ESM-Chef Regling zur Euro-Krise: "In Deutschland ist die Stimmung aggressiv"
Klaus Regling ist der Herr über die Milliarden, die den Zusammenbruch der Euro-Zone verhindern sollen. Im Interview spricht der Chef des Euro-Rettungsfonds ESM über die Sorgen der Deutschen, Hilfen für zyprische Banken - und persönliche Anfeindungen.
Als Klaus Regling im Kongresszentrum von Davos seine Aktentasche öffnet, erinnert er an einen Versicherungsvertreter. Er zieht bunte Grafiken heraus. Sie sollen die verbesserte Wettbewerbsfähigkeit und Haushaltslage angeschlagener EU-Länder illustrieren. Regling hat auf dem Weltwirtschaftsforum ein anspruchsvolles Ziel: Der 62-Jährige sucht nach neuen Investoren für seinen Arbeitgeber, den Euro-Rettungsfonds ESM.
Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt er, warum er in seiner Heimat für viele ein Feindbild ist und warum die europäischen Krisenländer nicht um harte Sparprogramme herumkommen.
SPIEGEL ONLINE: Herr Regling, als ESM-Chef hantieren Sie mit Hunderten von Milliarden Euro. Haben Sie manchmal Ehrfurcht vor diesen Summen?
Regling: Ja, natürlich. Zwar leihen wir uns das Geld, das wir als Hilfskredite vergeben, am Markt. Aber natürlich werden die Darlehen durch die Euro-Mitgliedstaaten garantiert, also letztlich durch die Steuerzahler.
SPIEGEL ONLINE: Viele Deutsche halten Sie für jemanden, mit dessen Hilfe Steuermilliarden zum Fenster hinausgeworfen werden. Erleben Sie eigentlich auch persönliche Anfeindungen?
Regling: Ja, besonders bei Konferenzen in Deutschland. Da ist die Stimmung oft sehr aggressiv und die Leute wollen mich erst gar nicht anhören. Ich bin jedoch ganz sicher, dass diese Kredite zurückgezahlt werden.
SPIEGEL ONLINE: Warum?
Regling: Weil wir jetzt in Europa etwas machen, das der Internationale Währungsfonds schon seit Jahrzehnten in aller Welt macht - und der hat noch nie Verluste gemacht. Die IWF-Kredite sind an Bedingungen zur Sanierung der Wirtschaft geknüpft, genau wie unsere.
SPIEGEL ONLINE: Deutschland bekommt sein Geld also auf jeden Fall zurück?
Regling: Davon gehe ich aus.
SPIEGEL ONLINE: Aber in Griechenland hat es bereits einen Schuldenschnitt gegeben, private Gläubiger mussten auf mehr als 100 Milliarden verzichten. Das ist wenig beruhigend.
Regling: Das sehe ich ganz anders. Dieser Schuldenschnitt stärkt ja gerade die Fähigkeit Griechenlands, öffentlichen Gläubigern wie uns Kredite zurückzuzahlen. In der Geschichte hat es schon Dutzende private Schuldenschnitte gegeben, nach denen die öffentlichen Gläubiger neues Geld gegeben haben.
SPIEGEL ONLINE: Wir steuern in Europa also nicht auf eine Transferunion zu?
Regling: Nein, das ist absurd. Im Haushalt 2013 muss zum ersten Mal seit Beginn der Krise Geld für die Griechen-Rettung eingeplant werden, und zwar rund 730 Millionen Euro. Zugleich spart Deutschland laut Schätzungen aber jährlich rund zehn bis 20 Milliarden Euro, weil deutsche Staatsanleihen in der Krise so begehrt sind.
SPIEGEL ONLINE: Das heißt noch nicht, dass es in Griechenland besser wird.
Regling: Griechenland ist ein schwieriger Sonderfall. Aber die Hilfsprogramme für Irland und Portugal sind Erfolgsgeschichten. Beide Länder konnten bereits wieder an den Markt gehen, um sich bei den Anlegern neues Geld zu leihen. Ohne die Euro-Rettungsschirme wären sie heute wahrscheinlich nicht mehr in der Währungsunion und Europa sähe anders aus.
SPIEGEL ONLINE: Beide Länder wollen jetzt wie Griechenland mehr Zeit, um ihre Schulden zurückzuzahlen.
Regling: Darüber kann man reden. Um Missverständnisse zu vermeiden: Anders als Griechenland wollen Irland und Portugal keine Aussetzung von Schuldendienst und Zinszahlung, sondern lediglich längere Laufzeiten auf einen Teil ihrer Darlehen. Das könnte ihnen helfen, früher an den Markt zurückzukehren. Das wiederum ist in unser aller Interesse.
