Schleswig-Holstein Wie Windkraft ein 113-Seelen-Dorf reich machte

Windkraft hat dem kleinen Ellhöft in Schleswig einen Geldsegen beschert - auch dank der EEG-Umlage. Doch mit der Subvention ist es bald vorbei, die Einwohner brauchen neue Ideen.

Von manager-magazin.de-Redakteur Nils-Viktor Sorge

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Aus 68 Metern Höhe lässt Reinhard Christiansen den Blick über seine Heimat schweifen. Sattgrüne Wiesen bis zum Horizont, dazwischen Gehöfte - und Windräder. Viele Windräder.

"Das ist schon geil", sagt der stämmige Nordfriese, Ex-Landwirt und jetzt Geschäftsführer mehrerer Windparks. Die Brise aus Südost wirbelt sein Haar durcheinander, die Wintersonne lässt es leuchten. Christiansen, 63, steht auf einer der Anlagen, mit denen hier in Ellhöft vor bald 20 Jahren alles begann.

"Geil" ist das für die meisten hier, keine Frage: Die Windkraft hat das 113-Einwohner-Dorf reich gemacht, wie so manchen Landstrich an der Küste. Jedes Jahr leitet das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) mehr als fünf Milliarden Euro in die Windhochburgen Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Geld, mit dem die Stromkunden auch Christiansens fünf Bürger-Windgesellschaften vergüten.

Renditen von bis zu 16 Prozent

Doch der anstrengungsarme Energie-Wohlstand auf dem platten Land ist bedroht. Windstrom-Erzeuger sollen ihre Elektrizität künftig billiger anbieten, so will es Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD). Er setzt auf Ausschreibungen: Nur wer knapp kalkuliert, soll künftig noch EEG-Geld bekommen. "Die Zeit des Welpenschutzes ist vorbei", sagt Gabriel.

Traumrenditen wie die in Ellhöft und Umgebung üblichen 12 bis 16 Prozent sind bei neuen Anlagen bald nicht mehr drin. Norddeutschland, als Energieexporteur so etwas wie das mitteleuropäische Texas, muss sich deshalb nach und nach neu erfinden - und tut sich dabei schwer.

Bisher läuft es so schön einfach: Die meisten Einwohner streichen als Kommanditisten üppige Ausschüttungen ein. Zudem werfen die Windpark-Gesellschaften jedes Jahr Hunderttausende Euro Gewerbesteuer ab. Ellhöft hat für 2015 mit 324.000 Euro kalkuliert.

Im Dorf ist zu besichtigen, wie sich der Windenergie-Boom bezahlt macht. Schicke Straßenlaternen lassen den Ort nachts erstrahlen. Der Spielplatz ist mit neuen, farbenfrohen Geräten ausgestattet.

Das Gemeindehaus an der Hauptstraße wurde mit 120.000 Euro etwa doppelt so teuer wie ursprünglich geplant. "Da gab es viele Extrawünsche", erinnert sich Christiansen. So sei die Küche ziemlich edel ausgefallen.

Das meiste Geld fließt indes in den Ausbau von Breitbandkabeln. Windparkbetreiber in der Region lassen Glasfaser bis in Dörfer verlegen, in die die Bagger der Telekom niemals vordringen würden. Jeder Haushalt bekommt kostenlos einen Anschluss im Wert von 1200 Euro.

Jeder Einwohner kann sich am lukrativen Geschäft beteiligen

"Wir schließen auch die Windkraftgegner an", lacht Christiansen. Viele von denen gibt es hier allerdings nicht. Auf Einwohnerversammlungen stimmen die Leute regelmäßig mit deutlicher Mehrheit für neue Windparks. Schließlich kann sich jeder an dem lukrativen Geschäft beteiligen.

Derartige Anreize haben auch bundesweit einen Windkraft-Boom ausgelöst. Niemals wurden so viele Rotoren gebaut wie 2015. Das zeigt Wirkung: Im stürmischen Dezember verdrängte die saubere Windenergie erstmals die dreckige Braunkohle als wichtigste deutsche Stromquelle.

Doch der Windkraft-Goldrausch hat auch seine Schattenseiten, und darum weiß Reinhard Christiansen. In seinem mit Ordnern vollgestopften Büro zeigt er auf eine Landkarte mit vielen roten, blauen und schwarzen Linien. Das sind die Stromleitungen in der Gegend. Und die sind überlastet.

