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Prognose bis 2024: Erbschaften zementieren Ungleichheit in Deutschland

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Villenviertel in Hamburg: Ein Drittel verbleibt in den oberen zwei Prozent Zur Großansicht
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Villenviertel in Hamburg: Ein Drittel verbleibt in den oberen zwei Prozent

3,1 Billionen Euro werden die Deutschen bis 2024 erben - ein großer Teil der Immobilien, Aktien und Geldvermögen bleibt bei den oberen zwei Prozent. Laut einer Studie verfestigt sich die Kluft zwischen Arm und Reich.

Deutschland steuert auf einen Erb-Rekord zu: 3,1 Billionen Euro werden von 2015 bis 2024 vererbt, so viel wie nie zuvor binnen zehn Jahren. Etwa zwei Drittel dieser Summe, 2,1 Billionen Euro, gehen an die nächste Generation - und verfestigen die ohnehin bestehende soziale Ungleichheit in Deutschland. Das geht aus Berechnungen der Studie "Erben in Deutschland 2015 - 2024" des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) hervor.

Im Zehnjahreszeitraum von 2001 bis 2010 waren es - in heutige Kaufkraft umgerechnet - noch 1,78 Billionen Euro, die an die nächste Generation vererbt wurden, also rund 320 Milliarden Euro weniger. Seit der Jahrtausendwende sind die Erbbeträge real, also um den Preisanstieg bereinigt, um 19 Prozent gestiegen, haben die Forscher des Beratungsinstituts Empirica berechnet, die die Studie für das DIA erstellt haben. Das DIA gehört den Finanzkonzernen Deutsche Bank und Zurich. (Hier finden Sie die komplette Studie auf der DIA-Website.)

Diese Entwicklung mag auf den ersten Blick überraschen. Schließlich sind die realen Vermögen der privaten Haushalte in Deutschland insgesamt seit dem Jahr 2000 nicht gewachsen, sondern leicht geschrumpft. Erklären lässt sich der Zuwachs bei den Erbschaften dennoch: Zum ersten Mal seit Langem wird in Deutschland nun eine Generation zu Erblassern, die weder Krieg oder Hyperinflation erlebt hat - sondern ihr Vermögen während der Wirtschaftswunderzeit aufbauen und anschließend mehren konnte.

Ein Drittel geht an die oberen zwei Prozent

Allerdings trifft dies nur auf einen Teil der Bevölkerung zu, auf den Rest nicht - was sich in einer sozialen Ungleichheit niederschlägt, die in Deutschland größer ist als in jedem anderen Land der Eurozone. Aus der Erben-Studie geht nun hervor: Erbschaften verursachen diese Ungleichheit zwar nicht, spiegeln sie aber wieder. Und sie zementieren diese Ungleichheit auch auf lange Zeit.

Ein paar Zahlen belegen das: Von den 2,1 Billionen Euro, die in den kommenden zehn Jahren an die nächste Generation vererbt werden, entfallen 700 Milliarden Euro, also ein Drittel, auf die oberen zwei Prozent der Hinterlassenschaften. Für die restlichen 98 Prozent bleiben 1,4 Billionen Euro - hier sind die vererbten Beträge seit dem Jahr 2000 auch lediglich um sieben Prozent gestiegen.

Die DIA-Studie will vor allem realistische Zahlen für diese Masse der Normalsterblichen liefern, daher rechnen die Autoren die superreichen zwei Prozent bei vielen Statistiken heraus. Dadurch sinkt etwa das durchschnittlich vererbte Vermögen pro Erbfall von 363.000 Euro auf 242.000 Euro.

Doch auch abseits der Superreichen werden Erbschaften soziale Ungleichheit verfestigen. Das ist allein an den regionalen Unterschieden in der durchschnittlichen Erbhöhe erkennbar: In den reichen Bundesländern Bayern, Baden-Württemberg und Hessen ist diese weit höher als im Norden oder Osten.

Der Studie zufolge werden 13 Prozent der Erben faktisch leer ausgehen, weil ihre Erbschaften wertlos sind oder aus Schulden bestehen.

