Holzradio aus Indonesien: Feine Antennen

Von Marc Winkelmann

In der Dritten Welt billig gefertigt, hier teuer verkauft - so funktioniert der Welthandel. Der Unternehmer Oliver Erricchiello will es mit seinem Holzradio made in Indonesia anders machen. Aber er musste lernen: Fair und nachhaltig zu sein ist gar nicht so einfach.

Wooden Radio: Entwicklungshilfe mal anders Fotos
Wooden Radio

Da liegen sie. 14 E-Mails, er hat sie ausgedruckt und auf dem grauen Teppich ausgebreitet. Jetzt steht er vor ihnen und betrachtet sie. Es sind Bestellungen von Händlern aus ganz Europa. Sie wollen sein Wooden Radio, sein Holzradio aus Indonesien, und Oliver Errichiello müsste die Geräte nur einpacken und zur Post bringen. Der Umsatz käme genau richtig. Auf seinem Konto sieht's schlecht aus, einige Läden schulden ihm seit Monaten Geld. Gerade erst musste er einen Anwalt einschalten, um in Portugal 7000 Euro einzutreiben.

Aber er kann nicht liefern, er hat keine Ware. Es ist Ende April, und die Produktion stockt. Singgih, sein Partner auf Java, stellt die Fertigung um und braucht länger als geplant. Optimistisch ist Errichiello trotzdem. "Zum ersten Mal glaube ich, dass wir nicht in der Armut landen", sagt er.

Seine Hoffnung steht auf dem gläsernen Konferenztisch auf der anderen Seite des Raumes, sie trägt den Namen "Ikono Blue Tooth". Es ist das neueste Modell. "State of the Art" sei es, sagt er, mit USB-Anschluss und MP3-Player, besserem Sound und einer zusätzlichen Lautsprecherbox. Er stellt die Antenne des Prototyps auf, an deren Ende eine kleine Holzkugel aufgeschraubt ist, und schaltet das Radio ein. Das Design ist schlicht und klar, die Funktionen sind aufs Nötigste reduziert: ein Drehregler für die Sendersuche, einer für die Lautstärke, ein paar Löcher in der Front für den Sound. Auf ein Display haben sie verzichtet.

Seit fünf Jahren arbeiten sie zusammen: Oliver Errichiello in seinem Büro in Hamburg, Singgih Kartono in seiner Produktionsstätte in Zentraljava, Indonesien. Für ihn sei die Arbeit ein Traumjob, sagt Errichiello, ein besonnener Erzähler, der mit Superlativen sonst spart. In keinem anderen Job zuvor konnte er seine Idee eines nachhaltigen Unternehmens so konsequent umsetzen. Das Jahr 2011 lief gut, besser als je zuvor. Inzwischen sind in Kandangan 38 Mitarbeiter angestellt. Für das 4500-Einwohner-Dorf in Indonesien ist das viel, denn die Arbeitslosigkeit liegt bei knapp 30 Prozent. Das Holz, das sie verarbeiten, rund 80 Bäume pro Jahr, kommt nicht aus bedrohten Beständen, sondern der Umgebung.

Umgekehrte Entwicklungshilfe

Der Welthandel funktioniert in der Regel anders. Ein Unternehmen im Westen entwickelt ein Produkt und vergibt den Auftrag an einen möglichst günstigen Produzenten im Ausland. Faire Löhne und Umweltschutz spielen oft kaum eine Rolle. Unternehmerische Verantwortung wird erst zum Thema, wenn die Kunden kritisch nachfragen.

Oliver Errichiello ist dieses Denken fremd. Es passt weder zu ihm noch zu Singgih Kartono. Und schon gar nicht zu Wooden Radio, mit seiner ganz besonderen, deutsch-javanesischen Firmenkultur. Errichiello spricht sogar von einer "umgekehrten Entwicklungshilfe" - er profitiert von der Erfindung seines indonesischen Partners. Beiden ging es von Beginn an darum, alles richtig zu machen. Auch, wenn das der wesentlich schwierigere Weg ist. Um Kunden davon zu überzeugen, 180 Euro für ein fair hergestelltes Radio auszugeben, braucht man Geduld. Noch länger dauert es, bis alle ihre Familien davon ernähren können. Das klappt noch nicht.

