Energiewende Kein Anschluss unter dieser Merkel

Wie kommt der von der Bundesregierung geförderte Ökostrom in die Steckdose? Von 6100 Kilometern Kabel sind gerade mal sechs verlegt. Den Erzeugern kann es egal sein: Sie kassieren selbst dann, wenn kein Strom fließt.

Hochspannungsleitung in Niedersachsen
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Hochspannungsleitung in Niedersachsen

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Als die Schildbürger bemerkten, dass sie beim Bau ihres neuen Rathauses die Fenster vergessen hatten, kamen sie bekanntlich auf die Idee, das Sonnenlicht in Eimern hineinzutragen. Diese Art von Optimismus legen derzeit auch die Architekten der deutschen Energiewende an den Tag, wie sich einem aktuellen Bericht der Bundesnetzagentur entnehmen lässt. Während ständig neue Windräder und Solaranlagen aufgestellt werden, fehlt es demnach fast überall an Kabeln, um den Strom dorthin zu leiten, wo er womöglich gebraucht würde.

Laut Bericht müssten insgesamt 6100 Kilometer an neuen Stromleitungen gezogen werden. Das entspricht ungefähr der Strecke zwischen Frankfurt und New York. Von den Behörden genehmigt sind derzeit aber nur 350 Kilometer, also etwa die Distanz zwischen Frankfurt und Hannover. Und tatsächlich gebaut wurden im ersten Quartal 2016 gerade mal sechs Kilometer. Das reichte nicht einmal vom Frankfurter Hauptbahnhof bis zum Flughafen.

Phantomstrom aus dem Trudelbetrieb

Theoretisch könnten an besonders windigen und sonnigen Tagen große Teile des Strombedarfs aus erneuerbaren Energiequellen gedeckt werden. Wenn es die dazu passenden Leitungen gäbe. Doch in der Praxis müssen vor allem viele Rotoren in Nord-und Ostdeutschland ständig aus dem Wind gedreht werden, weil niemand weiß, wohin mit dem Strom. Die Experten sprechen dann vom "Trudelbetrieb", ein schildbürgerhafter Irrsinn, der noch dadurch gesteigert wird, dass das abgeriegelte Windrad im Trudelbetrieb nun selbst auf externe Stromzufuhr angewiesen ist, damit seine Kühlung nicht ausfällt.

Finanziell kann es den Betreibern der Anlage freilich egal sein, ob ihr Strom gebraucht wird oder nicht. Für jede Kilowattstunde bekommen sie eine Garantie-Vergütung, die weit über dem normalen Börsenpreis für Strom liegt. Und zwar selbst dann, wenn es sich um eine Kilowattstunde Strom handelt, die sie wegen Trudelbetriebs in Wahrheit gar nicht erzeugt haben, aber theoretisch hätten erzeugen können. Ein weiteres Schildbürger-Phänomen, dass in der Branche "Phantomstrom" genannt wird.

Die Kosten für Trudelbetrieb, Phantomstrom und ähnliche Streiche trägt der Verbraucher mit seiner Stromrechnung. Etwa 24 Milliarden Euro werden die Deutschen dieses Jahr für die Ökostromförderung ausgeben müssen. Das ist nicht viel weniger als die Summe, die der Staat an alle Hartz IV-Empfänger ausbezahlt. Mit dem Unterschied, dass von der Ökostromförderung keine armen Leute profitieren, sondern Grundbesitzer, Windparkbetreiber und Eigenheimbewohner mit Solardach.

Vielleicht nutzt Bundeskanzlerin Angela Merkel ihren heutigen Auftritt bei einer Tagung der Energiebranche, um den Bürgern endlich zu erklären, wie sie sich die Sache mit der Energiewende vorstellt. Die Erfahrung aus Schilda lehrt: Das mit den Eimern hat leider nicht funktioniert.

insgesamt 139 Beiträge
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uwelmeyer 08.06.2016
1. Wie kommt der Ökostrom in die Steckdose ?
so wie der Braunkohlestrom. der kommt zumeist auch nicht aus dem Süden der Republik.
Seneca 08.06.2016
2.
Man sitzt fassungslos vor dem Bildschirm und glaubt es nicht. Wie zum Teufel kommen denn die immer noch hohen Zustimmungswerte für Merkel und ihre Partei zustande? Als ich das erste Mal von Solardächern hörte, dachte ich: toll, die sind jetzt Selbstversorger in Sachen Strom. Von wegen: diese Schlaumeier beziehen ihren Strom immer noch von den üblichen Stromversorgern, lassen sich aber ihren eigenproduzierten Strom von uns allen teuer bezahlen. Auf diese abgezockte Idee wäre ich im Traum nicht gekommen. Und eigentlich ist mir das immer noch zu blöd. Heute gibts ja zum Glück nicht mehr diese hohen Subventionen, aber alle, die von Anfang an dabei waren, können sich noch lange auf unsere Kosten freuen.
oliver68 08.06.2016
3. Fingerpointing
Das Problem ist etwas komplexer, Herr Neubacher. Die Energieversorger-Dinosaurier, die die Energiewende fast ein Jahrzehnt lang verschlafen haben, können von ihren Goldesel-Kraftwerken nicht lassen und überfluten die Netze mit Kohle- und Atomstrom. Netzausbau braucht niemand, eneuerbare Energieen sind dezentral. Wir brauchen mehr Speicher, und vor allem neue Marktmechanismen, die nicht länger Kohle und Atom den Vorzug nehmen!
rkinfo 08.06.2016
4. Die EU dreht dieser Horrorsubvention den Hahn ab ?
Windstrom von der Küste hat fast 4.000 Volllaststunden d.h. 1/2a Jahr Verfügbarkeit. Im Inland eher 2.500 h und Solarstrom nur 900 (Nord) bis 1100 (Süd). Viel Chaos bei nahezu wertlosen Einspeisung was nahe Irrsinn ist. Statt Energiewende nur Chaos und nicht mal die Leitungen für Küstenstrom sind verlegt. Daher sind Großkraftwerke nötiger denn je.
vierpunktzwo 08.06.2016
5. Warum Strom über Leitungen weg transportieren...
... den Länder wie Schleswig-Holstein, Meck-Pomm und Niedersachsen zur 100 %igen Ökostromversorgung nutzen können? Die Länder sind demnächst über eine Seeleitung mit den Speicherbauwerken in Norwegen verbunden, die Technologie zur Stromspeicherung ist in Form von Batterien massenhaft vorhanden. Der Norden kann Vorreiter sein. Warum Stromautobahnen, die die betroffene Bevölkerung vor Ort aus vielerlei Gründen ablehnt, wenn wir mit den nördlichen Bundesländern Modellcharakter für die Energiewender erreichen.
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