Vermögensverteilung in Deutschland "Viele Erben fühlen sich schuldig"

Sie erben Geld, Schmuck, Immobilien - glücklich sind sie nicht. Die Autorin Julia Friedrichs hat sich mit Menschen befasst, die durch Nachlässe wohlhabend geworden sind. Und viel zu grübeln haben.

Ein Interview von Margarete Hucht

Goldschmuck: "Panik vor der Erbschaftsteuer ist groß"
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Goldschmuck: "Panik vor der Erbschaftsteuer ist groß"


Geschätzte 250 Milliarden Euro werden jedes Jahr in Deutschland vererbt. Nahezu steuerfrei. Und die Erbschaften werden größer. Ist es gerecht, dass die Allgemeinheit kaum davon profitiert? Und wie gehen reiche Familien mit ihrem Geld um?

Zur Person
  • Susanne Schleyer
    Die Autorin und Journalistin Julia Friedrichs, geboren 1979, lebt mit ihrem Partner und zwei Kindern in Berlin-Kreuzberg. Sie arbeitet für "Die Story" im WDR-Fernsehen und "Die Zeit".
Diesen Fragen geht die Autorin Julia Friedrichs in ihrem Buch nach. Das Schwierigste war, Erben zu finden, die offen über das Geld ihrer Familie sprechen. Doch einige gewährten Einblick und machten deutlich, dass der Nachlass oft mehr Belastung als Entlastung ist. Friedrich sagt: Die jüngere Generation muss endlich über die großen Vermögen sprechen. Denn Erbe in Deutschland sei ein "ganz spezielles Geld".

SPIEGEL ONLINE: Frau Friedrichs, was regt Sie an dem Thema Erben so sehr auf?

Julia Friedrichs: Es hat mich vor allem gereizt, weil ich über meine engen Freunde aus dem Studium hautnah erleben konnte, was Erben heißt. Als wir Anfang 30 waren, merkte ich, dass plötzlich Freunde Immobilien kauften - beispielweise für eine halbe Million Euro. Da merkte ich: Okay, bei uns gibt es einen Faktor, der uns trennt - reich zu erben oder eben nicht.

SPIEGEL ONLINE: Daran ist zunächst nichts verwerflich.

Julia Friedrichs: Nein, die Folge ist nur, dass es heute weniger darum geht, was für einen Job du machst oder wie fleißig du bist. Es geht immer auch darum, was die eigenen Eltern gemacht haben und wie viel Geld von ihnen an meine Generation transferiert wird.

SPIEGEL ONLINE: Das scheint doch die eigentliche Ungerechtigkeit zu sein: Warum konnten die Eltern solche großen Vermögen aufbauen und die Jüngeren nicht?

Julia Friedrichs: Der Vermögensaufbau ist aus diversen Gründen schwieriger geworden. Die Reallöhne sind in den vergangenen Jahren kaum gestiegen, und wenn, dann vor allem im oberen Segment. Die heutige junge Generation muss viel höhere Rücklagen oder Investitionen für die private Absicherung leisten. Das Zinsniveau wiederum war in den Siebziger- und Achtzigerjahren sehr hoch. Heute ist es schon seit fast einem Jahrzehnt auf einem Dauertief.

SPIEGEL ONLINE: Sie kritisieren, dass das deutsche Steuerrecht hier kaum Ausgleich schafft, die Allgemeinheit sehr wenig von den großen Erbschaften profitiert. Denn Kinder können Erbschaften bis zu einer Höhe von 400.000 Euro steuerfrei entgegennehmen. Ehepartner haben einen Freibetrag von 500.000 Euro. Wie viel nimmt der Staat denn eigentlich aus Erbschaften ein?

Julia Friedrichs: Die Einnahmen aus der Erbschaftsteuer lagen im vergangenen Jahr bei 5,5 Milliarden Euro. Wenn man davon ausgeht, dass jedes Jahr 250 Milliarden Euro vererbt werden - leider gibt es da ja keine hundertprozentig verlässlichen Zahlen -, dann wäre das eine Steuerquote von im Schnitt etwa zwei Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Warum gibt es keine verlässlichen Zahlen?