Deshalb hat Oliver Errichiello beschlossen, jetzt alles auf eine Karte zu setzen. Er investiert den gesamten Jahresgewinn 2011 in die neue Modellreihe. Im Juli kommt sie auf den Markt, dann wird sich entscheiden, ob die Wooden Radio GbR eine Zukunft hat. "Ich bin überzeugt davon, dass es klappt", sagt er. "Aber das Risiko ist hoch."

Eine besondere Geschichte

Kennengelernt hat er Singgih Kartono auf der Jakarta Fair, einer der größten Konsumgütermessen Asiens. Nachhaltig ist hier kaum etwas. Massenware dominiert, gehandelt wird in 40-Fuß-Containern. Es ist Oktober 2006, Errichiello ist im Auftrag eines deutschen Herstellers von Gartenmöbeln unterwegs. Um seinen Hals hängt ein Schild, "Buyer" steht darauf, "Käufer."

Kartonos Stand steht abseits in einer Ecke. Er ist Produktdesigner und hat ein Radio dabei. Es ist aus dem Holz seines Heimatdorfs gefertigt. Vor einem Jahr hat er sich damit selbstständig gemacht, jetzt sucht er einen Vertriebspartner. Errichiello scheint dafür nicht in Frage zu kommen. Als der Deutsche vor ihm steht und das Radio kaufen will, weist er ihn ab. "Oliver sah für mich damals aus wie all die anderen Geschäftsleute", sagt er. "Ich wusste aber, dass mein Radio gut ist und wollte es nicht an jeden x-beliebigen Interessenten verkaufen." Ein Gerät mitnehmen darf Errichiello also nicht, aber sie tauschen ihre E-Mail-Adressen aus.

Das Radio bleibt ihm im Kopf. Ein paar Monate später kramt er den Zettel wieder hervor und schickt Kartono eine Mail: "Was ist die besondere Geschichte deines Radios?" Das ist der Türöffner, die Frage, die Kartono hören will. Der Indonesier erzählt von seiner Familie, von Arbeitslosigkeit und der Vision, nicht bloß ein Radio herzustellen. Er will erreichen, dass in seinem Dorf eine Gemeinschaft entsteht und es eine Zukunft hat. "Ich habe eine Lebenserwartung von 65 Jahren", sagt Singgih. "Ich bin nicht glücklich darüber, dass ich diese Zeit in einem Land wie Indonesien verbringen muss. Aber da ich nun einmal hier lebe, will ich alles versuchen, die Situation zu verändern. Über Wochen geht das so, am Ende steht wieder eine Frage: "Wollen wir zusammenarbeiten?"

Arnd Zschiesche ist dagegen. Er hält die Idee für "absurd". Errichiello und er kennen sich aus dem Studium, kurz davor erst haben sich die beiden Soziologen mit ihrem "Büro für Markenkommunikation" selbstständig gemacht. Sie wollen Unternehmen beraten und sie davon überzeugen, nicht von Quartal zu Quartal zu denken, sondern langfristig. Glaubwürdig und vertrauenswürdig sollte eine Marke sein, dann stellt sich auch der Erfolg beim Kunden ein, das ist ihr Ansatz.

"Ganz selten mal funktioniert ein Drehknopf nicht"

Ausreden kann Zschiesche seinem Freund den Plan nicht. Errichiello leiht sich bei seiner Frau 5000 Euro, "Die Wäscherei" kauft ihm die ersten Geräte ab. Das Hamburger Wohngeschäft gilt als gute Adresse für Design-Möbel, das Radio passt ins Sortiment. Den Verkaufspreis legen sie bei seinem ersten Vorstellungsbesuch spontan fest: 180 Euro.

Mit seinem neuen Partner in Indonesien mailt Errichiello fast täglich. Für gegenseitige Besuche reicht das Geld nicht. Bis zum Oktober 2011. Der Deutsche ist auf einer Konferenz in Singapur eingeladen und nutzt die Chance für einen Abstecher nach Kandangan. Als er in Yogyakarta, 75 Kilometer entfernt, aus dem Flugzeug steigt, ist er nervös. Er wird seine Mitarbeiter kennenlernen.