SPIEGEL ONLINE: Eigentlich war der ESM für klamme Staaten gedacht. Jetzt könnte er durch direkte Finanzhilfen auch zum Bankenrettungsfonds werden. Ist dafür genug Geld da?
Regling: Ja. Von den 500 Milliarden Euro, die der ESM vergeben kann, sind noch mehr als 400 Milliarden ungenutzt. Voraussetzung für solche direkten Hilfen an Banken ist aber, dass es eine funktionierende gemeinsame Aufsicht im Euro-Raum gibt. Nach dem Stand der Dinge wird das nicht vor Frühjahr 2014 der Fall sein.
SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht ethisch zweifelhaft, Banken zu retten, die ihre Lage selbst verschuldet haben?
Regling: Zuerst verlieren ja die Anteilseigner der Bank ihre Investition, dann muss der Staat Geld geben. Und erst dann springt der ESM ein. Das wird auch bei direkten Bankenhilfen nicht anders sein.
SPIEGEL ONLINE: In Zypern könnten Rettungsgelder auch an Banken mit russischen Kunden fließen, die ihre Vermögen auf zweifelhafte Weise gemacht haben sollen. Sollte man dem Land trotzdem helfen?
Regling: Wo die Gelder in Zypern herkommen, muss erst noch geklärt werden. Russland ist jedenfalls grundsätzlich bereit, sich an einer möglichen Rettung zu beteiligen - das hat Ministerpräsident Dmitrij Medwedew hier in Davos noch einmal bestätigt.
SPIEGEL ONLINE: Eine Zeitlang war viel vom sogenannten Hebel die Rede - privaten Geldern, mit denen die Schlagkraft des ESM bis um das Doppelte gesteigert werden sollte. Stimmt es, dass Sie mit dieser Idee bei Investoren abgeblitzt sind?
Regling: Nein. Der Mechanismus ist verfügbar, an der Luxemburger Börse registriert und ich habe dafür bei großen Investoren Zusagen von bis zu 60 Milliarden Euro erhalten. Doch ein Land muss den Hebel nutzen wollen und das war bislang schlicht nicht der Fall.
SPIEGEL ONLINE: Auch 60 Milliarden wären aber nicht annähernd eine Verdopplung der Schlagkraft des ESM.
Regling: Das waren ja nur erste Angebote ins Blaue hinein. Größere Zusagen werden Investoren erst machen, wenn klar ist, für welches Land das Geld verwendet wird.
SPIEGEL ONLINE: Für potentielle Investoren in die Euro-Zone dürfte es wenig vertrauenerweckend sein, wenn der britische Premier David Cameron in Davos laut verkündet, sein Land werde niemals den Euro einführen.
Regling: Das glaube ich nicht. Wenn Premierminister Cameron ankündigt, 2017 über einen EU-Austritt abstimmen zu lassen, schafft er nur Unsicherheit für die britische Wirtschaft - und das auf Jahre.
SPIEGEL ONLINE: Ist also alles gut und der Euro ist schon gerettet?
Regling: Der Euro war aus meiner Sicht nie in Gefahr. Aber natürlich ist nicht alles in Ordnung, die Menschen in Südeuropa leiden. In Griechenland etwa sind die Einkommen von Beamten und Rentnern um 40 Prozent gekürzt worden. Doch so hart diese Einschnitte sind, anschließend verbessert sich die Lage - auch das zeigt die Erfahrung des IWF.
SPIEGEL ONLINE: IWF-Chefvolkswirt Olivier Blanchard hat kürzlich selbst eingeräumt, dass die negativen Auswirkungen der Sparprogramme unterschätzt wurden.
Regling: Ja, aber er hat nicht gesagt, dass sie vermeidbar waren.
SPIEGEL ONLINE: Es wurde also nicht zu hart gespart?
Regling: Nein. Natürlich kann es sinnvoll sein, Sparprogramme zu lockern, wie es inzwischen ja auch geschehen ist. Aber bei einer Verschuldung wie in Griechenland ist das Leiden nicht so schnell vorbei - da muss man durch.
Das Interview führten David Böcking und Stefan Kaiser
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- Freitag, 25.01.2013 – 15:27 Uhr
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- Klaus Regling, Jahrgang 1950, ist seit 2010 Chef des Euro-Rettungsfonds EFSF und seines Nachfolgers ESM. Zuvor arbeitete der Ökonom unter anderem beim Internationalen Währungsfonds, der Europäischen Union und wiederholt im Bundesfinanzministerium.
DPA
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