Julia Friedrichs: Das liegt daran, dass Vermögen seit 1998 nicht mehr besteuert werden und der Staat daher nichts über die Vermögen weiß. Eine Metastudie der Paris School of Economics, die ich am plausibelsten finde, kommt zu dem Ergebnis, dass in Deutschland 250 Milliarden Euro pro Jahr vererbt werden. Von einer ähnlichen Summe gehen auch deutsche Studien aus. Das ist in etwa so viel Geld wie alle Rettungspakete für Griechenland zusammengenommen.

SPIEGEL ONLINE: Bei den Politikern sind Sie mit Ihren Fragen zur Erbschaftsteuer nicht sehr weit gekommen. Lothar Bindig, den finanzpolitischen Sprecher der SPD-Fraktion, zitieren Sie in Ihrem Buch mit dem Satz: "Die Panik vor Erbschaftsteuern ist so groß." Das kann doch nicht die Antwort sein.

Julia Friedrichs: Es ist tatsächlich so, dass die Mehrheit der Deutschen gegen eine Besteuerung ist. Es gibt eine recht stabile Abneigung bei etwa 60 Prozent der Menschen in der Bevölkerung. Gleichzeitig empört sich aber eine breite Mehrheit über eine steigende Ungerechtigkeit und findet die Ungleichverteilung von Vermögen falsch.

SPIEGEL ONLINE: Was schlagen Sie vor, um das Erben gerechter zu gestalten?

Julia Friedrichs: Viele, die ich getroffen habe, hätten keine Schwierigkeiten damit, von ihrem Geld etwas abzugeben. Die haben mir auch gesagt, mit einer Erbschaftsteuer würden wir besser leben. Manche haben mir auch gesagt, sie fänden es prima, wenn Teile ihres Geldes in einen Fonds fließen würden, um damit Bildung zu finanzieren.

SPIEGEL ONLINE: Ein Problem ist ja auch, dass viele Leute gar nicht wissen, wie wenig der Staat ins Erben eingreift.

Julia Friedrichs: Was fehlt, ist eine Debatte darüber. Insofern sind viele Menschen eben auch nicht gut informiert. Und die denken dann: "Oh, ich bin dagegen, dass Omas Häuschen weggenommen wird". Omas Häuschen wird aber nicht weggenommen. Den Höchststeuersatz von 30 Prozent müsste ich als erbendes Kind erst für alles zahlen, was über eine Erbsumme von 26 Millionen Euro hinausgeht. Trotzdem gibt es diese Skepsis. Ich glaube das liegt daran, dass in Deutschland das Erbe als ganz spezielles Geld gilt.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Julia Friedrichs: Bei uns gibt es eine sehr konservative Haltung zum Erben. Das zu vererbende Geld wird als der Familie, dem Clan gehörend gedacht. Damit hat wohl auch diese starke Privilegierung der Kinder und der Ehepartner bei der Erbschaftsteuer zu tun: Das Geld soll in der Familie gehalten werden. In Ländern wie den USA oder Großbritannien gibt es eine andere Haltung. Die sagen: Man soll durch Arbeit reich werden können, nicht durch die Geburt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich auf die Suche nach Erben gemacht. Und Sie haben keinen einzigen glücklichen Erben gefunden.

Julia Friedrichs: Ich glaube, dass die Auswahl verzerrt ist. Das liegt aber auch daran, dass die Leute, die ich gefragt habe, sehr ungern über das Thema sprechen wollten. Ich habe sehr lange recherchiert, und ich habe sehr viele Absagen bekommen. Letztlich waren wohl diejenigen bereit, etwas zu dem Thema zu sagen, bei denen es mit dem Erben nicht so rund läuft. Aber ich war trotzdem überrascht, wie vielfältig die Probleme sind, die an diesem Geld hängen.

SPIEGEL ONLINE: Wohl niemand hätte etwas dagegen, wenn ihm eine große Summe vor die Tür gelegt würde.

Julia Friedrichs: Ja, aber es wird einem ja nicht vor die Tür gelegt. Viele Erblasser, die das Geld geben, knüpfen dann doch Erwartungen daran. Bei den Erben hatte ich zudem ganz oft das Gefühl, dass sie sich schuldig fühlten. Auch weil ihnen im Vergleich mit ihren Eltern das eigene Leben als Enttäuschung vorkam und sie sich klein fühlten.

SPIEGEL ONLINE: Bei einigen ihrer Protagonisten spürt man regelrecht die Scham.

Julia Friedrichs: Ja, auch gegenüber den Nicht-Erben. Weil man ja weiß, dass man finanziell auf eine andere Ebene katapultiert wurde. Manche Erben haben mir gesagt haben: Ich kapier' nicht, wie meine Eltern das hingekriegt haben.