Sie sitzen im Halbkreis auf dem sauber gekehrten Hof, alle in ordentlicher Arbeitskleidung. Die Luft ist erfrischend kühl. Singgih Kartono und Oliver Errichiello nehmen auf der Holzbank vor ihnen Platz. Es ist acht Uhr morgens, der luftige Bau aus rohen Backsteinen, Holz und vielen hohen Fenstern liegt im Schatten der großen Mahagoni- und Durianbäume. Dahinter ziehen sich Bambusstauden und Kokospalmen einen steilen Hang hinunter. In der Ferne sieht man Reisfelder in der Morgensonne glänzen. Am Rande der Runde steht Kartonos Ehefrau Tri Wahyuni, die Produktionsmanagerin. Sie beobachtet die Szene sehr aufmerksam. Jeden Morgen vor Arbeitsbeginn öffnet das Ehepaar das "Forum" für die Angestellten. Sie sprechen über die Produktion oder klären Organisationsfragen.

Heute Morgen jedoch geht es um den Gast aus Hamburg, und der erklärt seinen staunenden Zuhörern, dass ihre Radios inzwischen von Reykjavik bis Malta und von Lissabon bis Petersburg verkauft werden. Ob Probleme mit dem Radio auftauchten, fragt eine Arbeiterin. "Ganz selten mal funktioniert ein Drehknopf nicht", antwortet Errichiello. "Die hohe Qualität eurer Arbeit ist erstaunlich konstant. In Deutschland würde man vermutlich kaum noch einen Schreiner finden, der eine solche Handarbeit herstellen könnte."

Mit einer Mischung aus Strenge und Fürsorge

Singgih Kartono hat schon als Junge den Traum, Erfinder zu werden. Später ringt er seinem Vater, einem Lehrer, in harten Verhandlungen das Versprechen ab, auf die Technische Universität Bandung in Westjava gehen zu dürfen. Mit viel Fleiß und festem Willen schließt er das Studium ab und erhält mehrere Auszeichnungen. Seine erste rettet vermutlich seinen Berufsweg: Während er den Preis entgegennimmt, demonstrieren seine Kommilitonen gegen die Regierung - viele werden verhaftet und von jeder weiteren akademischen Ausbildung ausgeschlossen.

Kartono geht 1995 zurück nach Kandangan, sein Dorf. Ein Jahr vorher hat er seine Jugendliebe Tri Wahyuni geheiratet und eine Tochter bekommen. Er stellt Holzspielzeug her und kann seinen zehn Mitarbeitern nur den Mindestlohn von etwa zwei Euro am Tag zahlen. Aber er weiß, wo er ansetzen muss. Er bittet seine Angestellten um Ausdauer und Qualität, um gemeinsam erfolgreich zu sein. "In dieser kritischen Zeit habe ich meine Führungsqualitäten entwickelt", sagt der heute 43-Jährige.

Aber sein Herz hängt nicht am Spielzeug-Geschäft. Er fängt noch mal neu an, mit einem hölzernen Radio, seiner ausgezeichneten Abschlussarbeit an der Uni. 2005 gründet Kartono Piranti Works und beginnt, die Firma mit einer Mischung aus Strenge und Fürsorge aufzubauen.

Wer sich mehrfach verspätet oder ohne Führerschein Moped fährt, wird abgemahnt und - bei Wiederholung - entlassen. Raucher bittet er aufzuhören, für Zigaretten geben junge Männer in Indonesien oft die Hälfte ihres Lohns aus. Wer aber festangestellt wird oder einen der begehrten Ausbildungsplätze bekommt und die geforderte Disziplin mitbringt, der profitiert: von den geregelten Arbeitszeiten, dem Arbeitsschutz und den sozialen Leistungen. Wer ein Haus bauen oder eine Familie gründen will, bekommt auf Antrag Extrageld von Kartono.

Das Arbeitsmaterial schätzen lernen

Das ist in Kandangan nicht selbstverständlich. Viele junge Leute ziehen weg, die älteren verdienen häufig weniger als den Mindestlohn. Zwar muss hier keiner hungern, die Vegetation ist üppig. Aber eine Gesundheitsversorgung und Schulbildung können sich viele nicht leisten. Amu'i, 56, ein ehemaliger Lehrer, sagt: "Durch Singgihs Engagement werden die Leute selbstbewusster und sind stolz, hier zu leben." Manchmal helfe Singgih Kartono auch finanziell, kürzlich erst habe er Geld gespendet, damit eine Straße neu asphaltiert werden konnte. "Außerdem ist er besessen von Bäumen. Überall verteilt er gratis Setzlinge in der Bevölkerung."

