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Vor der Steuerreform: Deutsche vererben und schenken 109 Milliarden Euro

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Stadtansicht von Baden-Baden: Die Deutschen sind in Schenklaune

Schnell die Steuerprivilegien nutzen, solange sie noch gelten: Nach diesem Motto scheinen im vergangenen Jahr viele vermögende Deutsche gehandelt zu haben. Der Wert von Erbschaften und Schenkungen stieg um 54 Prozent.

Eigentlich hat das Bundesverfassungsgericht die massiven Steuerprivilegien für Firmenerben längst gekippt. Doch bis zu einer Neuregelung gelten sie weiter - und viele Deutsche nutzen die Frist: Im vergangenen Jahr haben sie Vermögen im Wert von rund 108,8 Milliarden Euro vererbt oder verschenkt. Das waren 54,6 Prozent mehr als im Jahr zuvor, wie das Statistische Bundesamt mitteilt. Der Staat bekam lediglich 5,4 Milliarden an Steuern aus diesen Vermögenstransfers.

Mit 70,5 Milliarden Euro wurde weit mehr Vermögen geschenkt als vererbt. Das entspricht einem Anstieg von 76,8 Prozent im Vergleich zum Jahr 2013. Der Wert der vererbten Vermögen stieg lediglich um 25,7 Prozent auf 38,3 Milliarden Euro.

Der Anstieg wird noch deutlicher, wenn man auch die Entwicklung der Vorjahre berücksichtigt. Im Jahr 2009 waren erst 13 Milliarden Euro verschenkt worden.

Im Dezember 2014 hatte das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass die Erbschaftsteuer unvereinbar mit dem Grundgesetz ist - konkreter die Vorschriften über die Privilegien für Firmenerben. Dieses Urteil war bereits in den Monaten zuvor erwartet worden und hat offenbar bereits für das Jahr 2014 zu dem massiven Anstieg der Schenkungen geführt.

Milliarden am Fiskus vorbeigeschleust

Bislang können die meisten Firmeninhaber ihre Unternehmen vererben oder verschenken, ohne dass dafür Steuern fällig werden. Es greifen großzügige Ausnahmeregelungen. Begründet wird dies damit, dass die Existenz der Betriebe und die Arbeitsplätze nicht gefährdet werden sollen - etwa, weil der Erbe gezwungen wäre, den Betrieb zu verkaufen oder drastisch an den Ausgaben zu sparen, um die Steuer bezahlen zu können. Diese Regelungen ermöglichen es Unternehmern allerdings, extrem hohe Summen am Fiskus vorbeizuschleusen.

Bei größeren Betrieben, so urteilten die Verfassungsrichter, könnte die teilweise oder komplette Steuerbefreiung unverhältnismäßig sein. Allerdings gaben die Richter dem Gesetzgeber bis Mitte 2016 Zeit, um die Erbschaft- und Schenkungsteuer neu zu regeln.

"Möglicherweise beruht der Anstieg auf Befürchtungen der Unternehmer, dass künftig höhere Hürden für die steuerfreie Übertragung von Firmenvermögen gelten könnten", sagte Isabel Klocke vom Bund der Steuerzahler.

Diese These wird auch dadurch gestützt, dass die Schenkungen offenbar möglichst steuersparend gestaltet wurden: Für die verschenkten 70,5 Milliarden Euro wurden lediglich 1,1 Milliarden Euro Steuern festgesetzt. Bei den vererbten 38,3 Milliarden Euro wurden den Statistikern zufolge hingegen 4,3 Milliarden Euro an Steuern gefordert.

Auch der Anteil der besonders großen Erbschaften oder Schenkungen ist ein Hinweis auf noch rasch genutzte Steuerprivilegien. Derartige Vermögenstransfers in Höhe von jeweils mehr als 20 Millionen Euro machten mit 51,1 Milliarden Euro fast die Hälfte der Gesamtsumme aus - ein Anstieg von 131,6 Prozent.

Allerdings dürfte das Aufkommen aus der Erbschaftsteuer auch nach einer Neuregelung im kommenden Sommer relativ gering bleiben. Die schwarz-rote Koalition hat sich auf großzügige Freigrenzen für Firmenerben geeinigt. Die Bundesregierung selbst bezifferte den Anteil der weiterhin verschonten Firmenerben auf 99 Prozent.

fdi/dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 111 Beiträge
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1. Schnell noch vererben...
santoku03 07.10.2015
Jawoll, schnell noch vererben, bevor die Steuerreform kommt... ;) Ja, gehts noch? Glaubt Ihr wirklich, da haben sich welche die Kugel gegeben, nur um Steuern zu sparen? Obwohl... uns Deutschen wäre es zuzutrauen.
2. Öhem,
Humboldt 07.10.2015
Es wäre jedoch schön, wenn SPON darauf hinwiese, das 50% der Bevölkerung überhaupt nichts erben werden und es deswegen extrem ungerecht verteilt wird!
3.
platzanweiser 07.10.2015
Nichts anderes war menschlicher und zu erwarten....
4. Wir haben es ja...
darkace82 07.10.2015
Wer braucht schon die paar Milliarden Steuereinnahmen die man hier großzügig an notleidende Millionaire und Milliardär e verschenkt? Wir haben ja dank super Schäuble die schwarze null. Da jammern wir doch lieber über eine Milliarde für notleidende Menschen aus Kriegsgebieten und fragen uns, ob wir uns das leisten können. Weil wegen den Flüchtlingen werden ja hier massive Sozialkürzungen für den armen Biodeutschen durchgesetzt. Nicht etwa wegen... Na ja egal.
5. Erbschaftssteuer ist unlogisch und....
jdm11000 07.10.2015
... nicht zu rechtfertigen. Gerade die Erbschaftssteuer zeigt, wie mit dem hart verdientem Kapital von Menschenleben umgegangen wird: da wird dieser Verdienst prinzipiell dem Staat zugedacht und so wird fast jeder Mensch zu einem Stückchen Volkskörper. Die Erbschaftssteuer ist durch nichts zu rechtfertigen -weder im kleinen, noch im großen. Die Gelder werden nach der abzuziehenden Steuer von dem Menschen gespart und an einen Dritten, meistens den Kindern, weitergegeben. Das hier der Staat zugreift, ist nur seiner Gier nach Geld zu erklären. Wäre der Staat nicht so gierig und würde er richtig wirtschaften, dann würden wir darüber nie wirklich diskutieren. Oder will wirklich jemand den kommunistischen Gedanken kolportieren, daß das Kapital sowieso nur dem Staat gehört?
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