Neue Strategie So will die EU Putins Gas-Herrschaft brechen

Europa will weniger abhängig von Russlands Gas werden. Nun hat die EU-Kommission nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen 14 Projekte definiert, um sich aus anderen Quellen zu versorgen.

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Russische Yamal-Pipeline: Europa gegen Deutschland
REUTERS

Russische Yamal-Pipeline: Europa gegen Deutschland


Wie gut Unabhängigkeit tut, ist derzeit in Litauen zu besichtigen. Vor rund einem Jahr ging in der Ex-Sowjetrepublik ein schwimmendes Terminal in Betrieb, das Flüssiggas, sogenanntes LNG, wieder zurück in Gas verwandeln kann. Staatschefin Dalia Grybauskaite sagte seinerzeit stolz, das Terminal bedeute gleichzeitig Versorgungssicherheit und politische Freiheit. Denn das Baltikum bezog sein Gas bis dahin vollständig aus Russland, der alten Besatzungsmacht.

Nun hat die Regierung in Vilnius die Wahl zwischen russischem Pipeline-Gas und Flüssiggas aus Norwegen - und kann mit seinem Terminal obendrein die Nachbarn Lettland und Estland größtenteils mitversorgen. Die neue Flexibilität zeigte rasch Wirkung: Kurz nachdem das LNG-Terminal in Betrieb ging, gewährte der russische Staatskonzern Gazprom einen Rabatt von 20 Prozent. In einigen Jahren will das Baltikum noch unabhängiger sein: Dann soll das litauische LNG-Terminal auch Flüssiggas aus den USA verarbeiten können.

LNG
Die LNG-Technik hat den Gasmarkt revolutioniert - die wichtigsten Fakten im Überblick.
Das Verfahren
Die Abkürzung LNG steht für liquefied natural gas, zu Deutsch: Flüssiggas. Der Rohstoff wird auf bis zu -164 Grad Celsius abgekühlt und dadurch auf ein Sechshundertstel seines Volumens komprimiert. Gas kann so per Schiff statt per Pipeline transportiert werden.
Vorteile
Liegen zwischen Erdgasquelle und Verbraucher mehr als 2000 Kilometer, rentiert sich der Transport per LNG. Der Rohstoff kann plötzlich große Distanzen kostengünstig überwinden. Neue Handelsrouten entstehen. Der Gasmarkt wird flexibler.
Geopolitische Folgen
Staaten mit Terminals zum LNG-Import werden unabhängiger von regionalen Großversorgern. Sie können ihr Gas jetzt aus der ganzen Welt importieren. Energiemächte wie Russland verlieren tendentiell an Bedeutung. ssu

Ähnlich frei wie Litauen soll sich bald ganz Europa fühlen. Derzeit sind viele EU-Mitgliedstaaten noch stark von den russischen Lieferungen abhängig. Mit einem Marktanteil von rund 40 Prozent ist Russland noch immer der mit Abstand größte Gaslieferant der EU. Doch nun hat die EU-Kommission nach Informationen von SPIEGEL ONLINE zentrale Infrastrukturprojekte definiert, durch die bald jeder EU-Staat sein Gas aus mehreren Ländern beziehen können soll.

14 "Projekte von gemeinsamem Interesse" finden sich im Entwurf einer EU-Verordnung zur sogenannten Energieunion, die EU-Energiekommissar Miguel Arias Cañete am Mittwoch vorstellen will. Vorgesehen sind unter anderem:

  • die rasche Fertigstellung eines Flüssiggasterminals in Kroatien samt einer Pipeline Richtung Ungarn,
  • mehrere Pipelines, die Finnland und das Baltikum stärker an das Gasnetz der restlichen EU anbinden,
  • der Ausbau des Pipeline-Netzes in Rumänien, Bulgarien und Griechenland.

Screenshot: So sieht Brüssels Strategie für eine unabhängige europäische Gasversorgung im Detail aus. Zentrale Vorhaben sind rot eingezeichnet. Klicken Sie auf das Bild, um die komplette Grafik angezeigt zu bekommen.
EU-Kommission

Screenshot: So sieht Brüssels Strategie für eine unabhängige europäische Gasversorgung im Detail aus. Zentrale Vorhaben sind rot eingezeichnet. Klicken Sie auf das Bild, um die komplette Grafik angezeigt zu bekommen.

Modellrechnungen zeigten, dass die angestrebten Projekte "echte Gassicherheit und Wettbewerb" in den gesamten EU-Markt brächten, heißt es in dem Entwurf aus Brüssel. Die Projekte sollen deshalb über EU-Mittel gefördert werden. Zwischenstaatliche Energieabkommen und selbst Lieferverträge einzelner Unternehmen will die Kommission künftig vorab prüfen.

Die Strategie der EU wird zu einem politisch heiklen Zeitpunkt bekannt. Denn während sich Brüssel um Unabhängigkeit von Russland bemüht, treibt die Bundesregierung gerade ein anderes Projekt voran, das Gazproms Marktmacht in Europa eher vergrößern würde: Der russische Energieriese will bis Dezember 2019 seine Nordstream-Pipeline erweitern. Zwei neue Röhren mit einer Kapazität von 55 Milliarden Kubikmetern wollen die Russen durch die Ostsee bis nach Deutschland verlegen.

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) macht sich für das Nordstream 2 genannte Projekt stark. Denn für die Bundesrepublik bedeutet es größere Versorgungssicherheit: Russlands Gas würde künftig nicht mehr durch die politisch instabile Ukraine fließen, der Präsident Wladimir Putin in den vergangenen Jahren gleich mehrfach den Gashahn zugedreht hatte - mit Vorliebe im Winter. Die Ukraine hatte dann ihrerseits öfter die EU - vor allem Deutschland - unter Druck gesetzt, ihr zu helfen; sie musste dazu nur drohen, den Gastransit nach Europa zu stoppen.