Der Schutz der Umwelt ist Singgih Kartono wichtig. Für seine Produktion verzichtet er auf Tropenhölzer aus gefährdeten Urwäldern und pflanzt jedes Jahr Zehntausende Bäume. Um die Stämmchen in seiner Baumschule neben der Produktionshalle müssen sich auch die Mitarbeiter kümmern. Damit sie ihr Arbeitsmaterial zu schätzen lernen, wie Kartono sagt.

Auf das FSC-Zertifikat, das die nachhaltige Herkunft seines Holzes nachweisen würde, verzichtet Kartono hingegen. Dafür fehlt ihm das Geld. 3000 US-Dollar kostet das Siegel pro Jahr, hinzu kommen die Kosten für die Erstlizenzierung. Helfen würde ihnen das Siegel, insbesondere bei der Vermarktung. Als der Hamburger Versandhändler Otto das Holzradio 2010 in seinem Onlineshop einführt, meldet sich nach wenigen Tagen der WWF. Ob das Holz nachhaltig angebaut sei und man das Zertifikat einmal sehen könnte? Errichiello erklärt alles, doch das ändert nichts. Otto nimmt das Gerät aus dem Sortiment.

"Ich finde es seltsam, dass meine Hölzer in Deutschland auf der schwarzen Liste stehen", sagt Kartono. "In Indonesien wachsen diese Bäume am Wegesrand, auch neben meinem Haus." Er lehnt das Siegel nicht grundsätzlich ab. "Aber wenn ich etwas Geld übrig habe, gebe ich es lieber für die Wiederaufforstung in meiner Heimat aus als für eine Organisation in Europa."

Mit größtmöglicher Transparenz und Vertrauen

Statt eines Zertifikats liegt jedem Radio jetzt ein erklärender Katalog bei, Händler und Messebesucher informiert Errichiello im direkten Gespräch. Mit größtmöglicher Transparenz wollen Singgih und er Vertrauen aufbauen, darauf gründet auch ihre Zusammenarbeit. Verträge zwischen Errichiello und Kartono existieren nicht, einem ausformulierten Businessplan folgen sie auch nicht.

Geschäfte, die ihr Radio verkaufen wollen, müssen erst einmal Fotos schicken. Wer ins Konzept passt, kann die Ware auf Rechnung beziehen - und muss nicht, wie üblich, Vorauskasse leisten. Wer nicht zu Wooden Radio passt, wird abgelehnt. Galeria Kaufhof zum Beispiel. Als sich 2009 ein Einkäufer meldet, wägt Errichiello ab. Soll er mehr auf Masse setzen und das Radio in ein Regal der Kaufhaus-Kette stellen? Er entscheidet sich dagegen.

Er hat schon erlebt, was es bedeutet, im Hauruck-Verfahren wachsen zu wollen. Kurz nach Beginn seiner Zusammenarbeit mit Kartono 2007 meldet sich der US-Händler Area Ware bei Magno Design. Er wolle das Radio groß rausbringen, erklärt er, und brauche dafür die weltweiten Vertriebsrechte. Kartono lehnt mit Verweis auf seinen Partner in Deutschland ab und mailt nach Hamburg: "I don't want to put all eggs in one basket" - er will nicht riskieren, allein von einem Händler abhängig zu sein. Stattdessen teilt er den Markt auf: Errichiello ist für einige europäische Länder zuständig, Area Ware für die übrigen und den US-Markt. Der Amerikaner willigt ein und zahlt 40.000 Dollar. Geld, das Kartono in die Produktionshalle steckt.

Zunächst geht der Plan auf. Der Absatz wächst, zahlreiche Medien stellen das Holzradio vor. Allerdings anders als gedacht. Es wird als Design-Gadget beschrieben, als Lifestyle-Spielzeug für Besserverdienende. Die Nachhaltigkeit spielt keine Rolle. "Das kann nicht klappen", schimpft Errichiello. Er glaubt, dass man das Radio langfristig nur über die Geschichte, die hinter ihm steht, verkaufen kann. Und dass Nachhaltigkeit bedeutet, die dazugehörigen Werte auch selbst zu vertreten.

Händler verdienen den größten Teil

Als die Finanzkrise kommt, bricht der Absatz in den Area-Ware-Ländern ein. 2010 übernimmt Errichiello wieder ganz Europa, der US-Händler zieht sich auf seinen Heimatmarkt zurück - kann aber keine Geräte mehr verkaufen. Anders bei Errichiello: Seine Verkaufskurve steigt, langsam, aber stetig. Für ihn, den Markensoziologen und Berater, ist das ein kleiner Triumph. Plötzlich hat er seine eigene Fallstudie geschaffen und gezeigt, dass es sich auszahlt, auf Glaubwürdigkeit zu setzen.