"Am Sammelpunkt Haurup bei Flensburg geht oft gar nichts mehr", sagt Christiansen. "Überall sind so viele Windparks gebaut worden." Es ist die Folge einer Politik in Kiel und Berlin, die den Ausbau der Windkraft lange unzureichend mit dem Ausbau der Netze verknüpft hat. Die neuen großen Trassen in den Süden sind wohl erst im nächsten Jahrzehnt fertig.

Im Dezember waren die Leitungen derart überlastet, dass der alte Ellhöfter Windpark nur 50 Prozent der möglichen Strommenge produzieren durfte. Den Rest regelte der Netzbetreiber ab. So schlimm war es noch nie. Da half auch das millionenteure Umspannwerk nicht mehr, das Christiansen und die Seinen in Niebüll gebaut haben.

Die norddeutschen Windmüller müsste der Engpass im Grunde nicht scheren. Sie bekommen auch die Elektrizität vergütet, die sie wegen schwacher Netze gar nicht erzeugen können. Im vergangenen Jahr schütteten die Netzbetreiber einen dreistelligen Millionenbetrag für derartigen Phantomstrom aus - Tendenz steigend.

Millionenbetrag für Phantomstrom

Und doch ärgern sich viele Ökostromer über diesen Zustand, der wohl noch bis ins nächste Jahrzehnt andauern wird. Denn zunehmend müssen sie darüber nachdenken, wie sie ihren Strom ohne die geliebte Hängematte namens EEG vermarkten. So fällt der alte Windpark in Ellhöft bald aus der staatlich garantierten Förderung heraus, die nach 20 Jahren endet.

Zwischen Nord- und Ostsee blühen bereits die Ideen, wie der oftmals überschüssige Strom vor Ort genutzt werden könnte. Elektrofahrzeuge könnten eine Lösung sein: Autofahren mit Windstrom, umweltfreundlicher geht es kaum. "Erneuerbare Stromproduktion und Mobilität werden verzahnt", erwartet Schleswig-Holsteins Energiewende-Minister Robert Habeck (Grüne) für die Zukunft.

Allein, es hapert bei der Umsetzung. Und manchmal fehlt wohl auch der nötige Wille. Obwohl Nordfriesland laut ADAC die bundesweit höchste Elektroauto-Dichte hat, sind praktisch keine Batteriewagen auf den Straßen zu sehen. Eine Ausnahme: Der dicke Tesla von Reinhard Christiansen.

Wasserstoff-Eisenbahn nach Dänemark geplant

Der Multi-Geschäftsführer und Versicherungsagent hat sich ohnehin der 100-prozentigen Energiewende verschrieben. Künftig will er Geld mit Wasserstoff verdienen. Dieser soll mithilfe des überschüssigen Bürgerwindstroms aus Wasser hergestellt werden.

Das Gas - so der Plan - tanken dann Autos wie der Toyota Mirai oder sogar der Bummelzug, der von Niebüll nach Esbjerg in Dänemark fährt. Was übrig bleibt, strömt ins Gasnetz und wird in Heizungen und Kraftwerken verwertet. Funktioniert das Vorhaben, wäre es eine Blaupause dafür, wie die deutsche Energiewende endlich vom Strom- auf den Verkehrs- und Wärmesektor überspringen würde.

Doch so sehr der Gesetzgeber den Ökostromboom angeheizt hat, so schwer macht er den Windmüllern den Sprung in die Marktwirtschaft. Hauptknackpunkt: Es werden heftige Steuern und Abgaben auf den Strom fällig, aus dem der Wasserstoff entstehen soll.

Hindernisse für die neue Ökostromwelt

Ein Problem, das zahlreiche Energiespeicher-Innovationen in ganz Deutschland, aber auch im Windstrom-Dorado Dänemark blockiert. Bürgergenossenschaften sind genauso betroffen wie Stadtwerke oder Großversorger wie RWE und E.on.

Und so ist die neue, marktorientierte Ökostromwelt auch in Nordfriesland noch nicht in Sicht. Reinhard Christiansen und seine Mitkommanditisten setzen daher auch auf Altbewährtes, solange es noch geht.

Der Windpark-Manager deutet auf eine Weide, wo noch keine Windmühle steht. "Wir machen noch ein bisschen Lückenbebauung", sagt Christiansen trocken.

Er muss sich beeilen. In diesem Jahr bekommen Betreiber neuer Anlagen letztmals die üppige, gesetzlich garantierte Einspeisevergütung für bis zu 20 Jahre. Und die Ökostrompioniere müssen nach und nach beweisen, dass sie auch allein klarkommen.

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