Für den Rest gilt: Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen der Höhe der Erbschaft und der Frage, ob Immobilien vererbt werden oder nicht - und das aus zwei Gründen. Erstens stellen die Immobilien an sich mit insgesamt 664 Milliarden Euro bereits den größten Teil des in dieser Gruppe vererbten Vermögens von 1,4 Billionen Euro dar - an Geldvermögen werden 597 Milliarden Euro vererbt, an Sachvermögen weitere 140 Milliarden Euro.

Zweitens wird dort, wo Immobilien vererbt werden, im Schnitt auch mehr Geldvermögen hinterlassen als bei Erbschaften ohne Immobilien. So bekommen 18 Prozent derjenigen, die Immobilien erben, zusätzlich mehr als 150.000 Euro Geldvermögen. In der Gruppe derer, die keine Immobilien erben, erhalten nur vier Prozent mehr als 150.000 Euro.

Wegen der demografischen Trends in Deutschland macht es jedoch einen großen Unterschied, wo die Immobilie steht. In Boom-Zentren wie München oder Hamburg wird sie weiter an Wert gewinnen, in strukturschwachen und von Abwanderung geplagten Regionen eher an Wert verlieren.

Auch die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank wird die Bedeutung der Immobilien für den Wert von Erbschaften weiter erhöhen, schreiben die Autoren. Denn die realen Geldvermögen stagnieren oder schrumpfen sogar, weil Sparanlagen und Lebensversicherung kaum Rendite bringen. Viele Investoren stecken ihr Geld daher seit Jahren in Immobilien, die seitdem deutlich an Wert gewonnen haben.

Zwar bieten auch Aktien oder andere Wertpapiere die Möglichkeit höherer Renditen, doch ihr Anteil an den vererbten Geldvermögen wird in den kommenden zehn Jahren nur bei rund einem Drittel liegen:

Die Ergebnisse der DIA-Studie sind geeignet, die Diskussion über die Erbschaftsteuer neu anzuheizen - insbesondere angesichts des enormen Anteils der oberen zwei Prozent der Erbfälle. Das macht auch der internationale Vergleich deutlich: Während in Deutschland im Jahr 2011 nur 0,4 Prozent des gesamten Steueraufkommens auf Erbschaften und Schenkungen entfielen, waren es in Frankreich 1,0 Prozent und in Japan gar 1,8 Prozent.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 423 Beiträge
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1. Schon wieder
bergerangel 09.09.2015
das Thema. Der Staat schröpft schon genug. Jemand der sein Geld ehrlich und hart verdient hat hat ein Recht darauf es zu vererben. Ohne eine Erbschaftsteuer da das Geld sowieso schon 2-3 besteuert worden ist. Traurig das unsere Politik nichts besseres zu tun hat.
2. Natürlich...
Achmuth_I 09.09.2015
...verursachen die Erbschaften die ungleichheit. Die Erbschaften bestehen zum guten Teil auf der Basis Staatsverschuldung. Soll heißen es wurde hier Vermögen aufgebaut, für welches unsere Kinder Enkel bezahlen sollen - und zwar alle, nicht nur diejenigen die viel erben.
3. Die obersten 1 Promille ....
Silversurfer2000 09.09.2015
gehen komplett erbschaftssteuerfrei aus. Wie kann das sein? 19% Erbschaftssteuer für 1 Mio Euro, 0% für 1 Mrd. Euro. Grund ist die verrückte Bevorzugung von Betrieben, die naturgemäß die größten Vermögen darstellen. Soooo wird natürlich die Lücke zu den Superreichen immer größer. hätte im Artikel zumindest Erwähnung finden sollen.
4.
manbins 09.09.2015
So ist das nunmal. Wenn Eltern sich für Kinder anstrengen, soll das Kind auch einen Vorsprung haben. Das ist vorallem den Eltern fair gegenüber.
5. Wider der Gleichmacherei, her mit dem Leistungswillen
Michael Jürgens 09.09.2015
Erben darf man noch, und das ist auch gut so.
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