Ende November 2011 sitzt Oliver Errichiello in seinem Büro und arbeitet die Anfragen fürs Weihnachtsgeschäft ab. An der Wand stapeln sich die Kartons mit den Radios, die er alle testet, bevor er sie wieder rausschickt. Es ist ein großer Kontrast: dort die javanesische Produktion, von warmem Licht durchflutet und mitten in der Natur, hier in Hamburg der Vertrieb, ein karger Raum im 2. Stock eines Zweckbaus auf einem Gewerbehof. Mit seinem Partner Arnd Zschiesche hat Errichiello sich hier eingemietet, neben anderen Kleinunternehmern. Die Miete ist bezahlbar.

Seit seinem Besuch auf Java sind ein paar Wochen vergangen, er musste die Eindrücke erst verarbeiten. Jetzt erzählt er. Dass sie sich - für einen Indonesier ungewöhnlich - zur Begrüßung in den Armen lagen, und dass er von seinem Partner jetzt noch beeindruckter ist als vorher. "Ich staune über seine Vision und wie konsequent er sie verfolgt. Er hat das nicht gelernt, das kommt alles aus ihm heraus."

In Kandangan haben sie auch über ihre Pläne für das kommende Jahr gesprochen. Ein neues Modell wollen sie herausbringen und die bestehenden überarbeiten, außerdem drängt Kartono darauf, dass seine Mitarbeiter besser bezahlt werden. 150 Euro verdienen sie pro Monat, davon können sie leben. Aber damit sie und ihre Familien wirklich abgesichert sind, müssten es 250 Euro sein. Kartono fordert, die Marge zu ändern. Schließlich sei es nicht gerecht, dass die Händler den größten Teil einstreichen und er, der Erfinder und Hersteller, den kleinsten erhält.

Die Zukunft ist offen

Das seien die üblichen Konditionen, sagt Errichiello. Er malt die Zahlen mit einem schwarzen Filzstift auf ein Flipchart: 10 Euro kostet die Produktion, der Einkaufspreis liegt bei 39 Euro, der Händler wiederum zahlt ihm 90 Euro. Und verkauft das Gerät für 180 Euro. Ob sich das ändern lässt, ohne dass er auf Geld verzichten muss? Er ist skeptisch, will aber mit einigen seiner rund 250 Händler sprechen.

Ein paar Wochen später, im Januar, meldet sich sein Steuerberater. Mit einer Überraschung. Knapp 60.000 Euro beträgt der Gewinn fürs abgelaufene Jahr, mehr als erwartet. Errichiello beschließt, beinahe die gesamte Summe wieder in die Produktion zu investieren und das neue Modell technisch aufzurüsten. Allerdings wird es doppelt so teuer sein. 360 Euro. Zu viel für die Kunden?

Er ist unsicher. Die Messe in Paris vor Kurzem verlief enttäuschend. In Italien, einem der wichtigsten Märkte, gehen die Verkäufe auch zurück. Die Krise erschwert das Geschäft. "Ich glaube, dass es klappt", sagt er, "die Zukunft ist allerdings weiter offen."

Immerhin kann er Singgih Kartono überzeugen, das bisherige Modell weiter anzu- bieten. Eigentlich will sein Partner dessen Produktion einstellen. 360 Euro sind für Käufer im Westen doch keine große Summe, argumentiert er. Es dauert eine Weile, bis Errichiello ihm begreiflich machen kann, dass auch in Europa nicht jeder bereit ist, so viel für ein Radio auszugeben. Kaj Pehlke von der "Wäscherei" in Hamburg beobachtet, dass die Kunden das Radio als Designobjekt bestaunen, sich aber wenig für seine Geschichte interessieren. "Und für ein Deko-Accessoire ist selbst dem weltoffenen Kunden der Preis in der Regel zu hoch."

