitverlängerung gekoppelt. Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) dagegen will die Brennelementesteuer erhöhen, um Mindereinnahmen auszugleichen.

Hinzu kommen zusätzliche Ausgaben für erneuerbare Energien. Rechnet man die Kosten für die Maßnahmen zusammen, die die Regierung in ihrem Sechs-Punkte-Plan aufführt, kommt man auf rund drei Milliarden Euro pro Jahr. Unter anderem sollen 300 Millionen in die Erforschung von Netzen und Speichern gesteckt werden, 700 Millionen in die Aufstockung des Energie- und Klimafonds. Hinzu kommt ein fünf Milliarden Euro schweres Förderprogramm für die Offshore-Windenergie.

Die Liste enthält auch Ausgaben, die für den Atomausstieg gar nicht nötig sind, so will die Regierung die Mittel für die Wärmedämmung alter Gebäude steigern. Kostenpunkt: rund zwei Milliarden Euro. Solche Verquickungen lassen die Umschichtungen im Haushalt noch größer erscheinen.

Hinzu kommen mögliche Forderungen aus den Bundesländern. Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht etwa verlangt einen Ausgleich für die Energiewende. Denn damit der Windstrom von der nördlichen Küste in die Industrieregionen in Süddeutschland fließen kann, müssen neue Leitungen verlegt werden, einige davon durch ihr Bundesland. "Der Norden hat den Profit an den Windkraftanlagen. Im Süden wird der Strom verbraucht, und wir dazwischen gucken auf die Trasse", sagte Lieberknecht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "Wir müssen über eine Kompensation sprechen." Über eine Konzessionsabgabe zum Beispiel, schlägt die CDU-Frau vor.

Generell gilt: Entschieden ist noch nichts - für Kostenberechnungen in puncto Haushalt ist es noch zu früh. Wer sich in welchem Punkt durchsetzt, ist noch lange nicht raus. Das gleiche gilt für die künftigen Strompreise bei Privatverbrauchern.

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insgesamt 111 Beiträge
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1. Bild ?
bapu65 18.04.2011
Zitat: " In Deutschland ist der Zuwachs inzwischen so rasant, dass sämtliche wegfallenden Atomkraftwerke allein durch erneuerbare Energien ersetzt werden könnten. Daran konnte auch der heftige Widerstand von Energiekonzernen und Vertretern von Union, FDP und Teilen der SPD nichts ändern" Aus dem Spiegel -- da sind Arbeitsplaetze drin ! Auf Jahrzehnte - -aber dass interessiert die Lobby nicht, nur Profite. Ganz einfach: Abschalten oder Verstaatlichen!
2. Welches Konzept ?
serra 18.04.2011
Über Kosten wird man erst reden können, wenn ein geschlossenes Konzept für eine zuverlässige Versorgung mit Energie incl. Netzstabilität vorliegt. Das ist meines Wissens bisher nicht der Fall.
3. Soli für die Energiebosse
Der einfache Bürger 18.04.2011
Ich bin dafür, mindestens 10% unseres Einkommens als Soli für die armen Energiebosse einzuführen und sämtliche Energieerzeugungs- und Verwertungsrechte an die 4 großen Konzerne zu übertragen.
4. .
Subco1979 18.04.2011
Es wird immer die Frage gestellt: Wie viel kostet der Atom-Ausstieg? Die Frage sollte eher lautet: Was kostet uns der Nicht-Atom-Ausstieg?
5. Prognose...
sch123 18.04.2011
Ich vermute, dass Deutschland aus mehreren Gründen von der Umstellung profitieren wird: - Alle Investitionen finden ja in Deutschland statt, kommen letztlich also auch der Volkswirtschaft zugute... - langfristig werden keine fossilen Energieträger (und kein Uran) aus Drittstaaten importiert werden müssen, was neben der gewonnenen Unabhängigkeit auch bedeutet, dass der bezahlte Strompreis quasi komplett im Land bleibt (der heutzutage zu großen Teilen "versickert")... - Deutschland ist bereits führend in erneuerbaren Energien was die Industrien und die Forschung betrifft, dieser Vorsprung dürfte durch die massiven Investitionen noch ausgebaut werden, was wiederum den ohnehin schon starken Export von grüner Technologie noch bestärken dürfte: ein weiteres volkswirtschaftliches Plus.
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Was kostet der Atomausstieg?
Zu den Kosten des Atomausstiegs kursieren verschiedene Zahlen. Die wichtigsten Werte im Überblick:
Privatwirtschaftliche Investitionen
Für den Atomausstieg müssen neue Windräder, Solaranlagen, Biomasseanlagen und Gaskraftwerke gebaut werden. Stromleitungen müssen ausgebaut werden. Hinzu kommen Investitionen in Energieeffizienz. Nach SPIEGEL-ONLINE-Berechnungen belaufen sich die Investitionen insgesamt auf rund 170 Milliarden Euro bis 2020. Andere Forschungsinstitute kommen auf ähnliche Werte.
Haushalt
Die Politik streitet vor allem darüber, was die Energiewende für Auswirkungen auf den Haushalt hat. Die im vergangenen Jahr beschlossene Brennelementesteuer etwa sollte der Regierung jährlich 2,3 Milliarden Euro bringen. Jetzt drohen die Energieversorger, gegen die Abgabe zu klagen - ihrer Ansicht nach war sie an die Laufzeitverlängerung gekoppelt. Manche fordern neue Subventionen für Industrien mit besonders hohem Energiebedarf.

Gleichzeitig verknüpft die Regierung Ausgaben mit dem Programm, die für den Atomausstieg gar nicht nötig sind: So will sie die Mittel für die Wärmedämmung alter Gebäude steigern. Generell gilt: Entschieden ist noch nichts - für Kostenberechnungen in puncto Haushalt ist es noch zu früh.
Strompreis
Die Preise für Endverbraucher werden auf absehbare Zeit nur wenig steigen. Denn der Strom, den sie beziehen, wird stets über mehrere Jahre eingekauft. Der aktuelle Preisschub fällt vorerst kaum ins Gewicht.

Bis Ende des Jahrzehnts könnte der Preis indes um mehrere Cent steigen. Allein durch den Netzausbau und die Großhandelspreise wäre ein Anstieg um drei Cent möglich - dazu kämen Milliardenkosten aus der EEG-Umlage.ssu

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