EU-Energiekommissar Cañete: "Echte Gassicherheit"
AP/dpa

EU-Energiekommissar Cañete: "Echte Gassicherheit"

Derzeit fließen noch rund die Hälfte der EU-Gasimporte aus Russland durch die Ukraine. Die Regierung in Kiew verlangt dafür jährlich gut zwei Milliarden Euro Transitgebühren. Durch Nordstream 2 würden diese Einnahmen wegfallen - was die wirtschaftlich und politisch angeschlagene Ukraine zusätzlich destabilisieren könnte. So vorteilhaft Nordstream 2 für Deutschland wäre - so sehr empört der deutsche Alleingang deshalb EU-Partner. Manche Kritiker bezeichnen Gabriel als willfährigen Gehilfen für Putins hybride Kriegsstrategie.

Auch die Grünen kritisieren das Vorgehen des Ministers. "Sigmar Gabriel muss die Europäische Union in ihren Anstrengungen für einen gemeinsamen und diversifizierten Energiebinnenmarkt unterstützen, statt sie mit deutsch-russischen Hinterzimmerdeals zu unterlaufen", sagt Annalena Baerbock, die europapolitische Sprecherin der Grünen. Gabriel sabotiere die Ziele der europäischen Energieunion.

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insgesamt 131 Beiträge
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Seite 1
kobra21 09.02.2016
1. Nie verkehrt
Ein zweites oder sogar drittes Standbein ist im Energiesektor nie verkehrt. Andererseits ist Nordstream ein gutes Projekt. Es kann schließlich nicht sein, dass die Ukraine ihre Fehden mit Russland auf Kosten Europas und vorallem Deutschlands austrägt. Die Ukraine zahlt ihre Schulden an Russland nicht und bekommt dann jein Gas mehr. Ein normaler Vorgang überall auf der Welt. Dann plustert sich die Ukraine auf und erwartet, dass Europa die hausgemachten Probleme löst. So kann es ja wohl nicht gehen. Darum ist eine Energieversorgung, die außerhalb der Ukraine verläuft, für Deutschland der bessere Weg.
prince62 09.02.2016
2. Die Schulden der Ukraine wurden und werden von Brüssel bezahlt.
Zitat von kobra21Ein zweites oder sogar drittes Standbein ist im Energiesektor nie verkehrt. Andererseits ist Nordstream ein gutes Projekt. Es kann schließlich nicht sein, dass die Ukraine ihre Fehden mit Russland auf Kosten Europas und vorallem Deutschlands austrägt. Die Ukraine zahlt ihre Schulden an Russland nicht und bekommt dann jein Gas mehr. Ein normaler Vorgang überall auf der Welt. Dann plustert sich die Ukraine auf und erwartet, dass Europa die hausgemachten Probleme löst. So kann es ja wohl nicht gehen. Darum ist eine Energieversorgung, die außerhalb der Ukraine verläuft, für Deutschland der bessere Weg.
Mal zur Erinnerung, seit 2014 übernimmt die EU in Brüssel alle Zahlungen der Ukraine an Rußland, also auch die Schulden wurden bereits bezahlt, oder das Geld wurde von den Oligarchen in Kiew selbst behalten, der damalige EU-Ratspräsident Barroso hatte dies vor dem EU-Parlament versprochen, daß ab sofort die EU sämtliche Rechnungen der Ukraine an Rußland bezahlen wird, sollte wie berichtet trotzdem nichts an Moskau bezahlt worden sein, dann sollte die EU mal ganz ganz schnell aufklären, ob und wie viel Geld bislang bezahlt wurde und vor allem, warum dann nichts in Moskau angekommen ist.
milpark 09.02.2016
3. Ideologie statt Fakten
Russland hat noch nie jemandem den Gashahn zugedreht, der das Gas auch bezahlt hat. Die Ukraine ist nicht nur ein säumiger Zahler, sondern ein Wegelagerer. Insofern steht nicht die Unabhängigkeit, sondern die von der Ukraine auf der Tagesordnung. Deshalb ist Schröders Nordpipeline das einzig Richtige.
nordschaf 09.02.2016
4. Gabriel?? Schröder!!!
Wieso wird denn in diesem Zusammenhang Siegmar Gabriel an den Pranger gestellt? Liebe Journalisten, so kurz ist unser Lesergedächtnis nun auch wieder nicht. Den Nordstream-Deal hatte doch Schröder unmittelbar zum Ende seiner Kanzlerschaft eingefädelt und sich dann direkt als Berater ins Management von Nordstream abgesetzt. Ein Schelm, wer hier an Lobbyismus und Genossenselbstversorgung denkt. Gabriel wird nicht viel anderes übrig bleiben, als die damals geschlossenen Verträge anzuerkennen. Allerdings wundert es mich, dass Schröder in letzter Zeit wieder öfter in Artikeln auftaucht. Ich will doch stark hoffen, dass er nicht eine Rückkehr in die Politik erwägt.. Wie man sieht, haben wir ja noch an seiner letzten Tätigkeit als Politiker zu knabbern.
Sergeij 09.02.2016
5. In Deutschland politisch nicht gewollt...
Eine Diversivizierung der Gasbeschaffung ist in Deutschland politisch nicht gewollt. Schon unter der Schröder-Regierung wurden Pläne für ein LNG-Terminal in WHV torpediert und letztendlich nicht umgesetzt (siehe auch die Antwort 18/1299 auf die kleine Anfrage 18/1145 der Grünen im Bundestag). Man kann nur vermuten, was der Grund dafür war und immer noch ist...
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