"Unser Unternehmen fällt durch sämtliche Raster"

Errichiellos Umfrage unter den Händlern ist eindeutig. Selbst diejenigen, die ethischen Konsum auf ihren Fahnen stehen haben, wollen ihre Marge nicht ändern. Schließlich entscheidet Errichiello, dass er auf Geld verzichtet. Kartonos Mitarbeiter bekommen jetzt 50 Prozent mehr Lohn. Laufen die Geschäfte gut, fließt ein Teil des Gewinns in einen Sozialtopf. Laufen sie schlecht, behält er sich vor, die Vereinbarung rückgängig zu machen. Ob die Rechnung aufgeht?

Es ist inzwischen Ende April, und in Kandangan baut Kartono die Fertigung um. Er spricht davon, dass für 2012 ein Gewinn von 100.000 Euro möglich ist. Das Büro für Markenkommunikation, um das sich nun vor allem Arnd Zschiesche kümmert, trage schon jetzt nur einen kleineren Teil zum Umsatz bei, der größere komme über das Radio herein.

Errichiello gibt aber auch zu, dass ihn die vergangenen Jahre Kraft gekostet haben und er nicht mehr so enthusiastisch ist wie zu Beginn. Er überlegt, einen Businessplan zu schreiben, Investoren anzusprechen. So könnten sie den nächsten Schritt gehen, sich Luft verschaffen. Er ist jetzt 38, er hat zwei Kinder, aber seit Jahren nicht mehr in die Rentenversicherung einzahlen können. Doch wer käme als Geldgeber in Frage? Am Grundprinzip des gegenseitigen Vertrauens will er nichts ändern. Er zuckt mit den Schultern und lacht: "Unser Unternehmen fällt durch sämtliche Raster."

Und wenn es schiefgeht? Gehen sie dann zurück ins klassische Business? "Ich glaube nicht, dass uns irgendein Personalleiter noch einstellen würde", sagt er. Und schiebt nach kurzem überlegen ein "leider" hinterher. "Inzwischen könnten sie nämlich eine Menge von uns lernen."




Dieser Text stammt aus dem Magazin "enorm - Wirtschaft für den Menschen".

Mitarbeit: Christina Schott

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insgesamt 53 Beiträge
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1. Gute Idee
Löti 15.07.2012
Das ist doch mal eine gute Idee, wenn die Arbeiter(innen) auch was davon haben und gut bezahlt werden.
2. Nutzlos
gugugy 15.07.2012
Zitat von sysopWooden RadioIn der Dritten Welt billig gefertigt, hier teuer verkauft - so funktioniert der Welthandel. Der Unternehmer Oliver Erricchiello will es mit seinen Holzradio made in Indonesia anders machen. Aber er musste lernen: Fair und nachhaltig zu sein ist gar nicht so einfach. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,843766,00.html
Was soll ich in Deutschland mit soll einem offensichtlich analogen "Dampfradio" aus Indonesien, wenn hier bald alles auf Digital-Empfang umgestellt ist? Da nützt dann auch das Zertifikat nichts, außer man ist scharf auf nachhaltige Verärgerung.
3. Das ist doch mal eine gute Idee!
n01 15.07.2012
Ich kann mich sehr gut daran erinnern, das hier früher hochwertige Radios auch aus Holz gebaut wurden, bevor alles zum Plastikeinheitsbrei wurde. Außerdem sieht Holz viel schöner aus. Zum beispiel dieses Traumteil Stereo-Concert-Boy 210 Radio Grundig Radio-Vertrieb, RVF, Ra (http://www.radiomuseum.org/r/grundig_stereo_concert_boy_210.html) Wenn ich höre, wie heute die meisten Kofferradios klingen, zum gruseln.
4. Heimatmarkt?
distel60 15.07.2012
Die für mich alles entscheidende Frage ist, ob sich dieser Volksempfänger auch auf dem Heimatmarkt durchsetzen kann. Darüber wurde aber im Artikel kein Wort verloren und das läßt mich vermuten, dass dort das Interesse nicht sonderlich ausgeprägt ist. Das dunkle Holz sieht übrigens sehr nach Makassar oder etwas Artverwandtem aus. Von 103 Arten sind nur 2 nicht gefährdet: Ebenholz (http://de.wikipedia.org/wiki/Ebenholz#Ebenholz_auf_der_Roten_Liste)
5.
rotella 15.07.2012
Da muss man aber schon sehr engagiert sein, um für so eine simple Kiste, die nichts kann, 180 EUR oder bald gar 360 EUR auszugeben. Trotz der "Geschichte", für soviel Geld erwarte ich auch einen Gegenwert!
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