SPIEGEL ONLINE: Warum schlagen die Erben das Geld eigentlich nicht aus, wenn es sie doch so belastet?

Julia Friedrichs: Es scheint tatsächlich sehr an einem zu kleben. Ich habe eine Erbin getroffen, die das Geld nicht nutzt, es nicht mag und die denkt, dass es ihr nicht zusteht - die es aber trotzdem nicht abgeben kann. Das Geld liegt seit 22 Jahren auf ihrem Konto und wird immer mehr. Die Eltern schenken einfach immer weiter, weil das der Steueranwalt so empfohlen hat.

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Seite 1
peter.nurrum 14.03.2015
1. Gutes Interview
Es ist ein bisschen eine deutsche Krankheit, dass wir gerne über ungerechte Vermögensverteilung jammern, aber die meisten schlimm skeptisch sind selbst bei den noch so leisesten Versuchen, diese zu beseitigen... und auf gar keinen Fall Parteien wählen würden, die etwas in dieser Richtung tun würden.
Ichbines2 14.03.2015
2. schuldige Erben
Um mich herum beobachte ich in letzter Zeit verstärkt, dass viele erwachsene Kinder/Erben sehr rabiat mit ihren Eltern umspringen, sie treten den Eltern gegenüber arrogant, besserwisserisch und hochnäsig auf, brechen häufig den grundlos Kontakt völlig ab, weil sie nicht bereit sind, auch nur einen Finger für die Eltern zu rühren. Auch sind sie nicht in der Lage, eine vernünftige Aussprache herbeizuführen und lehnen jegliche Verantwortung für die alternden Eltern ab, hier sind vor allem viele Söhne betroffen, die zum Pantoffelhelden der Schwiegertochter geworden sind. Es gibt immer mehr Selbsthilfegruppen für verwaiste Eltern. Wenn solche Typen erben, haben sie zu Recht ein schlechtes Gewissen. Deswegen soll man sie von dieser Last befreien und sie fort enterben. Bei grober Undankbarkeit gibt's auch kein Pflichtteil. Von diesen Typen heben sich ca. 90 % der erwachsenen Kinder ab, die ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern pflegen, bisweilen Zuneigung und Dankbarkeit und Verantwortungsbewusstsein zeigen, sie kümmern sich oft um ihre alternden Eltern, meist bis zum Schluss und fangen auf, was das System nicht schafft. In meiner Umgebung beobachte ich das durchweg. In der Regel haben diese Erben auch kein Problem, mit dem Erbe umzugehen, sie haben es sich mehr als verdient. Auch freuen sie sich über einen Geldsegen in Zeiten, in denen das Geldverdienen schwieriger die Ansprüche ihrer eigenen Kinder aber teurer werden.
sanctum 14.03.2015
3.
Wenn die wirklich Reichen damit belastet werden ist das okay. Aber mit einem Reihenhaus in München hat man auch schon einen Wert von 600.000 Euro. Das ist aber kein Reichtum hier. Also hohe Freibeträge um die 1 Million Euro, die ab und zu angepaßt werden wäre richtig. Darüber könnte man schon mehr besteuern.
danielc. 14.03.2015
4. Erbschaftsteuer abschaffen!
Ich wäre dafür, die gesonderte Erbschaftsteuer abzuschaffen und das Erbe über die reguläre Einkommensteuer zu verrechnen. Die Freibeträge könnten über das Existenzminimum hinaus erhöht werden. Die normale Progression würde greifen. Wobei ich dabei für eine dynamische Berechnungsformel eintrete.
EwaldBeck 14.03.2015
5. Ist das wirklich ernst gemeint?
„ SPIEGEL ONLINE: Warum gibt es keine verlässlichen Zahlen? Julia Friedrichs: Das liegt daran, dass Vermögen seit 1998 nicht mehr besteuert werden und der Staat daher nichts über die Vermögen weiß. „ Also, da muss ich doch ganz laut lachen. Es geht doch hier um Erbschaften, oder? Schließlich bearbeitet das örtlich zuständige Nachlassgericht die Erbangelegenheiten und weiß deshalb auch, wie hoch der Wert jedes einzelnen Erbes ist. Gehören Amtsgerichte denn nicht zum Staat oder führen sie ein Eigenleben?
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